Woran forscht eigentlich…
Prof. Dr. Ismaiel-Wendt?

Interview geführt von Jasper Möslein, 27.06.2020

Wisst ihr Woran unsere Professor*innen momentan forschen? Ich persönlich jedenfalls nicht. Deswegen habe ich mich mit Prof. Dr. Johannes Ismaiel-Wendt zum Interview via Skype verabredet und ihn dazu befragt, an welche Forschungsprojekten er in der Vergangenheit gearbeitet hat und wie seine momentane Forschung aussieht. 

Seit wann lehrst du an der Uni Hildesheim?

Ich bin im April 2012  als Junior Professor für „Systematische Musikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Musiksoziologie“ gestartet. Seit 2018 bin ich ordentlicher Universitätsprofessor für „Musiksoziologie und Popular Music Studies“

Du bist über ein Berufungsverfahren hier an die Uni gekommen oder?

Ja zwei Berufungsverfahren sogar. Ich hatte schon ein großes Berufungsverfahren für die Junior Professur und musste mich dann aus verfahrenstechnischen Gründen noch einmal einer Konkurrenz aussetzen, um mich auf diese ordentliche Professur zu bewerben.

Für eine Professur muss ja neben der Lehrtätigkeit auch eine wissenschaftliche Leistung erbracht werden. In deinem Fall hat dann die Junior-Professur die Habilitation ersetzt.

Genau. Die Juniorprofessur gilt als hibilitationsähnliche Leistung. Das wird letztendlich, wie bei der Habilitation, auch mit einem zweiten Buch nachgewiesen. Das ist ein bisschen aus dem amerikanischen Modell entnommen, wo das Ganze Assistent-Professorship heißt und in dieser Phase wird am second book gearbeitet. In Deutschland gibt es das Prinzip der Junior-Professur noch nicht allzu lang und ist eigentlich deshalb eingeführt worden, weil das Eintrittsalter in die Professur In Deutschland mit 45 Jahren im Vergleich sehr hoch ist.

Beitragsbild "Woran forscht eigentlich...?"

Prof. Dr. Johannes Ismaiel-Wendt

Foto: Isa Lange

Zu welchem Thema hast du während deiner Promotion geforscht?

Das Buch, das aus meiner Promotionsforschung hervorging heißt: „tracks’n’treks. Populäre Musik und Postkoloniale Analyse“. Und in diesem Buch habe ich mich auf Tracks konzentriert und versucht eine Methode zur Analyse zu entwickeln, die kulturwissenschaftlich informiert ist, oder präziser: postkolonial informiert ist. Was dabei für den Hildesheimer Kontext vielleicht ganz interessant ist, ich habe den Raum-Begriff, der aus den Performance-Studies und der Raum-Soziologie kommt, mit Raumkonzepten, die in den Postcolonial-Studies relevant sind, verbunden. Auf dieser Grundlage habe ich versucht, eine Methode zur Analyse von Songs zu entwickeln, mit Gehör auf die Raumkonstruktionen, die diese Songs aufmachen – also: an welche Orte sie erinnern, auf welche Regionen verwiesen wird oder welche Orte benannt werden. Aber auch welche Hall- oder Echoräume aufgemacht werden.

Und woran hast während deiner Zeit als Junior-Professor geforscht?

Mein second book baut eigentlich auf der Promotionsforschung auf. Das Buch heißt: „post_PRESETS: Kultur, Wissen und populäre MusikmachDinge“. In meinem ersten Buch habe ich untersucht wie Kultur, kulturelle Repräsentationen und Geschlechter-Repräsentationen in Tracks eingeschrieben werden. In meinem zweiten Buch wollte ich wissen, wie solche Repräsentationen oder Rassismen in Musiktechnik und -technologie eingeschrieben sind. Also was erzählen uns eigentlich die Dinge, mit denen wir Musik machen? Besonderen Fokus habe ich dabei auf elektronische MusikmachDinge wie Audioworkstations, Drum-Machines oder Bedienungsanleitungen gelegt.

Kannst du mir ein konkretes Beispiel nennen, das du dabei untersucht hast?

