EIN BEITRAG VON CLARA WIESE

Seit fast einem Jahr halten Kunst und Kultur die Füße still. Auch im Tanz sind die Folgen der Corona-Pandemie deutlich spürbar. Wie geht es den verschiedenen Akteur*innen der regionalen, aber auch bundesweiten Tanzszene? Welche Rolle spielt eine derart körperliche Kunstform für unsere Gesellschaft? Und wie verändert sich Tanz, wenn Körper sich nicht mehr begegnen dürfen? 

Eine Interviewreihe aus drei Perspektiven.

IM INTERVIEW MIT

Michael Freundt vom Dachverband Tanz Deutschland

Michael Freundt studierte an der Theaterhochschule “Hans Otto” und der Universität Leipzig Theaterwissenschaft, Philosophie und Tanzwissenschaft. Er war als freier Journalist und Kritiker u. a. für “zitty”, “Wochenpost”, “Theater der Zeit” und die “Berliner Zeitung” tätig. Als Regisseur, Dramaturg und Theaterproduzent gehörte Michael Freundt zum Gründungs- und Leitungsteam verschiedener freier Theaterprojekte in Leipzig, Münster und Berlin. Seit 1997 war er als Pressereferent und künstlerischer Mitarbeiter und 2001 bis 2002 als Künstlerischer Leiter der euro-scene Leipzig tätig. Nach einer freien Mitarbeit in mehreren freien Produktionen im Bereich Theater, Tanz und Alte Musik, wechselte Michael Freundt Anfang 2003 als Stellvertretender Direktor in die Geschäftsführung des Internationalen Theaterinstituts (ITI) – Zentrum Deutschland. Seit 2004 engagiert sich Michael Freundt in den Treffen der Ständigen Konferenz Tanz, koordinierte die Formierung zum eingetragenen Verein und wurde mit der Gründung der SK Tanz (jetzt: Dachverband Tanz Deutschland) im März 2006 zum Geschäftsführer berufen.

Welche Rolle spielt der Tanz in Zeiten einer Krise für euch?

Tanz war und ist unser zentrales Thema: Welche Verluste werden die Tanzschaffenden haben? Und wie muss und kann der Tanz jetzt gefördert werden? Mit dem Team der Geschäftsstelle und unserem Vorstand haben wir sehr engagiert und leidenschaftlich unsere Antworten für den Tanz in der Krise erarbeitet.

 

“Tanz war und ist unser zentrales Thema.”

Wie haben die Maßnahmen zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie eure Arbeit erschwert oder verändert? Welche Wege habt ihr gefunden, damit umzugehen?

Mit den veränderten Förderprogrammen und dem neuen Hilfsprogramm DIS-TANZEN verbindet sich ein großes Maß an Arbeit, weil wir nicht nur Gelder auszahlen wollen, sondern auch die Künstler*innen und Tanzschulen, die jetzt neue künstlerische und pädagogische Konzepte entwickeln, in einen großen Austausch bringen wollen. Um die Krise zu nutzen, Erfahrungen auszutauschen, Qualifizierungen zu entwickeln. Die Geförderten sollen ihre Ideen, Konzepte, Recherchen mit der Tanzszene teilen.

In unserer eigenen Arbeit spielt home office eine große Rolle, Treffen finden nur noch digital statt. Auch die größeren Räume – wir haben einmal pro Woche den großen Saal einer Tangoschule gemietet – helfen uns nicht viel weiter. Wir sind für ein Jahr von 6-7 Mitarbeiter*innen auf 15 angewachsen – so viele Büros kann man gar nicht anmieten. Das bringt eine andere Kommunikation in der größeren Organisation mit sich – da kommt das direkte Gespräch oftmals zu kurz. Immer online sein ist furchtbar ermüdend. Aber ich glaube, unsere „Mission für den Tanz“ ist auch eine große Energiequelle.

“Die Geförderten sollen Ihre Ideen, Konzepte, Recherchen mit der Tanzszene teilen.”

“Immer online sein ist furchtbar ermüdend. Aber ich glaube, unsere “Mission für den Tanz“ ist auch eine große Energiequelle.”

Welche Hilfsprogramme hat der Dachverband Tanz mit auf den Weg gebracht?
Inwiefern stellen diese eine Innovation und Optimierung dar, auch gegenüber den bis dato vorhandenen Hilfsprogrammen?

Mit dem ersten Lockdown haben wir mit regionalen Tanznetzwerken und Tanzbüros eine Erhebung gestartet und freischaffende Künstler*innen, Tanzschulen, Tanzbühnen und freie Ensembles gefragt: Welche Einnahmen fehlen Euch, wenn bis Ende Juli keine Projekte, Premieren, Gastspiele, Kurse, Workshops mehr stattfinden können? Das Ergebnis (hochgerechnet ca. 130 Mio. Euro allein im Tanzbereich) haben wir in die Politik kommuniziert – an den Bund, die Länder, Politiker*innen und Verwaltungen. Und dazu mit den Vertreter*innen der Kulturstaatsministerin gesprochen. Wie kann den Tanzschaffenden geholfen werden? Im April/Mai war die Diskussion, dass der Bund keine Honorarausfälle ausgleichen kann. Aber gemeinsam mit anderen Kulturakteur*innen haben wir den Vorschlag gemacht, große Stipendienprogramme aufzulegen und Projektförderungen, die nicht nur die Not der aktuellen Krise lindern, sondern Projekte für die Zukunft ermöglichen und fördern. Als Anfang Juli die Kulturmilliarde kam, hatten wir – gemeinsam mit dem Nationalen Performance Netz und dem Tanzpakt Förderfonds – ein Hilfsprogramm Tanz ausgearbeitet und konnten noch im Juli beginnen, dies umzusetzen.

