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Tagung "Barrierefreie Kommunikation"

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Zum Wintersemester 2018 startete an der Stiftung Universität Hildesheim der im deutschsprachigen Raum erste Masterstudiengang Barrierefreie Kommunikation. Zur Eröffnung des neuen Studiengangs fand vom 18. bis 20. Oktober 2018 eine gleichnamige Tagung statt.

Barrierefreie Kommunikation umfasst alle Maßnahmen zur Eindämmung von Kommunikationsbarrieren in unterschiedlichen situationalen Handlungsfeldern. Solche Barrieren können bezogen auf die Sinnesorgane und/oder die kognitiven Voraussetzungen der Kommunikationsteilnehmer_innen bestehen sowie mit Blick auf die sprachlichen, fachsprachlichen, fachlichen, kulturellen und medialen Anforderungen, die Texte an ihre Rezipientenschaft stellen.

Im Rahmen der Tagung Barrierefreie Kommunikation vom 18. bis 20. Oktober 2018 zeigten Expert_innen u.a. aus Deutschland, Finnland und Spanien in Form von Vorträgen sowie in interaktiven Workshops auf, welche Maßnahmen in verschiedenen situationalen Handlungsfeldern Anwendung finden, um kommunikative Barrieren zu überwinden bzw. zu kompensieren.
Klicken Sie hier, um weitere Informationen zu den Workshops zu erhalten.

Das breite Themenfeld der Barrierefreien Kommunikation wurde aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet:

  • Wissenschaft
  • Empowerment
  • Politik
  • Behörden
  • Und Medien.

Die Tagung Barrierefreie Kommunikation bot ihren Teilnehmenden die Möglichkeit zum Austausch zwischen Theorie und Praxis und zur Vernetzung mit den verschiedenen Akteuren aus den unterschiedlichen Handlungsfeldern.

Höhepunkte der Tagung waren die Präsentation des Handbuchs „Barrierefreie Kommunikation“, das bei Frank & Timme erschienen ist und von Christiane Maaß und Isabel Rink herausgegeben wurde sowie die Verleihung des Leichte-Sprache-Preises für eine hervorragende Fachübersetzung in Leichte Sprache durch die Duden-Redaktion. Den Preis erhielt der freie Übersetzer Mark Harenberg für seine Übersetzung der Datenschutzerklärung des NDR . Der Leichte-Sprache-Preis wurde von Duden gestiftet und zusammen mit der Lebenshilfe Braunschweig und der Forschungsstelle Leichte Sprache auf der Tagung ausgehändigt.

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Tagung "Leichte Sprache in Politik und Medien:
Die Situation in Deutschland und Finnland."

Die Forschungsstelle Leichte Sprache hat am 09.11.2017 zu einem Erfahrungsaustausch eingeladen. Vertreterinnen und Vertreter aus Forschung, Politik und Medien beleuchteten Leichte Sprache im Spiegel derzeitiger gesellschaftlicher Prozesse. Die Veranstaltung hat die Möglichkeit zu Diskussion, Austausch und Vernetzung geboten. Im Folgenden stellen wir Ihnen die ReferentInnen vor und geben Ihnen einen Überblick über die jeweiligen Inhalte.  

An dieser Stelle bedanken wir uns herzlich bei allen ReferentInnen und das rege Interesse aller TeilnehmerInnen. Wir freuen uns auf weitere Vernetzung, einen zukünftigen Austausch und hoffen auf ein baldiges Wiedersehen!

Leichte Sprache: Rechtliche Lage, aktueller Stand und weitere Aufgaben

Prof. Dr. Christiane Maaß
Leiterin der Forschungsstelle Leichte Sprache
Christiane Maaß ist Professorin am Institut für Übersetzungswissenschaft und Fachkommunikation der Universität Hildesheim. 
Aktuell hat sie die Geschäftsführung des Instituts inne.  

