Vom Donnern der Maschinen. Das Harley Davidson-Projekt (Projektsemester 2012)

Die Aufmerksamkeit des Motorradfahrers für den Klang seiner Maschine und die öffentliche Zurschaustellung dieses Klangs macht das Motorrad und die Motorrad-Szene zu einem interessanten Studienfeld für die Soundscape-Forschung. Dies gilt ganz besonders für die Welt der Harley Davidson.

Die akustische Rückmeldung der Maschine ist für den Harley-Fahrer technisch wie ästhetisch bedeutsam. Der ganz im technischen Detail verhaftete Diskurs über das Motorrad und seine Leistung wird dort, wo es darum geht, den Klang der Maschine zu beschreiben, ergänzt durch eine Sprache, die in Klangmetaphern den »Charakter« und »Spirit« der Maschine zu fassen sucht.

Die Arbeit an einem Motorrad in der Harley Davidson-Werkstatt ist deshalb auch Klangarbeit, »Orchestrierung« der Maschine. Die Arbeit am Motorenklang findet statt in einem Raum, der Werkhalle, die ihrerseits durch die Geräuschhaftigkeit der Arbeit zum Klang- und Resonanzraum wird.

Das Harley Davidson-Projekt umfasste eine dokumentarische und eine kompositorische Ebene:

(1) Dokumentarische Ebene (Leitung: Uli Wegner)

Unter Einsatz von Audio-Rekordern und Erfassungsbögen wurden festgehalten: die Werkstatt als Resonanzraum, der Klang der Harley selbst und (in Interviews) die Einstellungen derjenigen, die die Maschinen fahren. Probleme der Soundscape-Aufzeichnung  und der Archivierung des Materials wurden in ihren konzeptionellen und technischen Dimensionen diskutiert. Alle Audio-Dokumente wurden in das Geräuscharchiv des Instituts für Musik und Musikwissenschaft eingebunden und stehen über die Datenbank dauerhaft zur Nutzung bereit.

In drei Audio-Aufnahmen, die im Rahmen der Projektarbeit entstanden, kann man hier hineinhören, Bildmaterial hier einsehen.

(2) Kompositorische Ebene (Leitung: Alan Fabian)

Der künstlerische Reflex auf das klanglandschaftlich Erfasste bestimmt seit jeher die Arbeit vieler namhafter Soundscape-Forscher/innen, die in ihren Kompositionen eine eigene Ausdruckebene entwickeln. Mit dem zweiten Schwerpunkt »Komposition« trug das Harley Davidson-Projekt dieser Tatsache Rechnung und eröffnete auch für die hiesige Projektarbeit eine zweite Dimension, die der ästhetischen Klanggestaltung.

Es wurden verschiedene Möglichkeiten der Ästhetisierung von Klanglandschaftlichem vorgestellt, d.h. Möglichkeiten der elektroakustischen Weiterverarbeitung der zuvor dokumentierten Harley Davidson-Sounds. Folgende zwei Fragen waren dabei gemeinsam an Beispielen zu klären: Wie lassen sich Sounds zu Musik ästhetisieren (Musikästhetiken betreffend)? Und: Wie sehen die einzelnen digitalen Klangbearbeitungsverfahren diesbezüglich aus (Klangsynthese-Techniken wie »Spectral Modeling«, »Table Synthesis« etc.)? Weiter wurden individuell für jede von Projektteilnehmern/innen entwickelte Idee künstlerische Konzepte entworfen, die im Laufe des Projektsemesters umzusetzen waren. Jede dieser Ideen der  »Vermusikalisierung« gesammelter Harley-Sounds sollte eine ganz eigene technologische Umsetzung in der Produktion wie in der Reproduktion/Präsentation erfordern.

Ausgehend von der Arbeit mit Audio-Sequenzer-Software (z. B. »Cubase«) wurden Einführungen in Klangsynthese-Software wie »Csound« sowie interaktiv nutzbare (live-Elektronik) Software wie »Max/Msp« bzw. »Pure Data« (Pd) gegeben.

Als Ergebnis der Projektarbeit wurde ein Klangraum gestaltet (Präsentationstitel: »['Harley høren]«), in dem als studentische Arbeiten die elektroakustischen Kompositionen sowie Interviewausschnitte in einem Konzertrahmen vorgestellt wurden.

Eine elektroakustische Komposition (Komponist: Jan Baumhöfener, »Roomworks«) ist hier abrufbar.

Im Umfeld des Harley Davidson-Projekts wurde als ein Höhepunkt des Projektsemesters Dieter Schnebels Komposition »HD. Für neun Harley Davidson, Synthesizer und Trompete« (2000) im Hof der Domäne Marienburg aufgeführt (Einstudierung: Matthias Rebstock).

Fotos und ein Filmausschnitt zu diesem Konzert sind hier abrufbar.

Unser Dank gilt der Harley-Davidson-Hannover GmbH und dem H.O.G. Chapter Hannover, die die Projektarbeit in der Werkstatt und das Konzertprojekt großzügig unterstützt haben.

 

Literatur

Wishart, Trevor (1994). Audible Design. A Plain and Easy Introduction to Practical Sound Composition. York: Orpheus.

Schouten, John W. & James H. McAlexander (1995). »Subcultures of Consumption: Ethnography of the New Bikers.« Journal of Consumer Research 22:43–61.

Ruschkowski, André (2010). Elektronische Klänge und musikalische Entdeckungen. Stuttgart: Reclam.