Noch bevor man anfängt zu studieren hört man viele Horror­storys über WGs. Plötz­lich wohnt man mit Fremden zusammen, es ist laut, dreckig und alle haben irgendwie komi­schen Ange­wohn­heiten. Hier möchte ich euch einen Einblick in die andere Rich­tung bieten: Wie schön es sein kann in einer WG zu wohnen. Wie man von Mitbe­wohnis zu Freund*innen und Vertrauten werden kann, so dass der Auszug dann doch schwer fällt. Dazu gibt es noch ein paar Tipps für ein ange­nehmes Zusammenleben. 

Die Anfänge

Als ich zum Studium in meine erste WG nach Hildes­heim zog, merkte ich gleich, dass sie unge­wöhn­lich ist. Gelandet bin ich in Itzum und habe schnell gelernt, dass es, abge­sehen vom Studi­wohn­heim, eher eine unge­wöhn­liche Gegend für WGs ist.

Ich kam in der neuen WG an und war fast alleine, denn Flocke musste am nächsten Tag zurück nach Berlin und würde erst zu Semes­ter­be­ginn zurück­kommen und Clacks hatte sich mit COVID im Zimmer zurück­ge­zogen. Nach einiger Zeit haben wir ange­fangen, jeden Tag stun­den­lang zu reden. Im Flur saßen wir beide in unseren Türrahmen und lernten uns kennen. Von Anfang an gab's nicht viel Small­talk bei uns, geredet wurde über alles mögliche und meine anfäng­liche Nervo­sität ist schnell verflogen. 

Hier ist Familie

Im Haus lebten wir in der oberen von zwei Wohnungen, in der vor uns viele andere WGs wohnten. Das Haus gehört der Familie von Clacks und die untere Wohnung war derzeit nicht mehr bewohnt. Schon unge­wöhn­lich, in einem Fami­li­en­haus als WG zu leben und dazu auch noch zu vergleichs­weise nied­riger Miete. Ab und an kam auch die Familie vorbei, blieb mal kürzer, mal länger da und so habe ich viel Verwandt­schaft von Clacks kennen­ge­lernt. Habe vieles erfahren über die Menschen die hier lebten, bevor wir da waren und über die Menschen die aus allen Ecken Deutschlands/der Welt immer wieder hierher zurück­kehrten. Einige spielten hier Klavier, die Tante teilte immer ihren frisch­ge­ba­ckenen Kuchen und andere teilten viele Geschichten. 

Doch von Anfang an stand leider fest, wir leben hier nur für ein Jahr, das Haus soll verkauft werden. So stand über unserer WG immer sowas wie ein Ablauf­datum und schon bald begann der Stress, sich wieder etwas Neues suchen zu müssen. Zu hoffen, sich mit der neuen WG auch so gut zu verstehen, aufge­regt neue Leute kennen­zu­lernen und der Wunsch auch dort ein biss­chen Zuhause zu finden. 

Freund*innen finden

Freund*innen zu finden ist schwer und braucht Zeit. Beson­ders zu Beginn des Studiums ist das eine große Sorge. Doch versteht man sich gut mit seiner WG, kann es eine große Erleich­te­rung sein. Mit Clacks, die schon länger studierte und Flocke, die jede Woche zwischen Berlin und Hildes­heim pendelte, habe ich viel über Freund­schaft geredet. Dabei hatte ich nie das Gefühl, unter Druck zu sein, sondern viel Verständnis erfahren. Es war allge­mein sehr viel Raum dafür da über alle mögli­chen Schwie­rig­keiten zu reden, ob es ums Studium oder ganz andere Sachen ging. Auch wenn wir über die drei Semester, die wir zusammen gewohnt haben, einiges unter­nommen haben, ging uns dennoch wie vielen anderen Studis: Man macht viel zu selten etwas außer­halb der eigenen WG Wände, denn neben dem Uni-Stress bleibt kaum Zeit dafür. 

Natür­lich war nicht immer alles ernst, denn über Flockes Brok­koli Obses­sion konnte man schon gut lachen. Und neben unsere gemein­samen Koch- und impro­vi­sierten Tanz­abenden hat auch die Entwick­lung unseres WG-Spiels viel Spaß gemacht.

Anlei­tung zum WG-Spiel

Perfekt zum Kennen­lernen, in wenigen Schritten:

  • Ganz viele Schnipsel werden beschriftet mich Sachen wie: Welches Tier wäre ich? Welchen fiktiven Charakter würde ich daten? Habe ich schonmal was geklaut? 
  • Die Schnipsel werden gefaltet in einem Glas gesam­melt und Reihe um zieht die erste Person einen Zettel und liest in vor. Die übrigen Personen in der Runde versu­chen die Frage so genau oder lustig wie möglich zu beant­worten und die Person die gezogen hat entscheidet welche Antwort am besten passt. Es geht Reihe um so weiter. 
  • Ermu­tigt beson­ders Leute von außer­halb der WG eben­falls Fragen im Glas zu hinter­lassen und ziem­lich schnell habt ihr eine gute Mischung. 
  • Bleibt natür­lich respekt­voll und erlaubt Leuten einen anderen Zettel zu ziehen, wenn sich diese nicht wohl fühlt. 

