Wir, die Anderen

Ha! Achtung und aufgepasst: Der Erzähler selbst betritt die Bühne und hebt zu sprechen an:

Liebe*r Leser*in, um dich nicht gänzlich unvorbereitet auf das Folgende loszulassen, möchte ich dir vorab ein paar Worte zu Entstehung und Intention dieses Beitrages mit auf den Weg geben, dir sozusagen eine kleine Interpretationshilfe liefern, was das Ganze eigentlich soll oder besser sollte und mich für so manche Ungereimtheit entschuldigen.

Im April diesen Jahres versprach ich der Kulturpraxis Redaktion Großes und Geniales, ich versprach die Kluft, die – so meine These – zwischen Studierenden und Nicht-Studierenden klafft, zu erkunden, zu ergründen und sogar die ein oder andere Brücke zu schlagen. Ich versprach ein Mosaik aus Perspektiven und Eindrücken, ich versprach Kulturjournalistisches und Literarisches, ich versprach Fotografie, Text und überhaupt ein multimediales Spektakel. Aber schon bald darauf musste ich einsehen, ich würde meine Versprechen nicht halten können.

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Wie auch. Ich bin kein Soziologe, kein Ethnologe, ja noch nichtmal ein echter Journalist. Nur ein Literaturstudent, ein zugezogener noch dazu. Das Gepäck voller Vorurteile und steiler Thesen. Wie sollte ich die Strukturen und Kompositionen der Hildesheimer Gesellschaft durchdringen und begreifen, geschweige denn vernünftig abbilden? Hatte ich mich immerhin schon auf das Kulturelle beschränkt, so plante ich doch nach wie vor von einer Leerstelle zu erzählen. Wo sucht man etwas das es nicht gibt, wen fragt man nach etwas das fehlt?

Nicht zu vergessen, die Problematiken, die sich ergeben wenn ein privilegierter angehender Akademiker, nicht nur über Menschen, sondern über ganze Bevölkerungsgruppen, die er nur zu ungenüge kennt, schreibt und damit auch immer ein bisschen urteilt. Die Gefahr nur Geschwafel und Klischees zu reproduzieren ist immens.

Liebe*r Leser*in, du siehst mein Vorhaben stand von Beginn an unter keinem guten Stern. Dabei will ich mich gar nicht beklagen, schließlich war das Ganze immer nur eins: nämlich selbstgemachter Stress. Entstanden ist aber trotzdem etwas.

Das Folgende lässt sich vielleicht ein bisschen als die Erzählung eines Scheiterns rezipieren, eines Scheiterns an den eigenen Ansprüchen. Auch wenn ich nicht das analytische Gesamtkunstwerk erschaffen habe, dass ich der Kulturpraxis Blog Redaktion zu Beginn des Jahres versprach, so habe ich doch etwas geschafft, was mir schlussendlich mehr bedeutet: Die eigene Perspektive auf die Stadt in der ich lebe zu hinterfragen und mein Verhältnis zu ihr auch ein bisschen neu zu denken. Dafür muss ich mich vor allem bei meinen Interviewpartner*innen bedanken, die mir so manchen schlauen Gedanken mit auf den Weg gegeben haben. Was du liebe*r Leser*in damit anfängst bleibt dir selbst überlassen, aber ich möchte dich einladen bei Notaten, Interviews und multimedialem Spektakel ein wenig über dein eigenes Verhältnis zu deiner, meiner, unserer Stadt nachzudenken. Vielleicht bleibt ja was hängen. Have fun!

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Inhaltsverzeichnis

Worum es wirklich geht

Nachts sind alle Städte grau

Dazwischen (Gespräche)

Notate

Verstecktes

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Vor dir liegt ein zerborstener Spiegel, in kleinen Splittern über die abgezogenen Dielen verstreut. Du kannst einen Besen holen, die Scherben aufkehren und das Ganze vergessen oder du setzt dich hin und fängst endlich an zu puzzeln.

Nachts sind alle Städte grau

Oder wie war das?

Mit Musik von: bensound.com

Dazwischen

Gespräche über Brücken.

