Verlo­rene Ziel­gruppen: Für wen machen wir Kultur?

von | Mrz 23, 2023

Studieren am Kultur­campus bedeutet: Eigene Projekte starten, Veran­stal­tungen planen und dabei Neues lernen – so das Ziel. Aber wer nimmt bei Kunst- und Kultur­ver­an­stal­tungen letzt­lich teil?
In Nach­wuchs­for­maten wie dem SCHREDDER-Festival erhalten wir die Möglich­keit, dieser Frage nach­zu­gehen. Schaffen wir es, über unseren eigenen kultu­rellen Teller­rand hinaus zu blicken?

SCHREDDER-Festival 2022

Doku­men­ta­tions-Team des SCHREDDER-Festi­vals 2022, vor dem Thea­ter­haus Hildes­heim.  Foto: Tilda Schneider

,,In den Veran­stal­tungen des Kultur­campus trifft sich das Fach­pu­blikum. Das Burg­theater, aber auch der Campus selbst, ist ein Ort des künst­le­ri­schen Schaf­fens und des Diskurses. Studie­rende des Haupt­campus oder gar aus der Stadt verirren sich nur selten hier her.

Auch das SCHREDDER-Festival am Thea­ter­haus Hildes­heim ist eine solche vor allem durch Kultur-Student*innen besuchte Veran­stal­tung. Hier können sich junge Thea­ter­gruppen erproben und ihre ersten Stücke reali­sieren. Auch das Leitungs­team wird jedes Jahr aufs Neue ausge­schrieben und so ist der SCHREDDER für alle Betei­ligten ein Raum zum Lernen. 

Die Frage danach, wie es möglich ist beson­ders viele Menschen zu errei­chen, bleibt in jedem Jahr eine Heraus­for­de­rung. Da das Publikum des SCHRED­DERs von je her, vor allem vom Kultur­campus kommt, hat die Werbung inner­halb dieser Ziel­gruppe meist Prio­rität. Es scheint jedoch nicht nur daran zu liegen, dass die Werbung für das Festival nur selten zu den Menschen in der Stadt durch­dringt. Viel­mehr läge das, so ein Mitglied des Leitungs­teams 2022, an der gene­rellen Konzep­tion des SCHRED­DERs als Diskurs-Festival. Die Betei­ligten des Festi­vals bringen ihr Publikum gewis­ser­maßen aus ihrem eigenen Umfeld mit.

Doch welche Dyna­miken stecken hinter dem Ausschluss, hinter der am Kultur­campus so genannten Blase”? Woran liegt es, dass die Domäne Mari­en­burg nicht nur als Ort, sondern auch als Insti­tu­tion so weit weg zu sein scheint?

Kultur­ma­nage­ment und Zielgruppen

Prof. Dr. Birgit Mandel, Dozentin für Kultur­ma­nage­ment am Kultur­campus Hildes­heim, beschäf­tigt sich seit Jahren mit Ziel­grup­pen­ent­wick­lungen und der Kultur­nut­zer­for­schung. Es seien die verschie­denen Erwar­tungen an eine Kultur­ver­an­stal­tung, sagt sie, die die Zuschau­enden in zwei Lager teile. Zum einen sei da das Fach­pu­blikum, das darauf hoffe, neue Erkennt­nisse und Anstöße zu bekommen, es hoffe auf Inno­va­tion. Zum anderen das Laien­pu­blikum, das darauf setze, etwas verstehen und mitnehmen zu können, gleich­falls aber auch unter­halten zu werden. „Wenn man das Gefühl hat, dass Insze­nie­rungen so über­kom­plex sind, dass man gar keinen Sinn daraus machen kann, dann ist das für die meisten Leute eben keine gute Unter­hal­tung und auch keine posi­tive, sondern eine nega­tive Irri­ta­tion." Aber ist es in jedem Fall diese nega­tive Irritation, die ein Publikum von außer­halb abschreckt? Birgit Mandel spricht von einer Toleranz gegen­über anderen künst­le­ri­schen Quali­täts­be­griffen. Man müsse sich mehr öffnen und eine Unter­hal­tungs­kultur gegen­über der Avantgardekultur als gleich­wertig begreifen. Erst dann könne etwas geschaffen werden, das den Anspruch hat, nicht nur das Fach­pu­blikum anzu­spre­chen. Liegt das Problem demnach zual­ler­erst in unserem Denken? Machen wir als Studie­rende des Kultur­campus unseren Kunst­be­griff zur Norm und erkennen einen anderen nicht an? Uns wird an der Uni beigebracht, dass es nicht die eine Art gibt, ein Thea­ter­stück zu verstehen. Wir gehen ins Theater in dem Wissen, dass wir weder alles verstehen können, noch müssen. Doch wer bringt das den Menschen bei, denen dieses Vorwissen fehlt? Wieso glauben wir über­haupt, diesen Menschen etwas beibringen zu müssen, ohne in Betracht zu ziehen, dass wir auch etwas von ihnen lernen könnten? Setzen wir Fach­wissen voraus und glauben, dass unsere Erwar­tungen an Theater für alle gelten sollten? Ist all das eine Arro­ganz, die so tief verwur­zelt ist, dass wir sie nicht einmal mehr als das erkennen, was sie ist?
Wir könnten etwas ändern.

