Ästhetische Praxis: DFG bewilligt Hildesheimer Graduiertenkolleg

Dienstag, 13. November 2018  / Alter: 32 Tage

Was geschieht, wenn Menschen künstlerisch tätig sind? Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert an der Universität Hildesheim das Graduiertenkolleg „Ästhetische Praxis“ mit 3,4 Millionen Euro. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Philosophie und Soziologie sowie der Kunst-, Literatur-, Theater-, Musik- und Kulturwissenschaft sind beteiligt. Mit der Untersuchung des Eigensinns ästhetischer Praxis wollen die Hildesheimer Doktorandinnen und Doktoranden ein neues Forschungsfeld auf internationaler Ebene etablieren.

Andreas Hetzel forscht und lehrt als Professor für Sozialphilosophie auf dem Kulturcampus Domäne Marienburg der Universität Hildesheim. Der Philosoph ist designierter Sprecher des DFG-Graduiertenkollegs. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim

Der Hauptausschuss der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) hat am 9. November 2018 den Hildesheimer Antrag auf Einrichtung eines Graduiertenkollegs zum Thema „Ästhetische Praxis“ bewilligt.

Somit können zum nächsten Sommersemester neun Doktorandenstellen, eine Postdoc-Stelle und eine Koordinationsstelle am Fachbereich „Kulturwissenschaften und Ästhetische Kommunikation“ der Universität Hildesheim eingerichtet und international renommierte Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler eingeladen werden. Das Gesamtvolumen der Förderung beträgt 3,4 Millionen Euro.

„Die Hildesheimer Kulturwissenschaften leisten einen wesentlichen Beitrag zum universitären Forschungsprofil und verbinden in besonderer Weise Theorie und Praxis“, sagt Universitätspräsident Professor Wolfgang-Uwe Friedrich.

Im Interview spricht der Sozialphilosoph Professor Andreas Hetzel über die Einrichtung des neuen Graduiertenkollegs, Forschungsfragen und Forschungsperspektiven für den wissenschaftlichen Nachwuchs.

„Innovative und exzellente kultur- und geisteswissenschaftliche Forschung“

Interview mit Prof. Dr. Andreas Hetzel, dem designierten Sprecher des Graduiertenkollegs

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat gerade das Graduiertenkolleg „Ästhetische Praxis“ bewilligt. Welche Bedeutung hat diese Entscheidung der DFG? Die Freude im kulturwissenschaftlichen Fachbereich ist vermutlich groß?

Ja, über die Bewilligung sind wir wirklich sehr froh! Die positive Entscheidung der DFG wird dazu beitragen, den Ruf der Universität Hildesheim als Standort einer ebenso innovativen wie exzellenten kultur- und geisteswissenschaftlichen Forschung zu festigen. Wir haben im Team mehr als zwei Jahre intensiv am Antrag gearbeitet, in dem eine lange und erfolgreiche Tradition der Zusammenführung von philosophisch-kulturwissenschaftlicher Forschung und künstlerischer Praxis an unserem Fachbereich ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hat. Schlussendlich konnten wir uns mit unserem Konzept nach einem langen und mehrstufigen Begutachtungsverfahren vor dem Hauptausschuss der DFG gegen andere Bewerber durchsetzen. Besonders freuen wir uns nun für die Nachwuchswissen-schaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler, denen wir im Rahmen des Kollegs nachhaltige Arbeits- und Forschungsperspektiven geben können.

Was werden die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchen, was verbirgt sich hinter dem Begriff der „Ästhetischen Praxis“ zum Beispiel an konkreten Forschungsfragen?

Wir suchen Antworten auf die Frage, was geschieht, wenn Menschen künstlerisch tätig sind und sich selbst als künstlerisch tätig erfahren. Damit erweitern wir den Fokus der traditionellen europäischen Ästhetiken und Kunstwissenschaften, der seit der Etablierung der Ästhetik im 18. Jahrhundert auf ästhetischen Erfahrungen, Wahrnehmungen und Urteilen lag, um eine praxistheoretische Komponente. Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken ästhetische Formen des Machens und Vollziehens, die in die Produktion von Kunstwerken eingehen können, aber nicht müssen. Um ein Beispiel zu nennen: Statt, wie in der traditionellen Literaturwissenschaft, vor allem das fertige Drama zu analysieren, das eine Autorin geschrieben hat und das dann vielleicht auf einer Bühne aufgeführt wird, interessieren wir uns mehr für die Schreibprozesse, Probeprozesse, Prozesse des Übens und Improvisierens, die dem fertigen Stück und seiner Aufführung vorausgehen. Diese Prozesse müssen nicht darin aufgehen, ein Werk (etwa ein Drama) vorzubereiten. Sie haben darüber hinaus einen Eigensinn, der sich etwa darin zeigt, dass wir auch im Alltag, also jenseits der klassischen Kunstinstitutionen, schreiben, üben und improvisieren. Zwischen alltäglichen und genuin künstlerischen Praktiken findet ein vielfältiger Austausch statt, den wir untersuchen wollen.

Im Zentrum der Forschungsarbeit des Kollegs stehen insgesamt drei Bereiche: Erstens, die kulturwissenschaftliche Analyse so unterschiedlicher Künste wie Theater, Performance, Bildende Kunst, Literatur und Musik als Praktiken. Zweitens, die Untersuchung außereuropäischer, insbesondere ostasiatischer ästhetischer Praktiken wie dem japanischen Nō-Theater, der Schreibkunst oder des Teeweges, die eine interkulturelle und postkoloniale Perspektive eröffnen. Drittens, das Erarbeiten einer umfassenden Theorie der Praxis, die es erlaubt, das Verhältnis von künstlerischen zu außerkünstlerischen Praktiken angemessen zu beschreiben.

Wer ist an dem Graduiertenkolleg beteiligt?

Am Graduiertenkolleg sind insgesamt neun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Philosophie und Soziologie sowie der Kunst-, Literatur-, Theater-, Musik- und Kulturwissenschaft beteiligt.

Wann startet das Graduiertenkolleg?

Seine Arbeit aufnehmen wird das Graduiertenkolleg zum 1. April 2019. Bewilligt ist es zunächst für viereinhalb Jahre und könnte, nach einer positiven Zwischenbegutachtung, um weitere viereinhalb Jahre verlängert werden. Untergebracht werden wir im alten Hofmeisterhaus auf der Domäne Marienburg, das zuvor renoviert wird.

Was erhoffen Sie sich von der Arbeit der Doktorandinnen und Doktoranden in den kommenden Jahren?

Wir gehen davon aus, dass unsere Doktorandinnen und Doktoranden mit der Untersuchung einzelner ästhetischer Praktiken sowie des Eigensinns ästhetischer Praxis insgesamt ein neues Forschungsfeld auf internationaler Ebene etablieren werden. Der Innovationsgehalt der Dissertationsprojekte ergibt sich aus der Zusammenführung philosophisch-soziologischer Praxistheorien mit der empirisch-kulturwissenschaftlichen Erforschung verschiedener künstlerischer, europäischer wie außereuropäischer Praktiken im Kontext von Literatur, Theater, Performance, Musik, Bildender Kunst sowie der Populären Kultur.

Die Fragen stellte Isa Lange.

Von: Pressestelle, Isa Lange [erstveröffentlicht 13.11.2018]

Andreas Hetzel forscht und lehrt als Professor für Sozialphilosophie auf dem Kulturcampus Domäne Marienburg der Universität Hildesheim. Der Philosoph ist designierter Sprecher des DFG-Graduiertenkollegs. Fotos: Isa Lange/Uni Hildesheim