Dirk Brall

Irgendwie 248 Sachen

Judith Martin

Guido Graf

Fazze

Jo Köhler

Dirk Brall, Intendant des Literaturhauses St. Jakobi

Nimmst du im Rahmen eures Programms, zum Beispiel beim Publikum, eine Kluft zwischen Studierenden und Nicht-Studierenden wahr? Und wenn ja wie äußert sich diese?

Hildesheim hat ja nicht die Universitätsgeschichte wie Göttingen oder Hannover. Das Uni-Leben ist noch gar nicht so alt in Hildesheim und die Studierendenzahlen sind vor allem in den letzten Jahren stark gewachsen. Ich glaube, da ist eine Menge passiert. Alleine wie viele Cafés wie das Black Aaron, Mademoiselle, Drei-Elf oder andere in den letzten sechs Jahren aufgemacht haben.  In den vergangenen Jahrzehnten sind einige Studierende hier geblieben und haben neues Stadtleben gesucht und aufgebaut. Bestimmt haben auch Orte wie das Literaturhaus St. Jakobi was verändert. Ich habe zu Beginn ganz bewusst gesagt, dass es ein Ort sein soll, an dem Studierende und Stadtgesellschaft zusammen kommen sollen. Daran wollte ich mich messen lassen und das hat auch wirklich geklappt. Und es kann gerne auch noch vielmehr passieren. 

Wenn Studierende ihre neuen Texte vorstellen, sind es oft noch eine überschaubare Menge von Bürger*innen im Publikum. Aber bei unseren Veranstaltungen von ehemaligen Studierenden wie mit Mariana Leky, Shida Bazyar, Juan S. Guse, Philipp Winkler, Thomas Klupp oder Karoline Menge waren oft schon die Hälfte Nicht-Studierende. Und wenn die mehr und mehr Gefallen daran finden, dass vielleicht in einer Studierenden-Lesung die nächste Mariana Leky oder der nächste Leif Randt sitzt, kommen sie auch mehr und mehr. Ich arbeite in beide Richtungen: wir helfen den Studierenden-Veranstaltungen mit einem professionellen Rahmen und machen zugleich den Bürger*innen schöne Angebote wie bei unserem 5-jährigen Jubiläumsfest, auf dem fünf Studierende ihre neuen Texte vor geladenem Publikum gelesen haben.

 

Sollte generell mehr für ein gemeinschaftliches Hildesheim-Gefühl getan werden?

Mit einem Gedanken wie einem gemeinschaftlichen Hildesheim-Gefühl, für das mehr getan werden sollte, tue ich mich schwer. Das klingt so gemacht und bestimmt. Prof. Dr. Annette Pehnt sagte mal, dass für sie das Literaturhaus St. Jakobi der Ort ist, an dem sie „die“ Stadt trifft. Das fand ich ein sehr schönes Bild. Wir, die dir wir Kulturorte in der Stadt und im Landkreis verantworten, können so eine Art Vermittler*innen zwischen Uni und Stadt, Studierenden/Lehrenden und Bürger*innen sein. Vielleicht entstehen dann so was wie vielfältige Heimaten, mit denen sich viele verbinden können.

 

Ist eine mögliche Annäherung etwas, was allein von Kulturschaffenden/Kulturvermittelnden geleistet werden kann? Wenn nein, wen würdest du gerne mit ins Boot holen?

Wir alle könnten ja mehr von den Möglichkeiten reden, die Stadt und Uni bieten, als von einer Kluft. Und dann das Gespräch suchen auch über das, was uns trennt und über all die Vorurteile, die wir voneinander haben. Ich schätze es sehr, das Literaturhaus-Programm vor den Augen der Lehrenden und Studierenden des Literaturinstituts zu machen, weil ich mich immer hinterfragen muss und immer Teil der aktuellsten Debatten bin. Dieses gemeinsame Voneinderlernen mag ich sehr. Es hat dazu geführt, dass diese 500 Jahre alte Pilgerkirche mitten in der Gegenwart angekommen ist. Der Kulturhauptstadt-Bewerbungsprozess hat in den letzten Jahren ebenfalls viel verändert. Durch die Integration und Expertise von (ehemaligen) Studierenden und Lehrenden haben sich viele Türen geöffnet.

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Irgendwie 248 Sachen anfassen und so, Lesebühne

Ihr seid eine Lesebühne von Studierenden „für alle Schreibenden Hildesheims“, so steht es zumindest auf eurer Facebook-Seite. Seht ihr euch selbst als Vermittler*innen zwischen Stadt und Studierenden?