Domäne Mitbe­wohnis

Wenn du mit anderen Studie­renden der Domäne zusammen wohnst, bekommst du viel von den krea­tiven Projekten der anderen mit. Als Flocke für ein Seminar einen Kurz­film drehen sollte, waren Clacks und ich sofort am Start und ich stand das erste Mal vor der Kamera. Es war viel­leicht nicht meine beste Schau­spiel­leis­tung, aber wir hatten sehr viel Spaß bei der Produk­tion und ich bin froh, die Erfah­rung gemacht zu haben. 

Als Clacks dann ihr erstes Perfor­mance Stück entwi­ckelt hat, habe ich viel von der Planung mitbe­kommen und von Tag 1 mitge­fie­bert. Am Ende die Premiere zu sehen, war super aufre­gend und ganz anders als sich die Stücke von Fremden anzu­schauen. Natür­lich waren die beiden auch bei meinen Werk­schauen und haben sich ange­schaut, was ich so über die Semester produ­ziert habe. 

Das Flocke sich viel mit Film beschäf­tigt, hatte auch den schönen Effekt, dass wir viele Filme zusammen geschaut (und darüber disku­tiert) haben und sie eigent­lich immer was gutes zu empfehlen hat. Dass wir drei so gerne tanzen, hat bestimmt auch dazu beigetragen, dass die beiden mir zum Geburtstag eine Tanz­per­for­mance hinge­legt haben. Und wenn man schon zusammen studiert, dann nimmt man auch möglichst jedes Fest mit: Ob Campus­fest, Neujahrs­emp­fang, Werk­schauen oder Premieren, zusammen hingehen hat es immer besser gemacht. 

Tipps für das Zusammenleben

  1. Kommu­ni­ka­tion: Besprecht von vorne rein, was ihr von der WG erwartet. Wollt ihr eine Zweck-WG oder wollt ihr eure Mitbewohner*innen kennen­lernen und auch mal was unter­nehmen und reden können? Besprecht auch Sauber­keit, Laut­stärke etc.
  2. Keine Angst: Euch braucht nichts pein­lich sein. Wenn man zum Beispiel abends zusam­men­sitzt und Musik hört, habt keine Angst, auch etwas einzu­bringen. Das Schlimmste, was passieren kann ist, dass es den anderen nicht gefällt und was anderes ange­macht wird. Niemand wird dich für deinen Musik­ge­schmack etc. fertig machen. (bzw. mit solchen Leuten will man ja auch nicht zusammen wohnen)
  3. Kommu­ni­ka­tion: Seid ehrlich, wenn euch etwas stört oder wenn ihr ein Problem habt. Durch Schweigen löst es sich meis­tens nicht.
  4. Kommu­ni­ka­tion: Auch wenn ihr eine freund­schaft­liche Art in der WG etabliert habt, fragt nach, ob es passt, bevor ihr schwere Themen beredet. Auch wenn ihr der anderen Person sehr persön­liche Fragen stellt, könnt ihr ein "du musst nicht drüber reden, wenn du nicht möch­test" dran hängen. 
  5. Seid respekt­voll: Besprecht wie ihr den gemein­samen Space nutzen wollt: viel­leicht ist der Flur sehr klein, also sind deine 10 paar Schuhe in deinem Zimmer wahr­schein­lich besser aufge­hoben. Außerdem sagt kurz Bescheid, wenn ihr Gäste kriegt, beson­ders wenn ihr die gemein­samen Räume nutzt. (Außer deine Mitbe­wohnis haben vorher klar ausge­drückt, dass es ihnen komplett egal ist).
  6. Kommu­ni­ka­tion!! Sprecht insge­samt lieber über eine Sache zu viel als zu wenig, es sollen sich ja möglichst alle wohlfühlen. 

WGs sind…

manchmal anstren­gend, manchmal schön. Man hat viel­leicht nicht immer so viel Ruhe wie man es sich wünscht und ist sich mit seinen Mitbewohner*innen nicht immer einig. Wenn man sich aber grund­sätz­lich darüber einig ist, wie man zusammen leben will, ist es schöner als alleine zu wohnen. Für viele Studis sind WGs die einzige Möglich­keit, bezahlbar während des Studiums zu wohnen, aber es muss nicht alles Zweck sein. Unsere WG ist viel­leicht ein Ausnah­me­fall gewesen, aber ich hoffe nicht. Ich hoffe, dass falls ihr auch gerade auf der Suche seid, eben­falls eine tolle WG finden werdet. Für meinen Teil würde ich die Erfah­rungen der letzten 3 Semester nicht eintau­schen wollen. 

Ein Beitrag von: Rebecka Rein, veröf­fent­licht am 02.05.2024

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