Wir, die Anderen

Ha! Achtung und aufge­passt: Der Erzähler selbst betritt die Bühne und hebt zu spre­chen an:

Liebe*r Leser*in, um dich nicht gänz­lich unvor­be­reitet auf das Folgende loszu­lassen, möchte ich dir vorab ein paar Worte zu Entste­hung und Inten­tion dieses Beitrages mit auf den Weg geben, dir sozu­sagen eine kleine Inter­pre­ta­ti­ons­hilfe liefern, was das Ganze eigent­lich soll oder besser sollte und mich für so manche Unge­reimt­heit entschuldigen.

Im April diesen Jahres versprach ich der Kultur­praxis Redak­tion Großes und Geniales, ich versprach die Kluft, die — so meine These — zwischen Studie­renden und Nicht-Studie­renden klafft, zu erkunden, zu ergründen und sogar die ein oder andere Brücke zu schlagen. Ich versprach ein Mosaik aus Perspek­tiven und Eindrü­cken, ich versprach Kultur­jour­na­lis­ti­sches und Lite­ra­ri­sches, ich versprach Foto­grafie, Text und über­haupt ein multi­me­diales Spek­takel. Aber schon bald darauf musste ich einsehen, ich würde meine Verspre­chen nicht halten können.

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Wie auch. Ich bin kein Sozio­loge, kein Ethno­loge, ja noch nichtmal ein echter Jour­na­list. Nur ein Lite­ra­tur­stu­dent, ein zuge­zo­gener noch dazu. Das Gepäck voller Vorur­teile und steiler Thesen. Wie sollte ich die Struk­turen und Kompo­si­tionen der Hildes­heimer Gesell­schaft durch­dringen und begreifen, geschweige denn vernünftig abbilden? Hatte ich mich immerhin schon auf das Kultu­relle beschränkt, so plante ich doch nach wie vor von einer Leer­stelle zu erzählen. Wo sucht man etwas das es nicht gibt, wen fragt man nach etwas das fehlt?

Nicht zu vergessen, die Proble­ma­tiken, die sich ergeben wenn ein privi­le­gierter ange­hender Akade­miker, nicht nur über Menschen, sondern über ganze Bevöl­ke­rungs­gruppen, die er nur zu unge­nüge kennt, schreibt und damit auch immer ein biss­chen urteilt. Die Gefahr nur Geschwafel und Klischees zu repro­du­zieren ist immens.

Liebe*r Leser*in, du siehst mein Vorhaben stand von Beginn an unter keinem guten Stern. Dabei will ich mich gar nicht beklagen, schließ­lich war das Ganze immer nur eins: nämlich selbst­ge­machter Stress. Entstanden ist aber trotzdem etwas.

Das Folgende lässt sich viel­leicht ein biss­chen als die Erzäh­lung eines Schei­terns rezi­pieren, eines Schei­terns an den eigenen Ansprü­chen. Auch wenn ich nicht das analy­ti­sche Gesamt­kunst­werk erschaffen habe, dass ich der Kultur­praxis Blog Redak­tion zu Beginn des Jahres versprach, so habe ich doch etwas geschafft, was mir schluss­end­lich mehr bedeutet: Die eigene Perspek­tive auf die Stadt in der ich lebe zu hinter­fragen und mein Verhältnis zu ihr auch ein biss­chen neu zu denken. Dafür muss ich mich vor allem bei meinen Interviewpartner*innen bedanken, die mir so manchen schlauen Gedanken mit auf den Weg gegeben haben. Was du liebe*r Leser*in damit anfängst bleibt dir selbst über­lassen, aber ich möchte dich einladen bei Notaten, Inter­views und multi­me­dialem Spek­takel ein wenig über dein eigenes Verhältnis zu deiner, meiner, unserer Stadt nach­zu­denken. Viel­leicht bleibt ja was hängen. Have fun!