Das geht vielleicht etwas zu weit. Es ist auf jeden Fall unser Ziel ein möglichst breites und diverses Publikum anzusprechen, schon allein, um den Texten der Lesenden die angemessene Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Leider ist es nicht immer so einfach die eigene Bubble zu durchbrechen. Unsere Veranstaltungen finden zwar meistens außerhalb der Universität statt und wir versuchen diese auch auf vielfältigen Wegen zu bewerben, in der Regel sitzen dann aber doch hauptsächlich Studierende im Publikum und auf der Bühne.

Seht ihr eine Kluft zwischen Stadt und Studierenden?

Kluft hat so einen fatalistischen Beiklang, als gäbe es da etwas, das niemals überwunden werden kann. Sicherlich gibt es Städte in denen studentisches und städtisches Leben stärker miteinander verschmelzen, als hier in Hildesheim, aber das heißt natürlich nicht, dass ein regerer Austausch nicht möglich ist.

Was müsste eurer Meinung nach für eine Annäherung getan werden?

Vermutlich bräuchte es von allen Beteiligten einfach ein bisschen mehr Mut offen aufeinander zuzugehen und aktiv Vorurteile abzubauen. Das passiert aber natürlich nicht einfach so. Dazu braucht es Institutionen und Veranstalter*innen, die genau das in und mit ihren Programmen vorantreiben.

Sicherlich muss man da aber auch erstmal auf sich selbst schauen. Als Privatperson muss ich mich fragen, mit welcher Einstellung ich der Stadt und den Menschen begegne und ob ich aus meiner Blase – die ich vermutlich selbst erschaffen habe – wenn ich möchte nicht auch aktiv ausbrechen kann. Auf der anderen Seite muss ich als Veranstalter*in auch meine Formate selbstkritisch betrachten und mir überlegen, für wen das jetzt wirklich interessant ist. Und wenn ich möchte, dass ein diverseres Publikum zu den Veranstaltungen kommt, muss ich die Möglichkeit in Betracht ziehen, etwas an deren Inhalt und Aufmachung zu ändern.

Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass es eben auch Formate gibt, die einfach nur für eine bestimmte Zielgruppe interessant sind und dass das so auch in Ordnung ist.

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Judith Martin, Studentin und Programmassistentin im Literaturhaus St. Jakobi

 

Du bist Studentin und Programmassistentin im Literaturhaus St. Jakobi. Also sowohl Teil der studentischen Bubble, als auch Teil eines Teams, das versucht Menschen im Namen der Kultur zusammenzubringen. Nimmst du eine Kluft zwischen Studierenden und Nicht-Studierenden wahr und wenn ja wie äußert sich diese eventuell unterschiedlich in deinem beruflichen und studentischen Alltag? 

Ich weiß nicht, ob ich es als Kluft bezeichnen würde, aber ich nehme auf jeden Fall wahr, dass der Austausch zwischen nicht studierender Stadtbevölkerung und studierender schwierig ist. Wobei ich hier nicht mal über die ganze Uni, sondern eigentlich nur über die Domäne sprechen kann. Ich finde, dass es dem Literaturhaus mit einigen Veranstaltungen sehr gut gelingt, ein durchmischtes Publikum zu erreichen, wenn ein*e Autor*in mit etwas größerem Namen kommt, z.B. Feridun Zaimoglu und Clemens Meyer, sind sowohl ältere Zuschauer*innen aus der Stadt als auch studentisches Publikum gekommen. Allerdings fand dann kein Austausch zwischen beiden Gruppen statt. Von einer Frau, die mal zu einer Landpartie-Lesung vor ein paar Jahren gekommen ist, habe ich auch die Rückmeldung bekommen, dass es immer so exklusiv wirkt, die Veranstaltungen von den Studierenden in der Kirche, und sie nicht weiß, ob sie überhaupt hingehen darf etc. 

