FAQs

Leichte Sprache stellt ein Novum in Öffentlichkeit und Wissenschaft dar. Man begegnet ihr daher häufig skeptisch und fragt zum Beispiel, ob es sich überhaupt lohnt, Informationen für Menschen mit Behinderung in Leichte Sprache zu übersetzen. Andere befürchten einen Sprachverfall und sehen in Leichter Sprache eine Bedrohung für die Standardsprache. Prof. Dr. Christiane Maaß hat sich diesen Fragen gewidmet und gibt Antworten:

Brauchen Menschen mit Behinderung die betreffende Information überhaupt?

Diese Frage ist im Grunde eine Anmaßung: Wer möchte denn entscheiden, was Menschen mit Behinderung „überhaupt brauchen“? Erst in jüngster Zeit haben Behinderte überfällige Rechte zugesprochen bekommen – Deutschlands erstes Behindertengleichstellungsgesetz stammt aus dem Jahr 2002 und erst im novellierten Behindertengleichstellungsgesetz von 2016 ist Leichte Sprache verankert. Die Gesetzeslage sieht für Personen mit Behinderung gleichberechtigte und möglichst selbstständige Teilhabe am öffentlichen Leben vor. Eine unmittelbare Voraussetzung dafür ist der Zugang zu Informationen. Die Informationen weisen aber häufig eine Form auf, die für einen Teil der Personen mit Behinderung unzugänglich ist. Wir sprechen hier nicht über wenige Leute - allein die Zahl der Demenzpatient_innen in Deutschland liegt bei deutlich mehr als einer Million. Hinzu kommt, dass auch sehr viele Personen ohne Behinderung vom Zugang zu Informationen ausgeschlossen sind, wenn diese nicht in Leichter Sprache vorliegen: die Zahl der von sekundärem Analphabetismus Betroffenen liegt bei 7,5 Millionen. Im Grunde ist also jeder Text ein Kandidat für eine Übersetzung in Leichte Sprache.

Werden Texte in Leichter Sprache tatsächlich genutzt? Lohnt sich der Aufwand?

Stellen Sie sich vor, es ist eine neue Krankheit entdeckt worden, die eine Gruppe von „nur“ 1000 Personen betrifft. Lohnt sich die Entwicklung von Medikamenten? Moralisch gesehen würde es sich auch für eine kleine Gruppe von Adressat_innen lohnen, Textangebote in Leichter Sprache vorzuhalten. Die Leichte-Sprache-Adressatenschaft ist allerdings eine sehr große Gruppe.

Darüber hinaus stellen wir fest, dass gerade bei schwierigen, fachlichen Texten aus dem juristisch-administrativen, dem medizinischen und dem technischen Bereich eine noch viel größere Gruppe von der hohen Verständlichkeit dieser Texte profitiert: nämlich all diejenigen Leser_innen, für die der fachliche Ausgangstext zu schwer ist. Zwar ist für diese Leser_innen die Leichte-Sprache-Fassung in der Regel zu leicht, aber die Inhalte sind überhaupt zugänglich. Hierzu ein Beispiel: Die erste Auflage der Erbrechtsbroschüre des Niedersächsischen Justizministeriums ("erben-vererben") in Leichter Sprache war innerhalb weniger Monate vergriffen, obwohl mehrere zehntausend Stück gedruckt worden waren. Sicherlich waren nicht alle, die diese Broschüre angefordert haben, Personen mit einer Leseeinschränkung: Auch viele „durchschnittliche“ Leser_innen mögen sich gefreut haben, dass das Erbrecht endlich in verständlicher Form zugänglich ist.

Den Effekt, dass bei einem Abbau von Barrieren ein größerer Kreis von Personen profitiert als ursprünglich geplant, kennen wir auch aus anderen Bereichen: Wer mit Kinderwagen, Fahrrad oder Skateboard in der Stadt unterwegs ist, nutzt sicher gern die Rampen, die eigentlich primär für die Rollstuhlfahrer_innen angelegt wurden.

Darum: Ja, es lohnt sich ganz sicher, es lohnt sich häufig mehrfach und in unerwarteter Hinsicht, in den Abbau von Barrieren – im Falle der Leichten Sprache: in den Abbau von Kommunikationsbarrieren – zu investieren.   

