Im Märchen ist die Hexe die Böse. Sie will Hänsel und Gretel grillen, sie schneidet Rapunzel ihre Haare ab. Bibi Blocks­berg ist eine coole Hexe; Harry, Hermine und Ron sind Zaubereischüler*innen. Auf TikTok prak­ti­zieren selbst­er­nannte Hexen Zauber­sprüche und legen Tarot-Karten. Immer dann, wenn jemand über Cancel Culture spricht, ist jemand, der laut ‘Hexen­jagd!’ schreit, auch nicht weit. Und in echt? In Europa wurden über ein Jahr­hun­dert lang vor allem Frauen als Hexen verfolgt und getötet. Feminist*innen nennen es den größten orga­ni­sierten Femizid der euro­päi­schen Geschichte. Dennoch ist das Phänomen der Hexen­jagd schlecht aufge­ar­beitet und kaum aner­kannt. Wie steht es mit den Hexen? Und welche Rolle spielen sie für das kapi­ta­lis­ti­sche Patriarchat?

Die Hexen und der Harz

Einmal jähr­lich ist der Harz der Sage nach das wich­tigste Reise­ziel für Hexen: Zur Walpur­gis­nacht fliegen sie auf den Blocks­berg (Brocken), um ihren größten und wich­tigsten Hexen­sabbat zu feiern. Dort tanzen sie ausge­lassen mit dem Teufel, lästern dabei Gott und alles was heilig ist. Die Hexen­feuer auf dem Brocken entstammen ursprüng­lich einer heid­ni­schen Tradi­tion, mit der böse Geister vertrieben werden sollten. Anwohner*innen schützten sich in dieser Nacht vor bösem Zauber mit drei Kreuzen an den Türen ihrer Häuser, Ställe und Scheunen.

Von diesem Mythos profi­tiert die Region bis heute. Zur Walpur­gis­nacht gibt es Fest­um­züge und Partys. In Wolfs­hagen herrscht bis Mitter­nacht „teuf­lisch gute Stim­mung“ bei Tanz- und Show­ein­lagen der Wolfs­häger Hexen­brut, bis dann die Maikö­nigin einzieht und die Hexen vertreibt. In Thale spielt auf dem Hexen­tanz­platz eine Rolling Stones Cover­band, in Schierke gibt es neben dem Hexen­umzug auch eine Party­bühne. Seit 2006 wird „Faust I und II — Die Rock­oper auf dem Brocken“ aufge­führt — ange­regt von der berühmten Walpur­gis­nacht­szene in Goethes Faust. Im Harz kann man „auf den Spuren der Hexen“ wandeln, die Brocken­hexe ist das belieb­teste Souvenir der Region und wird in unzäh­ligen Ausfüh­rungen verkauft. Auch in Hildes­heim kann man eine „teuf­li­sche Kostüm­füh­rung“ durch die Stadt machen. Eine solche touris­ti­sche Verein­nah­mung nennt die poli­ti­sche Philo­so­phin Silvia Fede­rici eine „fabri­zierte Geschichts­dar­stel­lung“. Eine Bezug­nahme auf das histo­ri­sche Phänomen der Hexen­ver­fol­gung gibt es kaum oder nur unter­kom­plex und verharm­lo­send.

Ein Blick nach Hildes­heim — "Sagen, Märchen, Schwänke und Gebräuche aus Stadt und Stift Hildes­heim"

Die alte Büter­sche ist eine Hexe — so steht es in einer Hildes­heimer Sage. Immer, wenn sie bei ihren Nach­barn zu Besuch kam „nahm [sie] den Ziegen die Milch und den Schweinen die Luft zum Fressen“. Eines Tages verflucht sie das jüngste Kind der Familie, indem sie magi­sches Garn in dessen Krippe legt. Das Garn wird von der Mutter im Kessel gekocht und die Symptome des Kindes verschwinden sofort. Die Büter­sche klopft verzwei­felt an der Tür und beschwört die Familie, das Feuer unter dem Kessel auszu­ma­chen, aber die Mutter schickt sie zum Teufel. Mit Brand­blasen über­säht flieht die Büter­sche und stirbt kurze Zeit später.