Mit ihrer Erwähnung in der Novelle des Behindertengleichstellungsgesetzes von 2016 ist die Leichte Sprache nun Teil der deutschen Rechtsetzung. Doch auch darüber hinaus ist die Leichte Sprache und insgesamt die barrierefreie Kommunikation im rechtlichen Kontext in den vergangenen Jahren erheblich aufgewertet worden. Eine ganze Reihe gesellschaftlicher Akteure hat sich der Leichten Sprache zugewandt und es liegt inzwischen in unterschiedlichen Bereichen eine reiche und sich immer weiter entfaltende Textpraxis in Leichter Sprache vor. Seit einigen Jahren interessiert sich auch die deutschsprachige Wissenschaft für Leichte Sprache, was sich in einer regen Forschungs- und Publikationstätigkeit niederschlägt.
In dem Beitrag hat Christiane Maaß die Rechtsgrundlagen der aktuellen Textpraxis in Leichter Sprache vorgestellt und einen Überblick über bereits Erreichtes gegeben. Insbesondere stand dabei der Bereich der Verwaltung und der Medien im Fokus. Darüber hinaus hat sie einen Überblick über den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Leichter Sprache gegeben. Der Beitrag endete mit einem Ausblick auf die Aufgaben, denen sich die Forschung und Praxis mit Blick auf die Leichte Sprache in den kommenden Jahren gegenübersehen wird.

Praktische Arbeit mit Leichter Sprache in Finnland

Leealaura Leskelä
Chefin für Selkokeskus (The Finnish Centre for Easy to Read)
Leealaura Leskelä ist die Verantwortliche des Zentrums Selkokeskus. Selkokeskus ist ein Teil der FAIDD (The Finnish Association on Intellectual and Developmental Disabilities). Sie ist außerdem Chefredakteurin für Selkosanomat (Nachrichtenzeitung in Leichtem Finnisch) und LL-Bladet (Nachrichtenzeitung in Leichtem Schwedisch).

Finnland produziert und entwickelt Leichte Sprache und leichtsprachige Materialien schon seit beinahe 40 Jahren. In jahrzehntelanger Arbeit hat man Leichte Sprache in manchen Bereichen angepasst und praktische Erfahrung gewonnen. Selkokeskus, das Finnische Zentrum für Leichte Sprache, führt die praktische Arbeit für Leichte Sprache in Finnland seit 2000. Akademische Forschung der Leichten Sprache gibt es aber in Finnland weniger. Neben bescheidener offizieller Finanzierung ist die knappe Forschung bezüglich der Leichten Sprache eine der größten Herausforderungen Finnlands.
Die Grundlage der praktischen Arbeit für Leichte Sprache ist die Gleichberechtigung: Jeder hat das Recht zum Lesen und zur Information. Über Jahrzehnte hinweg hat man in Finnland eine Textpraxis entwickelt, die den verschiedenen Zielgruppen der Leichten Sprache möglichst viel und vielseitiges Material ermöglichen: z.B. Nachrichten der verschiedenen Medien, offizielle Informationen von finnischen Ämtern und Belletristik von Schriftstellern. Leichte Sprache hat eine inkludierende Funktion: sie ermöglicht die Teilnahme und das Mitwirken in der Gesellschaft für Menschen, die sonst ausgeschlossen wären. Deswegen soll Leichte Sprache keine_n Leser_in stigmatisieren. Eine Nachrichtenzeitung in Leichter Sprache soll also ein Medienprodukt sein und kein Lernmaterial für besondere Gruppen. Ein wichtiger Entwicklungsbereich ist in Finnland in den letzten Jahren die gesprochene Leichte Sprache.
In dem Beitrag widmete sich Leealaura Leskelä den Fragen: Wie kann man die Prinzipien, die man für geschriebene Sprache entwickelt hat, an mündliche Gesprächstraditionen und Interaktionen anpassen? Wie wird die Verständlichkeit gesichert und wie begegnet man dem Nicht-Verstehen?    

Die Perspektiven der AdressatenInnen

Martina Wesemeyer
Bereichsleitung der Tagesförderstätte Premiere der Diakonie Himmelsthür
Martina Wesemeyer ist die Bereichsleitung der Tagesförderstätte Premiere der Diakonie Himmelsthür.

