Ein Jahr im Master „Barrierefreie Kommunikation“

Mittwoch, 16. Oktober 2019 um 15:17 Uhr

Mittlerweile ist ein Jahr vergangen, seit es den Master Barrierefreie Kommunikation gibt. Was sich seit der Tagung im letzten Oktober getan hat und wie die ersten 12 Monate Studium verliefen, erzählen zwei Studentinnen des ersten Jahrgangs.

Abb. 2: Raumgestaltung der Mehr-Sinn-Geschichte „Juist“

Alles begann mit der Tagung „Barrierefreie Kommunikation“ vom 18. bis 20. Oktober 2018: Wir saßen als kleiner Haufen Studentinnen in Mitten eines Fachpublikums. Viele von uns sahen zum ersten Mal ihre zukünftigen Dozierenden. Frau Maaß begrüßte alle Anwesenden in Leichter Sprache mit „Liebe alle“ und beschrieb ihr Aussehen im Stil einer Audiodeskription. Vor ihr saßen zwei Gebärdensprachdolmetscherinnen, hinter ihr hing eine große Leinwand für die Schriftverdolmetschung und neben ihr war auf einer kleineren Leinwand die eigentliche Präsentation zu sehen. Während der Tagung wurde das gerade erschienene, rote „Handbuch Barrierefreie Kommunikation“ präsentiert und zu unserem Erstaunen stellten fast alle AutorInnen ihren Beitrag kurz persönlich vor. Es schien als wären sie sehr erfreut, ihre Forschung endlich unter dem Dach der Barrierefreiheit zu bündeln und zusammenzuarbeiten. Dabei fielen des Öfteren mit Blick in unsere Richtung die Worte: „Es gibt noch so viel zu erforschen. Das können die neuen Studierenden jetzt machen!“ Beflügelt von dem Elan der Vortragenden starteten wir in unser erstes Mastersemester.                                                                                      

Seitdem ist nun ein Jahr vergangen: Ein Jahr mit zwei Semestern, einer Exkursionswoche, einigen Klausuren, Referaten, Hausarbeiten, Poster-Präsentationen, Blockwochenenden und Gastvorträgen. Außerdem ein Frühstück, um die Studierenden des Sommersemesters zu begrüßen, zwei Semester­rückblicke und viele Aha-Momenten. Unser Studiengang vereint mittlerweile Personen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen, Vorwissensbeständen und Wohnorten. Die meisten Vollzeitstudentinnen sind direkt nach dem Bachelorabschluss nach Hildesheim gezogen, während ein Großteil der Teilzeitstudentinnen zu den Seminaren und Vorlesungen pendelt. Doch was manchmal eine gewisse organisatorische Kreativität erfordert, ist auf der anderen Seite eine riesige Bereicherung: Egal, ob wir uns im Beruf mit Barrierefreiheit oder in der Bachelorarbeit mit Verständlichkeit beschäftigt haben, lernen wir im Studium und voneinander ständig neue Perspektiven und Blickwinkel kennen. Dadurch, dass sich das Feld Barrierefreie Kommunikation gerade erst manifestiert, können wir ohne Konkurrenzkämpfe unseren Interessen nachgehen und uns gegenseitig unterstützen und voneinander lernen.

 

Womit haben wir uns im Studium bislang beschäftigt?

In dem Jahr konnten wir viele verschiedene Vorlesungen, Seminare und Übungen besuchen, die sich mit unterschiedlichen Bereichen der barrierefreien Kommunikation beschäftigen. Am Anfang des Studiums hatten wir vor allem grundlegende Veranstaltungen. Dabei haben uns die Vorlesungen zur „Leichten Sprache“ und zur „Verständlichkeitsforschung“ auf ein fundiertes sprachwissenschaftliches Level gehoben und das notwendige theoretische Wissen vermittelt. Auf diesen Grundlagen aufbauend besuchten wir dann im Sommersemester spezifischere Seminare, die sich mit einzelnen Themen und der Anwendung des Gelernten befassten. So haben sich im Projektseminar Leichte Sprache viele von uns an ihre ersten Übersetzungen in Leichter Sprache gewagt und für die Fachtagung „Kultur inklusiv!“ die Abstracts der Vortragenden in diese übersetzt. Bei diesem Gruppen­projekt wurde uns dann klar, was alle ÜbersetzerInnen längst wissen:

            Erstens: Jeder hat seine eigene Art etwas zu übersetzen.

            Zweitens: Es ist eine große Herausforderung leichte, einheitliche   und qualitativ hochwertige Texte zu produzieren.