Die Voraus­set­zung zum Erlangen dieser magi­schen Fähig­keiten war der Pakt mit dem Teufel. Und auch im früh­neu­zeit­li­chen Hildes­heim ging der um, und führte die in Versu­chung, die nicht auf der Hut waren. Liest man weiter im Band "Sagen, Märchen, Schwänke und Gebräuche aus Stadt und Stift Hildes­heim", dann findet man heraus: christ­lich, männ­lich, fromm sein kann in der Konfron­ta­tion mit dem Teufel nicht schaden: Der Teufel versucht, einen Priester zu verführen, der sich nach getanen guten Taten ein Feier­abend­bier in der Domschenke geneh­migt. „Ich will dir helfen, dass du voll wirst, nachher wisch ich dir leichter eins aus“, denkt sich der Teufel, und trinkt mit dem Priester. Der redet aber nach dem ersten Drink über nichts als Gottes Größe, sodass der Teufel geschwächt fliehen muss. In einer anderen Erzäh­lung lauscht der Teufel an der Hildes­heimer Dommauer. Der Priester, der darin predigt, ist aller­dings so fromm, dass das Horn der Teufels an der Mauer fest­brennt. Den Abdruck davon kann man heute noch an der Dommauer sehen.

Hexen­hammer, Kirche und Staat — Die Insti­tu­tionen der Hexenverfolgung

Bis ins 12. Jahr­hun­dert wurde der Glaube an Hexen, Teufel und dunkle Magie als Aber­glaube geahndet. Der Beginn der Hexen­ver­fol­gung stellt also einen Para­dig­men­wechsel dar. Dämo­no­lo­gi­sche Schriften, die schnell sehr populär wurden, beschrieben das angeb­liche Wirken des Teufels in Alltags­si­tua­tionen. Die wich­tigste Frage darin: Woran erkenne ich eine Hexe und was mache ich, wenn ich eine vor mir habe? Die wohl einfluss­reichste der dämo­no­lo­gi­schen Schriften war der „Hexen­hammer“, geschrieben von Inqui­sitor und Theo­logen Hein­rich Kramer. Darin werden Frauen als anfäl­liger für schwarze Magie, sexuell uner­sätt­lich und schwach in ihrem Glauben gezeichnet. Sie verkör­pern die anima­li­sche irra­tio­nale Natur (weshalb Haus­tiere, bspw. Katzen, oft als ihre Komplizen verteu­felt wurden), während ihre Verfolger im Sinne des Geistes und des Verstandes handelten. Deshalb gingen in erster Linie Frauen den Pakt mit dem Teufel ein, der immer auch sexuell war. Zwar wurden nicht nur Frauen als Hexen verfolgt, die Rolle der Hexe ist jedoch ideo­lo­gisch auf sie zuge­schnitten. Angeb­liche Zauber, die sie ausübten, betrafen Besitz­tümer, wie Haus und Hof, Vieh und die Ernte, sowie die Männer selbst. Nicht selten wurde „Hexen“ vorge­worfen, Männer liebes­toll oder impo­tent gezau­bert zu haben. Ein wich­tiger Teil des Hexen­ham­mers sind detail­lierte Regeln zum Ablauf von Hexen­ver­fahren. Die grau­same Folter, die als Hexen ange­klagte Frauen ertragen mussten ist bekannt. Von der Wasser­probe über die Suche nach einem angeb­li­chen Hexenmal bis hin zum Tod auf dem Schei­ter­haufen waren Ange­klagte Schmerz, Leid und Demü­ti­gung ausge­setzt. War anfangs die Kirche die Instanz, die die Hexen­ver­fol­gung voran­trieb, waren mit der Zeit auch mehr und mehr säku­lare Kräfte invol­viert. Auch in Hildes­heim lag die Gerichts­bar­keit sowohl beim Fürst­bi­schof, als auch beim Domka­pitel, bei Teilen der Ritter­schaft und beim Rat verschie­dener Städte.

Wer waren die Hildes­heimer Hexen?

Frauen, die als Hexen verfolgt wurden, waren häufig arm, alt oder allein­ste­hend. Sie hatten beispiels­weise unter der zuneh­menden Priva­ti­sie­rung von Land zu leiden, das vormals im Gemein­de­be­sitz war. Es waren auch Frauen, die von der Dorf­ge­mein­schaft als aufsässig und wider­spenstig wahr­ge­nommen wurden. Häufig waren es Hebammen, Heile­rinnen und Köchinnen, also Frauen, die das verkör­pern, was Fede­rici „vorka­pi­ta­lis­ti­sche soziale und kultu­relle Prak­tiken“ nennt. Auch Personen, die von der herr­schenden Sexu­al­moral und Geschlechts­an­for­de­rungen abwi­chen, wurden ange­klagt. Die Anklage als Hexe konnte jedoch grund­sätz­lich jede*n treffen — auch Männer und Frauen aus der Oberschicht. 