Aber wahr­schein­lich ist es für so ein Festival von Studie­renden der Kultur­wis­sen­schaft kaum möglich, sich zu über­legen, wie man einer­seits die eigene Commu­nity bedient (die anderen Studie­renden, die Dozie­renden) und ande­rer­seits die Hildes­heimer Stadt­be­völ­ke­rung erreicht." sagt Birgit Mandel. Es sei okay, sich dafür zu entscheiden, ein Stück nur für die Fachcommunity zu machen. Aller­dings sei es dann entschei­dend, sich dem bewusst zu sein, dass ein Stück die allge­meine Bevöl­ke­rung ausschließt und eben nur von der eigenen Blase rezi­piert wird, und damit wenig mit den Kultur­er­war­tungen und Vorstel­lungen insge­samt in der Bevöl­ke­rung zu tun hat", so Mandel.

Aber wie lerne ich, mit den Erwar­tungen umzu­gehen, die von einer Gruppe kommen, die ich als Publikum in meinen Stücken immer ausklam­mere? Viel­leicht muss ich mir, um diese Frage beant­worten zu können, zual­ler­erst immer die Frage stellen, welche Erwar­tungen es geben kann, um dann zu entscheiden welche ich als Künstler*in erfüllen möchte.

Anika Kind, künst­le­ri­sche Leitung des Thea­ter­hauses, betont, wie wichtig die Frage für wen man produ­ziere im Kultur­be­trieb sei, sagt jedoch auch, dass sie leider aus unter­schied­li­chen Gründen oft zu kurz käme. Dem hohen Anspruch, den Gruppen an sich stellen, für alle produ­zieren zu wollen, könne man leider weder im Theater noch in der Kunst gerecht werden. Man brauche eine spezi­fi­sche Zuwen­dung hin zu der Frage, für wen produ­ziert würde. Dafür benö­tigt es aber eben auch Kapa­zi­täten, die häufig im engen Projekt­rahmen kaum möglich schaffbar sind.

Wie Birgit Mandel ist auch Anika Kind der Meinung, man mache sich zu wenig Gedanken darüber, wen man als Künstler*in anspre­chen wolle. Denn wer sich des Ausschluss­pro­zesses nicht bewusst ist, ist auch nicht in der Lage, etwas daran zu ändern.

Weil wir alle grade erst anfangen, fühlt man sich in seiner Blase außerdem eigent­lich ganz wohl und das Gespräch über Stücke und Themen in einer Fachcommu­nity hat seinen Reiz. Mit all den neuen Erfah­rungen scheint es zudem etwas viel zu sein, sich auch noch über­legen zu müssen, wie ein Publikum aus der Stadt ange­spro­chen werden könnte. Dies bestä­tigte mir auch Fran­ziska Niehaus. Sie ist beim SCHREDDER-Festival sowohl als Leitungs­team als auch in einer der perfor­menden Gruppen dabei gewesen und kennt daher sowohl die künst­le­ri­schen als auch die orga­ni­sa­to­ri­schen Kompo­nenten des Festi­vals. Im Gespräch stellen wir fest, dass eine Verän­de­rung zugunsten eines diverser aufge­stellten Publi­kums das Programm berei­chern würde. Das Festival funk­tio­niert einer­seits inner­halb der Fachcommu­nity in einem geschützten Raum, in dem sich die Gruppen ganz auf die Stück­ent­wick­lung konzen­trieren können. Ande­rer­seits wäre ein Blick von außer­halb eine span­nende Lern­erfah­rung, die den Thea­ter­schaf­fenden auf ihrem Weg sehr helfen könnte. 

