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„Wenn ich mir in den Kopf setze, einen CSD in Hildesheim zu organisieren, dann mache ich das!“

  • 27. Juni 2026
  • Bente Schwichtenberg

Zwischen Community Organizing und strukturellen Hürden

An einem Junisamstag 2025. Es ist kurz vor eins, die Mittagssonne prallt auf den Angoulêmeplatz in der Hildesheimer Innenstadt. Ich hänge mir die Nonbinary-Pride-Flagge um, die mir mein bester Freund geliehen hat. Wir grinsen uns an. Zwischen unseren Freund*innen, zwischen unglaublich vielen anderen Menschen. Überall sehe ich bunte, sommerliche Outfits, Flaggen und Schilder. Unbeteiligte Stadtbewohner*innen bleiben irritiert am Rand stehen. Können nicht wie gewohnt über den Platz schlendern oder eilen. Dann schaltet sich ein Mikrofon auf der Bühne ein, die ich vor lauter Menschen kaum sehen kann. Lou Hannig begrüßt uns zum ersten Christopher Street Day in Hildesheim. In den darauffolgenden Tagen lese ich, dass 5.000 Menschen für die Demonstration zusammengekommen sind.

Auch in diesem Jahr, am 27.06.2026, wird ein CSD in Hildesheim stattfinden. Ich frage mich: Wie ist es, einen CSD zum ersten Mal in einer Stadt zu organisieren? Was macht Spaß, was ist anstrengend? Und was hat sich verändert im Vergleich zur Organisation des zweiten CSDs?

Ein Interview mit persönlichen Einblicken von Lou Hannig aus dem Verein CSD Hildesheim e. V.

Die Ursprünge des CSDs liegen im Stonewall Riot, dem Aufstand gegen Polizeirazzien in der Bar „Stonewall Inn“ in New York City. Am 28. Juni 1969 wehrte sich die Community, besonders Schwarze trans Frauen, die häufig im Fokus der Gewalt und Schikane standen. Es folgte ein mehrtägiger Aufstand in der Christopher Street, die namensgebend für die heutigen Gedenk- und Demonstrationsveranstaltungen ist. Mehr über die Hintergründe des CSDs und warum es ihn immer noch braucht, gibt es z. B. im FAQ des CSD Hildesheim nachzulesen.

Dass nicht nur queere Geschichte, sondern auch die Gegenwart komplex in ihren Diskursen und Perspektiven ist, zeigt sich am Beispiel der CSD-Planung in Hildesheim. Mehr darüber erzählt Interview-Partnerin Lou Hannig. Sie ist erste Vorsitzende des CSD Hildesheim e. V. und war 2025 maßgeblich daran beteiligt, den ersten CSD in Hildesheim zu organisieren. Außerdem ist sie beim Bündnis gegen Rechts und Fridays for Future aktiv. Wenn sie sich nicht politisch engagiert, ist sie in der Kletterhalle zu finden.

Lou, wann und wie bist du auf die Idee gekommen, einen CSD in Hildesheim zu organisieren?

„Die Idee ist aus der Beziehung mit meiner Freundin Nila heraus entstanden. Sie hat mich über Silvester 2024/25 in Berlin besucht. Ich wohne seit zwei Jahren in Berlin, bin aber viel noch in Hildesheim und überwiegend hier politisch aktiv. Auf dem Weg zurück haben wir uns Gedanken gemacht, was wir das nächste Jahr über machen wollen und was uns für Themen wichtig sind. Wir waren beide schon vorher aktivistisch engagiert, viel in Klimaschutz-Kontexten. Ich komme aus einem Gewerkschafter-Haushalt und bin früh politisiert worden. Und wir hatten dann die Idee, wir würden gerne einen CSD in Hildesheim organisieren. Wir fanden schon länger, dass es einen geben sollte, wussten aber auch nicht so ganz, woran es lag [dass es bisher keinen gab]. Durch Zufall haben wir dann mit einer befreundeten Person gesprochen, die sich schon 2024 mit verschiedenen Orgas zusammengetan hatte, um einen CSD zu organisieren. Der ist aber geplatzt, weil sich eine Gruppe diskriminierend verhalten hat. Durch diesen Konflikt verschiedener Orgas ist bis dahin noch nie ein CSD in Hildesheim zustande gekommen.