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Inhalts­ver­zeichnis

Worum es wirk­lich geht

Nachts sind alle Städte grau

Dazwi­schen (Gespräche)

Notate

Verstecktes

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Vor dir liegt ein zerbors­tener Spiegel, in kleinen Split­tern über die abge­zo­genen Dielen verstreut. Du kannst einen Besen holen, die Scherben aufkehren und das Ganze vergessen oder du setzt dich hin und fängst endlich an zu puzzeln.

Nachts sind alle Städte grau

Oder wie war das?

Mit Musik von: bensound.com

Dazwi­schen

Gespräche über Brücken.

Dirk Brall

Irgendwie 248 Sachen

Judith Martin

Guido Graf

Fazze

Jo Köhler

Dirk Brall, Inten­dant des Lite­ra­tur­hauses St. Jakobi

Nimmst du im Rahmen eures Programms, zum Beispiel beim Publikum, eine Kluft zwischen Studie­renden und Nicht-Studie­renden wahr? Und wenn ja wie äußert sich diese?

Hildes­heim hat ja nicht die Univer­si­täts­ge­schichte wie Göttingen oder Hannover. Das Uni-Leben ist noch gar nicht so alt in Hildes­heim und die Studie­ren­den­zahlen sind vor allem in den letzten Jahren stark gewachsen. Ich glaube, da ist eine Menge passiert. Alleine wie viele Cafés wie das Black Aaron, Made­moi­selle, Drei-Elf oder andere in den letzten sechs Jahren aufge­macht haben.  In den vergan­genen Jahr­zehnten sind einige Studie­rende hier geblieben und haben neues Stadt­leben gesucht und aufge­baut. Bestimmt haben auch Orte wie das Lite­ra­tur­haus St. Jakobi was verän­dert. Ich habe zu Beginn ganz bewusst gesagt, dass es ein Ort sein soll, an dem Studie­rende und Stadt­ge­sell­schaft zusammen kommen sollen. Daran wollte ich mich messen lassen und das hat auch wirk­lich geklappt. Und es kann gerne auch noch viel­mehr passieren. 

Wenn Studie­rende ihre neuen Texte vorstellen, sind es oft noch eine über­schau­bare Menge von Bürger*innen im Publikum. Aber bei unseren Veran­stal­tungen von ehema­ligen Studie­renden wie mit Mariana Leky, Shida Bazyar, Juan S. Guse, Philipp Winkler, Thomas Klupp oder Karo­line Menge waren oft schon die Hälfte Nicht-Studie­rende. Und wenn die mehr und mehr Gefallen daran finden, dass viel­leicht in einer Studie­renden-Lesung die nächste Mariana Leky oder der nächste Leif Randt sitzt, kommen sie auch mehr und mehr. Ich arbeite in beide Rich­tungen: wir helfen den Studie­renden-Veran­stal­tungen mit einem profes­sio­nellen Rahmen und machen zugleich den Bürger*innen schöne Ange­bote wie bei unserem 5‑jährigen Jubi­lä­ums­fest, auf dem fünf Studie­rende ihre neuen Texte vor gela­denem Publikum gelesen haben.

 

Sollte gene­rell mehr für ein gemein­schaft­li­ches Hildes­heim-Gefühl getan werden?

Mit einem Gedanken wie einem gemein­schaft­li­chen Hildes­heim-Gefühl, für das mehr getan werden sollte, tue ich mich schwer. Das klingt so gemacht und bestimmt. Prof. Dr. Annette Pehnt sagte mal, dass für sie das Lite­ra­tur­haus St. Jakobi der Ort ist, an dem sie „die“ Stadt trifft. Das fand ich ein sehr schönes Bild. Wir, die dir wir Kultur­orte in der Stadt und im Land­kreis verant­worten, können so eine Art Vermittler*innen zwischen Uni und Stadt, Studierenden/Lehrenden und Bürger*innen sein. Viel­leicht entstehen dann so was wie viel­fäl­tige Heimaten, mit denen sich viele verbinden können.

 

Ist eine mögliche Annä­he­rung etwas, was allein von Kulturschaffenden/Kulturvermittelnden geleistet werden kann? Wenn nein, wen würdest du gerne mit ins Boot holen?