Gibt es nicht Software, die Standard- in Leichte Sprache übersetzen kann?

Leider nein: Maschinelle Übersetzung in Leichte Sprache gibt es nicht und wird es nicht geben. In den vergangenen Jahren hat die maschinelle Übersetzung zwar erheblich an Qualität gewonnen. Diese Verfahren erbringen jedoch Lösungen, die Einzelsequenzen übersetzen, nicht Texte. Es besteht eine hohe Übereinstimmung zwischen den Strukturen im Ausgangs- und Zieltext.

Übersetzen in Leichte Sprache erfolgt jedoch nicht Wort für Wort und auch nicht Satz für Satz, sondern beruht auf informierten Entscheidungen der Übersetzer_innen als Expert_innen für die Zielgruppen. Die Übersetzer_innen erstellen in Absprache mit den Auftraggebern eine einzeltextbezogene Strategie. Sie wählen zentrale Informationen aus dem Ausgangstext aus und planen auf der Grundlage ihrer Kenntnis der Zielgruppen und der Leichte-Sprache-Regeln eine möglichst regelhafte thematische Entfaltung. Für Inhalte, die sie als schwer verständlich einstufen, fügen sie Erläuterungen ein.

Maschinelle Übersetzung liefert immer ausgangstextnahe Strukturen. Übersetzen in Leichte Sprache kann deshalb jetzt und auch in absehbarer Zukunft nicht maschinell ausgeführt werden.

Findet die Adressatenschaft es gut, in Leichter Sprache angesprochen zu werden? Gibt es auch negative Rückmeldungen?

Angehörige der Zielgruppen von Leichter Sprache finden es sicher nicht gut, dass sie beispielsweise Behördenbriefe oder die Nachrichten in der Zeitung nicht im Original lesen können und folglich „so“ angesprochen werden müssen. Auch Personen mit einer Querschnittslähmung finden es sicher nicht gut, dass sie im Rollstuhl fahren müssen und an jedem Bordstein und an jeder Treppe auf Barrieren treffen, während andere einfach hochsteigen. Diese Möglichkeit ist ihnen jedoch verwehrt. Leichte Sprache ist wie ein Rollstuhl: Wer ihn nicht braucht, wird aufstehen und laufen, respektive den Text im Original lesen. Für Ersteres braucht es ausgeprägte motorische Fähigkeiten, für Letzteres eine ausgeprägte Lesekompetenz.

Texte in Leichter Sprache machen Inhalte für Personen zugänglich, die in ihrer Lesefähigkeit beeinträchtigt sind und die keinen Zugriff auf diese Inhalte im Original haben. Ein Teil dieser Personen, nämlich Personen mit einer Kommunikationsbehinderung, haben sogar ein gesetzlich verbrieftes Recht darauf, dass Kommunikationsbarrieren aus dem Weg geräumt werden.

Es ist daher aus mehreren Gründen nachvollziehbar, dass vonseiten der tatsächlichen Adressatenschaft üblicherweise positive Rückmeldungen auf Angebote in Leichter Sprache kommen. Wer sich an Leichter Sprache stört, sind bislang fast ausschließlich Personen mit ausgeprägter, meist sogar überdurchschnittlicher Lesefähigkeit, die sich von Leichte-Sprache-Texten unterfordert und provoziert fühlen und einen Niedergang der Bildungskultur im Allgemeinen und der deutschen Sprache im Speziellen vermuten.

Wenn man sich angesichts der großen Zahl von primären Adressat_innen gegen Leichte Sprache ausspricht, dann verschließt man die Augen vor dem Ausmaß der kommunikativen Behinderung eines Teils der Bevölkerung. Diese Behinderung verschwindet nicht, wenn man sich entschließt, sie zu ignorieren. Vielmehr kommt sie erst dann gänzlich zum Tragen. Die Leichte-Sprache-Adressatenschaft hat ein Recht darauf, in für sie angemessener Form angesprochen zu werden. Die Textangebote führen aber letztlich dazu, dass solche Texte in zunehmendem Maße im öffentlichen Raum sichtbar werden. Hier gilt es Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit zu leisten – und zwar nicht vorrangig bei der primären Adressatenschaft, sondern vor allem bei den sogenannten Bildungsbürger_innen.   

