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Außergewöhnliche Nebenjobs — Übertitelinspizienz

  • 11. Oktober 2022
  • Annika Osenberg

Ein Beitrag von Annika Osenberg. Veröffentlicht am 11. Oktober 2022

Wie viele Studierende verdiene auch ich neben dem Studium Geld durch einen Nebenjob. Laut einer Studie von Forsa arbeiten 3 von 4 Studenten neben der Uni in Mini-Jobs, um sich das Studium und das Leben zu finanzieren. Der Studie kann man entnehmen, wie sich die Studierenden auf verschiedene Branchen verteilen, wobei einige davon das Feld deutlich anführen, zum Beispiel Jobs an der Universität selber.

Es gibt allerdings auch die ca. 6 % der Studierenden, die in eher unüblichen Sektoren ihr Geld verdienen. Zu diesen 6 % gehöre auch ich: Ich arbeite neben dem Studium als Übertitelinspizienz am Theater für Niedersachsen.

Moment mal – was ist denn eine Übertitelinspizienz?

So verdienen Studierende ihr Geld:

Job an der Universität selbst (HiWi, Doktorand*in etc.)BürotätigkeitNachhilfeEinzelhandelGastroSonstigesQuelle: https://www.forschung-und-lehre.de/lehre/drei-von-vier-studenten-haben-nebenjobs-3192Im Theater ist es oft sinnvoll, das, was gesagt/gesungen wird, zusätzlich zu übertiteln. Man kann sich das etwas wie Untertitel bei Filmen vorstellen, nur dass die Schrift im Theater über der Bühne zu sehen ist (zumindest hier in Hildesheim). Es wird bei manchen Stücken auf Deutsch, meist aber auch in anderen Sprachen übertitelt. Die Übertitel helfen also beim Verstehen des Stücks.

 Ich „fahre“ die Übertitel in diversen Opern, Musicals und in der Operette.
Das bedeutet, dass ich mit dem Klavierauszug oder Textbuch mitlese, und die Übertitel zum richtigen Zeitpunkt weiterschalte.
Das kann nicht so einfach automatisiert werden, sondern es braucht jeden Abend eine Inspizienz, da die Vorstellungen vom Timing, vom Tempo her nie gleich sind, sondern immer ein wenig variieren.

– Spontaneität 

– die Fähigkeit, Noten zu lesen und sich in (teils komplizierten) Klavierauszügen zurechtzufinden

– ein Gefühl für das Stück 

– im Idealfall: verschiedene Fremdsprachenkenntnisse 

 

Die erste Produktion, bei der ich jemals die Übertitelinspizienz gemacht habe, war die Oper „Adelia“ von Gaetano Donizetti. Das war 2018. Seitdem gab es immer wieder einzelne Produktionen, die übertitelt wurden, darunter „Death in Venice“ von Benjamin Britten, oder „Die Pantöffelchen“ von Peter Tschaikowsky. Seit der Spielzeit 2020/21 werden alle Opern/Operetten, die meisten Musicals und auch Schauspiele in verschiedenen Sprachen übertitelt.

Alle Stücke, die wir in Originalsprache machen, werden auf Deutsch übertitelt. Andere Stücke, die wir auf Deutsch spielen, werden in verschiedenen Sprachen (und manchmal auch zusätzlich auf Deutsch) übertitelt, um auch einem nicht deutsch-sprechenden Publikum den Zugang zu den Stücken zu erleichtern. So übertiteln wir diese Spielzeit (Stand: März 2022)  in: Deutsch, Englisch, Russisch, Türkisch und Arabisch.

Das Stück, was mir bisher am meisten Spaß gemacht hat, war/ist wohl „The Toxic Avenger“ (Infos siehe unten). Dadurch, dass ich bei diesem Stück auch die Regieassistenz gemacht habe, kenne ich das Stück super gut, kann den Sprechrhythmus der Darsteller*innen perfekt abnehmen und somit die Übertitel denke ich am genausten mitfahren.
Ansonsten machen mir italienischsprachige Opern sehr viel Spaß, da ich Italienisch spreche und die Sprache sehr liebe.

Mein Arbeitstag

Vor der Vorstellung:
Eine Dreiviertelstunde vor Beginn der Vorstellung bin ich im Theater und stelle am „Übertitel-Laptop“ die richtigen Übertitel ein. Ab 30 Minuten vor Beginn wird das Publikum hineingelassen, also müssen die Übertitel vorher getestet werden, damit das „Herzlich Willkommen“ dann schon zu lesen ist.

Während der Vorstellung:
Es ist volle Aufmerksamkeit gefragt. Im Musiktheater und Musical braucht man definitiv ein musikalisches Verständnis bei der Übertitelinspizienz, um die Musik im Klavierauszug mitzulesen, da es mal sein kann, das man die Sänger*innen nicht hört. Es ist außerdem Spontaneität gefragt, denn man muss auch auf eventuelle Sprünge reagieren können, und schnell ein paar Übertitel weiter skippen. Dabei hilft es ungemein, wenn man die Sprachen auch weitestgehend versteht, die man übertitelt, um sich schneller zurechtzufinden (es ist aber auch mit fremden Sprachen machbar).
Am meisten Spaß macht es mir, wenn es viele Übertitel gibt und ich total in die Musik abtauchen kann.
Ich bin die ganze Show über voll konzentriert und muss immer am Ball bleiben, sonst stimmen die Übertitel nicht mit dem überein, was gerade auf der Bühne passiert – oder ich verrate durch zu frühes Umschalten einen Cliffhanger oder die Pointe eines Witzes.

„Meine“ aktuellen Produktionen

Oper von Giovanni Pacini
Uraufführung: 1843
Aufführungsdauer: ca. 2 3/4 Stunden
Sprache: Italienisch
Übertitelsprache: Deutsch
Anzahl der Übertitel: 433

Oper von Giuseppe Verdi
Uraufführung: 1853
Aufführungsdauer: ca. 2 1/2 Stunden
Sprache: Deutsch
Übertitelsprache: Deutsch & Englisch
Anzahl der Übertitel: 697

Musical von Joe DiPietro und David Bryan
Uraufführung: 2009
Aufführungsdauer: ca. 2 1/2 Stunden
Sprache: Deutsch
Übertitelsprache: Englisch
Anzahl der Übertitel: 706

Familienmusical von Klaus Hemmerle und Pit Przygodda (nach dem Märchen von Hans Christian Andersen)
Uraufführung: 2013
Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde
Sprache: Deutsch
Übertitel: Russisch
Anzahl Übertitel: 314

Operette von Johann Strauss
Uraufführung: 1874
Aufführungsdauer: ca. 2 1/2 Stunden
Sprache: Deutsch
Übertitelsprache: Englisch
Anzahl Übertitel: 587

Oper von Nino Rota (nach der gleichnamigen Erzählung aus „1001 Nacht“)
Uraufführung: 1968
Aufführungsdauer: ca. 2 1/2 Stunden
Sprache: Deutsch
Übertitelsprache: Deutsch, Arabisch
Anzahl der Übertitel: 297

Oper von Georges Bizet
Uraufführung: 1875
Aufführungsdauer: noch nicht bekannt; i.d. Regel fast 3 Stunden
Sprache: Deutsch
Übertitelsprache: Deutsch
Anzahl der Übertitel: noch nicht bekannt; Premiere am 02.04.2022

Punk-Rock-Musical mit Musik von Green Day Uraufführung: 2010 Aufführungsdauer: ca. 90 Minuten Sprache: Englisch Übertitelsprache: Deutsch Anzahl der Übertitel: noch nicht bekannt; Premiere am 16.04.2022
Annika Osenberg

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