Wir alle könnten ja mehr von den Möglich­keiten reden, die Stadt und Uni bieten, als von einer Kluft. Und dann das Gespräch suchen auch über das, was uns trennt und über all die Vorur­teile, die wir vonein­ander haben. Ich schätze es sehr, das Lite­ra­tur­haus-Programm vor den Augen der Lehrenden und Studie­renden des Lite­ra­tur­in­sti­tuts zu machen, weil ich mich immer hinter­fragen muss und immer Teil der aktu­ellsten Debatten bin. Dieses gemein­same Vonein­der­lernen mag ich sehr. Es hat dazu geführt, dass diese 500 Jahre alte Pilger­kirche mitten in der Gegen­wart ange­kommen ist. Der Kultur­haupt­stadt-Bewer­bungs­pro­zess hat in den letzten Jahren eben­falls viel verän­dert. Durch die Inte­gra­tion und Exper­tise von (ehema­ligen) Studie­renden und Lehrenden haben sich viele Türen geöffnet.

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Irgendwie 248 Sachen anfassen und so, Lese­bühne

Ihr seid eine Lese­bühne von Studie­renden „für alle Schrei­benden Hildes­heims“, so steht es zumin­dest auf eurer Face­book-Seite. Seht ihr euch selbst als Vermittler*innen zwischen Stadt und Studierenden?

Das geht viel­leicht etwas zu weit. Es ist auf jeden Fall unser Ziel ein möglichst breites und diverses Publikum anzu­spre­chen, schon allein, um den Texten der Lesenden die ange­mes­sene Aufmerk­sam­keit zukommen zu lassen. Leider ist es nicht immer so einfach die eigene Bubble zu durch­bre­chen. Unsere Veran­stal­tungen finden zwar meis­tens außer­halb der Univer­sität statt und wir versu­chen diese auch auf viel­fäl­tigen Wegen zu bewerben, in der Regel sitzen dann aber doch haupt­säch­lich Studie­rende im Publikum und auf der Bühne.

Seht ihr eine Kluft zwischen Stadt und Studierenden?

Kluft hat so einen fata­lis­ti­schen Beiklang, als gäbe es da etwas, das niemals über­wunden werden kann. Sicher­lich gibt es Städte in denen studen­ti­sches und städ­ti­sches Leben stärker mitein­ander verschmelzen, als hier in Hildes­heim, aber das heißt natür­lich nicht, dass ein regerer Austausch nicht möglich ist.

Was müsste eurer Meinung nach für eine Annä­he­rung getan werden?

Vermut­lich bräuchte es von allen Betei­ligten einfach ein biss­chen mehr Mut offen aufein­ander zuzu­gehen und aktiv Vorur­teile abzu­bauen. Das passiert aber natür­lich nicht einfach so. Dazu braucht es Insti­tu­tionen und Veranstalter*innen, die genau das in und mit ihren Programmen vorantreiben.

Sicher­lich muss man da aber auch erstmal auf sich selbst schauen. Als Privat­person muss ich mich fragen, mit welcher Einstel­lung ich der Stadt und den Menschen begegne und ob ich aus meiner Blase – die ich vermut­lich selbst erschaffen habe – wenn ich möchte nicht auch aktiv ausbre­chen kann. Auf der anderen Seite muss ich als Veranstalter*in auch meine Formate selbst­kri­tisch betrachten und mir über­legen, für wen das jetzt wirk­lich inter­es­sant ist. Und wenn ich möchte, dass ein diver­seres Publikum zu den Veran­stal­tungen kommt, muss ich die Möglich­keit in Betracht ziehen, etwas an deren Inhalt und Aufma­chung zu ändern.

Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass es eben auch Formate gibt, die einfach nur für eine bestimmte Ziel­gruppe inter­es­sant sind und dass das so auch in Ordnung ist.