Besteht nicht die Gefahr, dass das Sprachniveau in der Gesellschaft insgesamt sinkt?

Texte in Leichter Sprache ersetzen standardsprachliche Texte ebenso wenig, wie der Rollstuhl gutes Schuhwerk ersetzt. Es handelt sich nicht um Ersatz-, sondern um Zusatzangebote.

Das Argument des Sprachverfalls findet sich häufig bei den Gegnern der Leichten Sprache, die von ihrem eigenen bildungsbürgerlichen Hintergrund ausgehend einen Sprach- und Kulturverfall konstatieren und Leichte Sprache als Beleg anführen. Häufig findet sich dann auch das Argument, dass jetzt wohl bald auch die Werke Goethe respektive Hegel oder Thomas Mann in Leichte Sprache übersetzt und damit zerstört würden. Davon ist aber bei den gegenwärtigen Bemühungen um Leichte Sprache keine Rede: Schwerpunktmäßig geht es darum, Teilhabe zu ermöglichen – adäquates Reagieren auf Briefe vom Amt, informierte und eigenständige Entscheidungen beim Arzt, Zugriff auf Informationstexte von Schulordnung bis Nachrichtentext. Viele der Ausgangstexte, man muss es einmal konstatieren, sind gerade keine Ruhmesstücke deutscher Ausdruckskunst, sondern in missverständlichem Amtsdeutsch oder Fachchinesisch geschrieben. Wer solche Texte mit verständlichen Entsprechungen flankiert, ist keineswegs ein Agent eines gesamtgesellschaftlichen Sprachverfalls. Vielmehr reagiert er oder sie darauf, dass Texte häufig Teilen ihrer Adressatenschaft vorbeikommunizieren.  

Ist Leichte Sprache nicht herablassend?

Würden Sie sagen, dass ein Rollstuhl herablassend ist, weil er die Gehbehinderung seiner Nutzer_innen geradezu gegenständlich greifbar macht? Wahrscheinlich nicht. Ebenso wenig ist Leichte Sprache für sich genommen herablassend. Leichte Sprache birgt aber, wenn sie unsachgemäß angewendet wird, diese Gefahr: Viele Leser_innen kennen Texte in Leichter Sprache, die tatsächlich herablassend wirken. Falsche Bindestrichschreibungen sind beispielsweise herablassend, weil sie unterstellen, es sei nicht nötig, der Adressatenschaft korrekte Texte vorzulegen. Herablassend ist ebenso die Wendung „Das schwere Wort dafür ist …“, die sich in manchen Leichte-Sprache-Texten findet:

                Herr Meier hatte einen schweren Unfall.
                Jetzt lernt er einen anderen Beruf.
                Das schwere Wort dafür ist:
                berufliche Rehabilitation.

Im Begriff „Leichte Sprache“ schwingen unterschiedliche Lesarten mit, nicht alle sind positiv. „Endlich leicht genug, endlich verständlich“ ist eine positive Lesart, daneben steht aber auch: „Leicht genug, denn das andere ist für Euch zu schwer“. Gerade diese Lesart wird mit „Das schwere Wort dafür ist“ an die Oberfläche geholt, denn diese Wendung betont die kommunikative Ungleichheit zwischen Autor_innen und Leser_innen: „Für Euch sind diese Wörter natürlich zu schwer (und für uns natürlich nicht)“. Das ist herablassend und dabei in der textuellen Entfaltung noch nicht einmal besonders leicht. Die Gefahr, dass Leichte-Sprache-Texte herablassend wirken, ist damit tatsächlich gegeben und es muss ihr mit besonderer Sorgfalt begegnet werden. Die Strategien dafür sind:

  1. Kein falsches Deutsch verwenden.
  2. Vermeiden von Asymmetrieverstärkern vom Typ "das schwere dafür ist", da sie die Unterstellung explizit machen, dass die Kommunikationspartner dem Gegenstand nicht gewachsen sind.
  3. Optimaler Adressatenzuschnitt: Wenn Leichte-Sprache-Angebote für eine bestimmte Adressatengruppe optimiert werden können, ist die Gefahr gemildert, dass die Adressatengruppe durch eine zu geringe Informationsdichte unterfordert oder durch eine zu hohe Informationsdichte auf ihre Grenzen verwiesen wird.
Verdrängt Leichte Sprache die Standardsprache? Werden wir in Zukunft alle verstärkt mit derartigen Texten konfrontiert sein?