Nila und ich haben uns dann um den Jahreswechsel herum gesagt: Okay, wir wollen das selber in die Hand nehmen! Dann haben wir bewusst Einzelpersonen angesprochen, von denen wir wussten, mit denen können wir gut zusammenarbeiten, losgelöst von so Machtkämpfen, die manchmal zwischen Orgas stattfinden.“

Wie ging es dann weiter? Wie habt ihr geplant und woher wusstet ihr, worauf ihr achten müsst?

„Wir haben uns ein kleines Team zusammengestellt und geguckt: Was braucht es für Arbeitsbereiche? Ich habe schon viel gemacht in der bundesweiten Vernetzung von Fridays For Future und auch überregionale Streiks, Kongresse und Demonstrationen in größeren Städten mitorganisiert. Darum wusste ich ziemlich gut, was es braucht, um eine große Demo zu organisieren. Wir haben uns relativ gezielt Personen rausgesucht, von denen wir wussten, diese Person hat zum Beispiel besondere Expertise beim Thema Programm und Kultur, diese Person kann gut logistische Dinge organisieren, diese Person hat Connections zur Kufa und kann da Veranstaltungstechnik klarmachen und so weiter. Also sehr fachspezifisch Leute zusammengesucht, von denen wir dachten, dass sie das mit uns organisieren wollen. Und wollten dann auch alle. Sehr. Das war toll (lacht).

Für mich war das eine Mischung aus aufregend und irgendwie auch eine große Verantwortung und Ehre, den ersten CSD in Hildesheim zu organisieren. Ich mache Dinge gerne zum ersten Mal. Einer der größten Reize daran ist, von niemanden gesagt zu bekommen Das haben wir schon immer so gemacht oder Das kannst du so nicht machen, das macht man so nicht. Ich habe gerne die Dinge selber in der Hand und finde meine eigenen Wege. Und das geht in so einem kleinen Team halt gut. Natürlich haben wir aber auch viel auf bestehende Strukturen zurückgreifen können. Wir haben teilweise die Mobilisationsverteiler von bestehenden Orgas mitgenutzt. Die Fridays for Future Ortsgruppe aus Hildesheim hat uns ganz viel unter die Arme gegriffen. Wir haben bestehende Technik und bestehende Räume von Leuten genutzt für die Planung. Der DGB [Deutscher Gewerkschaftsbund] hat ja ein Büro in der Osterstraße, da haben wir immer unsere Plena abgehalten. Das lief über so persönliche Connections, zu großen Teilen über das, was ich mir so in den letzten zehn Jahren Aktivismus in Hildesheim angesammelt habe und auch von anderen Leuten und dem, was sie davor schon gemacht hatten. Hamun Hirbod zum Beispiel [1. Vorsitzender der Partei Die Partei], der war auch ziemlich von Anfang an dabei und sitzt ja auch im Stadtrat und hat darüber viel zu Parteien Connections. Da haben wir einfach versucht, die Connections und bestehenden Strukturen zu nutzen und darauf aufzubauen.

Ich habe jetzt auch den zweiten CSD mitorganisiert und ich muss ganz ehrlich sagen: Den ersten CSD zu organisieren, hat mir sehr viel mehr Spaß gemacht als den zweiten. Das ist jetzt sehr persönlich, aber ich kenne das auch von anderen Projekten schon, dass ich immer sehr viel Spaß daran habe, so neue Dinge auf die Beine zu stellen und wenn man das dann zum zweiten, dritten, vierten Mal macht, das diesen Reiz auch relativ schnell wieder verliert.“

Save the Date: Der zweite CSD in Hildesheim findet am Samstag, den 27.06.2026 statt. Los geht’s ab 12 Uhr an der Steingrube. Weitere Infos, Liveticker und Möglichkeiten zur Unterstützung unter: www.csd-hildesheim.de

Was war euch besonders wichtig bei der Organisation des CSDs?