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Judith Martin, Studentin und Program­mas­sis­tentin im Lite­ra­tur­haus St. Jakobi

 

Du bist Studentin und Program­mas­sis­tentin im Lite­ra­tur­haus St. Jakobi. Also sowohl Teil der studen­ti­schen Bubble, als auch Teil eines Teams, das versucht Menschen im Namen der Kultur zusam­men­zu­bringen. Nimmst du eine Kluft zwischen Studie­renden und Nicht-Studie­renden wahr und wenn ja wie äußert sich diese even­tuell unter­schied­lich in deinem beruf­li­chen und studen­ti­schen Alltag? 

Ich weiß nicht, ob ich es als Kluft bezeichnen würde, aber ich nehme auf jeden Fall wahr, dass der Austausch zwischen nicht studie­render Stadt­be­völ­ke­rung und studie­render schwierig ist. Wobei ich hier nicht mal über die ganze Uni, sondern eigent­lich nur über die Domäne spre­chen kann. Ich finde, dass es dem Lite­ra­tur­haus mit einigen Veran­stal­tungen sehr gut gelingt, ein durch­mischtes Publikum zu errei­chen, wenn ein*e Autor*in mit etwas größerem Namen kommt, z.B. Feridun Zaimoglu und Clemens Meyer, sind sowohl ältere Zuschauer*innen aus der Stadt als auch studen­ti­sches Publikum gekommen. Aller­dings fand dann kein Austausch zwischen beiden Gruppen statt. Von einer Frau, die mal zu einer Land­partie-Lesung vor ein paar Jahren gekommen ist, habe ich auch die Rück­mel­dung bekommen, dass es immer so exklusiv wirkt, die Veran­stal­tungen von den Studie­renden in der Kirche, und sie nicht weiß, ob sie über­haupt hingehen darf etc. 

Im studen­ti­schen Alltag merke ich, dass ich quasi keinen Kontakt zu Menschen aus der Stadt bekomme, wenn ich ihn nicht aktiv suche. Und auch das fällt manchmal schwer; ich glaube es liegt daran, dass die uni- bzw. domä­nen­in­iti­ierten Kultur­pro­jekte mich mehr anspre­chen und vor allem auch mehr errei­chen als andere Veran­stal­tungen z.B. im Theater für Nieder­sachsen und ich mich deshalb immer in einem ähnli­chen Kreis und einer kleinen Blase bewege.

 

Sollte mehr dafür getan werden Studie­rende und Nicht-Studie­rende Hildesheimer*innen zuein­ander zu bringen? 

Auf jeden Fall! Aller­dings finde ich Formate, die nur auf den Austausch / das Zusam­men­bringen von Studie­renden und nicht studie­renden Hildesheimer*innen ausge­richtet sind, immer etwas schwierig. Durch mein Prak­tikum und jetzt auch weiter die Program­mas­sis­tenz am Lite­ra­tur­haus habe ich städ­ti­sche Einrich­tungen und Stellen kennen­ge­lernt, die ich vorher nicht kannte: diese Hildes­heimer Brauerei z.B. und dann ein paar kirch­liche Instanzen und Lehrer*innen, die sich im Lite­ra­tur­haus enga­gieren bzw. mit ihrer Klasse kommen (das war so ein Schul­got­tes­dienst, der glaube ich einmal im halben Jahr statt­findet). Aber als normale Besu­cherin im Lite­ra­tur­haus hätte ich das alles nicht kennen­ge­lernt, außer viel­leicht die Getränke von der Brauerei und die Ehren­amt­li­chen, die an der Bar arbeiten. Deswegen habe ich da keine so richtig gute Idee, wer etwas effektiv für das Zusam­men­bringen tun kann und vor allem auch wie. Zu einem gewissen Teil hängt es denke ich mit der allge­meinen Abge­schott­etheit der Domäne zusammen, die natür­lich nicht bei allen Studie­renden gleich stark ausge­prägt, aber insge­samt schon ein Ding ist. 

 

Wie wird dieses Vorhaben bereits voran getrieben und was könnte/sollte noch getan werden? 

