Ich fange mal mit diesem Satz an: 

Amanda Reich

Im Sommer 2023, hatte ich das Privileg mit Schüler*innen aus der 8.Klasse ins Gespräch zu kommen. Die Gesprächs­reihe fand unter dem Titel "Lebende Bücher" statt. Ein Format, in der verschie­dene Persön­lich­keiten (lebende Bücher), mit unter­schied­li­chen Berufen von Schüler*innen inter­viewt werden. Die Jugend­li­chen haben sich für knapp 3 Monate in ihren Klassen auf die Inter­views vorbe­reitet. Da ich nicht wusste, was mich erwartet, habe ich eine kurze Power­Point Präsen­ta­tion mit meinen "Lieb­lings" Quotes vorbe­reitet, da ich die Teil­neh­menden ermu­tigen, moti­vieren und inspi­rieren wollte. Wichtig zu erwähnen ist, dass 90 % Jugend­li­chen eine Migra­ti­ons­ge­schichte mitbringen. Ich verstehe womit die Kinder zu kämpfen haben und kann mich mit vielen Heraus­for­de­rungen die sie im Alltag, in der Schule und im Privat­leben mitbringen iden­ti­fi­zieren. Sie haben mich zum Beispiel gefragt: wie ich es als schwarze Person ins Studium geschafft habe und welche Schwie­rig­keiten ich dabei hatte.

Als die Schüler*innen merkten, dass ich sehr offen auf die Fragen einging, entfal­tete sich das Gespräch und sie fingen an mir Fragen zu stellen, die sie nicht vorbe­reitet hatten. Es war wirk­lich schön zu sehen, wie sie sich öffneten und ihre Ängste und Sorgen mit mir teilten. 

Sie wollten immer mehr Antworten haben, und mehr über meinen Prozess und meinen Werde­gang erfahren. Mein Haupt­beruf (Kultur­ma­na­gerin) hat sie nicht wirk­lich inter­es­siert, was ich von vorn­herein schon geahnt hatte. Ein Kommentar eines Schü­lers hat mich sehr gerührt und mich wieder daran erin­nert, wie ich ange­fangen habe. Er meinte, dass mein Durch­hal­te­ver­mögen ihn sehr an Rosa Parks erin­nert. Ich habe mir erstmal die Frage gestellt, warum er in diesem Alter Rosa Parks kennt!? Ich habe mich sehr geehrt gefühlt. Da die Kinder das Thema Rassismus ange­spro­chen haben, habe ich hier die Gele­gen­heit genutzt, um auch dies­be­züg­lich über meine Erfah­rungen zu sprechen.

Als schwarze Frau habe ich in meinem Leben schon so viele Erfah­rungen mit Rassismus gemacht, sodass es manchmal schwer war, sie alle zu verar­beiten. Von subtilen Vorur­teilen bis hin zu offener Diskri­mi­nie­rung — ich habe alles erlebt. Ich schreibe diesen Blog nicht, um Mitge­fühl zu bekommen, sondern eher als Ermu­ti­gung an die Leute, die einen ähnli­chen Werde­gang hatten. 

Als erst­ge­bo­rene Tochter einer einge­wan­derten ghanai­schen Familie hatte ich es wirk­lich nicht einfach. Schon als Kind, war ich sehr an künst­le­ri­schen und kultu­rellen Dingen inter­es­siert. Ich liebte tanzen, singen und Theater spielen. Meine Eltern waren davon nicht über­zeugt, da es zu meiner Zeit nicht üblich war, schwarze Kinder in einer Tanz­schule, im Theater oder im Chor zu sehen. Gott sei Dank, hatte ich meinen eigenen Kopf und habe trotzdem "heim­lich" diese Akti­vi­täten ausgeübt. Ihr fragt euch bestimmt, wie ich das finan­ziert habe. Seitdem ich 7 Monate alt bin, habe ich eine deut­sche Paten­tante. Sie hat mich finan­ziell zum größten Teil in meinen Akti­vi­täten unter­stützt wofür ich ihr bis heute sehr dankbar bin. Zusätz­lich habe ich viel Zeit in eine Art Jugend­zen­trum verbracht, in dem ich mich ehren­amt­lich sehr enga­giert habe und mit 13 Jahren anfing, meine ersten 5€ wöchent­lich mit Tanz­un­ter­richt zu verdienen. Neben meinem 5€ Job hatte ich im jungen Alter noch andere Verant­wor­tungen, nämlich die super kompli­zierten Briefe vom JobCenter, Finanzamt oder anderen Ämtern meiner Eltern durch­zu­lesen. Meine Eltern haben die deut­sche Sprache nicht verstanden und erst recht nicht diese ultra schwer geschrie­benen Amts­briefe. Heißt im jungen Alter musste ich lernen erwachsen zu werden. Ich habe die Briefe meiner Eltern geschrieben und sie zu den jewei­ligen Ämtern begleitet. Nicht zu vergessen, dass ich auch noch zur Schule gegangen bin. In der weiter­bil­denden Schule, hat der ganze Stress erst richtig ange­fangen. Mit einer Haupt­schulemp­feh­lung, welches ich bis heute nicht nach­voll­ziehen kann, haben mich meine Eltern auf die Real­schule geschickt.