„Uns war vor allem wichtig, von Anfang an darauf zu achten, dass der CSD möglichst inklusiv und intersektional wird. Nila und ich sind beide von unterschiedlichen Diskriminierungsformen betroffen, also Nila von Rassismus, ich von Transfeindlichkeit. Uns war gerade im Kontrast zu den Versuchen, die es schon gab, in Hildesheim einen CSD zu organisieren, wichtig, dass der bei uns auf jeden Fall antirassistisch und transinklusiv wird. Und dass er sich auch gegen andere Diskriminierungsformen stellt und so barrierearm wie möglich gestaltet wird. Wir haben uns auch dazu entschieden und es umgesetzt bekommen, dass unser CSD nicht nur eine große Party ist, sondern auch ein politisches Statement. Dass wir den Fokus mehr auf eine politische Demonstration als auf einen Festzug legen […] und dass diese Message in der Öffentlichkeit und Presse gut transportiert wird.“

Was war die größte Herausforderung?

„Es gab viele Herausforderungen, aber ich glaube, die größte war – und das habe ich auch am meisten unterschätzt – die doch sehr unterschiedlichen, diversen Bedürfnisse von den ganzen politischen Orgas aus Hildesheim, oder auch teilweise nicht-politischen Orgas, Vereinen und Verbänden, unter einen Hut zu bekommen. Wir hatten vom feministisch-antifaschistischen Kollektiv bis hin zur evangelischen Kirche irgendwie echt alle mit dabei. Das war total toll, dass wir die alle mit dabeihatten, aber eben eine Veranstaltung zu organisieren, die für alle radikal genug, nicht zu radikal, laut genug, nicht zu laut ist und so weiter, hat eine Menge Arbeit gekostet.

Es gab auch noch andere Sachen: Natürlich war es schwierig Geld aufzutreiben, das ist es ja immer. Da hatte ich mir aber am Anfang sehr viel mehr Sorgen drum gemacht, als es nötig gewesen wäre. Wir haben für den CSD insgesamt knapp 10.000€ ausgegeben und wir haben alles von diesem Geld gefundraised. Wir hatten das StuPa [Studierenden Parlament] von der Uni Hildesheim, was uns gefördert hat, und ein paar Förderungen und Spenden von politischen Orgas aus Hildesheim. Aber den größten Teil des Geldes haben wir einfach durch Spenden über Gofundme erhalten.“

Was habt ihr gelernt? Was habt ihr mitgenommen für den diesjährigen CSD?

„Um beim Thema zu bleiben: Die Leute geben einem Geld, wenn man sie danach fragt. Und ich glaube, die Leute haben sehr darauf gewartet, dass es einen CSD gibt in Hildesheim. Wir haben immer gesagt: Das Beste, wie ihr uns unterstützen könnt, ist Geld. Weil daran mangelt es am meisten und das können wir am schlechtesten kompensieren. Wenn mal was gemacht werden muss, kann ich fünf Stunden mehr die Woche dran arbeiten, aber 500€, die kann ich nicht aus der Luft zaubern. Das war so das größte Learning. Und sonst: Es gab eine Menge Leute, die skeptisch waren, auch aus meinem persönlichen Umfeld, die sich gefragt haben, ob das alles so wird und man sich da nicht übernimmt und so weiter. Da habe ich für mich meine Starrsinnigkeit mitgenommen. Wenn ich mir in den Kopf setze, einen CSD in Hildesheim zu organisieren, dann mache ich das und das klappt dann auch. Also auf so einer Metaebene: Man kann Dinge schaffen, wenn man es einfach macht. Gerade so große Projekte wie einen CSD zu organisieren oder eine andere große Veranstaltung – überhaupt für eine Sache einzustehen, die einem wichtig ist – das wirkt alles immer ganz groß und aufregend und als könnte man das nur schaffen, wenn man Superkräfte hätte. Aber am Ende braucht es oft einfach eine gute Idee und den Mut, die umzusetzen, und dann wird das auch cool. Das habe ich sehr aus dem letzten Jahr mitgenommen. Und auf so einer Sachebene: Die ganze Kommunikation und wie man verschiedene Bündnisse vereint. Das haben wir dieses Jahr sehr viel besser hinbekommen. Es sind jetzt noch mehr Orgas mit dabei. Wir haben über 30 Stände, also wirklich krass, was da dieses Jahr auf die Beine gestellt wurde.“

Wie geht es in Zukunft weiter?