Im Lite­ra­tur­haus durch Veran­stal­tungen, die sowohl das städ­ti­sche als auch das studentische/ domä­ni­sche Publikum anspre­chen (s. erste Antwort) und durch das Enga­ge­ment von Ehren­amt­li­chen an der Bar. Das Bar-Team besteht zwar zum größten Teil aus Studen­tinnen, aber 1. nicht nur von der Domäne und 2. enga­gieren sich auch Bürge­rinnen, die nicht (mehr) studieren. Den Austausch mit ihnen empfinde ich als beson­ders wert­voll. Ansonsten s.o. in der 2. Antwort.

 

Gibt es etwas, dass du dir in diesem Kontext von den Hildesheimer*innen wünschst?

Das finde ich schwierig zu beant­worten, weil diese Gruppe ja sehr groß ist. Ich glaube eher, dass ich nochmal versu­chen will, mich selber durch außer­uni­ver­si­täre Akti­vi­täten (also Hobbies :D) mehr ins Stadt­leben zu inte­grieren. Ich habe auch nicht die Erwar­tung bzw. stelle nicht den Anspruch an die Hildesheimer*innen, dass sie mehr zu studen­tisch orga­ni­sierten Veran­stal­tungen kommen oder da mehr Kontakt suchen sollen, weil ich die "Bring­schuld" (wenn man es so nennen will) eher bei den Veranstalter*innen als beim Publikum sehe. Also viel­leicht doch durch Austausch- oder Gesprächs­for­mate, da gibt es manchmal als Nach­ge­spräche nach Thea­ter­per­for­mances sehr schöne Sachen und ich denke, dass die Studie­renden von der Domäne eigent­lich die Skills haben, so etwas auf die Beine zu stellen. Nur muss man viel­leicht nach Themen suchen, die die Stadt bewegen, und sich ein biss­chen aus der Blase herauswagen.

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Guido Graf, Senior Rese­ar­cher am Lite­ra­tur­in­stitut Hildesheim

Nimmst du eine "Kluft" zwischen studie­renden und nicht-studie­renden Hildesheimer*innen wahr oder macht das Wort aus einer Mücke den berühmten Elefanten?

Die Kluft würde ich als Fremd­heit beschreiben. Als ich selbst mit 18 Jahren aus Hildes­heim wegge­gangen bin, standen ganz neu Wegweiser an diversen Straßen mit der Aufschrift „Univer­sität Hildes­heim“. Da gab es die Univer­sität aller­dings noch gar nicht. Bis aus der Pädago­gi­schen Hoch­schule eine Univer­sität wurde, hat es noch zwei weitere Jahre gedauert. Und so distan­ziert die wenigen dama­ligen Studie­renden schon ange­sehen wurden, so zwie­spältig ist das Verhältnis, scheint mir, bis heute geblieben. Das gibt es prin­zi­piell natür­lich auch an vielen anderen Orten, an denen etwa Anfang der 1970er Jahre Univer­si­täten gegründet wurden. Die Menschen, die in diesen Städten leben, iden­ti­fi­zieren sich nicht unbe­dingt mit der Univer­sität. Kaum jemand spricht es mal aus, dass hier beide Seiten (und nicht nur ein paar Vermieter) vonein­ander profi­tieren könnten.

Lässt sich über die Jahre hinweg eine Entwick­lung im Verhältnis der Uni In- und Externen beobachten?

Die Frage können dieje­nigen unter den Lehrenden besser beant­worten, die auch in Hildes­heim leben, weil sie mit allen Facetten zu tun haben. Ich kenne die Stadt gut, aber nicht mehr ihre Bewohner°innen. In den letzten zehn Jahren habe ich immer mal wieder versucht, darüber zu schreiben, um auch mit dem sich nicht abnut­zenden Deja-vu-Erleben klar zu kommen, das mich über­fällt, wenn ich vom Bahnhof mit dem Fahrrad zur Domäne raus­fahre oder zurück. Teils sind das Stre­cken, die früher mal mein Schulweg waren oder mit denen ich andere Erin­ne­rungen verbinde. Und dann sind es Orte, Szenen, die sich kaum verän­dert haben oder die sich genauso sehr verän­dert haben wie ich mich selbst. Ich fürchte, die Dauer eines Studiums reicht nicht aus, um solche Entwick­lungen resü­mieren zu können. Und andere, größere Zeit­räume bedürfen einer alltäg­li­chen Nähe und Praxis.