Anhand von Drum Machines und sogenannten Grooveboxen habe ich das Methodenkapitel entwickelt. Auf den alten analogen Drum-Machines sind häufig Preset-Pattern anwählbar. Besonders die Benennungen dieser Pattern haben mich interessiert, weil sie häufig Namen wie „Afro“, „Brazil“ oder „Western“ tragen. Ich habe mich gefragt, was da eigentlich technisch passiert und welche kulturellen Anrufungen werden da gemacht, wenn ein Knopf so einen Namen trägt. Und wir können uns eigentlich alle vorstellen, wie sowas klingt. „Vielleicht sind dann da ein paar Rasseln oder Djembe-Sounds bei“, wenn so ein Sound „Afroheißt, diese ganzen klischierten Vorstellungen, die wir in Bezug auf Rhythmen und deren Ursprünge haben. Das habe ich versucht zu dekonstruieren und aufzuzeigen, wo diese Namen eigentlich herkommen. Sprich, dass sie Erfindungen sind und, dass es diese vermeintlichen Ursprünge gar nicht gibt. Ich wollte auch zeigen, wer an so einem Konstruktionsprozess beteiligt ist und welche Interessen dabei vertreten werden.

Also hast du in der kompletten Zeit deiner Junior-Professur zu diesem Thema geforscht?

Genau. Also im Prinzip ist es eine Aufsatzsammlung, die ganz verschiedene Dinge beleuchtet, vor allem aber immer einen Zusammenhang zwischen Technik/Technologie (MusikmachDinge) und kulturellen Repräsentationen herstellt. Es geht von Drum-Machines über Loopstations bis zur Auseinandersetzung mit dem sogenannten „deutschen Sound“. Wie klingt eigentlich elektronische Musik aus Deutschland und welche Klischees gibt es da? Daran anschließend folgt ein Artikel über den Rechtsstreit zwischen Ralf Hütter von Kraftwerk und Moses Pelham über Sampling. All diese Themen beleuchte ich unter der Fragestellung, wer Ansprüche auf den Besitz von Musik oder Rhythmen erhebt, wie Musik geographisch verortet wird, welche Klischees es gibt und wer immer wieder auf diese zugreift.

Führst du diese Forschung momentan fort?

Ja, das tue ich. Jedoch weniger im Bezug auf die MusikmachDinge, sondern eher abstrakter. Ich konzentriere mich hauptsächlich auf das Thema Sound. Die Ergebnisse aus dieser Forschung fließen dann auch in einen Sammelband ein, den ich wahrscheinlich im Frühjahr 2021 zusammen mit Andi Schoon herausgeben werde. Der Band soll „Postcolonial Repercussions“ heißen und wir wollen verschiedene Sound Studies-Arbeiten zusammentragen, die sich mit Themen wie kultureller Repräsentation, Kolonialismus und Postkolonialismus auseinandersetzen und beispielsweise mit der Frage ,ob sich populäre Musik decolonizen lässt. „Decolonize the arts“ ist ja bereits seit einigen Jahren eine immer wieder auftretende Forderung.

Wie bist du damals auf die Idee gekommen, dich mit Drum Machines zu beschäftigen?

Schon bevor ich die Uni Hildesheim überhaupt kannte, habe ich immer schon einen praxisorientierten Zugang zu Forschung und Lehre gesucht. Das war sicherlich auch einer der Gründe warum ich hierhin berufen wurde. In meiner Forschung gibt es eine gewisse Kontinuität. Nicht nur in thematischer Hinsicht, sondern auch in Bezug auf Wissenschaftsformate. Ich hab immer schon probiert, eine Art von künstlerischer Forschung zu betreiben, was ja teilweise ein relativ verrufener Terminus ist, den ich aber trotzdem mal benutze. Auch habe ich immer versucht Ansätze zu finden, die aus der Praxis kommen und ihr Wissen aus der Praxis heraus generieren. Die Format- beziehungsweise Vermittlungsfrage zählen für mich ebenfalls mit zu meinen Forschungsprojekten. In den letzten zwei Jahren habe ich vor allem in einem Kollektiv namens „ARK“ versucht unsere gemeinschaftlichen Forschungsarbeiten, zum Beispiel zum Thema Drum-Machines, für Museums- oder Ausstellungsprojekte vermittelbar zu machen. Hier ist extrem viel Forschungsarbeit rein geflossen und viele Erkenntnisse sind aus dieser Praxis erwachsen. Was wir mit „ARK“ zusammengetragen haben wäre nicht möglich gewesen, hätte ich keine eigene Bandpraxis, in der ich mich wöchentlich mit diesen Drum Machines auseinander setzte.

