„Akademische Beziehungen zu Russland aufrecht erhalten“

Donnerstag, 30. Oktober 2014 um 10:43 Uhr

Die Universitäten in Hildesheim und Nowgorod kooperieren seit zehn Jahren. Die aktuellen politischen Beziehungen der beiden Länder sind wegen der Ukraine-Krise angespannt. „Je mehr Verbindungen wir stärken, desto mehr Vorurteile können wir abbauen", sagt die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Olga Graumann. Doch es sei nicht leicht, deutsche Studierende für einen Studienaufenthalt in Russland zu gewinnen, denn diese zieht es in westliche Länder. In Zeiten politischer Spannungen darf dieser Kontakt nicht abreißen, so Universitätspräsident Prof. Wolfgang-Uwe Friedrich.

Die Universitäten Hildesheim und Nowgorod sind die ersten und bis heute die Einzigen geblieben, die einen Doppelabschluss in Erziehungswissenschaft zwischen Deutschland und Russland haben. „Projekte werden nicht lebendig, wenn man nur digitale Kommunikations-mittel nutzt“, sagt Professorin Olga Graumann, hier mit den russischen Professoren Michael Pewsner, Pjotr Petrjakow und Alexander Schirin. Foto: Isa Lange/Uni Hildesheim

Seit zehn Jahren arbeiten die Universitäten Hildesheim und Nowgorod zusammen. „Wir sollten wissenschaftliche und kulturelle Beziehungen aufrecht erhalten und keinesfalls aufgrund von aktuellen politischen Ereignissen abbrechen“, sagt Prof. Dr. Olga Graumann anlässlich einer Feierstunde mit 90 Gästen aus beiden Städten. „Je mehr wir Verbindungen stärken, desto mehr Vorurteile können wir abbauen –  etwa durch Studierendenaustausch. Unsere Wissenschaftsbeziehungen ändern die Politik nicht, aber wir schaffen Begegnungen.“ Biographien wie jene der Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigen, dass der Austausch und Sprachkenntnisse helfen, sich Urteile zu bilden und nicht mit Vorannahmen zu arbeiten.

Die sehr erfolgreiche Zusammenarbeit in Studiengängen und Forschungsprojekten hob Universitätspräsident Prof. Dr. Wolfgang-Uwe Friedrich hervor: „Unser Austausch ist ein kleiner Mosaikstein auf der Karte der Wissenschaften in Europa. Er trägt auch zum besseren Verständnis bei. Gerade in Zeiten politischer Spannungen darf dieser Kontakt nicht abreißen. Er muss gepflegt werden, um zu einer besseren Zukunft beizutragen.“

Der Austausch zwischen Nowgorod und Hildesheim sei deshalb so lebendig, weil man sich „persönlich kennen und wertschätzen gelernt hat“, so die Erziehungswissenschaftlerin, die seit fast zwanzig Jahren an der Universität Hildesheim lehrt. Olga Graumann erinnert sich an die erste Begegnung mit ihrem russischen Kollegen aus den Erziehungswissenschaften, Prof. Dr. Michael Pewsner, in den 90er Jahren: „Mit einem russischen Wissenschaftler in deutscher Sprache über Politik sprechen zu können und über die Bedeutung der Perestroika, das hat mich fasziniert. Ich habe berühmte russische Autoren gelesen und russische Psychologen und Pädagogen studiert, aber das Land Russland und die Menschen kannte ich bis dahin nicht.“

Gemeinsam haben die Erziehungswissenschaftler dann den „Doppelabschluss in Erziehungswissenschaft“ entwickelt. Die Zeit war günstig, denn in Hildesheim und Nowgorod stellten sich die Universitäten auf das Bachelor- und Mastersystem um. Die Staatliche Universität Nowgorod und die Stiftungsuniversität Hildesheim sind die ersten und bis heute die Einzigen geblieben, die einen Doppelabschluss in Erziehungswissenschaft zwischen Deutschland und Russland haben. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat den gemeinsamen Studiengang mit  500.000 Euro unterstützt. 28 deutsche Bachelor- und Masterabschlüsse in Erziehungswissenschaft wurden bis 2014 an russische Studierende vergeben, 7 weitere folgen. Die deutschen Studierenden sind zurückhaltender. „Es ist nicht leicht, deutsche Studierende zu gewinnen, denn diese zieht es in westliche Länder. Der Gedanke, in einem osteuropäischen Land zu studieren ist ungewohnt und löst Unsicherheiten und Ängste aus. Umso mehr freuen wir uns, dass 10 deutsche Studierende, doch den Mut aufbrachten. Sie haben alle mit großem Erfolg studiert und sich hervorragend integriert“, so Graumann. Einer der Studenten hat ein rotes Diplom erhalten, das heißt einen Abschluss mit einer besonderen Auszeichnung. „Ohne die Unterstützung von vielen Kolleginnen und Kollegen in der Erziehungswissenschaft, der Sozial- und Organisationspädagogik und der Psychologie und aus dem Prüfungsamt wäre dies nicht möglich gewesen. Sie waren immer bereit, an dem gemeinsamen Curriculum mitzuarbeiten und auf die russischen bzw. deutschen Studierenden einzugehen und sie zu unterstützen. Das ist keineswegs selbstverständlich“, so die Erziehungswissenschaftlerin.