Im studentischen Alltag merke ich, dass ich quasi keinen Kontakt zu Menschen aus der Stadt bekomme, wenn ich ihn nicht aktiv suche. Und auch das fällt manchmal schwer; ich glaube es liegt daran, dass die uni- bzw. domäneninitiierten Kulturprojekte mich mehr ansprechen und vor allem auch mehr erreichen als andere Veranstaltungen z.B. im Theater für Niedersachsen und ich mich deshalb immer in einem ähnlichen Kreis und einer kleinen Blase bewege.

 

Sollte mehr dafür getan werden Studierende und Nicht-Studierende Hildesheimer*innen zueinander zu bringen? 

Auf jeden Fall! Allerdings finde ich Formate, die nur auf den Austausch / das Zusammenbringen von Studierenden und nicht studierenden Hildesheimer*innen ausgerichtet sind, immer etwas schwierig. Durch mein Praktikum und jetzt auch weiter die Programmassistenz am Literaturhaus habe ich städtische Einrichtungen und Stellen kennengelernt, die ich vorher nicht kannte: diese Hildesheimer Brauerei z.B. und dann ein paar kirchliche Instanzen und Lehrer*innen, die sich im Literaturhaus engagieren bzw. mit ihrer Klasse kommen (das war so ein Schulgottesdienst, der glaube ich einmal im halben Jahr stattfindet). Aber als normale Besucherin im Literaturhaus hätte ich das alles nicht kennengelernt, außer vielleicht die Getränke von der Brauerei und die Ehrenamtlichen, die an der Bar arbeiten. Deswegen habe ich da keine so richtig gute Idee, wer etwas effektiv für das Zusammenbringen tun kann und vor allem auch wie. Zu einem gewissen Teil hängt es denke ich mit der allgemeinen Abgeschottetheit der Domäne zusammen, die natürlich nicht bei allen Studierenden gleich stark ausgeprägt, aber insgesamt schon ein Ding ist. 

 

Wie wird dieses Vorhaben bereits voran getrieben und was könnte/sollte noch getan werden? 

Im Literaturhaus durch Veranstaltungen, die sowohl das städtische als auch das studentische/ domänische Publikum ansprechen (s. erste Antwort) und durch das Engagement von Ehrenamtlichen an der Bar. Das Bar-Team besteht zwar zum größten Teil aus Studentinnen, aber 1. nicht nur von der Domäne und 2. engagieren sich auch Bürgerinnen, die nicht (mehr) studieren. Den Austausch mit ihnen empfinde ich als besonders wertvoll. Ansonsten s.o. in der 2. Antwort.

 

Gibt es etwas, dass du dir in diesem Kontext von den Hildesheimer*innen wünschst?

Das finde ich schwierig zu beantworten, weil diese Gruppe ja sehr groß ist. Ich glaube eher, dass ich nochmal versuchen will, mich selber durch außeruniversitäre Aktivitäten (also Hobbies :D) mehr ins Stadtleben zu integrieren. Ich habe auch nicht die Erwartung bzw. stelle nicht den Anspruch an die Hildesheimer*innen, dass sie mehr zu studentisch organisierten Veranstaltungen kommen oder da mehr Kontakt suchen sollen, weil ich die “Bringschuld” (wenn man es so nennen will) eher bei den Veranstalter*innen als beim Publikum sehe. Also vielleicht doch durch Austausch- oder Gesprächsformate, da gibt es manchmal als Nachgespräche nach Theaterperformances sehr schöne Sachen und ich denke, dass die Studierenden von der Domäne eigentlich die Skills haben, so etwas auf die Beine zu stellen. Nur muss man vielleicht nach Themen suchen, die die Stadt bewegen, und sich ein bisschen aus der Blase herauswagen.

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Guido Graf, Senior Researcher am Literaturinstitut Hildesheim

Nimmst du eine “Kluft” zwischen studierenden und nicht-studierenden Hildesheimer*innen wahr oder macht das Wort aus einer Mücke den berühmten Elefanten?

Die Kluft würde ich als Fremdheit beschreiben. Als ich selbst mit 18 Jahren aus Hildesheim weggegangen bin, standen ganz neu Wegweiser an diversen Straßen mit der Aufschrift „Universität Hildesheim“. Da gab es die Universität allerdings noch gar nicht. Bis aus der Pädagogischen Hochschule eine Universität wurde, hat es noch zwei weitere Jahre gedauert. Und so distanziert die wenigen damaligen Studierenden schon angesehen wurden, so zwiespältig ist das Verhältnis, scheint mir, bis heute geblieben. Das gibt es prinzipiell natürlich auch an vielen anderen Orten, an denen etwa Anfang der 1970er Jahre Universitäten gegründet wurden. Die Menschen, die in diesen Städten leben, identifizieren sich nicht unbedingt mit der Universität. Kaum jemand spricht es mal aus, dass hier beide Seiten (und nicht nur ein paar Vermieter) voneinander profitieren könnten.