Gibt es vielleicht noch mehr Forschungsprojekte, an denen du gerade arbeitest?

Ja ich habe noch ein ganz anderes Forschungsprojekt von dem ich erzählen möchte, und zwar arbeite ich an einem Buch über Metzgerstöchter. Ich glaube, dass es auch für den Hildesheimer Kontext ganz interessant sein könnte. Das ist irgendwie zufällig entstanden. In meinem Bekanntenkreis habe ich gleich mehrere Metzgerstöchter. Mich interessiert besonders Migrationsgeschichte und kulturelle Repräsentation in vielerlei Hinsicht, was man an meinen vorherigen Forschungen ja erkennen kann.  Gerade in diesem Kontext geht es häufig um Themen wie Bildungsaufstieg oder -migration. Das lässt sich aber keineswegs nur auf Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund beziehen, sondern auch auf viele andere Menschen, die wir gar nicht unter diesem Label eingruppieren. Dazu kam die damalige Debatte um Thilo Sarrazins Buch, die Abwertung von Migrant*innen und seine Äußerungen über die Söhne und Töchter von arabischen Gemüsehändler*innen in Deutschland, wie ich es selbst einer bin. Meine Absicht ist es in diesem Buch über herkunftsdeutsche Metzgerstöchter, das komplette Narrativ zu dekonstruieren. Ich wollte mir anhören, was sie zu erzählen haben. Zum Beispiel was sie selbst für Diskriminierungserfahrungen gemacht haben, einfach dadurch, dass sie die Töchter ihrer Väter sind.

Und wie forscht du zu diesem Thema?

In Form von narrativen Interviews. Ich habe Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Ethnologie in Bremen studiert und die Schule die ich dort durchlaufen habe, lasse ich in diesem Forschungsprojekt noch einmal aufleben. Entlang der Biographien dieser Metzgerstöchter, die zwischen 30 und 65 Jahre alt sind, will ich herausarbeiten welche Aufstiegskämpfe sie führten und welche Emanzipationsleitstungen sie in ihrer Bildungsbiographie und Berufsfindung erbringen mussten. Da gibt es ganz viele Parallelen zu den Geschichten von sogenannten „Gastarbeiterkindern.  Ich hoffe, dieses Projekt im nächsten Jahr zum Abschluss bringen zu können.

Mir war gar nicht bewusst, dass du momentan zu so einem interessanten Thema forschst. Ich habe das Gefühl, dass vielen Studierenden an unserer Universität gar nicht klar ist, woran die Professor*innen momentan forschen. Sicherlich gibt es einige spannende laufende Projekte, die aber in der Studierendenschaft gar nicht wahrgenommen werden. Wie siehst du das und was glaubst du wie die Kommunikation dieser Inhalte verbessert werden könnte?

Ich halte es für unheimlich wichtig, dass die Professor*innen vermitteln, woran sie forschen. Bei den Promotionsprojekten kriegt man das ja vielleicht noch mit, aber woran die Professor*innen arbeiten, weiß ich sogar teilweise gar nicht. Um das Ganze zu verbessern, könnte ich mir verschiedene Sachen vorstellen. Zum Beispiel gibt es ja die Ringvorlesung „Einführung in die Kulturwissenschaften“. Ich könnte mir aber auch eine Ringvorlesung für Studierende in höheren Semestern vorstellen, in der die Professor*innen oder Senior-Lecturer*innen und Reseacher*innen ihre Forschungsprojekte vorstellen. Das wäre sicherlich auch eine gute Inspirationsquelle für mögliche Bachelor- oder Masterarbeitsthemen und nicht zuletzt auch für eigene Promotionsprojekte.