Die Schule war für mich lange Zeit ein Ort der Angst und des Stresses. Ob in der Familie oder im Klas­sen­zimmer selbst, ich fühlte mich immer unter Druck gesetzt und unter­schätzt. Meine Lehr­kräfte schienen einfach nicht an mich zu glauben und das bekam ich ständig zu spüren.

Jedes Mal, wenn ich eine Frage stellte, wurde ich von meinen Lehr­kräften ins Lächer­liche gezogen oder sogar aus dem Unter­richt geworfen, wenn ich mich gegen rassis­ti­sche Äuße­rungen vertei­digte. Es war frus­trie­rend und demo­ra­li­sie­rend, immer wieder das Gefühl zu bekommen, nicht ernst genommen zu werden.

Dies führte dazu, dass ich den Sinn der Schule immer weniger nach­voll­ziehen konnte. Meine falschen Glau­bens­sätze wurden lauter in meinem Kopf und der Gang zur Schule wurde zur Last. Ich fühlte mich unver­standen und allein gelassen in einer Umge­bung, die eigent­lich ein Ort des Lernens und der Entwick­lung sein sollte. Es ist wichtig, dass wir uns bewusst­ma­chen, wie unsere Worte und Taten andere Menschen beein­flussen können. Rassismus und Vorur­teile haben keinen Platz in der Bildungs­ein­rich­tung. Ich hatte keine Vorbild­funk­tion, die mich erbaut oder inspi­riert hat weiter­zu­ma­chen. Ich war auch keine Person, die das unbe­dingt zu Hause geteilt hat, weil ich meine Eltern damit nicht belasten wollte. Das Tanzen und Singen, war meine Art von Therapie um abzu­schalten, weil ich in meinen Gaben/Talenten gesehen und geschätzt wurde. Der ganze Stress in der Schule, hat sich in meinen Noten gezeigt und ich wurde nicht in die Real­schule versetzt und musste in die Haupt­schul­klasse gehen. Einer der schlimmsten Erfah­rungen in meinem ganzen Leben. 

Eine Text­pas­sage die mich bis heute noch begleitet: 

"What doesn't kill you makes you stronger." https://www.youtube.com/watch?v=Xn676-fLq7I

Kelly Clarkson

Es ist nicht einfach etwas durch­zu­ziehen mit dem Wissen, dass keiner an dich glaubt, du Hinder­nisse und Ängste hast. Du es jeden beweisen musst und Eltern hast, die wollen, dass du einen akade­mi­schen Abschluss machst, um am Ende die Träume deiner Eltern zu leben. Ärztin, Rechts­an­wältin, Inge­nieurin oder Busi­ness­ma­na­gerin werden, andere Berufe standen für sie nicht zur Auswahl. Ich muss sagen, dass ich "heute" verstehe, warum unsere Eltern so gehan­delt haben. Meine Eltern wollten eigent­lich nur das Beste für mich, damit ich nicht das gleiche durch­mache wie sie. Meine Eltern kommen nicht aus einer Akade­miker Familie und waren während meiner Schul­lauf­bahn keine Hilfe. Dadurch, dass ich großes Inter­esse an Kultur und Kunst hatte, konnte ich mit meinen Gaben und Talenten im frühen Alter auf mich aufmerksam machen. Ich hatte die Möglich­keit mit vielen Einrich­tungen zum Beispiel der AWO zusam­men­zu­ar­beiten. Ich habe junge Menschen mit Migra­ti­ons­ge­schichte betreut, begleitet und Zeit mit ihnen verbracht. Das hat mir zu dem Zeit­punkt so viel Hoff­nung gegeben und Spaß hatte ich auch dabei. So hat sich seitdem ich 13 Jahre alt bin ein Netz­werk entwi­ckelt, welches mich immer näher an meinem Traum zur Sozi­al­ar­bei­terin gebracht hat. Meine dama­lige Leitung, hatte mich darin ermu­tigt, alles zu geben in der Schule, damit ich später Sozi­al­ar­bei­terin werden kann. Somit hatte ich trotzt des Rassismus einen Grund zur Schule zu gehen. Mit jeder nega­tiven Aussage wurde ich stärker. Aus meiner Schwäche wurde wirk­lich meine Stärke. Konstant umgeben zu sein von Menschen die dich nicht mögen, von Menschen die keine Visionen haben und von Menschen die einfach gemein und hass­erfüllt sind, das ist kein Zustand! Das war aber meine Realität. Ich musste für meine Eltern und für meine jüngeren Geschwister ein Vorbild sein, deshalb habe ich einfach die Augen zuge­macht und durch­ge­zogen. In der Haupt­schule hatte ich kaum Lehr­kräfte die rassis­tisch mir gegen­über waren. Diesen Part haben meine Klassenkamerad*inneren abge­deckt. Mit viel Hilfe von meinen dama­ligen Leiter*innen und meiner Paten­tante habe ich es geschafft meinen Real­schul­ab­schluss zu erzielen. Von dort bin ich dann auf eine Privat­schule gegangen, um mein Fach­ab­itur in Sozi­al­ar­beit zu machen. Diese Schul­zeit, habe ich wirk­lich sehr genossen. Mein Abitur­zeugnis hatte zum dama­ligen Zeit­punkt nicht für mein Soziale Arbeit Studium gereicht. Ich bin so froh, dass es nicht geklappt hat. 😀 Sonst wäre ich heute nicht hier. Ich muss dazu erwähnen, dass ich bis heute während meiner Schule und während meines Studiums sehr viel arbeiten musste, damit ich mir mein Studium oder meine Privat­schule leisten konnte. Das war und ist natür­lich eine totale Herausforderung. 

