Nicht-kommerzielle, öffentliche und zugängliche Aufenthaltsräume in denen spontaner Austausch und Entspannung stattfinden kann, gibt es in Hildesheim gar nicht mal so viele. Das „Zität“ ist ein Versuch, das zu ändern. Die Organisator*innen Joelle Burrichter, Natalie Digel, Ricarda Köstner, Tabea Gesche und Luisa Marschewski haben sich Zeit genommen, um einen Blick zurück auf schon Geschafftes zu werfen und zu beschreiben, was das „Zität“ sein möchte. Im August soll es losgehen.
Was war bzw. ist eure Grundidee für das „Zität“?
Was ist dabei eure Motivation?
Ricarda: Ich glaube, die Grundidee des „Zitäts“ ist es, einen Raum zu schaffen, in dem man wieder Menschen treffen kann. Ein Raum, in dem man entspannt sein kann, wo Menschen sind, und, der die Vorzüge eines Cafés oder einer Bibliothek bietet, aber nicht so viele von den Nachteilen. Ich muss da nichts konsumieren, ich kann da einfach so sein. Auch dauerhafter. Nicht so: Es gibt da diesen kleinen Literaturtreff von 16:00 Uhr bis 18:00 Uhr, sondern das geht länger. Und auch, dass sich unterschiedliche Aktivitäten in dem Raum nicht ausschließen.
Luisa: Auch, dass wir alle das Gefühl hatten, es gibt so wenig öffentliche, gemütliche Räume, die wirklich frei zugänglich sind. Wo man auch Leuten begegnet, denen man sonst nicht begegnet. Und es war ja auch von Anfang an klar, dass es gar nicht nur leibliches Begegnen ist, sondern auch über andere Formen.
Tabea: Für mich hat auch da rein gespielt, dass Sommer eine Zeit ist, in der Lesen auch noch mehr Spaß macht, weil es ein bisschen ein Urlaubsgefühl ist. Dem auch einen Ort zu geben. Und sich auch darüber auszutauschen, zu gucken, was lesen die anderen gerade so, was finde ich cool. Gibt es da vielleicht ähnliche Interessen oder lerne ich da vielleicht auch noch was dabei?
Was passiert in eurer Traumvorstellung während des Projektzeitraums?
Tabea: Meine Traumvorstellung ist, dass man einfach da sein kann, dass die Pandemie gechillt ist, dass auch mehrere Leute da sein können und, dass es so eine ruhige Atmosphäre ist, sehr gemütlich, die ein bisschen was zeitloses hat, also kein Stress. Das ist ein stressloser Ort.
Joelle: Meine Traumvorstellung ist, dass man so vergisst, dass man schon so lange da ist, und sich dann da so richtig verquatschen kann und, dass man dann da so hingeht und Leute trifft und sich so denkt: Cool, in meiner Wohnung hätte ich diese Personen nie getroffen. Und dann verquatscht man sich, und ist um 22:00 Uhr so: Uff, Mensch, eigentlich wollte ich doch noch Wäschen waschen.
Luisa: Ja, dass es vielleicht der inoffizielle Hang-out-space wird für den Sommer oder für einen kurzen Sommerzeitraum. Und aber auch, dass auch wir vielleicht überrascht davon sind, wer da vorbei kommt, oder auch immer wieder vorbei kommt.
Wie sah euer gemeinsamer Projekt-Findungsprozess in der Gruppe aus?
Joelle: Es war schon so, dass wir so waren wie alle anderen auch: Wann kaufen wir eigentlich unseren Gutshof? Und dann muss man halt anfangen zu manifestieren, und sagen: Ok, wir können uns halt keinen Gutshof leisten, aber was können wir machen? Ich konnte mir schon bevor ich wusste, dass es so was wie Pandemien gibt, vorstellen, mit euch zu arbeiten. Und diese Gutshofidee, die gab es ja schon lange, und die haben auch glaub ich, richtig viele Leute. Aber dann zu sagen: Ok, let´s do something, in dieser Konstellation, es ist ja schon so, dass wir alle Kontaktpersonen waren und alle Bock hatten zu arbeiten, alle am Ende unseres Studiums sind und waren. Und dann hat es so gepasst, hab ich das Gefühl. Und dann war man halt eh so nichtstuend in der Pandemie, und da hab ich das Gefühl, dass wir dann alle so waren: Ok, we do this now!
Tabea: Ich kann mich dran erinnern, dass wir auf den Namen angestoßen haben, und gesagt haben: Wir machen das jetzt einfach. Egal, wie das dann aussieht, oder was dann dabei passiert, aber wir ziehen das irgendwie durch. Und ich glaube, die Idee kam, weil zwei von uns zusammengesessen haben, und uns vorgestellt haben, wie wir so einen Buchladen mit Café haben, und wer dann Aufgaben übernimmt, und, dass wir so unterschiedliche Interessen darin haben und was wir so darin können. Und dann war es so: Warum ist das gerade so ein utopisches Gespinst? Wir können das ja einfach mal ausprobieren.
Natalie: Ich hatte Herbst 2020 kurz die Idee, so einen Co-working-space zu machen, und da auf Instagram nachgefragt hab. Und da haben sich voll viele Leute gemeldet, von unseren Kommiliton*innen an der Domäne, so dass das für mich dann auch nochmal ein Ding war: Ok, das wird kein offizieller Co-working-space, aber lass mal auf jeden Fall ein Projekt machen, wo Leute sein können.
Welche Schritte seid ihr bisher gegangen? Organisatorisch, konzeptionell und vielleicht auch emotional?
Was war die größte Herausforderung? Was war euer Lieblingsmoment?