Leichte Sprache ersetzt oder verdrängt weder allgemeinsprachliche noch fachsprachliche Texte. Sie ist ein Zusatzangebot für Adressat_innen mit Leseeinschränkung. Zukünftig werden uns sicherlich und hoffentlich verstärkt Texte in Leichter Sprache begegnen. Allerdings sollten im Regelfall parallel die Ausgangstexte zur Verfügung stehen, sodass die Leser_innen selbst das für sie angemessene Angebot wählen können.  

Ist Leichte Sprache nicht Kindersprache?

Die Regeln dafür, was Sprache und Texte leichter verständlich macht, haben universale Züge. Sie gelten entsprechend auch für alle möglichen Zielgruppen, die Bedarf an leichteren Texten haben. Von den Personenkreisen, die leichter verständliche Texte benötigen, sind die Kinder in unserem Alltag besonders präsent. Entsprechend sind uns auch die entsprechenden Textangebote eher bekannt als Angebote für andere Zielgruppen, die nicht so prominent im öffentlichen Diskurs erscheinen. Mit Leichter Sprache etabliert sich nun eine neue Praxis von verständlichkeitsoptimierten Texten, die in der Öffentlichkeit mehr und mehr wahrgenommen wird. Von allen Textangeboten, die wir kennen, ist da die Ähnlichkeit mit für Kinder optimierten Texten am größten, deshalb nehmen viele eine Ähnlichkeit wahr.

Die Ähnlichkeit ist aber weniger groß, als man zunächst denken könnte: In rein sprachlicher Hinsicht sind Leichte-Sprache-Texte viel leichter als Texte für Kinder. Die meisten Kinder haben keine Kommunikationsbehinderung und haben darum im Allgemeinen auch keine Probleme mit Nebensätzen oder einer Wiederaufnahme mit Personalpronomen der dritten Person („der Nachbar“ > „er“), mit Präteritum, Konjunktiv oder Genitiv. Folglich finden sich solche sprachlichen Strukturen bereits in Büchern, die sich an relativ kleine Kinder richten.

Auch die Form der Adressierung ist anders: Leichte-Sprache-Leser_innen sind in der Regel erwachsene Menschen und sollten auch so angesprochen werden. Sie sollten gesiezt werden; die Handlungsoptionen, die ihnen eröffnet werden, sollten sich an den Möglichkeiten Erwachsener orientieren. Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt. 

Ist es nicht problematisch, Leserinnen und Lesern besonders unattraktive Texte vorzulegen?

Die Adressat_innen von Leichte-Sprache-Texten haben üblicherweise so ausgeprägte Leseprobleme, dass von Leselust keine Rede sein kann. Diese Personen vermeiden das Lesen meist so weit wie möglich. Das hat gravierende Auswirkungen auf die Möglichkeit der Informationsbeschaffung und der gleichberechtigten Teilhabe. Leichte-Sprache-Texte sind so angelegt, dass ihre Verständlichkeit maximal optimiert ist. Kriterien wie „Schönheit der Sprache“ oder auch „Diversität der Textsorten“ oder „breite Ausschöpfung sprachlicher Möglichkeiten“ stehen dahinter zurück. Die Texte können daher für geübte Leser_innen tatsächlich unattraktiv wirken.

Die Rezipient_innen können mit diesen Texten aber eine erste Lesepraxis erwerben. Erhebliche Teile der Zielgruppe können, sofern ihnen genügend leichte Texte angeboten werden, nach einer Weile ihre Lesefähigkeit verbessern und auf schwierigere Texte oder sogar den Standard überwechseln. Andere Teile der Zielgruppe sind dagegen dauerhaft auf Angebote in Leichter Sprache angewiesen. Der Gesetzgeber hat dies in der Gesetzgebung der vergangenen Jahre auch entsprechend berücksichtigt.