Als jemand, der aus einer nicht-akade­mi­schen Familie stammt, kann ich aus eigener Erfah­rung sagen, dass der Weg zum Studium oder zur akade­mi­schen Lauf­bahn oft mit Heraus­for­de­rungen und Hinder­nissen gespickt ist. In meiner Familie gab es niemanden, der bereits einen Univer­si­täts­ab­schluss hatte oder mir den Weg dorthin zeigen konnte. Es war manchmal frus­trie­rend, sich in einem Umfeld zu befinden, in dem Bildung und akade­mi­scher Erfolg nicht unbe­dingt im Vorder­grund standen. Oftmals fehlte es an Unter­stüt­zung und Verständnis für meine Ambi­tionen und Ziele. Es war einsam, sich alleine auf den Weg zu machen und sich durchzukämpfen. 

Aber trotz all dieser Schwie­rig­keiten habe ich auch gelernt, stärker und selbst­stän­diger zu werden. Ich habe gelernt, meine eigenen Wege zu finden und mich nicht von den Erwar­tungen anderer beein­flussen zu lassen. Ich habe hart gear­beitet und bin meinen eigenen Weg gegangen, auch wenn er steinig war.

Es ist wichtig zu erkennen, dass Bildung nicht nur für dieje­nigen zugäng­lich sein sollte, die aus akade­mi­schen Fami­lien stammen. Jeder verdient die Chance auf eine gute Ausbil­dung und die Möglich­keit, seine Träume zu verwirk­li­chen — unab­hängig von seiner Herkunft. Meiner Meinung nach sollte sich in den Schulen mehr mit den Visionen und Träumen der Schüler*innen ausein­an­der­ge­setzt werden. Ich glaube stark daran, dass dies eine gute Präven­ti­ons­maß­nahme für früh­zei­tige Schulabbrecher*innen sein könnte. 

Meine Lauf­bahn, war nicht einfach dennoch entschei­dend. Ohne meine Geschichte und ohne meine Erfah­rungen, könnte ich kaum die Sprache der Jugend­li­chen spre­chen und sie verstehen. Ich wäre wahr­schein­lich nicht auf die Idee gekommen, eigene Projekte für Menschen mit Migra­ti­ons­ge­schichte zu planen. Ich hätte einfach keine Story gehabt, die die Menschen abholt, inspi­riert und moti­viert. Ich empfehle jedem, sich an den Orten blicken zu lassen, wo alles in deiner Lauf­bahn begonnen hat. Geh in die Schule und ermu­tige die Klassen vor Ort, sie brau­chen es. 

Für all dieje­nigen da draußen, die eben­falls aus nicht-akade­mi­schen Fami­lien kommen: Lasst euch nicht entmu­tigen! Euer Hinter­grund defi­niert nicht eure Zukunft. Mit harter Arbeit, Entschlos­sen­heit und Selbst­ver­trauen könnt ihr alles errei­chen, was ihr euch vornehmt. Glaubt an euch selbst und geht euren eigenen Weg — auch wenn er anders ist als der eurer Familie.

Ein Beitrag von Amanda Reich, veröf­fent­licht am 19.04.2024

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