In Hildes­heim sind 35 Hexen­pro­zesse doku­men­tiert, 25 davon endeten mit Todes­ur­teilen, auf dem Schei­ter­haufen in der Stein­grube. Grund­sätz­lich ist das Wissen über die Hexen­ver­fol­gung in Hildes­heim, Nieder­sachsen und ganz Deutsch­land wenig erforscht. Zwar ist die Anzahl der Urteile in Hildes­heim im Vergleich relativ gering — Für Städte dieser Größen­ord­nung war typisch, dass in den Hexen­ver­fahren eher "vorsichtig und abwä­gend" vorge­gangen wurde — gut ein Dutzend der Verur­teilten wurden jedoch unty­pisch früh hinge­richtet: Jahre vor dem Erscheinen des Hexen­ham­mers 1486. Schon im Jahr 1428 gab es den ersten Prozess gegen eine 'tover­sche' (Zauberin), die nach wochen­langer Haft in Hannover hinge­richtet wurde. Unter den verur­teilten Hildes­heimer Hexen finden sich die meisten der ange­führten Anklagen wieder. Die hier aufge­führte Liste ist unvoll­ständig und exemplarisch.

1513


1562



1563



1565



1615


1628

Zehn Frauen werden dafür ange­klagt, mehrere Männer verhext und liebes­toll gemacht zu haben. Drei von ihnen wurden hinge­richtet.

Die Siborg­sche wird ange­klagt, die Türschwelle der Moller­schen mit verzau­bertem Hühner­blut verhext zu haben, dass dem nächsten, der eintrete "nimmer­mehr gudt gescheie". 34 Tage nach ihrem Verhör wurde sie "mit Feuer gestraft".

Ein frisch zuge­zo­gener Blinder wird ange­klagt für eine von der Kirche nicht auto­ri­sierte Teufels­aus­trei­bung. Damit begab er sich in Konkur­renz zur Kirche und wurde der Stadt verwiesen

Ilse Ridders gesteht unter Folter, zur Walpur­gis­nacht auf den Blocks­berg geflogen zu sein. Sie wird zum Tod auf dem Schei­ter­haufen verur­teilt.

Der sech­zehn­jäh­rige Hein­rich Kirsch wird zunächst wegen "Polterei" und Dieb­stahl bei seinem Meister Hans Meier ange­klagt. Darum geht es im Verlauf des Verfah­rens aber längst nicht mehr. Später wird ihm vorge­worfen, der Teufel habe ihm gelehrt, sich in eine Katze zu verwan­deln. Trotz der Gnaden­ge­suche seines Vaters wird er zum Tode verur­teilt.

Anna Tieling wird von einer anderen als Hexe ange­klagten Frau ange­schwärzt. Sie habe einen Mann mit einem Teufel­strunk vergiftet und außerdem das Kind ihrer Nach­barin krank gemacht. Unter Folter gesteht sie die Taten.

Hexen­ver­fol­gung und die Entste­hung des kapi­ta­lis­ti­schen Patriarchat

In ihrer Arbeit „Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüng­liche Akku­mu­la­tion“ analy­siert Silvia Fede­rici die Hexen­ver­fol­gung in Europa als Phänomen des histo­ri­schen Über­gangs vom mittel­al­ter­li­chen Feuda­lismus zum Früh­ka­pi­ta­lismus der frühen Neuzeit. In dieser Phase musste sich die gesamte gesell­schaft­liche Struktur grund­le­gend verän­dern, das neue Produk­ti­ons­system erfor­derte „neue Konzepte von Arbeit, Wohl­stand, Werten“, einen neuen Menschen­schlag. Und so auch, für die Betrach­tung der Hexen­ver­fol­gung beson­ders wichtig, eine Neuor­ga­ni­sa­tion der gesell­schaft­li­chen Rolle der Frau.

Die Priva­ti­sie­rung von Land, das sich zuvor nach dem Gewohn­heits­recht im Eigentum der Gemeinde befand, schuf eine neue Gruppe besitz­loser Arbeiter*innen. Alte und allein­ste­hende Frauen traf das beson­ders hart, denn sie wurden so von jegli­chem Verdienst abge­schnitten. Durch die Einhe­gung von Land wurden sie zu Ausge­grenzten, die aber in großer räum­li­cher Nähe zu den Ausgren­zenden leben mussten — das sorgte für Konflikte und Ressentiments.

