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Yoga und kulturelle praxis

  • 18. Juni 2021
  • Kulturpraxis

Wer an Yoga denkt, denkt vielleicht an Meditation, wahrscheinlich aber zuerst an die körperliche Praxis mit den verschiedenen Übungen und Posen (genannt Asanas). Diese sind bekannterweise supergut gegen verspannte Muskeln sowie steife Gelenke jeglicher Art. Ob dir also Schultern und Nacken wehtun, weil du den ganzen Tag vor deinem Laptop sitzt und an einem neuen Text schreibst, eine digitale Performance vorbereitest, oder eine BigBlueButton-Veranstaltung nach der anderen hast, oder ob du bei einer Beleuchtungsprobe gefühlt stundenlang im Scheinwerferlicht ausharren musstest und jetzt deine Beine und der untere Rücken schmerzen: eine Yogapraxis bietet immer Möglichkeiten, Verspannungen zu lösen und wieder Bewegung in Körperbereiche zu bringen, die viel zu lange nicht bewegt wurden.

Das ist auf einer praktischen Ebene gesund und kann viel Erleichterung im Alltag bringen (hier ist natürlich wichtig anhaltende körperliche Beschwerden und Schmerzen unbedingt ärztlich abklären zu lassen). Wer allerdings öfter mit Verspannungen und daraus resultierenden Schmerzen zu tun hat weiß, dass diese oft viel Raum im Kopf einnehmen und Konzentration oder Kreativität ganz schön blockieren können. Verspannungsschmerzen zu minimieren hat den positiven Effekt, den Kopf wieder freizubekommen. Für die Kunst zum Beispiel. Wer außerdem künstlerisch viel mit dem eigenen Körper arbeitet, kann mithilfe von Yogaübungen die Muskulatur kräftigen und dehnen und die generelle Mobilität und Körperspannung verbessern.

Ein Ziel der Asana Praxis ist es, in Bewegung zu kommen. Besonders beim sogenannten Vinyasa Yoga (das hier bei uns zu den klassischen Yogastilen gehört) wird oft vom „Flow“ gesprochen. Bewegung tut nicht nur dem Körper gut, sondern kann auch ziemlich hilfreich bei mentalen Blockaden sein. Psyche und Körper hängen enger miteinander zusammen, als manch eine*r denken mag. Sich zu bewegen – vielleicht ganz simpel die Perspektive, die Haltung, oder den Ort zu wechseln – oder beim Yoga-Positionen einzunehmen, die wir in unserem Alltag nicht einnehmen, kann helfen, festgefahrene Gedanken und verknotete Gefühle ein bisschen zu lockern. Körperliche Bewegung führt nicht selten auch zu geistiger Bewegung. Bei einer kreativen Blockade, ist ein Vinyasa-Flow also zumindest einen Versuch wert, um die creative juices wieder ins Fließen zu bringen.

Die Idee einer Yogapraxis ist, mit dir selbst in Kontakt zu kommen. Zum Beispiel deinen Atem wahrzunehmen und deinen Körper zu spüren. Bei dir selbst einmal zu checken, wie es gerade so geht. In unserem Alltag ist oft kein Raum zu spüren, wie es uns wirklich geht, wie wir uns fühlen, wenn wir alle Ansprüche und Ablenkungen beiseite schieben. Da Achtsamkeit und eine bewusste Wahrnehmung ein zentraler Aspekt von Yoga sind, führt eine regelmäßige Praxis meistens nicht nur zu mehr Kraft und Beweglichkeit, sondern auch zu einer intensiveren/aufmerksameren Selbstwahrnehmung und einem ausgeprägteren Gefühl für den eigenen Körper und die eigenen Gedanken und Emotionen. In einer angeleiteten Yogaklasse werden Teilnehmende zum Beispiel regelmäßig dazu eingeladen, in verschiedenen Positionen in sich hinein zu spüren und achtsam mit sich selbst und den eigenen Empfindungen und Grenzen umzugehen. Auch bei Meditationen und Atemübungen ist der erste Schritt oft ein Erforschen des eigenen Gemütszustands. Wer also regelmäßig Yoga praktiziert, übt sich in Selbstwahrnehmung und einem achtsamen Umgang mit den eigenen Zuständen und Bedürfnissen. Das hat auf den ersten Blick vielleicht wenig mit der eigenen künstlerischen Praxis zu tun. Aber wer achtsam mit sich selbst und der eigenen Umgebung umgeht und ein aufmerksames Gespür für die eigenen Erwartungen, Wünsche und Bedürfnisse hat, schafft eine Grundlage, um auch mit der eigenen Kreativität einen achtsamen und bewussten Umgang zu finden. So können künstlerische Prozesse effektiver gestaltet und kreative Energien besser genutzt werden.

Zu guter Letzt ist Yoga nicht umsonst eine beliebte Methode der Selbstfürsorge. Eine der wichtigsten Grundlagen, die alle Yogastile vereint, ist ein respektvoller und liebevoller Umgang mit s ich selbst. Was Yoga von vielen anderen Sportarten und Bewegungsformen unterscheidet ist, dass ohne eine Bewertung der eigenen Leistung und der eigenen Fähigkeiten praktiziert wird. Ziel ist, sich selbst mit Sanftheit und Achtung zu begegnen, negative Selbstzuschreibungen loszulassen und sich nicht zu verurteilen. Wer regelmäßig künstlerisch tätig ist, ist wahrscheinlich auch schon der ein oder anderen kreativen Blockade begegnet. Sich selbst für eine Blockade zu verurteilen, hilft in der Regel nicht im künstlerischen Prozess voranzukommen, sondern verschlimmert oft die Blockade durch den Aufbau von Druck und Frust. Hier kann es also hilfreich sein, einen wertschätzenden Umgang mit sich selbst zu üben, um in so einer Situation nicht zusätzlich Druck auszuüben.

Für mich ist Yoga eine hilfreiche Methode, um meine künstlerische Praxis zu unterstützen und in kreativen Prozessen achtsamer mit meinen Ideen und Ressourcen umzugehen.

Text: Liva Süss

Fotos: Linn Süss

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