 Sollten sich die Studie­renden (als die ange­henden Kultur­schaf­fenden, die sie viel­leicht sind) inten­siver mit dem Thema Hildes­heim beschäftigen?

Wenn ich den Kompa­rativ und das „sollen“ aus der Frage streiche, erhalte ich eigent­lich eine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Gerade die, die an der Domäne studieren, müssten sich im Wort­sinne deplat­ziert vorkommen, wenn sie sich nicht mit dem Ort, an dem sie sich befinden, ausein­an­der­setzen: forschend, beob­ach­tend, gestaltend.

Hildes­heim ist für viele Studie­rende nur eine Zwischen­sta­tion auf ihrem beruf­li­chen Werde­gang (die Bereit­schaft sich intensiv in das städ­ti­sche Leben zu inte­grieren, ist dadurch häufig nicht gegeben). Braucht es mehr und andere Perspek­tiven, die zum Bleiben anregen?

Ich bleibe an einem Ort, wenn ich beispiels­weise eine Person gefunden habe, die ich liebe und die mich liebt. Kinder lassen uns bleiben. Alle anderen Aufgaben, die uns zum Bleiben auffor­dern, müssen wir ebenso selbst schaffen. Aber natür­lich erscheint es erstmal schwierig, in einer relativ kleinen Stadt im noch mal klei­neren kultu­rellen Feld Möglich­keiten für den Lebens­un­ter­halt zu finden, weil sie eben nicht gegeben sind. Ande­rer­seits gibt es viel­leicht auch ganz prak­ti­sche Gründe: wer im kultu­rellen Feld arbeitet, verdient in der Regel nicht sonder­lich viel und braucht bei freier Tätig­keit möglichst nied­rige Lebens­hal­tungs­kosten. Und die dürften in Hildes­heim gegeben sein.

 

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Ein*e Mitarbeiter*in der Fazze, die Fahrradselbsthilfewerkstatt

Die Fazze ist nicht einfach nur eine Fahr­rad­werk­statt, sondern auch ein Raum in dem Hildesheimer*innen aufein­an­der­treffen. Geht es euch dabei ledig­lich um alles was zwei Räder hat oder auch um Gemein­schaft und Soli­da­rität über sozio-kultu­relle Grenzen hinweg?

Ehrenamt lebt vermut­lich sehr viel von der Gemein­schaft und persön­li­cher Aner­ken­nung. Wir im Team haben natür­lich das selbe Hobby oder sogar als haupamt­liche Tätig­keit, das macht die Gespräche leichter. Wir verstehen uns aber auch als sozio/kultureller Raum, in dem, wir als diverses Team auf unter­schied­lichste Menschen treffen und somit eine Gemein­schaft bilden. Da wir aber alle nur ehren­amt­lich in der FAZZE schrauben haben wir darüber keinen Konsenz und es gibt im Team viel­leicht auch Menschen, die einfach nur beim Schrauben helfen wollen. Unser Konsenz besteht darin, dass es keinerlei Diskri­mi­nie­rung geben soll.

Was uns verbindet, ist, dass wir das Fahrrad und das Wieder­her­stellen von Gebrauchs­ge­gen­ständen (Velos) als sehr wichtig finden. Das Fahrrad, der Roller und das zu Fuß gehen sind vermut­lich die einzigen indi­vi­du­ellen Vortbe­we­gungs­formen, die ein umwelt­ge­rechtes Fort­kommen ermöglichen.