„Es war eigentlich der Plan, dass wir uns einen Haufen der finanziellen Orga von 2025 erleichtern. Das hat nicht so geklappt. Aber zum CSD letztes Jahr haben wir einen gemeinnützigen Verein gegründet und eintragen lassen. Dieser Verein ist dafür gedacht, in den nächsten Jahren, also perspektivisch, jedes Jahr einen CSD in Hildesheim zu organisieren. Das Orga-Team vom letzten Jahr bleibt bestehen, da haben sich fast alle Leute wieder zusammengefunden. Ich habe für mich persönlich gesagt – auch, weil ich ja nicht mehr in Hildesheim wohne: Ich möchte mich immer weiter rausziehen. Aus früheren Projekten habe ich mitgenommen, dass das ich das gut kann, Dinge zum ersten Mal zu organisieren, und dann den Staffelstab an Leute weiterzugeben, die einen längeren Atem haben. Dieses Jahr gibt es den zweiten CSD in Hildesheim. Da bin ich noch sehr viel mehr involviert, als ich das eigentlich gerne hätte. Nicht, dass mir das keinen Spaß macht, aber ich stoße da ein bisschen an das Limit meiner eigenen Kapazitäten. Während der Organisation vom CSD sind wir jetzt dabei, viele von den Aufgaben, die unter anderem ich übernommen habe, weiterzugeben. Das funktioniert viel dadurch, dass ich Dinge mit Leuten zusammen mache, in der Hoffnung, dass sie es nächstes Jahr alleine können.

Dadurch, dass wir letztes Jahr so einen großen Aufschlag gemacht haben, haben wir eine Menge Förderungen beantragen können. Jetzt haben wir ein größeres Budget als beim letzten Mal, was total cool ist. Letztes Jahr sind schon einige Sachen auf der Strecke geblieben oder durch Ehrenamt und persönliche Connections zustande gekommen. Jetzt sind wir eine etablierte Orga mit Geld und können zum Beispiel die Band besser bezahlen. Das ist Hertzcasper aus Hannover, die sind dieses Jahr wieder am Start. Damit der CSD nicht nur vom guten Willen anderer Leute lebt, sondern dass alle Beteiligten fair bezahlt werden können.

Das Einzige, was jetzt noch fehlt, sind neue Leute, die in die Orga reinkommen. Unsere Orga ist wahnsinnig jung. Ungefähr die Hälfte schreibt gerade ihr Abitur und sind dann nächstes Jahr beschäftigt und ziehen vielleicht weg. Deswegen suchen wir Leute, die Lust haben ins Orga-Team zu kommen. Wir werden möglichst früh, noch auf dem CSD, Werbung dafür machen, um eben neue Leute reinzuholen, die sagen Ich bringe die und die Fähigkeiten mit oder auch Ich bringe noch überhaupt keine Fähigkeiten mit und würde das gerne lernen. Das ist so die Perspektive des CSDs in Hildesheim.“

Wie kann man den CSD sonst noch unterstützen?

„Vor allem, in dem man hingeht und es weitersagt. Und man kann immer noch spenden. Auch wenn wir Förderungen haben, ist unser Geld immer noch knapp. Wir haben eine Gofundme Page, da kann man entweder einfach so spenden, oder man kann sich als Dankeschön ein Armband abholen. Aber vor allem eben einfach: spread the word, so viele Leute wie möglich mitbringen und zum CSD kommen. Das ist das größte Geschenk, was man uns machen könnte!“

Auf dem Kalender in meiner WG-Küche ist das Wort Juni durchgestrichen, stattdessen steht dort Pride month! Der 27.06.2026 ist natürlich für den CSD in Hildesheim freigehalten.

Bente Schwichtenberg

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