540 geteilt durch 15 – In niedersächsischen Grundschulen nicht mehr schriftlich?

Mittwoch, 21. Januar 2026 – 14:36 Uhr
Universität Hildesheim Fachbereich 4 Mathematik & Angewandte Informatik Forschung Pressemeldungen Startseite DisplayForum DisplayT1

Nachdem das niedersächsische Kultusministerium angekündigt hat, Schriftliches Dividieren nicht mehr in Grundschulen lehren zu lassen, ist die Diskussion in vielen Medien groß. Von negativen Auswirkungen auf die Rechenfähigkeit der Kinder, dem zu starken Abbau von Hürden und geringerer Bildungsqualität ist die Rede. Doch was sind Hintergründe und Ziele der Idee? Eine Einordnung von Prof. Dr. Henning Sievert, Professor für Mathematikdidaktik an der Universität Hildesheim.

Lieber Herr Sievert, einmal vorweg: Wie sinnvoll ist die Idee?

 

„Ganz wichtig ist zunächst, dass es nicht darum geht, Schriftliches Dividieren gar nicht mehr beizubringen. Das Thema soll aus der Grundschule in die Sekundarstufe, also auf einen späteren Lernzeitpunkt, verlegt werden – wird aber nach wie vor schulisch behandelt werden. Dividieren an sich wird außerdem auch in Grundschulen weiterhin thematisiert werden, nur eben mit anderen Strategien als der schriftlichen Art und Weise. Letztlich ist Schriftliche Division ein Verfahren auf dem Weg zur Lösung – aber nicht das einzige Verfahren. Für das Mathematiklernen wie auch für den Alltag viel wichtiger ist ein grundlegendes Verständnis mathematischer Zusammenhänge, kaum eine erwachsene Person setzt sich noch hin und dividiert schriftlich – in Zeiten von Taschenrechnern und ChatGPT schon gar nicht. Die Verschiebung ist somit kein Verlust, sondern vielmehr eine Chance, den gewonnen Raum zum Aufbau mathematischen Verständnisses zu nutzen.“

 

Wie kann sich die Verschiebung auf die Fähigkeiten der Kinder auswirken? 

 

„In der Mathematikdidaktik betrachten wir Mathe unter anderem als einen Werkzeugkoffer, um Beziehungen zu verstehen und Probleme zu lösen. Wichtiger als die Lösung oder die Anwendung eines festgelegten Verfahrens, wie beispielsweise der Schriftlichen Division, ist die Entwicklung eigener Rechenstrategien. Der Fokus sollte auf dem Weg liegen – dabei darf auch mal eine falsche Lösung herauskommen, dadurch lernt man dazu. Langfristig ist es zielführender für die Fähigkeiten der Kinder, wenn sie verstanden haben, wie der Zusammenhang zwischen Zahlen, ihrer Beziehung zueinander und der richtigen Lösung entsteht, als wenn sie streng einem auswendig gelernten Verfahren folgen. Denn meist gibt es verschiedene Möglichkeiten, ein Problem zu lösen. Wenn die Kinder nicht auf ein Verfahren festgelegt sind, sondern ausprobieren dürfen, können sie eigene Rechenvorlieben entdecken, Aspekte besser verstehen und vielleicht sogar mehr Spaß an der Sache haben.“

 

Was bedeutet das für Lehrer*innen? 

 

„Rechenstrategien zu entwickeln, sollte in der Grundschule Fokus sein. Diese sind nicht zuletzt auch die Basis für die schriftlichen Verfahren, die im späteren Verlauf der Schullaufbahn gelernt werden sollen. Aktuell beobachten wir in den Schulen eine Mischung aus traditioneller Mathematikvermittlung über festgelegte Verfahren und neueren Ansätzen, die den individuellen Lösungsweg in den Blick nehmen. Durch die Auslagerung der Schriftlichen Division können sich Lehrer*innen nun mehr Zeit nehmen, den Kindern zu zeigen: Rechnen bedeutet das Kennen von Strategien und Ausnutzen von Beziehungen. Hier setzen wir auch bei den Studierenden an, die dieses Wissen als angehende Lehrkräfte in die Schulen tragen werden.“

 

Erstellt von Ineke Nithack

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