8. Wippermann Lecture: Über den gläubigen Juristen Johannes von Capestrano

Montag, 10. Juni 2024 um 15:06 Uhr

Prof. Andrea Bartocci arbeitet interdisziplinär: Im Rahmen der 8. Wippermann Lecture wird er bislang unerschlossene Aspekte des Lebens vom Franziskanermönch Johannes von Capestrano herausstellen und neue Zusammenhänge anhand seines literarischen Vermächtnisses erschließen. Somit bildet er ein Scharnier zwischen den beiden Theologien, der Geschichtswissenschaft, den Sozialwissenschaften und juristisch ausgerichteten oder Jura-affinen Einzeldisziplinen. Der Vortrag findet am 18. Juni 2024 um 18 Uhr s.t. im Raum N007 des Forengebäudes am Hauptcampus statt.

Im Fokus steht an diesem Abend die Bedeutung des Franziskanermönchs und Juristen Johannes von Capestrano für die Sozial- und Kulturgeschichte des 15. Jahrhunderts. Andrea Bartocci zeigt dabei einen bisher kaum erforschten Aspekt von Capestranos Biographie: seine Ausbildung zum Zivilrechtler, und zwar zu Beginn des 15. Jahrhunderts im Rahmen von Capestranos Studium in Perugia bei dem berühmten Juristen Petrus de Ubaldis und seine Tätigkeit als Richter vor dem Ordenseintritt im Jahre 1418.

Capestranos literarischer (und größtenteils nicht editierter) Nachlass, der aus zahlreichen Briefen, in ganz Europa gehaltenen Predigten und daraus entwickelten Traktaten besteht, liefert für diese Schwerpunktsetzung das Material, das Andrea Bartocci vor dem Hintergrund der juristischen Kultur, zivil- wie auch kirchenrechtlich, beleuchten wird. Es gilt also, bisher unbeachtete Originalquellen genau zu untersuchen und Neuland zu betreten: Andrea Bartocci erschließt alte Schriften neu und setzt sie in einen bisher noch nicht gesehenen Zusammenhang zueinander und zur einschlägigen Forschung.

Johannes von Capestrano vermachte seine persönliche Habe – einschließlich seiner Bücher – dem Franziskanerkonvent seiner italienischen Geburtsstadt. Nach seinem Tod wurde dieses inventarisiert und eine umfangreiche Sammlung an Rechtsbüchern entdeckt. Das literarische Werk des Johannes von Capestrano spiegelt seine Idee einer christlichen Lenkung, eines „regimen christianum“, in Europa wider. Im Papsttum sah er eine mögliche Autorität zur Reform von Kirche und Gesellschaft.

Die maßgebliche Quelle bildet Capestranos tragbare und nach seinem Tod katalogisierte Reisebibliothek. Sie enthält viele Handschriften, teilweise Autographe, und zu seiner Zeit bedeutende juristische Werke. 

Der kirchenrechtlich ausgerichtete, zugleich aber das Zivilrecht betreffende Vortrag von Prof. Bartocci ist als Brücke zu theologischen, historischen wie auch sozial- und organisationspädagogischen Forschungen gedacht. Innerhalb des Instituts für Katholische Theologie knüpft Prof. Andrea Bartocci an Prof. Jörg Böllings laufende Lehrveranstaltung zum Thema „Theologische Themen im aktuellen Diskurs: ‚Kirchengeschichtliche Kanonistik. Aktuelle Aspekte des mittelalterlichen und frühmodernen Kirchenrechts’“ an.

Nach seiner Promotion in Mittelalterlicher und Neuer Rechtsgeschichte (Staatliche Universität Mailand) sowie in Geschichte und Kulturgeschichte (École des hautes études en sciences sociales, Paris) erhielt Andrea Bartocci eine Dozentur für Kodikologie und Rechtsgeschichte an der Universität Teramo (2008). Derzeit lehrt er Mittelalterliche und Moderne Rechtsgeschichte am Fachbereich Jura der Universität Teramo als außerplanmäßiger Professor. Andrea Bartocci erhielt bereits eine Reihe angesehener Preise und Fellowships in Europa und den USA: so zum Beispiel ein Marie-Curie-Stipendium der Europäischen Union in „Comparative History, Theory and Anthropology of European Legal Cultures“ (Promotionsprogramm 2004/2005), Promotions- und Postdoc-Stipendien am Max-Planck-Institut für Rechtsgeschichte in Frankfurt am Main (2004-2007, 2009, 2011) und eines der begehrten Postdoc-Fellowships für die „Robbins Collection“ an der „School of Law“ der University of California in Berkeley (2007/2008). Er hält regelmäßig Vorträge auf nationalen und internationalen Kongressen und Konferenzen und ist Autor zahlreicher Publikationen zur mittelalterlichen und modernen Rechtsgeschichte.

Weitere Informationen zum Wippermann Fellowship

Die Wippermann Fellowship dient der Stärkung der Internationalisierung sowie der mehrsprachigen Lehre an der Universität Hildesheim. Mit Unterstützung aus der Bürgergesellschaft gelangen internationale Gastwissenschaftler*innen nach Hildesheim. Die Stifter*innen sind die Hildesheimer Jutta und Prof. Dr. Burkhard Wippermann.


Andrea Bartocci; Foto: privat