Lässt sich über die Jahre hinweg eine Entwicklung im Verhältnis der Uni In- und Externen beobachten?

Die Frage können diejenigen unter den Lehrenden besser beantworten, die auch in Hildesheim leben, weil sie mit allen Facetten zu tun haben. Ich kenne die Stadt gut, aber nicht mehr ihre Bewohner°innen. In den letzten zehn Jahren habe ich immer mal wieder versucht, darüber zu schreiben, um auch mit dem sich nicht abnutzenden Deja-vu-Erleben klar zu kommen, das mich überfällt, wenn ich vom Bahnhof mit dem Fahrrad zur Domäne rausfahre oder zurück. Teils sind das Strecken, die früher mal mein Schulweg waren oder mit denen ich andere Erinnerungen verbinde. Und dann sind es Orte, Szenen, die sich kaum verändert haben oder die sich genauso sehr verändert haben wie ich mich selbst. Ich fürchte, die Dauer eines Studiums reicht nicht aus, um solche Entwicklungen resümieren zu können. Und andere, größere Zeiträume bedürfen einer alltäglichen Nähe und Praxis.

 Sollten sich die Studierenden (als die angehenden Kulturschaffenden, die sie vielleicht sind) intensiver mit dem Thema Hildesheim beschäftigen?

Wenn ich den Komparativ und das „sollen“ aus der Frage streiche, erhalte ich eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Gerade die, die an der Domäne studieren, müssten sich im Wortsinne deplatziert vorkommen, wenn sie sich nicht mit dem Ort, an dem sie sich befinden, auseinandersetzen: forschend, beobachtend, gestaltend.

Hildesheim ist für viele Studierende nur eine Zwischenstation auf ihrem beruflichen Werdegang (die Bereitschaft sich intensiv in das städtische Leben zu integrieren, ist dadurch häufig nicht gegeben). Braucht es mehr und andere Perspektiven, die zum Bleiben anregen?

Ich bleibe an einem Ort, wenn ich beispielsweise eine Person gefunden habe, die ich liebe und die mich liebt. Kinder lassen uns bleiben. Alle anderen Aufgaben, die uns zum Bleiben auffordern, müssen wir ebenso selbst schaffen. Aber natürlich erscheint es erstmal schwierig, in einer relativ kleinen Stadt im noch mal kleineren kulturellen Feld Möglichkeiten für den Lebensunterhalt zu finden, weil sie eben nicht gegeben sind. Andererseits gibt es vielleicht auch ganz praktische Gründe: wer im kulturellen Feld arbeitet, verdient in der Regel nicht sonderlich viel und braucht bei freier Tätigkeit möglichst niedrige Lebenshaltungskosten. Und die dürften in Hildesheim gegeben sein.

 

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Ein*e Mitarbeiter*in der Fazze, die Fahrradselbsthilfewerkstatt

Die Fazze ist nicht einfach nur eine Fahrradwerkstatt, sondern auch ein Raum in dem Hildesheimer*innen aufeinandertreffen. Geht es euch dabei lediglich um alles was zwei Räder hat oder auch um Gemeinschaft und Solidarität über sozio-kulturelle Grenzen hinweg?

Ehrenamt lebt vermutlich sehr viel von der Gemeinschaft und persönlicher Anerkennung. Wir im Team haben natürlich das selbe Hobby oder sogar als haupamtliche Tätigkeit, das macht die Gespräche leichter. Wir verstehen uns aber auch als sozio/kultureller Raum, in dem, wir als diverses Team auf unterschiedlichste Menschen treffen und somit eine Gemeinschaft bilden. Da wir aber alle nur ehrenamtlich in der FAZZE schrauben haben wir darüber keinen Konsenz und es gibt im Team vielleicht auch Menschen, die einfach nur beim Schrauben helfen wollen. Unser Konsenz besteht darin, dass es keinerlei Diskriminierung geben soll.

