Die Stadt Hildesheim auf dem Weg zu einer inklusionssensiblen Verwaltung – ein Interview mit Ulrike Dammann, Inklusionsbeauftragte und Mitarbeiterin der Stabstelle Migration und Inklusion

Montag, 21. Dezember 2020 um 15:30 Uhr

Seit einiger Zeit verfolgt die Stadt Hildesheim das Projekt „Inklusionssensible Verwaltung – eine Verwaltung für Alle“. Hier geht es darum, Barrieren im Bereich der Verwaltung abzubauen. Im nachfolgenden Interview gibt die Inklusionsbeauftragte und Mitarbeiterin der Stabstelle Migration und Inklusion, Ulrike Dammann, Einblicke in das Projekt und berichtet über die Bedeutsamkeit und bisherige Umsetzungsmaßnahmen.

 

FLS: Was genau bedeutet „inklusionssensible Verwaltung“ für Sie?

Die Stadtverwaltung ist die zentrale und steuernde Akteurin auf kommunaler Ebene und nimmt eine Vorbildfunktion für die BürgerInnen sowie für lokale AkteurInnen und Organisationen der Gesellschaft wahr. Sie steht in der Verantwortung, Inklusionsprozesse zu initiieren, zu gestalten und zu unterstützen. Konkret bedeutet dies, dass z.B. die Verwaltungsdienstleistungen von Menschen mit Beeinträchtigungen selbstständig wahrgenommen werden können. Auch muss Barrierefreiheit als ein mehrdimensionales Konzept verstanden werden. Barrieren in Bezug auf Auffindbarkeit, Zugänglichkeit und Nutzbarkeit von Angeboten und Dienstleistungen werden oft durch bauliche und sprachliche Barrieren behindert. Diese Dimensionen können fließend ineinander übergehen und bedingen sich teilweise sehr stark.

 

FLS: Weshalb braucht es eine inklusionssensible Verwaltung in der Stadt Hildesheim?

Gesamtgesellschaftlich wurde in der Vergangenheit die Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen unzureichend mitgedacht. Das betrifft die Verwaltung genauso und entsprechend müssen auch wir die oben beschriebenen Barrieren systematisch und nachhaltig abbauen, um ein inklusionsfreundliches Verwaltungsmilieu zu schaffen. Dieser Prozess erfordert allerdings nicht nur Zeit, sondern auch ein entsprechendes Budget. Insbesondere viele der Maßnahmen im Bereich barrierefreie Kommunikation wurden erst durch die Förderung des Landes Niedersachsen möglich.

 

FLS: Welche Maßnahmen wurden bisher durchgeführt, damit die Verwaltung der Stadt Hildesheim sensibel gegenüber Inklusion wird?

Bereits 2009 wurde in der Stadt Hildesheim der Behinderten- und Inklusionsbeirat als unabhängiges und beratendes Gremium gewählt. 2015 wurde dann die Stelle der Inklusionsbeauftragten neu geschaffen. Beide sind freiwillige Leistungen der Stadtverwaltung, die maßgeblich auf den Prozess der Inklusion ausgerichtet sind.

Konkrete Maßnahmen waren dann zum Beispiel eine Bestandserhebung von Zugangsbarrieren und die Feststellung von bereits vorhandenen Maßnahmen zum Abbau dieser durch eine Befragung der Mitarbeitenden. Selbsterfahrungsexkursionen für Mitarbeitende durch Mitglieder des Behinderten- und Inklusionsbeirats, Gründung einer Projektgruppe zur Ausarbeitung von Handlungsempfehlungen, Begehung der Verwaltungsgebäude durch das Landesblindenzentrum, verschiedene Schulungen zur Barrierefreiheit innerhalb von Gebäuden und zur einfachen und Leichten Sprache, Übersetzungen von Websites, Dokumenten in Leichte Sprache und Deutsche Gebärdensprache sowie Ausfüllhilfen von Formularen in Leichter Sprache.

 

FLS: Wie werden die Mitarbeitenden in der Verwaltung sensibilisiert?

In den bereits genannten Schulungen und Qualifizierungsworkshops sind Inhalte zur Sensibilisierung enthalten. Weiterhin wurde durch die Forschungsstelle ein Video für die Verwaltung produziert, welches durch Interviews mit Betroffenen auch der Bewusstseinsbildung dient. Die Selbsterfahrungsexkursionen durch den Behinderten- und Inklusionsbeirat für die Verwaltung und Politik haben ebenfalls diesen Zweck. Hierbei bewegen sich die Teilnehmenden blind oder im Rollstuhl durch das Rathaus und die Stadt und werden durch Betroffene angeleitet und begleitet.

 

FLS: Wer profitiert von einer inklusionssensiblen Verwaltung?

Ganz eindeutig alle Menschen in der Stadt Hildesheim. Die Verwaltungssprache ist in der Regel sehr komplex und dicht an Informationen. Eine einfachere Beschreibung hilft hier vielen Menschen. Auch AnalphabetInnen und Menschen mit Migrationsgeschichte profitieren von diesem Angebot. Im baulichen Bereich sind nicht nur Menschen mit Mobilitätseinschränkung auf Barrierefreiheit angewiesen. Auch Familien mit Kinderwagen, durch eine zeitweise Einschränkung auf Grund eines Unfalls oder im Alter. Diese Aufzählung ließe sich noch viel weiter führen.

 

FLS: Was sind die nächsten Schritte auf dem Weg zu einer inklusionssensiblen Verwaltung?

Kurzfristig werden wir weitere Texte einpflegen und die Nutzbarkeit unserer Homepage in Bezug auf barrierefreie Angebote weiterentwickeln. In 2021 soll die Homepage der Stadt auch für die Verwendung des Screenreaders optimiert werden und ein Leitsystem für Menschen mit Sehbehinderung wird zurzeit erarbeitet. Die begonnenen Maßnahmen werden wir weiterführen, um die unterschiedlichen Barrieren abzubauen, mit dem Ziel, eine Verwaltung für ALLE zu werden.

 

Das barrierefreie Angebot der Stadtverwaltung finden Sie unter