Susanne Oberdick
Leiterin des Psychologischen Dienstes der Diakonie Himmelsthür

Durch das Inkrafttreten der UN Behindertenrechtskonvention 2009 in Deutschland wird den Menschen mit Behinderung eine uneingeschränkte Partizipation am politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben zugesichert. Der Bereich, der am Tagungstag in den Fokus rückte, ist der Bereich der barrierefreien Kommunikation.
In der Diakonie Himmelsthür leben und arbeiten Menschen mit unterschiedlichsten Beeinträchtigungen. Es sind Menschen mit einer geistigen Behinderung, Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen, Menschen mit geistiger Behinderung und Demenz, Menschen mit einer geistigen Behinderung, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Sie alle haben ganz individuelle Bedarfe. Sie alle haben durch die UN Behindertenrechtskonvention das Recht auf einen barrierefreien Zugang zu Informationen.
In dem Vortrag, den Frau Oberdick und Frau Wesemeyer gemeinsam erarbeitet haben, haben sie aus der Perspektive der in der Diakonie Himmelsthür lebenden Menschen aufgezeigt, welche Zugangsquellen zu Informationen die sogenannten Adressaten als verständlich und praktikabel ansehen. Den beiden Vertreterinnen war es aber auch wichtig, auf fehlende Zugangsquellen aufmerksam zu machen. Die Aufarbeitung von Informationen für Menschen mit Behinderung, die sich im Erwachsenenalter befinden, lagen ihnen hier besonders am Herzen.

Barrierefreie Angebote des NDR: Erreichtes und zukünftige Aufgaben

Uschi Heerdegen-Wessel
Leiterin der Redaktion Barrierefreie Angebote NDR
Uschi Heerdegen-Wessel leitet im NDR die Redaktion Barrierefreie Angebote und NDR Text. Sie koordiniert außerdem die Arbeit der ARD Projektgruppe "Barrierefreier Rundfunk".

Bereits seit 2010 ist der Norddeutsche Rundfunk "Motor" für den Ausbau der barrierefreien Angebote in der ARD. Zielgruppen sind dabei Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen: Seh- und Hörschädigung, aber auch kognitive Beeinträchtigungen können zu Einschränkungen bei der Wahrnehmbarkeit der Angebote führen. Eine barrierefreie Aufbereitung der Angebote kann hier die Nutzbarkeit entscheidend verbessern. Der NDR stellt u. a. Audiodeskriptionen für blinde und sehgeschädigte Menschen, Untertitelungen und Gebärdensprachangebote für Hörgeschädigte – insbesondere auch für Live-Formate – und Informationen in Leichter Sprache her und hat sich hier in den vergangenen Jahren eine große Expertise erarbeitet.
Bei der Planung und Erstellung der Angebote arbeitet der NDR eng mit der Wissenschaft, mit den Behindertenverbänden und im Rahmen von Feedbackgesprächen auch konkret mit Fokusgruppen zusammen. In dem Beitrag hat Uschi Heerdegen-Wessel über das Erreichte gesprochen und auch einige Beispiele aus laufenden Projekten angeführt. Außerdem ist sie auf die Aufgaben eingegangen, die noch vor ihnen liegen.

Aus dem Redaktionsalltag: So kam die Landtagswahl in Leichter Sprache ins Netz

Angelika Plank
Redakteurin im Programmbereich Internet des WDR
Angelika Plank ist Redakteurin im Programmbereich Internet des WDR mit dem Schwerpunkt Barrierefreiheit.

Was bietet die WDR-Website und wie navigiert man sie? Darüber muss der WDR online informieren: Und zwar in Leichter Sprache und in Deutscher Gebärdensprache. Das fordert die BITV 2.0 (Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung). Das Leichte-Sprache-Angebot des WDR bietet inzwischen aber noch mehr. Zum Beispiel Dossiers zur NRW-Landtagswahl 2017 und zur Bundestagswahl 2017. Von der Idee zum Webauftritt – darum ging es in dem Beitrag von Angelika Plank. Außerdem widmete sie sich folgenden Fragen: Wie realisiert man ein Leichte-Sprache-Projekt in einem Internetangebot mit gesetzten technischen Möglichkeiten und vereinbarten (redaktionellen) Standards? Welche Herausforderungen stellen sich? Konkret: Welche Lösungen haben wir für die Landtagswahl 2017 gefunden? Und was haben wir daraus gelernt?    

Leichte Sprache im BGG

Franziska Faludi
Referentin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales
Franziska Faludi ist Referentin im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Referat Va 1 "Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen".