Es ist möglich, diese so verschie­denen Rezipient*innen-Gruppen zusam­men­zu­bringen. So zum Beispiel in parti­zi­pa­tiven Projekten, in denen zusammen etwas geschaffen wird. Nur scheint der SCHREDDER als Diskurs-Festival und Möglich­keit erster Schritte viel­leicht nicht das rich­tige Format dafür zu sein.

soll­te­be­stehenIn Hildes­heim bleiben

Um mehr darüber zu erfahren, wie Projekte mit Menschen aus verschie­densten Berei­chen möglich sind, und wie sich die Studi­en­gänge am Kultur­campus in diese Rich­tung entwi­ckelt haben, habe ich mit einer Hildes­heimer Kultur­schaf­fenden gespro­chen. Manuela Hörr hat selbst Kultur­päd­agogik an der Univer­sität Hildes­heim studiert und macht heute neben dem Kinder­theater zahl­reiche inter­sek­tio­nale Projekte mit Menschen aus verschie­densten Kontexten. Sie bringt, wie es laut Birgit Mandel die Aufgabe von Kultur ist, Menschen zusammen, die sich sonst eigent­lich nicht mehr begegnen würden.

In ihrer Zeit an der Univer­sität hat auch Manuela Hörr fest­ge­stellt: Es sind nie die Hildes­heimer mitge­dacht worden, wo ich mich immer gefragt habe, warum eigent­lich nicht?“. Das wollte sie nach ihrem Studium anders machen. An der Uni sei es eher um die persön­liche Entwick­lung und die Entwicklung des Stückes gegangen. Der Gedanke, wen man im eigenen Stück anspre­chen möchte, sei damals wie heute weit weniger präsent als er es sein sollte. Manuela legte als DJ bei Partys auf, lernte über ihre Projekte immer mehr Leute kennen, die auch aus der Stadt kamen, inter­es­sierte sich für die Stadt und ihre Bewohner und baute sich so ein Netz­werk auf. Um die Menschen außer­halb der Fach­com­mu­nity zu errei­chen, sei es wichtig, ihnen einen Zugang zu dem zu geben, was man macht, sagt sie. Man habe nicht von Anfang an ein Netz­werk, auf das man zurück­greifen kann, das wächst erst mit der Zeit. Um Kultur­campus und Stadt zu verknüpfen, brauche es also ein Projekt, dass genau diese Verbin­dung in den Fokus stellt – mit Studie­renden, die bereit sind, sich dem zu öffnen und in ein gegen­sei­tiges Verständnis zu inves­tieren. So könne sich auch länger­fristig ein gemein­sames Projekt gestalten. Hilf­reich, so sagt die Diplom-Kultur­päd­agogin sei es ebenso, wenn den Studie­renden die bestehenden Kultur­ange­bote Hildes­heims inten­siver näher gebracht würden. So werde es für sie auch attrak­tiver, nach ihrem Studium even­tuell in der Stadt zu bleiben und die Verbin­dung zu halten. Auch könnten sich die Hildes­heimer Studie­renden in gemein­samen Projekten mit der Hildes­heimer Kultur­szene vernetzen. Um eine Lang­fris­tige Verbin­dung zwischen Univer­sität und Stadt­leben herzu­stellen, brauche es jedoch Zeit. All das müsse sich erst entwickeln.

Am Anfang steht in jedem Fall ein Umdenken. Statt auf Vorwissen zu bauen, sollte viel­mehr in ein gegen­sei­tiges Verständnis inves­tiert werden. Das indi­vi­du­elle Wissen jedes Einzelnen kann als Grund­bau­stein gemein­samer Projekte genutzt werden. Auch Diskurs-Formate haben ihre Berech­ti­gung, jedoch sollte man sich bewusst machen, dass ein Ausschluss statt­findet. Nur dann können auch Wegen gefunden werden, diesen zu Umgehen. Im besten Fall führt die zu wech­sel­sei­tigen Lerneffekten.

Ein Beitrag von Meret Stühmer, veröf­fent­licht am 23. März 2023