Was uns verbindet, ist, dass wir das Fahrrad und das Wiederherstellen von Gebrauchsgegenständen (Velos) als sehr wichtig finden. Das Fahrrad, der Roller und das zu Fuß gehen sind vermutlich die einzigen individuellen Vortbewegungsformen, die ein umweltgerechtes Fortkommen ermöglichen.

 

Nehmt ihr eine Kluft zwischen Studierenden und Nicht-Studierenden wahr und wenn ja wie äußert sich diese (im Fazze-Alltag)?

Wenn die Menschen ,die die FAZZE nutzen wollen und die Nachfrage zu groß wird, haben wir schon erwogen Student*innen zu bevorzugen, bisher haben wir es aber immer auf unsere Überlastung genommen.

Ich habe nicht den Eindruck, dass Besucher*innen eine Konkurrenz oder Ähnliches haben. Eher haben wir Schwierigkeiten die Sprachen der Konsumierenden zu treffen. Damit meine ich, dass Studierende einen sehr bewussten Umgang mit Diskriminierung in der Sprache haben, dem wir in der Vergangenheit leider nicht immer gerecht werden konnten. Viele Menschen aus anderen Ländern mit wenig Deutsch- oder Englischkenntnissen, wurden wir manches mal auch nicht gerecht, da der Bedarf dieser Menschen oft sehr hoch ist und wir die Sprachbarriere nicht überwinden konnten. Lange Jahre hatten wir einen Kollegen der in Marokko geboren wurde, dies war eine riesen Bereicherung, um die Arabisch sprechenden Menschen wenigstens zu verstehen. (Dies ist kein Hocharabisch)

Seid ihr der Meinung es wäre wichtig eine solche Kluft zu überbrücken?

Ja! Wir sind ein Team von ca. 12 Personen und wenn in den warmen Monaten der Bär bei uns tobt, sind wir froh, wenn zum Feierabend der Laden noch steht. Kluft finde ich keine schöne Bezeichnung. Aber wenn wir uns verbessern könnten sind wir gerne für Ideen offen.

Auf die schnelle fallen mir ein paar Wünsche ein: Student*innen und Sprachwissenschaftler*innen mit Sprachkompetzen in unser Team, Supervision und eine wissenschaftliche Evaluation. Aber Ehrenamt wird oft falsch übersetzt.

Ich bin kein weisungsgebundener Lohnbezieher, der einen Gegenwert bekommt. Ich arbeite in Hameln, dass ich mir so ein schönes Hobby wie die FAZZE leisten kann. Dadurch mache ich natürlich nur das worauf ich Bock habe und das was ich für die FAZZE und somit für seine Kunden für wichtig erachte.

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Jo Köhler, Vorstand Forum-Literaturbüro e.V.

Wenn Sie das Verhältnis von studierenden und nicht-studierenden Hildesheimer*innen mit einem Wort beschrieben müssten, welches wäre das?

Zwei Welten, die sich nur partiell berühren!

Welche Rolle spielen die Studierenden in der Hildesheimer Kulturlandschaft?

Die Studierenden, die sich in den bestehenden Kultureinrichtungen wirklich einbringen, spielen eine durchweg konstruktive Rolle.

Sollten Kulturangebote zielgruppenorientiert aufgebaut werden?

Ja und Nein. Kulturangebote sollten immer auch die Menschen im Auge haben, für die sie gemacht werden. Gleichzeitig sollten sie über den Kulturbetrieb und seine Spielwiesen hinaus aber auch in ganz andere (harte) Bereiche unseres Lebens hineinwirken und dadurch an gesellschaftlicher Relevanz gewinnen.

Hat Literatur die Kraft Menschen näher zusammenbringen?

Ich bin mir nicht sicher, ob das die einzige und vornehmste Aufgabe von Literatur ist.

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Notate

In und aus der Stadt.

Notat I

Notat II

Notat III

Notat IV

Verstecktes

Ich sehe was, was du nicht siehst.

Verstecktes 4
Verstecktes 3
Verstecktes 1
Verstecktes 5
Verstecktes 2
Verstecktes 7
Verstecktes 6

FIN