Ein gleichberechtigter und leichterer Zugang zur Verwaltung und Justiz für Menschen mit Behinderungen durch den Abbau sprachlicher Barrieren ist ein wichtiger Schritt zur Umsetzung der UN-BRK. Die Bereitstellung von Informationen in Leichter Sprache entspricht dem in der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) an verschiedenen Stellen formulierten Grundsatz der Zugänglichkeit und damit Barrierefreiheit von Lebensräumen (vgl. u. a. Artikel 3 Buchstabe f, Artikel 9 und Artikel 21 der UN-BRK). Artikel 13 UN-BRK wiederum trifft Vorgaben für den gleichberechtigten und wirksamen Zugang von Menschen mit Behinderungen zur Justiz. Mit dem Gesetz zur Weiterentwicklung des Behindertengleichstellungsrechts (in Kraft seit 27. Juli 2016), mit dem im Kern das Behindertengleichstellungsgesetz des Bundes (BGG) novelliert worden ist, wurde die Stärkung der Leichten Sprache rechtlich verankert. Bis zum 31.12.2017 regelt § 11 BGG, dass die Behörden des Bundes vermehrt Informationen in Leichter Sprache bereitstellen sollen und die Bundesregierung darauf hinwirkt, dass Behörden die Leichte Sprache stärker einsetzen und ihre Kompetenzen für das Verfassen von Texten in Leichter Sprache auf- und ausgebaut werden. Ab dem 1.1.2018 wird diese Regelung ergänzt: Die Bundesbehörden sollen dann Menschen mit Lern-, geistigen und seelischen Behinderungen Bescheide, Allgemeinverfügungen, öffentlich-rechtliche Verträge und Vordrucke auf Anforderung in einfacher, verständlicher Weise erklären, wenn nötig, auch in Form einer schriftlichen Übertragung in Leichte Sprache. § 11 BGG differenziert hier also zwischen der einfachen, verständlichen Verwaltungssprache ("einfache Sprache“) einerseits und der Leichten Sprache andererseits. In ihrem Beitrag ist Franziska Faludi näher auf diese Regelung und ihre Umsetzung in der Bundesverwaltung eingegangen.

Leichte Sprache: Instrument der Teilhabe

Dr. Volker Sieger (vertretend: Ass. jur. Klemens Kruse, Referent)
Leiter der Bundesfachstelle Barrierefreiheit
Dr. Volker Sieger leitet die Bundesfachstelle Barrierefreiheit.

Laut Teilhabebericht der Bundesregierung ist die Bereitstellung von Texten und Broschüren in leichter Sprache wichtig, um "Menschen mit Lernbeeinträchtigungen, Einschränkungen der Lesefähigkeit oder weniger guten Deutschkenntnissen den Zugang zu Informationen zu ermöglichen". Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat dazu in Zusammenarbeit mit dem "Netzwerk Leichte Sprache" eine Broschüre mit Richtlinien und Empfehlungen herausgegeben. Nach einer Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2001 bedeutet Teilhabe das "Einbezogensein in eine Lebenssituation". Was bedeutet Einbezogensein für den Umgang, die Erstellung und die Entwicklung Leichter Sprache für eine so diverse Nutzergruppe? Kann es bei der Erstellung von Texten um das Prinzip "eines für alle" gehen, ist die Zielgruppe oder ist die Sprache das Ziel? Kurzum: Nur wenn Teilhabe im Prozess der Weiterentwicklung von Leichter Sprache als zentraler Aspekt betrachtet wird, kann Leichte Sprache für die unterschiedlichen Zielgruppen von nachhaltigem Nutzen sein.

Rechtstexte als Barriere

Antje Baumann
Referentin im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz
Antje Baumann ist Referentin im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. Ihre Schwerpunkte liegen in der Rechtsprüfung, Sprachberatung und im Allgemeinen Verwaltungsrecht.

Gesetze werden in der Bundesrepublik Deutschland nicht in Leichter Sprache verfasst, doch Leichte Sprache und barrierefreie Kommunikation spielen auch im Zusammenhang mit Rechten und Gesetzen eine Rolle: So sollen z.B. seit 2016 "Träger öffentlicher Gewalt […] Informationen vermehrt in Leichter Sprache bereitstellen" (§ 11 des Behindertengleichstellungsgesetzes). Dies betrifft u.a. die Gestaltung von Bescheiden und Vordrucken für Menschen mit einer Behinderung. Aber auch für Menschen ohne eine Behinderung stellen Gesetze eine Barriere dar. In dem Beitrag hat Antje Baumann Gesetze als spezielle Textsorte mit Merkmalen vorgestellt, deren spezifische Kombination die Verständlichkeit erheblich einschränkt. Um dennoch zu möglichst verständlichen Gesetzen zu gelangen, hat die Bundesregierung eine Sprachprüfung eingerichtet, die sie ebenfalls kurz vorgestellt hat.