Nachrichten in Leichter Sprache

Nachrichten sind wichtige Informationsquellen im Alltag und tragen große Bedeutung für die Abbildung gesellschaftlicher Strömungen und Ereignisse sowie für die politische Meinungsbildung. Gleichwohl sind Nachrichten keine leichten Texte. Seit Oktober 2015 bietet der NDR deshalb mit den Nachrichten in Leichter Sprache („NiLS“) auch Menschen mit eingeschränkter Lesekompetenz Zugang zu dieser alltagsrelevanten Textsorte. Die Leichte-Sprache-Redakteure des NDR wurden von MitarbeiterInnen der Forschungsstelle Leichte Sprache im Vorfeld umfassend geschult und übersetzen seitdem eigenständig wöchentlich sieben einschlägige Nachrichten aus Norddeutschland. Um eine gleichbleibende Qualität aus wissenschaftlicher Perspektive zu bewahren sowie die weitere Professionalisierung der Redakteure zu fördern, haben der NDR und die FLS eine bislang einzigartige Projektkooperation entwickelt. Die Übersetzungen werden vor der Veröffentlichung von Mitarbeiterinnen der FLS auf Verständlichkeit und die korrekte Anwendung der Leichte-Sprache-Regeln geprüft.

Im Rahmen des Nachrichtenprojekts ist auch ein öffentlich zugängliches Leichte-Sprache-Wörterbuch entstanden, das Erklärungen von relevanten Begriffen und Konzepten in Leichter Sprache bietet. Studierende aus dem Seminar „Orientierung und Kommunikation für Menschen mit Sinnesbehinderung“ haben zu vorgegebenen Themengebieten Informationstexte in Leichter Sprache erstellt. Aus diesen Texten haben die Studierenden im nächsten Schritt die wichtigsten Schlagwörter herausgefiltert und mit Kurzdefinitionen in Leichter Sprache versehen. Das Arbeitsergebnis wurde im Anschluss von der FLS geprüft und überarbeitet. Das Lexikon dient als Archiv und wächst fortlaufend: Definitionen von besonders relevanten und/oder wiederkehrenden Begriffen aus den Nachrichten werden dem Wörterbuch hinzugefügt. So können sie jederzeit abgerufen und in neue Nachrichtenkontexte eingebettet werden. Diese Methode unterstützt die intertextuelle Einheitlichkeit der verwendeten Erklärungen. Zum anderen können auch Dritte auf das Online-Wörterbuch zugreifen und außerhalb der Nachrichten Begriffe nachschlagen. Anders als rechtswirksame, fachsprachliche Definitionen haben die Leichte-Sprache-Erklärungen nicht den Anspruch einer fachlich korrekten und inhaltlich vollständigen Formulierung. Sie dienen in erster Linie der verständlichen – d.h. sprachlich leichten – Übermittlung von Konzepten. Deshalb sind die Leichte-Sprache-Erklärungen nicht justiziabel.

Durch die zweijährige Begleitung des NiLS-Projekts in Form von wissenschaftlicher Textprüfung haben sich die Leichte-Sprache-Redakteure hinreichend professionalisiert und auf die Textsorte Nachrichten spezialisiert. Zum Oktober 2017 endet deshalb die Kooperation mit der Forschungsstelle Leichte Sprache. Die Nachrichten werden ab dann eigenverantwortlich vom NDR übersetzt und geprüft.

Zu den NDR-Nachrichten in Leichter Sprache gelangen Sie hier.

Das Leichte-Sprache-Wörterbuch finden Sie hier.

Projektziel:

Ziel der Zusammenarbeit von FLS und NDR im Nachrichtenprojekt ist es, das barrierefreie Angebot des NDR weiter auszubauen und neben Untertiteln, Audiodeskription und Gebärdensprache auch Leichte Sprache dauerhaft im Portfolio zu etablieren. Das Angebot richtet sich an Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen von einer Einschränkung der Lesekompetenz betroffen sind. Dazu gehören unter anderem funktionale Analphabeten, Menschen mit geistiger oder sensorischer Behinderung oder MigrantInnen mit geringen Deutschkenntnissen. Für sie gibt es bislang kaum adäquate Nachrichtenangebote in Form von sprachlich vereinfachten Meldungen. Mit dem Nachrichtenprojekt leistet der NDR einen freiwilligen Beitrag zur Umsetzung eines barrierefreien Informationszugangs und nimmt in diesem Kontext zusammen mit wenigen anderen Informationsanbietern eine wichtige Vorreiterstellung ein.

Übersetzungsprozess:

Die Leichte-Sprache-Nachrichten werden wöchentlich am Freitagnachmittag veröffentlicht. Die redaktionelle Arbeit findet donnerstags und freitags statt. Der Arbeitsprozess innerhalb der Kooperation teilt sich in mehrere Phasen der Texterstellung, -prüfung und -korrektur. Die geschulten Leichte-Sprache-Redakteure wählen sieben aktuelle und besonders gesellschaftsrelevante Nachrichten der jeweiligen Woche aus und übersetzen diese eigenständig nach den Regeln der FLS und mit Blick auf die textsortenspezifischen Konventionen, die sich im Laufe des Projekts für die Textsorte „Nachrichten in Leichter Sprache“ herausgebildet haben. Ein Zweierteam aus Übersetzerinnen der FLS übernimmt unmittelbar im Anschluss die Prüfung der erstellten Texte auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse. Redakteure und Prüfer arbeiten somit parallel. Regelkonflikte, inhaltliche Unklarheiten und Änderungsvorschläge werden kenntlich gemacht und kommuniziert. So ergeben sich unter Umständen mehrere Prüf- und Überarbeitungsschleifen für jede Einzelnachricht. Erst wenn seitens beider Teams kein Optimierungsbedarf mehr besteht, wird der Text für die Veröffentlichung unter dem Siegel „wissenschaftlich geprüft“ freigegeben.