Immersive Gebärdensprachkurse
Das Projekt ist Teil des Projektschwerpunkts Barrierefreie Hochschule der Forschungsstelle Leichte Sprache. Hier geht es zur Übersichtsseite.
Hintergrund und Relevanz
Seit 2015 finden an der Universität Hildesheim immersive Gebärdensprachkurse tauber Dozierender statt. Die Kurse sind für alle Studierenden der Universität geöffnet. Mit den Kursen sollen die Studierenden in immersivem Unterricht das A1-Niveau in Deutscher Gebärdensprache erreichen.
In den Kursen erleben Studierende einen Perspektivwechsel: Sie begegnen tauben Personen in einer leitenden professionellen Rolle. Diese Erfahrung irritiert gängige, oftmals unreflektierte Vorstellungen von Menschen mit Behinderung als hilfs- oder unterstützungsbedürftig und trägt dazu bei, stereotype Wahrnehmungen aufzubrechen. Indem taube Lehrpersonen als fachliche Autoritäten auftreten, wird ein wichtiger Beitrag zur Reflexion über Rollenbilder und die Vielfalt professioneller Handlungskompetenzen geleistet.
In den 10 Jahren haben zusammengenommen ca. 2000 Studierende an den Kursen teilgenommen.
Struktur
Die Kurse finden Online oder vor Ort auf dem Campus in Hildesheim statt. Die Dozierenden werden auf Wunsch durch eine gebärdensprachkundige studentische Hilfskraft bei der Bedienung des Learnwebs und des LSF sowie der schriftlichen Kommunikation mit den Studierenden zu Studienleistungen, Anrechnungen etc. unterstützt.
Darüber hinaus werden die beiden ersten Sitzungen von Dolmetschenden für Deutsch und Deutsche Gebärdensprache verdolmetscht. In der ersten Sitzung werden organisatorische Abläufe geklärt, in der zweiten Sitzung offene Fragen besprochen.
Ab der dritten Sitzung der Gebärdensprachkurse entfällt die Begleitung durch Dolmetschende. Die Studierenden müssen sich nun eigenständig mit den tauben Dozierenden verständigen, ihre Anliegen schriftlich oder mit Hilfe ihrer ersten erlernten Gebärden in Gebärdensprache ausdrücken und die Antworten verstehen. Dabei wird deutlich: Die Dolmetschenden sind am Anfang nicht deshalb da, weil der Dozierende die Lautsprache nicht beherrscht, sondern weil die Studierenden zu Beginn noch nicht über ausreichend Gebärdensprachkompetenz verfügen. Dieser Rollenwechsel ist Teil des intendierten Perspektivwechsels. Er macht erlebbar, wie Kommunikationsbarrieren in der Realität oft nicht aus einer „Behinderung“ der einen Seite entstehen, sondern aus fehlender Sprach- und Kommunikationskompetenz der anderen.
Die Erfahrungen aus diesem Projekt sind auch in die Antragstellung und Durchführung des Projekts #IncluTeach eingegangen. Die Projekthomepage zu #IncluTeach finden Sie hier.
Finanzierung und Perspektive
Die Kurse sind bis Frühjahr 2026 aus zentralen Studienqualitätsmitteln gefördert. Diese Förderung läuft im Sommersemester 2026 aus. Aktuell bemühen wir uns um eine Anschlussfinanzierung für das beliebte Angebot.
Begleitforschung
Die Erkenntnisse aus diesem Projekt führten zu einem weiteren Projekt: #IncluTeach. Die zugehörigen Ergebnisse und Publikationen finden Sie auf der Projekthomepage.
Als Forschende im Bereich Translationswissenschaft haben wir darüber hinaus den Aspekt der Verdolmetschung in den Fokus unserer Forschung gestellt. Aus diesem Interesse heraus entstand das Projekt zur Gebärdensprachverdolmetschung mit dem Titel „Große Dolmetscher Umfrage 2022“.
Das Projekt hat zwei Input-Teile:
- Input 1: Interviews Expert(inn)en aus dem Bereich. Der Input 1 war Teil eines Masterseminars im Master „Barrierefreie Kommunikation“. Wir luden Interviewpartner(innen) direkt ins Seminar zu den Studierenden ein. Die Interviews wurden mit Vertretern des Bundesverbands der GebärdensprachdolmetscherInnen Deutschlands e.V., des Deutschen Gehörlosenbunds sowie mit Dolmetschenden für Deutsch und Deutsche Gebärdensprache sowie mit tauben Gebärdensprachnutzenden durchgeführt. Im Anschluss wurden die Interviews transkribiert und anonymisiert. Sie gingen in einen Fragekatalog ein, der im Herbst 2022 die Grundlage für Input 2 war.
- Input 2: Umfrage bei Gebärdensprachdolmetschenden und tauben Kundschaft von Gebärdensprachverdolmetschung. Die Umfrage für die tauben Nutzenden stand in einer verständlichkeitsoptimierten Version des Schriftdeutschen zu Verfügung, darüber hinaus bestand die Möglichkeit, in Deutscher Gebärdensprache teilzunehmen.
Ziel war es, mehr über die Interaktion zwischen hörenden Gebärdensprachdolmetschenden und ihrer tauben Kundschaft zu erfahren.
Die wissenschaftliche Leitung für das Projekt lag an der Forschungsstelle Leichte Sprache bei Prof. Dr. habil. Christiane Maaß. Als Forscherin beteiligt war außerdem Prof. Dr. Laura Marie Maaß, die zum Zeitpunkt des ersten Projektabschnitts als Lehrbeauftragte den entsprechenden Kurs begleitete. Die Datenerhebung im ersten Input-Schritt fand als forschendes Lehren im Master Barrierefreie Kommunikation unter Anleitung der Lehrperson Prof. Dr. Laura Marie Maaß statt.
Publikationen in diesem Projekt
- Prof. Dr. Laura Marie Maaß: (2025): Erwartungen, Einstellungen, Erfahrungen. Zur Interaktion zwischen hörenden Gebärdensprachdolmetschenden und ihrer tauben Kundschaft. Berlin: Frank & Timme, 642 Seiten. Auch in Deutscher Gebärdensprache: https://www.franktimme.de/de/programm/produkt/erwartungen_einstellungen_erfahrungen
- Prof. Dr. Laura Marie Maaß (2024). Managing the shortage: A quantitative-qualitative study on the scale and effects of the severe lack in sign language interpreting resource in the German market. VAKKI Publications 16. https://doi.org/10.70484/vakki.145616
- Prof. Dr. Laura Marie Maaß (2022): Researching Relations between hearing Sign Language interpreters and their Deaf clients: Methodological considerations on empirical data collection with prelingually Deaf participants. In: Linguistik Online, 118/6, 99-111.DOI: https://doi.org/10.13092/lo.118.9106
Weitere Projektpublikationen der Projektbeteiligten sind in Vorbereitung.
Forschungsstelle Leichte Sprache
Lübecker Str. 3
31141 Hildesheim
Direktorin
Prof. Dr. Christiane Maaß
Geschäftsführer
Sergio Hernández Garrido
Kontakt: