Fachtagung der AEWB „Sprache ohne Hürden! Leichte Sprache in Betrieb und Kommune“

Montag, 08. April 2019 um 18:24 Uhr

Am 20. März 2019 waren Mitarbeiterinnen der Forschungsstelle Leichte Sprache bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) in Hannover zu Besuch. Grund dafür war die Tagung „Sprachen ohne Hürden! Leichte Sprache in Betrieb und Kommunen“, die zum wiederholten Male von der Agentur für Erwachsenen- und Weiterbildung (AEWB) ausgerichtet wurde.

Den wissenschaftlichen Input der Tagung gab Hauptreferent Prof. Dr. Xavier M. H. Moonen von der Universität Amsterdam. Mit seinem Vortrag „Es funktioniert – Wie die ‚Sprache für alle‘ erfolgreich in den Niederlanden eingeführt wird“ gab er wichtige Einblicke in die niederländische Forschungsarbeit zur „Taal voor allemaal“ (Sprache für alle).

Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in den Niederlanden bislang keine gesetzliche Verankerung der Leichten Sprache. Somit haben selbst Menschen mit diagnostizierter Behinderung keinen Anspruch auf vereinfachte Texte. Aber die fehlende Rechtsgrundlage habe laut Prof. Dr. Moonen auch Vorteile, denn sie mache den Umgang mit Leichter Sprache unvoreingenommener und das sich öffnende Forschungsfeld freier und experimenteller.

Zu Moonens heterogener Zielgruppe gehören Menschen mit niedrigem Bildungsstand, Menschen mit Lernschwierigkeiten, Menschen mit Migrationshintergrund, gering literalisierte Menschen und Menschen, die aus anderen Gründen Schwierigkeiten beim Lesen oder auch Probleme beim Erinnern und Verarbeiten von Informationen haben. Besonderes Augenmerk richtete Prof. Moonen auf die niederländische Behördenkommunikation: Eine Umfrage ergab, dass die an den Bürger adressierten Behördentexte vom Großteil der Menschen – unabhängig von einer Beeinträchtigung – nicht verstanden werden. Rund 75 % des Textangebotes der Behörden verlangt nach den Maßstäben des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens (GER) das höchste Sprachniveau (C2). Verstanden werden diese Texte allerdings nur von rund 15 % der Leserinnen und Leser. Der Handlungsbedarf ist also groß und dringend.

Im Anschluss an den Vortrag erhielt Shpresa Matoshi aus dem Büro für Leichte Sprache und Barrierefreiheit in Osnabrück das Wort. Frau Matoshi ist Prüferin für Leichte-Sprache-Texte und selbst auf eben diese angewiesen. Sie berichtete von den zahlreichen Alltagssituationen, die für sie ohne vereinfachte Texte nicht zu bewältigen sind und veranschaulichte damit den gesellschaftlichen Bedarf der Leichten Sprache.

Einblicke in die Praxis und erfolgreiche Beispiele Leichter Sprache in der Arbeitswelt haben die Tagungsgäste in rotierenden Impulsrunden erhalten, welche die drei Handlungsfelder Betrieb, Kommune und Gewerkschaft abdeckten. Anschließend führten Monika Nölting, Vorsitzende des Beirates für Menschen mit Behinderungen in der Stadt Northeim, und Oliver Venzke, Leiter der Abteilung Bildung der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, ein Interventionsgespräch vor dem Plenum über den Umgang mit Widerständen bei der Implementierung von Leichter Sprache.

Zum Ende der Tagung gab es noch einen Ausblick über Pläne und Visionen der AEWB. Im Fokus des Interesses steht dabei vor allem die Wirkungsforschung, die sich erst jetzt mit einer merklich wachsenden Verbreitung und Diversität von Leichte-Sprache-Texten auf den Weg machen kann, aussagekräftige empirische Erkenntnisse zu liefern.

Die Forschungsstelle Leichte Sprache bedankt sich herzlich bei der AEWB und allen Mitwirkenden für einen spannenden Tag mit interessanten neuen Einblicken in das Handlungsfeld der Leichten Sprache. Es freut uns sehr, dass immer mehr Akteure und Multiplikatoren das Feld betreten.

Hier finden Sie weitere Informationen zur Tagung der AEWB.