Ist es nicht problematisch, einer leseschwachen Adressatenschaft besonders lange Texte vorzulegen? Und greifen Übersetzer_innen bei Kürzungen nicht in das Informationsrecht der Adressatenschaft ein?

Was auf Wort-und Satzebene Inhalte leichter verständlich macht (z. B. das Einfügen von Erläuterungen), führt auf der Textebene dazu, dass die Texte zwangsläufig länger werden, wenn alle Informationen aus dem Ausgangstext übertragen werden.

Hier gilt es sorgsam abzuwägen und die Funktion des jeweiligen Zieltexts im Blick zu behalten:

  • Für wen ist der Text?
  • In welchem Kontext soll er eingesetzt werden?
  • Müssen die Leser_innen ihn in einem Stück lesen oder ist er teilbar? Das heißt, sind vielleicht Informationsteile ausgliederbar?
  • Welche Informationen sind besonders wichtig? Es gilt jeweils, auf dieser Grundlage eine Strategie auf Textebene zu entwickeln.

Je nach Textfunktion kann es dann tatsächlich vorkommen, dass dieser Text länger ist als der Ausgangstext. Das ist zum Beispiel häufig in juristisch-administrativen Kontexten der Fall, wo schwierige und abstrakte Gegenstände verständlich gemacht werden müssen (z. B. „Was ist ein Nachteilsausgleich?“).

Die Texte in Leichter Sprache sind aber häufig auch kürzer, wobei dann zentrale Aussagen, die für die Zielsituation von Belang sind, ausgewählt, in eine sinnvolle Reihenfolge gebracht und nach den Regeln auf Wort- und Satzebene aufbereitet werden.

Die Übersetzer_innen greifen also tatsächlich in die Informationsstruktur des Texts ein. Sie müssen abwägen zwischen dem Informationsbedürfnis der Leichte-Sprache-Leserschaft einerseits und dem Möglichkeitsraum, den ihre (eingeschränkte) Lesefähigkeit andererseits eröffnet. Dieses Eingreifen erfordert erhebliche Expertise und ein verantwortungsbewusstes Vorgehen.

Werden Texte in Leichter Sprache tatsächlich besser verstanden und woher beziehen Sie Ihre Erkenntnisse?

Es kann als wissenschaftlich gesichert angesehen werden, dass Texte, die den Leichte-Sprache-Regeln entsprechen, besser verstanden werden, denn Verständlichkeit von Sprache und Texten ist eine gut untersuchte und erforschte Größe.

Die Merkmale, die Texte leicht verständlich machen, sind sprachübergreifend immer dieselben. Dabei ist es beim Lesen so, dass der Text zunächst einmal über die Augen aufgenommen werden muss, bevor er überhaupt sprachlich verarbeitet werden kann. Hier kommt der Punkt Layout ins Spiel. Die Schrift muss groß genug, darf aber nicht zu groß sein, das Layout muss insgesamt bestimmten Anforderungen an Kontrast und Seitenstruktur entsprechen.

Insbesondere Teile der schwachen Leser_innen oder Personen mit einer zusätzlichen Sehbehinderung können die Texte nur dann verarbeiten, wenn sie in dieser Form aufbereitet sind. Stützend für den Leseprozess sind sie aber auch für alle anderen Leser_innen.

Nur wenn die Aufnahme des Texts über die Augen glückt, können die sprachlichen Informationen überhaupt verarbeitet werden. Hier sind es wieder bestimmte, benennbare Faktoren, die Texte leichter verständlich machen, u. a.:

  • Wie lang sind die Sätze?
  • Sind Nebensätze vorhanden?
  • Wie deutlich sind die Bezüge zwischen den Informationen im Text?
  • Wie lang und wie abstrakt sind die Nomen?
  • Wie fest sind die verwendeten Wortschatzelemente im Sprachgebrauch der Leser_innen verankert? Wie viele Informationen werden im Text belassen?
  • Wie dicht ist die Erklärungsstruktur?

