25 Jahre PISA: Warum Deutschland an Chancengleichheit scheitert
Montag, 14. September 2026 - 07:47 Uhr
Ein weiteres Mal geht ein Aufschrei durch das Land: Die Ergebnisse der 9. PISA-Studie sind da – jener internationalen Vergleichsuntersuchung, die alle drei Jahre die Kompetenzen 15-jähriger Schüler*innen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften erfasst. Deutschland liegt in allen drei Bereichen im OECD-Durchschnitt, erreicht aber die schlechtesten eigenen Werte seit der ersten Erhebung im Jahr 2000. Und bei der Chancengleichheit steht das Land so schlecht da wie nie. Woran liegt das und was ist jetzt zu tun? Prof. Dr. Janna Teltemann, Professorin für Bildungssoziologie an der Universität Hildesheim, ordnet die Ergebnisse ein.
Die erste PISA-Erhebung im Jahr 2000 löste in Deutschland einen Schock aus: In allen drei getesteten Bereichen lagen die Leistungen der 15-Jährigen unter dem OECD-Durchschnitt. Zugleich wurde sichtbar, wie stark Bildungserfolg vom Elternhaus abhängt. Die Ergebnisse führten zu intensiven Debatten über Reformen und Bildungsungleichheit – Debatten, die nun erneut aufflammen. „Mit Bildung legen wir den Grundstein für die Zukunft der Gesellschaft. Wir müssen uns fortlaufend fragen, wie sich das Bildungssystem weiterentwickeln muss und welche Bildungsinhalte notwendig sind“, sagt Teltemann. Nach dem ersten PISA-Schock habe Deutschland zunächst Fortschritte gemacht: Bis 2012 verbesserten sich die Ergebnisse deutlich. Danach setzte jedoch ein gegenläufiger Trend ein. Besonders besorgniserregend sei heute die soziale Ungleichheit: „Die Unterschiede in den Kompetenzen zwischen Schüler*innen aus sozial privilegierten und sozial benachteiligten Familien sind drastisch.“
Woran liegt das? Ein wichtiger Faktor ist aus Sicht der Professorin die im internationalen Vergleich frühe Aufteilung der Kinder auf unterschiedliche weiterführende Schulformen, die in vielen Bundesländern weiterhin nach der vierten Klasse erfolgt. „Beim Übergang auf die weiterführende Schule spielen Herkunft und Elternhaus der Kinder eine erhebliche Rolle“, sagt Teltemann. Viele Forschungsbefunde weisen darauf hin, dass eine frühe Aufteilung auf verschiedene Schulformen soziale Ungleichheiten verstärken kann, ohne dass daraus ein klarer Leistungsvorteil entsteht. Die Schulstruktur allein erklärt die aktuellen PISA-Ergebnisse jedoch nicht. Die jetzt getesteten Jugendlichen waren während der Corona-Pandemie etwa zehn bis zwölf Jahre alt – also in einer wichtigen Phase ihrer Bildungsbiografie. Teltemann erklärt: Schulschließungen und eingeschränkter Unterricht dürften bestehende Unterschiede in den Lern- und Lebensbedingungen zusätzlich verschärft haben.
Insgesamt müsse das deutsche Schulsystem beweglicher werden, sagt Teltemann: „Es ist sehr starr und sollte flexibler auf Förder- und Unterstützungsbedarfe reagieren können.“ Dabei gehe es nicht nur darum, Lernstände genauer zu erfassen. Schulen in sozial herausfordernden Lagen bräuchten verlässlich mehr Personal, Zeit und Unterstützung. Leistungsstarke und zugleich gerechtere Bildungssysteme schafften gezielte Anreize dafür, dass qualifizierte Lehrkräfte gerade an Schulen arbeiten, an denen der Unterstützungsbedarf besonders hoch ist.
Auch die frühkindliche Bildung sei ein entscheidender Ansatzpunkt. „Bildungsunterschiede zwischen den sozialen Schichten entwickeln sich lange vor dem Eintritt in die Schule“, betont Teltemann. Deshalb seien der Fachkräftemangel und die Qualität der pädagogischen Interaktionen in Kitas hochrelevant. Entscheidend sei nicht allein, ob ein Kind einen Kita-Platz habe, sondern welche Lern-, Sprach- und Beziehungserfahrungen es dort mache.
Zugleich warnt die Professorin vor einer vorschnellen Bilanz: „Wir dürfen die PISA-Ergebnisse nicht so lesen, als sei 25 Jahre lang nichts passiert.“ Das Startchancen-Programm sei ein sinnvoller Schritt. Bund und Länder investieren dabei über zehn Jahre rund 20 Milliarden Euro, um etwa 4.000 Schulen in herausfordernden Lagen gezielt zu unterstützen. Solche Maßnahmen müssten allerdings dauerhaft angelegt und mit einer besseren Ausstattung sozial belasteter Schulen verbunden werden, betont Teltemann. Mehr qualifiziertes Personal in Kitas, eine engere Zusammenarbeit von Schulen und Familien sowie längeres gemeinsames Lernen seien weitere wichtige Ansatzpunkte.
Allerdings, so Teltemann, dürfe die Verantwortung nicht allein den Schulen zugeschrieben werden. „Schulen sind in die Gesellschaft eingebettet. Wie unser Bildungssystem organisiert ist, spiegelt auch wider, welche Chancen, welche Unterstützung und welche Teilhabe wir Kindern und Jugendlichen zugestehen.“ Die frühe Aufteilung auf verschiedene Schulformen sei dafür ein Beispiel. Sie ist keine pädagogische Notwendigkeit, sondern Ergebnis bildungspolitischer Entscheidungen, die bis in die Weimarer Republik zurückreichen.
„Das Bildungssystem allein kann nicht ausgleichen, was anderswo nicht gelebt wird“, sagt Teltemann. Gerechtere Bildungschancen verlangten deshalb mehr als Schulreformen: Sie setzten auch voraus, Armut zu verringern, Familien zu unterstützen und jungen Menschen verlässliche Perspektiven zu bieten. Das sei gerade heutzutage wichtig, wo Krieg, Klimakrise und wirtschaftliche Unsicherheit viele Kinder und Jugendliche belasten „Bildung zählt zu den wichtigsten Faktoren für Einstellungen gegenüber Zuwanderung und Vielfalt“, betont Teltemann. Unter dem Eindruck von Polarisierung und gesellschaftlicher Spaltung seien gerechtere Bildungschancen deshalb nicht nur für einzelne Schüler*innen wichtig, sondern für die demokratische Zukunft der gesamten Gesellschaft.
Weitere Informationen
Weltweit testet die PISA-Studie in mehr als 90 Ländern, wie die Schüler*innen ihr Wissen anwenden. Zu den Aufgaben gehören Leseverstehen, mathematische Vergleiche und das Interpretieren von Grafiken. In Deutschland erreicht in der aktuellen PISA-Studie jede*r dritte 15-Jährige nicht das grundlegende Kompetenzniveau in den Bereichen Leseverstehen und Mathematik. Im Bereich Naturwissenschaften ist es mehr als jede*r Vierte.