 

Nehmt ihr eine Kluft zwischen Studie­renden und Nicht-Studie­renden wahr und wenn ja wie äußert sich diese (im Fazze-Alltag)?

Wenn die Menschen ,die die FAZZE nutzen wollen und die Nach­frage zu groß wird, haben wir schon erwogen Student*innen zu bevor­zugen, bisher haben wir es aber immer auf unsere Über­las­tung genommen.

Ich habe nicht den Eindruck, dass Besucher*innen eine Konkur­renz oder Ähnli­ches haben. Eher haben wir Schwie­rig­keiten die Spra­chen der Konsu­mie­renden zu treffen. Damit meine ich, dass Studie­rende einen sehr bewussten Umgang mit Diskri­mi­nie­rung in der Sprache haben, dem wir in der Vergan­gen­heit leider nicht immer gerecht werden konnten. Viele Menschen aus anderen Ländern mit wenig Deutsch- oder Englisch­kennt­nissen, wurden wir manches mal auch nicht gerecht, da der Bedarf dieser Menschen oft sehr hoch ist und wir die Sprach­bar­riere nicht über­winden konnten. Lange Jahre hatten wir einen Kollegen der in Marokko geboren wurde, dies war eine riesen Berei­che­rung, um die Arabisch spre­chenden Menschen wenigs­tens zu verstehen. (Dies ist kein Hocharabisch)

Seid ihr der Meinung es wäre wichtig eine solche Kluft zu überbrücken?

Ja! Wir sind ein Team von ca. 12 Personen und wenn in den warmen Monaten der Bär bei uns tobt, sind wir froh, wenn zum Feier­abend der Laden noch steht. Kluft finde ich keine schöne Bezeich­nung. Aber wenn wir uns verbes­sern könnten sind wir gerne für Ideen offen.

Auf die schnelle fallen mir ein paar Wünsche ein: Student*innen und Sprachwissenschaftler*innen mit Sprach­kom­petzen in unser Team, Super­vi­sion und eine wissen­schaft­liche Evalua­tion. Aber Ehrenamt wird oft falsch übersetzt.

Ich bin kein weisungs­ge­bun­dener Lohn­be­zieher, der einen Gegen­wert bekommt. Ich arbeite in Hameln, dass ich mir so ein schönes Hobby wie die FAZZE leisten kann. Dadurch mache ich natür­lich nur das worauf ich Bock habe und das was ich für die FAZZE und somit für seine Kunden für wichtig erachte.

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Jo Köhler, Vorstand Forum-Lite­ra­tur­büro e.V.

Wenn Sie das Verhältnis von studie­renden und nicht-studie­renden Hildesheimer*innen mit einem Wort beschrieben müssten, welches wäre das? 

Zwei Welten, die sich nur partiell berühren!

Welche Rolle spielen die Studie­renden in der Hildes­heimer Kulturlandschaft?

Die Studie­renden, die sich in den bestehenden Kultur­ein­rich­tungen wirk­lich einbringen, spielen eine durchweg konstruk­tive Rolle.

Sollten Kultur­ange­bote ziel­grup­pen­ori­en­tiert aufge­baut werden?

Ja und Nein. Kultur­ange­bote sollten immer auch die Menschen im Auge haben, für die sie gemacht werden. Gleich­zeitig sollten sie über den Kultur­be­trieb und seine Spiel­wiesen hinaus aber auch in ganz andere (harte) Bereiche unseres Lebens hinein­wirken und dadurch an gesell­schaft­li­cher Rele­vanz gewinnen.

Hat Lite­ratur die Kraft Menschen näher zusammenbringen?

Ich bin mir nicht sicher, ob das die einzige und vornehmste Aufgabe von Lite­ratur ist.

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Notate

In und aus der Stadt.

Notat I

Notat II

Notat III

Notat IV

Verstecktes

Ich sehe was, was du nicht siehst.

Verstecktes 4
Verstecktes 3
Verstecktes 1
Verstecktes 5
Verstecktes 2
Verstecktes 7
Verstecktes 6

FIN