Zu allen diesen Faktoren liegen umfangreiche Forschungsergebnisse aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen vor, u. a. aus den Bereichen:

  • Verständlichkeitsforschung
  • Fachsprachenforschung, insbesondere der Experten-Laien-Kommunikation
  • Forschung zum Erst- und Zweitsprachenerwerb
  • Leseerwerbsforschung (primäre Alphabetisierung im Unterricht und sekundäre Alphabetisierung in der Erwachsenenbildung)
  • Forschung zur Art der Kommunikationsbeeinträchtigung bei einschlägigen Behinderungsbildern (geistige Behinderung, Hörschädigung, Aphasie, Demenz)
  • Xenolektforschung (Forschung über die Art und Weise, wie Muttersprachler_innen mit Nichtmuttersprachler_innen kommunizieren, wenn sie bei diesen ein unvollständig ausgebildetes Sprachverstehen vermuten)
  • angewandte Sprachwissenschaft, insbesondere Forschung zur Standardgrammatik und zum Varietätensystem des Deutschen

Die Forschungsergebnisse in allen diesen Gebieten führen mit Blick auf diejenigen Eigenschaften, die Texte leicht oder schwer machen, zu übereinstimmenden Ergebnissen, und zwar bis hin zu einzelnen Phänomenen, die als schwer verarbeitbar gelten, wie etwa:

  • Nebensätze, insbesondere Relativsätze
  • synthetische Verbformen wie Präteritum oder Konjunktiv
  • Negation und Metaphern
  • Wiederaufnahmebeziehungen im Text über Personalpronomen der dritten Person.
Woher weiß man, ob ein bestimmtes Wort verstanden wird oder nicht?

Ob eine sprachliche Struktur leicht verstanden wird oder nicht, folgt sprachübergreifenden Regeln. Diese Regeln betreffen also nicht nur das Deutsche, sondern auch andere Sprachen. Wörter werden dann besser verstanden, wenn sie bestimmte Eigenschaften haben: Besonders verständlich sind z. B. Wörter, die häufig gebraucht werden, die von einer möglichst großen Zahl von Sprachnutzer_innen in möglichst vielen medialen Umgebungen verwendet werden, ihren Gegenstand präzise bezeichnen und dabei keine besonderen Nebenbedeutungen haben (also z. B. „Pferd“ vor „Klepper“). Metaphern können Probleme bereiten, sie sind jedoch teilweise unverzichtbar: Ein Wort wie „Wasserhahn“ wird sich, obwohl es eine Metapher ist, nicht sinnvoll ersetzen lassen, sofern es in einem Text benötigt wird. Kompetente Übersetzer_innen müssen nun entscheiden, ob es für ein Wort im Text noch eine bessere – verständlichere – Alternative gibt. Ist ein Wort für den Textgegenstand zentral, aber dennoch schlecht verständlich (z. B. weil es sich um ein Fachwort handelt), so muss es erläutert werden.

Es ist klar, dass hier ein großer Spielraum besteht: Der Übersetzer bzw. die Übersetzerin muss entscheiden, ob man davon ausgehen kann, dass das Wort für die Zielgruppe als bekannt vorausgesetzt werden kann. Wenn die Zielgruppe breit gefasst ist (z. B. „alle primären Adressatengruppen“), dann ist diese Entscheidung nicht leicht zu treffen und in hohem Maße von der Expertise des Übersetzers bzw. der Übersetzerin abhängig.

Sind Übersetzungen in Leichte Sprache nicht immer Interpretationen? Nimmt man den Leserinnen und Lesern damit nicht automatisch die Möglichkeit, sich unabhängig zu informieren?