Zuvor hatten Frauen manche Macht­po­si­tionen inner­halb der Gemeinde inne. Sie waren Träge­rinnen von Wissen und wurden mit der Natur und Heil­kraft asso­zi­iert. Mit der neu aufkom­menden Produk­ti­ons­weise war das nicht vereinbar. Wie bereits beschrieben musste die Natur einge­hegt werden. So auch der Körper derer, die als weib­lich iden­ti­fi­ziert wurden. Sexua­lität und Fort­pflan­zung standen jetzt im Dienst der kapi­ta­lis­ti­schen Produk­tion. Frauen wurden zu Ehefrauen und Müttern, von denen die bedin­gungs­lose Unter­ord­nung gefor­dert wurde. Sie sollten Repro­duk­ti­ons­ar­beit verrichten, also die Arbeit, die notwendig ist, um die Arbeits­kraft der Männer zu erhalten und zu erneuern. Jede Abwei­chung von dieser rigiden Sexu­al­moral wurde als sexu­elle Perver­sion oder „Koitus mit dem Teufel“ sank­tio­niert. Eine Funk­tion der Hexen­ver­fol­gung war die Diszi­pli­nie­rung der Frauen sowie die Kontrolle ihrer Körper. Die gegen­sei­tige Bezug­nahme unter Frauen wurde durch die drohende Gefahr der Denun­zia­tion verun­mög­licht. Frauen waren nicht selten Zeuginnen in Hexen­pro­zessen. So wurden andere Frauen zur reellen Gefahr. Sie wurden als „bösartig, neidisch, miss­günstig und teuf­lisch“ gesehen. Ihre Haupt­be­zugs­person wurde somit ihr Ehemann und sie an die häus­liche Sphäre gebunden.

Der femi­nis­ti­sche Widerstand

2020 veran­stal­tete die Celler Orts­gruppe der femi­nis­ti­schen Orga­ni­sa­tion 'Gemeinsam kämpfen' eine Gedenk­ver­an­stal­tung an die in Hildes­heim ermor­deten ‘Hexen’. Damit stehen sie in Tradi­tion von Feminist*innen, die in den sieb­ziger Jahren die Hexe zur Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur der femi­nis­ti­schen Bewe­gung machten. In den USA grün­dete sich 1968 die 'Womens Inter­na­tional Terro­rist Conspi­racy from Hell' (kurz W.I.T.C.H.), die in 'Zirkeln' orga­ni­siert war. Die Orga­ni­sa­tion nutzte die Symbolik der Hexen bei ihren femi­nis­ti­schen, kapi­ta­lis­mus­kri­ti­schen Aktionen. So 'verhexten' sie als Protest die Börse, die am nächsten Tag tatsäch­lich um einige Punkte fiel. "One way to reclaim to your iden­tity in the face of oppres­sion […] is to take the word of oppro­brium, of criti­cism, and say, "OK, I'll own that". In W.I.T.C.H., we used it as guer­rilla theater", sagt eine ehema­lige WITCH-Akti­vistin im Inter­view. Auch in Europa fanden zur Walpur­gis­nacht Demons­tra­tionen und Feste statt, die den ermor­deten 'Hexen' gedachten und mit der Analyse von und ihrem Kampf gegen patri­ar­chale Gewalt in der Gegen­wart verknüpften. Die Demons­trie­renden verklei­deten sich als Hexen und sagten ihren Verge­wal­ti­gern den Kampf an. In dieser Tradi­tion stehen auch femi­nis­ti­sche „Take back the night“-Demos, die mitt­ler­weile oft am 25. November statt­finden. Am Tag gegen patri­ar­chale Gewalt erobern FLINTA Frauen, Lesben, inter, trans, agender*) sich die Nacht und den öffent­li­chen Raum zurück, in dem sie sonst mit Beläs­ti­gung und sexua­li­sierter Gewalt konfron­tiert sind. 


Lite­ratur

Silvia Fede­rici — Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüng­liche Akku­mu­la­tion. Berlin, 2004.
Silvia Fede­rici — Hexen­jagd. Die Angst vor der Macht der Frauen. Münster, 2019.
Joachim Lehr­mann — Für und Wider den Wahn. Hexen­ver­fol­gung im Hoch­stift Hildes­heim. Lehrte, 2000.
Karl Seifart — Sagen, Märchen, Schwänke und Gebräuche aus Stadt und Stift Hildes­heim. Kassel/Göttingen, 1860.

Ein Beitrag von: Paula Valk, veröf­fent­licht am 29.04.2024

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