Was solche Kooperationen mit Menschen machen? Olga Graumann zeigt sich von den Studierenden beeindruckt und nennt zwei Beispiele: „Alle russischen Studenten und Studentinnen im Doppelabschlussprogramm verteidigten ihre Abschlussarbeit in der Abschlussprüfung in Nowgorod in deutscher Sprache. Sie sind selbstsicher und weltoffen durch ihren Aufenthalt in einem zunächst fremden Land geworden. Drei deutsche Studentin hat in Russland mit behinderten Menschen ein Märchen gestaltet und sich in die Sprache und die Landestraditionen eingelebt.“ Auch länderübergreifende Promotionen entstanden: Die russische Doktorandin Ekaterina Egorova hat im Promotionskolleg „Interkulturalität in Bildung. Ästhetik, Kommunikation“ der Universität Hildesheim ihre Dissertation über „Individualisierung im russischen Schulsystem“ in deutscher Sprache geschrieben.

Allein 88 deutsche und russische Lehrende lehrten jeweils an der Partneruni. „Wir arbeiten im russisch-deutschen Team, stehen zu zweit vor den Studierenden. Es ist wichtig, sich verständlich und klar auszudrücken. Wenn mein Kollege einen Satz nicht ins Russische übersetzen kann, dann wusste ich, dass der Satz auch im Deutschen nicht gut ist und ich den Gedanken nicht ausreichend durchdacht habe. Das sind neue Lernerfahrungen“, so Olga Graumann. Auch ein deutsch-russisches Wörterbuch „Schul- und Hochschulmanagement. 100 aktuelle Begriffe“ ging aus der Kooperation hervor.

Viele Kooperationsvereinbarungen mit einem ausländischen Partner stehen oft nur auf dem Papier. „Projekte werden nicht lebendig, wenn man nur digitale Kommunikationsmittel nutzt und sich nicht persönlich kennen lernt“, sagt Olga Graumann. Nicht alle Ideen für die Zusammenarbeit entstehen am Schreibtisch: auf einem Donauschiff bei einer gemeinsamen Kulturfahrt entstand ein Projekt zur Aus- und Weiterbildung im Bildungsmanagement, das im Rahmen des EU Programms TEMPUS gefördert wurde.

Mittlerweile haben die Universitäten Hildesheim und Nowgorod gemeinsam ein Netz aus 20 Universitäten in West- und Osteuropa gespannt (siehe Projekt unten).

Beispiel: EU-Projekt Tempus startet: Hildesheimer Erkenntnisse kommen in Ukraine, Weißrussland und Russland an

Hildesheimer Erkenntnisse in der Bildungsforschung kommen in der Ukraine, Weißrussland und Russland an: Bis 2016 arbeiten Erziehungswissenschaftler der Universitäten Hildesheim, Bremen, Wien, Helsinki und Rom gemeinsam mit Hochschulen aus Russland, der Ukraine und Weißrussland an Wegen, wie „Diversity“ in der Aus- und Weiterbildung von Pädagogen und Bildungsmanagern in den östlichen Ländern berücksichtigt werden kann. Auch eine Schule in St. Petersburg und ein Kinderheim gehören zu den Projektpartnern.

Zunächst erfassen Soziologen in den Städten der beteiligten Hochschulen, was den Eltern – etwa in St. Petersburg, Welikij Nowgorod, Tjumen, Kiew, Minsk, Witebsk, Berdjansk und Khmelnitzkij – wichtig ist. Was erhoffen sie sich in Bezug auf Umgang mit Vielfalt? Dann sollen Schulungsinhalte für Sozialpädagogen, Erzieher und Lehrer erarbeitet werden, erläutert die Hildesheimer Projektleiterin Prof. Dr. Olga Graumann. „Die Curricula in den Studiengängen sollen modernisiert werden – dabei beraten wir die Hochschulen. Wie können Lehrer mit physischen Beeinträchtigungen, Sprachproblemen, mit kultureller und sozialer Vielfalt, mit Hochbegabung professionell umgehen? In allen drei Ländern ist ein zunehmender Zustrom der Migranten zu verzeichnen.“ Die Mehrzahl der Arbeitsmigranten hat selbst keine höhere Schulbildung. Das bedeutet, dass die Eltern ihren Kindern in der Schule eher nicht helfen können, da sie auch in der Regel die Landessprache nicht oder nur ungenügend beherrschen. In der Ukraine wurde Inklusion in das Bildungsprogramm aufgenommen, doch ausgebildete Pädagogen fehlen weitgehend.

Man wolle in der „länderübergreifenden Vernetzung voneinander lernen“, sagt Olga Graumann. Das Projekt „Aus- und Weiterbildung für Pädagogen und Bildungsmanager im Bereich Diversity" wird bis Ende 2016 mit rund 1,2 Millionen Euro von der Europäischen Kommission gefördert, über 900 Anträge wurden eingereicht – nur 13 Anträge von deutschen Hochschulen wurden bewilligt. Von den 171 bewilligten Anträgen werden nur 27 Universitäten mit über einer Millionen Euro gefördert. Hildesheim wurde ausgewählt, da die Universität umfassende Erfahrungen im Umgang mit Vielfalt nachweisen kann. So läuft in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern und Schulen seit mehreren Jahren das Projekt Lernku(h)lt, bei dem Kinder unterschiedlicher Herkunftssprachen gemeinsam in Kleingruppen lernen und Lehramtsstudierende wiederum praxisnahe Erfahrungen im Umgang mit Mehrsprachigkeit, Diagnostik und Eltern sammeln.

Um Diskriminierungen von Menschen abzubauen, um eine möglichst chancengerechte Entwicklung aller zu ermöglichen, könne man gerade im Bildungsbereich ansetzen, so die Erziehungswissenschaftlerin. „Die Pädagogik und Bildungspolitik sind aufgerufen, den Bereich Diversity in den Mittelpunkt ihrer Zielsetzung zu stellen.“ Die Folgekosten gescheiterter Biografien seien auf Dauer höher als die Investitionen in eine gute Erziehung und Bildung, sagt Olga Graumann.