In der Tat werden Mehrdeutigkeiten im Übersetzungsprozess aus Leichte-Sprache-Texten entfernt. Die Gefahr liegt nahe, dass sie damit auch in eine bestimmte Richtung interpretiert werden. Das ist übrigens auch eine typische Eigenschaft vieler Übersetzungen aus Fremdsprachen. Für Übersetzungen in Leichte Sprache gilt: Die Herstellung von Verständlichkeit ist das primäre Ziel. Dieses Ziel steht über allen anderen möglichen Werten wie etwa Deutungsoffenheit. Die eigene Positionierung in einem Diskurs oder einer Debatte setzt Verständnis der anderen Diskurspositionen notwendig voraus. Das kann bei den primären Adressat_innen nicht angenommen werden. Durch die Übersetzung in Leichte Sprache soll die Leserschaft eher in die Lage versetzt werden, den Diskurs kennenzulernen. Das ist der notwendige erste Schritt zur Ausprägung einer eigenen Position.

Die Frage berührt aber einen wichtigen Punkt: Die Verantwortung der Übersetzer_innen. Sie müssen sich einseitiger Parteinahme oder vordergründiger Manipulation enthalten und vielmehr eine Information und Orientierung der Leserschaft im Diskurs ermöglichen.

Ist Einfache Sprache dasselbe oder etwas anderes als Leichte Sprache?

Einfache Sprache ist, ebenso wie die Leichte Sprache, eine verständlichere Variante des Deutschen. Anders als für Leichte Sprache gibt es für Einfache Sprache kein festes Regelset. Das hat gute Gründe. Schwierigkeiten sind hierarchisch strukturiert, d. h. manche stellen größere, manche geringere Anforderungen an die kognitive Verarbeitung. So wird die Wiederaufnahme von Textgegenständen über Pronomen der dritten Person („der Nachbar“ > „er“) von Menschen mit einer weniger gravierenden Leseeinschränkung normalerweise gut verstanden, wenn der Bezug eindeutig ist; Nebensätze werden leichter verarbeitet, wenn sie nicht zu tief eingebettet sind; der Genitiv macht mehr Probleme als andere Fälle, das Präteritum ist schwerer zu verarbeiten als das Perfekt, der Konjunktiv schwerer als der Indikativ etc.Für Leichte Sprache sind alle Eigenschaften von Texten, die überhaupt Schwierigkeiten bereiten, abgewählt:

  • keine Wiederaufnahme mit Personalpronomen der dritten Person,
  • kein Genitiv,
  • keine Nebensätze,
  • kein Präteritum,
  • kein Konjunktiv etc.

Orientiert an diesen Schwierigkeitshierarchien und ausgehend von der maximalen Reduktionsstufe (Leichte Sprache) kann man dann die Texte gezielt um solche Strategien anreichern, die zwar für Leichte-Sprache Leser_innenzu schwer sind, die man bei etwas geübteren Leser_innen aber voraussetzen kann:

  • einfache Nebensätze,
  • Wiederaufnahme mit Personalpronomen der dritten Person,
  • (sparsame) Verwendung des Genitivs,
  • Präteritum, Konjunktiv etc.

Was Texte insgesamt schwierig macht, würde man dennoch vermeiden (z. B. mehrfach eingebettete Nebensätze, doppelte Verneinung, Häufung von Fachbegriffen, Häufung von Abstrakta).

Leichte Sprache ist streng regelgeleitet. Einfache Sprache eröffnet dagegen einen Handlungsraum, innerhalb dessen die Texte mit Blick auf die anvisierten Adressat_innen und deren vermutete Wissensvoraussetzungen angepasst werden können. Texte in Einfacher Sprache sind für durchschnittliche Leser_innen weniger befremdlich als Texte in Leichter Sprache, weisen aber trotzdem sehr hohe Verständlichkeitswerte auf. Sind die Ausgangstexte nicht fachsprachlich, sondern allgemeinsprachlich, dann können sie in der Regel weitgehend informationskonstant in Einfache Sprache umgesetzt werden, ohne dass sich das Textvolumen massiv erhöht.

Alle diese Vertextungsformen,die sich am Regelsystem der Leichten Sprache orientieren, es aber in strategischer Weise nicht voll ausschöpfen, nennt man Texte in „einfacher Sprache“, manchmal auch bereits „Einfache Sprache“ mit großem „E“ –wie im Handbuch Leichte Sprache, das im März 2016 beim Duden erschienen ist.

Sie haben auch die Möglichkeit, sich die FAQs hier als Gesamtdokument runterzuladen.