Ähnliches mussten wir auch bei der Optimierung einer Bedienungsanleitung und mit Bezug auf die ersten Terminologiearbeiten feststellen…

Neben den eher sprachwissenschaftlichen Veranstaltungen besuchten wir außerdem Seminare und Übungen aus den Bereichen Pädagogik und Psychologie. Im Wintersemester beschäftigten wir uns mit den Grundlagen Unterstützer Kommunikation und der Verwendung einer Eye-Tracking-Brille. Im Sommersemester bekamen wir dann die Chance zwei Praxisprojekte mit der Diakonie Himmelsthür in Hildesheim durchzuführen. In dem Seminar aus dem Bereich Pädagogik machten wir uns nach drei Hospitationen in einer Tagesförderstätte an die Erarbeitung von so genannten „Mehr-Sinn-Geschichten“; Geschichten, die durch die Einbeziehung aller Sinne z. B. für Menschen mit schweren Behinderungen erfahrbar gemacht werden sollen (s. Abb. 1 und 2). Am Ende des Semesters führten wir diese Geschichten mit den Beschäftigten der Diakonie in einem extra dafür gestalteten Raum an der Universität Hildesheim durch. Für uns war das eine tolle Erfahrung, weil wir kreativ sein konnten und Berührungsängste abbauten. In dem Praxisprojekt aus dem Bereich Psychologie besuchten wir Beschäftige in ihren Wohngruppen, um gemeinsam mit ihnen zu erproben, inwiefern und ob eine Eye-Tracking-Brille zu einer verbesserten Kommunikation beitragen kann. Dabei stellten wir den BetreuerInnen und den Beschäftigten die Brille zunächst vor und versuchten dann die Kommunikation auszuweiten.

Schließlich waren die Gebärdensprachkurse noch ein Highlight des letzten Jahres. Wir hoffen, wir kommen nicht aus der Übung!

Was die Themen von Prüfungen in Form von Hausarbeiten oder Poster-Präsentationen angeht, sind wir weitestgehend frei. Dadurch hat jede von uns die Chance selbstständig mehr über bestimmte Themen zu erfahren und eigene Schwerpunkte im Studium zu setzen. Es entstanden so zum Beispiel ein Kuchenrezept in Leichter Sprache, eine Optimierung der Text-Bild-Bezüge in einer medizinischen Broschüre oder die Analyse eines Ablehnungsbescheides (s. Abb. 3).

 

Was hat sich sonst noch in dem Jahr getan?

Da gibt es eine ganze Menge zu sagen: Zunächst ist da die Wahrnehmung von Bekannten, FreundInnen und unseren Familien: Ihre anfängliche Skepsis gegenüber diesem neuen Studiengang hat sich in reges Interesse verwandelt. Nicht selten bekommt man eine Mail à la „Guck mal, die haben auch Texte in Leichter Sprache“ oder „Hey, wir haben dir einen Zeitungsartikel ausgeschnitten, da gibt es eine Fortbildung in Gebärdensprache für ärztliches Fachpersonal“. Die zweite Veränderung betrifft unseren universitären und beruflichen Werdegang: Wir trauten unseren Augen nicht, als uns die erste Stellenausschreibung erreichte, in der explizit der Master Barrierefreie Kommunikation als Voraussetzung genannt wurde. Das macht Mut! Ein weiterer positiver Aspekt ist, dass nun auch einige Vorlesungen aufgezeichnet werden. Wenn jetzt im Winter der Zug wieder öfter Verspätung hat, können sich die PendlerInnen die Inhalte problemlos unterwegs ansehen oder -hören.

Auch die Forschung im letzten Jahr stand nicht still: Wir durften zum einen an einer weiteren Tagung mit einer Abordnung aus Finnland und aus Mainz-Germersheim teilnehmen und  bekamen außerdem die Chance, die Disputation zur Erlangung des Doktorgrades von Frau Isabel Rink hautnah mitzuerleben.

 

Kurz: Das Schönste an unserem Studium ist, dass unser Elan quasi exponentiell anwächst. Wir sind froh und stolz dabei zu sein und haben Lust die Barrierefreiheit in der Sprache weiter voranzubringen. Wir sind gespannt auf alles, was noch kommt und grüßen alle, die wir auf der Tagung oder danach in einem Gastvortrag kennengelernt haben und die diesen Newsletter lesen.
Ihre Marie Leusder und Elena Husel


Abb. 1: Materialien und Begleitheft der Mehr-Sinn-Geschichte „Djunglecamp“

Abb. 3: Ausschnitt aus einem Poster zur Analyse eines Ablehnungsbescheides