Luisa: Organisatorisch waren es richtig lange die Anträge. Da sind wir immer noch dran. Ansonsten gab es konzeptionell zu verschiedenen Zeitpunkten verschiedene Foki. Und das war auch eine Herausforderung, dass alles immer ein bisschen weiter laufen musste, aber es dann auch ständig Prios gibt, die noch wichtiger sind. Kooperationen aufbauen, Social Media und Öffentlichkeitsarbeit anfangen, ganz konzeptionell überlegen: Wie wollen wir mit Literatur umgehen? Und das ist auf jeden Fall auch emotional herausfordernd. Wir machen das ja auch alle nebenher, wir haben alle richtig unterschiedlich große Jobs, Studien und andere -projekte.
Joelle: Und auch immer wieder das Warten ein paar Wochen oder Monate. Ich hatte auch das Gefühl, dass die demotivierenden Phasen viel größer und länger und schwerer sind. Ich würde sagen, dass Lieblingsmomente auch auf jeden Fall immer waren, wenn man dann Geld bekommen hat. Dann war man immer so: Ah, ok, it´s going in the right direction. Aber die Momente, wo man warten musste oder abgelehnt wurde, waren so viel nervenzehrender als die fünfzehn Minuten, in denen man sich sehr, sehr doll darüber gefreut hat, Geld zu kriegen. Und Leerstand zu finden war schon auch eine Herausforderung. Am Anfang war ich noch total motiviert. Ok, cool: Und dann haben wir da unsere Liste, gehen durch die Stadt und fotografieren Leerstände und versuchen die Kontaktdaten rauszufinden und dann telefoniert man sich durch. Und dann kriegt man Portfolios, wo Raummiete 8.000 Euro draufsteht und man ist so: Ok. Wie gehen wir weiter?
Tabea: Ich glaube, für mich war es schon auch immer sehr bestärkend, wenn wir mit Leuten geredet haben, die überzeugt waren von unserer Idee, die gesagt haben: Das ist was richtig Cooles, macht das unbedingt und wir unterstützen euch dabei. Wir hatten mit Sira aus dem Green-Office Kontakt, sie hat uns in der Anfangsphase unterstützt. Oder Annette vom Studierendwerk. Das ist total schön, diese Menschen zu haben, die auch in den Strukturen schon drin stecken und total bereit sind, einen da zu unterstützen. Für uns war es ja schon auch ein bisschen ein Versuchsprojekt, nicht nur irgendwo mitarbeiten, sondern uns selber die Strukturen schaffen und auf einmal selber ein Organisationsteam sein. Wir lernen ja auch gerade voll viel dabei, wie das überhaupt funktioniert und ich finde das ist immer auch ein bisschen so ein Spagat: „Wir wissen, das ist ein Pilotprojekt und wir versuchen das“ und gleichzeitig müssen wir uns ernst nehmen dabei und werden ja auch ernst genommen. Und das finde ich manchmal noch so überraschend. Oder irgendwie schön. Und ich sehe die Stadt jetzt auch noch mal ganz anders, was irgendwie witzig ist, weil es ist ja auch nicht das erste Mal, dass ich mitkriege, dass ein Projekt in einem Leerstand stattfindet. Aber allein dadurch, dass wir jetzt selber gesucht haben, bin ich ganz anders durch die Stadt gelaufen und find es auch schön, dass es auch nicht nur dieses Uniprojekt ist, sondern wir uns explizit in der Stadt verorten und sagen: Wir wollen da einen Ort schaffen für die Menschen, die da vorbei kommen.
Wie ist der aktuelle Stand?
Für welchen Raum habt ihr euch entschieden?
Ricarda: Der aktuelle Stand ist, dass wir wahrscheinlich nächste Woche einen Raum bekommen und das unterschreiben. Diesen Raum kriegen wir auch, weil da bereits was Studentisches drin ist, darüber auch ein bisschen der Kontakt kommt und die Personen sehr geneigt sind kulturelle Dinge zu fördern. Wir hatten ein bisschen Auswahl und dann gab es Entscheidungen wie: Wo befindet sich dieser Raum? In welchen Teil der Stadt gliedert der sich ein?
Joelle: Was mir auf jeden Fall auch nochmal klar geworden ist, dass meine Ansprüche an diesen Raum, die in der Theorie sehr gut durchdacht und hoch waren, in der Praxis einfach nicht so umsetzbar sind, wenn man nicht wirklich viel Geld hat. Und mit unserem Konzept, das ein solidarisches ist, musste man Dinge streichen. Eigentlich wichtige Dinge, an denen gearbeitet werden muss, ganz generell.
Ricarda: Aber meiner Meinung nach, hat das jetzt am Ende sehr gut funktioniert. Wir hoffen, dass alles klappt. Und der Raum macht voll viel aus, aber wie wichtig ist es dann tatsächlich, dass dieser Raum einen krassen Garten hat für dieses Projekt? Es kann in ganz unterschiedlichen Räumen funktionieren.
Wie sehen eure nächsten Schritte aus?
Luisa: Den Vertrag unterschreiben!
Ricarda: Sachen für den Raum anschaffen, einrichten, Bücher kaufen.
Tabea: Generell aufmerksam machen. Einen Timetable erstellen für den Raum und gucken, was da vielleicht Impulse oder Eckpunkte sind, die in dem Projektzeitraum stattfinden. Wir sagen ja, wir stellen diesen Raum zur Verfügung, aber trotzdem soll es kleine Events geben. Jetzt kommt der Fun-Part.
Vielen Dank euch für eure Zeit. Habt einen wunderbaren „Zität“-Start.
Weitere Infos gibt´s auf instagram: hi.zität. Schaut gerne vorbei!
Ein Beitrag von Lena Ruth Albrecht
Quellenhinweis: Das Titelbild ziert derzeit als vorläufiges Logo den Instagram-Account des Projekts und wurde von den Organisator*innen für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt.