Macht und Ohnmacht der Mutterschaft

Die geschlechterdifferente Regulierung von Elternschaft im Recht, ihre Legitimation und Kritik aus gendertheoretischer Sicht

Von links:
Dr. Daniela Schweigler
Theresa Richarz
Dr. Lisa Yashodhara Haller
Prof. Dr. Friederike Wapler
Prof. Dr. Kirsten Scheiwe
Prof. Dr. Eva Schumann
Katharina Bager
Sophia Klein
Prof. Dr. Harry Willekens
Karina Seebode
Dr. Christoph-Eric Mecke

 

Während Vaterschaften im Recht ein vielfach diskutiertes Thema sind, gilt Mutterschaft weitgehend als etwas ‚Selbstverständliches‘. Die rechtlichen Regelungen der Mutterschaft im deutschen Recht sind von einem einfachen Konzept geprägt: Mutter eines Kindes ist ‚die Frau, die es geboren hat‘ (§ 1591 BGB). Praktiken, die dazu führen, dass mehrere Frauen als Mutter eines Kindes in Frage kommen, wie Leihmutterschaft und Eizellspende, sind in Deutschland verboten; begründet werden diese Verbote ausdrücklich mit der Intention, eine „gespaltene Mutterschaft“ zu vermeiden (im Gegensatz zur Vaterschaft). Auch die Anfechtung der Mutterschaft ist rechtlich ausgeschlossen. Gleichzeitig hat sich im Recht die Tendenz zur formalen Gleichheit von Mutter und Vater als Eltern(teile) durchgesetzt – aber nicht vollständig. Wichtige Unterschiede zwischen Mutterschaft und Vaterschaft bleiben im Abstammungsrecht und im Sorgerecht. Besonders deutlich zeigt sich die geschlechterdifferente Konstruktion von Elternschaft immer dann, wenn Kinder in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft aufwachsen und die Partner_innen eine gemeinsame Elternschaft anstreben. In Deutschland können sie mittlerweile über die Stiefkind- oder Sukzessivadoption gemeinsam Eltern werden, andere Optionen, wie die gemeinschaftliche Adoption oder die gemeinsame Elternschaft nach Samenspende, bleiben ihnen jedoch verschlossen.

Während die Diskussionen um gleichgeschlechtliche Elternschaft und die Entwicklungen der Reproduktionsmedizin die jahrzehntelange Annahme, dass ein Kind rechtlich zwei verschiedengeschlechtliche Eltern haben müsse, in Frage gestellt haben, bleibt eine weitere Grundannahme des Familienrechts – dass ein Kind nur zwei und nicht mehr Elternteile haben könne – weitgehend unhinterfragt bestehen. Zur Annahme der Dichotomie von Vater- und Mutterschaft gehört auch die Begrenzung auf maximal zwei Elternteile und der weitgehende Ausschluss von ‚sozialen Eltern‘ als rechtlichen Eltern. Die Beschäftigung mit dem Begriff der Mutterschaft ist aus der Perspektive der Rechtswissenschaft und der Legal Gender Studies relevant, weil (1) Mutterschaft einer der wenigen verbliebenen Lebensbereiche ist, in denen im Abstammungsrecht noch einige geschlechterdifferente Regelungen bestehen und bis vor relativ kurzer Zeit weitgehend unhinterfragt geblieben sind; (2) dies vor dem Hintergrund des Grundsatzes des Gleichbehandlung der Geschlechter (Art. 3 Abs. 2, 3 S. 1 GG) kritisch zu hinterfragen ist; (3) dies zudem durch neuere gesellschaftliche und technische Entwicklungen massiv in Frage gestellt wird (Leihmutterschaft, Eizellspende, Embryoadoption „doppelte Mutterschaft“ nach Stiefkindadoption durch den/die Lebenspartner_in); (4) das Recht auf diese Herausforderungen in Deutschland bislang nur zögerlich und punktuell reagiert. Das Forschungsprojekt analysiert und hinterfragt kritisch den rechtswissenschaftlichen Diskurs zu Mutterschaft aus transdisziplinärer und rechtsvergleichender Perspektive, um der spezifischen kulturellen Verortung von Mutterschaft in Recht und Gesellschaft Rechnung zu tragen. Durch eine Vertiefung des Dialogs zwischen Gender Studies und Rechtswissenschaft soll das Forschungsfeld „Legal Gender Studies“ weiterentwickelt und gestärkt werden.

Teilprojekte

Leitung und wissenschaftliche Durchführung

Mutterschaft im Zeitalter der Reproduktionsmedizin: Eizellspende, Embryoadoption und Leihmutterschaft

Prof. Dr. Eva Schumann
Karina Seebode

Elternschaft jenseits der Geschlechternorm: Single Mothers by Choice, gleichgeschlechtliche und multiple Elternschaft

Prof. Dr. Friederike Wapler
Theresa Richarz

Gemeinschaftliche oder Alleinausübung der gemeinsamen elterlichen Sorge? Ein internationaler Vergleich der Rechtsregeln und ihr Einfluss auf Verhandlungsmacht

Prof. Dr. Kirsten Scheiwe
Dr. Lisa Yashodhara Haller

Stiftung Universität Hildesheim und Georg-August-Universität Göttingen

Prof. Dr. Kirsten Scheiwe (Koordinatorin und Sprecherin)
Institut für Sozial- und Organisationspädagogik, Stiftung Universität Hildesheim

Em. Prof. Dr. Ilona Ostner
Sozialwissenschaftliche Fakultät, Georg-August-Universität Göttingen

Prof. Dr. Eva Schumann
Juristische Fakultät, Georg-August-Universität Göttingen

Prof. Dr. Friederike Wapler
Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Gutenberg-Universität Mainz

Prof. Dr. Harry Willekens
Lehrbeauftragter Universität Hildesheim  

Beteiligte Einrichtungen

(1) Universität Hildesheim, FB Sozial- und Organisationspädagogik

(2) Universität Göttingen, Institut für Rechtsgeschichte, Rechtsphilosophie und Rechtsvergleichung

Federführende Hochschule: Universität Hildesheim; Sprecherin Prof. Dr. Kirsten Scheiwe

 

Verbundvorhaben im Rahmen der Förderlinie des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur

Geschlecht – Macht – Wissen. Genderforschung in Niedersachsen

Projekt

Aktuelles

Karina Seebode

Theresa Richarz

Dr. Lisa Yashodhara Haller

Projektkoordination und Ansprechpartnerinnen

Dr. Lisa Yashodhara Haller
hallerl(at)uni-hildesheim.de

Theresa Richarz
richarz(at)uni-hildesheim.de

Studentische Hilfskraft

Lilli Frischmuth
frischmu(at)uni-hildesheim.de

Projektantrag MOM (PDF)