Dis-Tanzen ist ein zweiteiliges Programm. DIS-TANZ-SOLO fördert die soloselbständigen Tanz-Schaffenden mit stipendienartiger Projektförderung. Gefördert werden Vorhaben – Recherchen, Archivierung, digitale künstlerische Vorhaben etc. – denen sich Tanzschaffende auch allein oder in digitaler Zusammenarbeit widmen können. Dafür braucht es einen Antrag und einen einfachen Finanzierungsplan, einen Fördervertrag, Verwendungsnachweis und Sachbericht – also einigen Aufwand. Aber es zeigt sich auch, dass diese Förderung – für die oftmals „unsichtbaren“ und nicht geförderten Teile des künstlerischen Arbeitens (Recherchen, Konzeptionen, Antragsvorbereitung) – auch mit anderen Fördermitteln und Hilfsgeldern der Länder und Kommunen kombinierbar ist. Wir wollten dies wesentlich unbürokratischer als Stipendien ausreichen, dann aber wäre es ausgeschlossen gewesen, zum Beispiel ein Stipendium in Berlin und eines von uns, das heißt vom Bund zu erhalten. Bei DIS-TANZ-IMPULS fördern wir Projekte der Tanzschulen, also eines Bereichs der eigentlich wirtschaftlich arbeitet und sonst keine Förderung bekommt. Aber auch die Tanzschulen – als Schulen für den künstlerischen Tanz und als Schulen für Gesellschaftstanz – sind Teil der kulturellen Infrastruktur, auch hier begegnen sich Menschen durch Kultur, auch hier arbeiten Künstler*innen und Pädagog*innen. Die Formalia der Projektförderung sind für die Antragsteller*innen fast immer eine Herausforderung, aber es werden auch neue Konzepte sichtbar und vielfach der Digital Shift einer Tanzvermittlung. Und auch wenn es „nur“ um Investitionen in Lüftungsanlagen und Raumteiler geht, sind es wichtige Förderungen, um diese sehr weitreichenden, auch jenseits der urbanen Zentren enorm aktiven Strukturen zu erhalten und zu stärken.

Zuletzt haben wir bestehende Förderprogramme (Tanzpakt, Tanzland, Kreativ-Transfer) umstrukturiert, damit sie weiter den Projekten zugutekommen, auch wenn keine Proben und Aufführungen möglich sind. Und wir wollten eine Studie auf den Weg bringen, unter welchen Bedingungen künstlerische und pädagogische Arbeit im Tanz möglich ist. Leider – und das hat mich sehr enttäuscht – haben wir dafür keine wissenschaftliche Unterstützung bekommen.

“Die Formalia der Projektförderung sind für die Antragsteller*innen fast immer eine Herausforderung, aber es werden auch neue Konzepte sichtbar und vielfach der Digital Shift einer Tanzvermittlung.”

“Wir wollten eine Studie auf den Weg bringen, unter welchen Bedingungen künstlerische und pädagogische Arbeit im Tanz möglich ist. Leider – und das hat mich sehr enttäuscht – haben wir dafür keine wissenschaftliche Unterstützung bekommen.”

Mit welchem Blick schaut ihr in die Zukunft? Was steht an? 

Strukturell gesehen, stehen wir – wie viele Förderinstitutionen und der gesamte Kulturbereich – vor der Herausforderung, dass jetzt sehr viele Fördermittel eingesetzt werden, aber schon die Kürzungen im Kulturbereich für 2022 und folgende Jahre angekündigt werden. Schon jetzt müssen wir hier als Interessenvertreter*innen aktiv werden, in Städten, Ländern und beim Bund für die Kultur werben – in unserem Falle für den Tanz. Das betrifft nicht nur den freien Bereich, sondern auch die festen Ensembles.

Und organisatorisch bedeutet das für uns auch, die aktuell aufgebauten Strukturen schon Anfang 2022 wieder abzubauen, uns von einem Teil der Kolleg*innen im Team wieder zu verabschieden. Auch eine Herausforderung für uns als Geschäftsstelle.

Aber in diesen Tagen starten wir auch ein Programm, mit dem wir auf den Digital Shift reagieren. Auf den enormen Zuwachs an digitalen Tanzproduktionen (Streams, Tanzfilme, experimentelle Videoarbeiten u.a.) in der Corona-Zeit wollen wir mit dem Förderprogramm TANZ DIGITAL reagieren, um die filmische, digitale und ggf. experimentelle Präsentation von bestehenden Tanzproduktionen und Choreografien zu unterstützen. Gemeinsam mit den Tanzarchiven, Tanzensembles, Künstler*innen und Medienexpert*innen sollen diese Arbeiten gesammelt und als Tanz im digitalen Raum präsentiert werden.

“Schon jetzt müssen wir hier als Interessenvertreter*innen aktiv werden, in Städten, Ländern und beim Bund für die Kultur werben – in unserem Falle für den Tanz.”

“Organisatorisch bedeutet das für uns auch, die aktuell aufgebauten Strukturen schon Anfang 2022 wieder abzubauen, uns von einem Teil der Kolleg*innen im Team wieder zu verabschieden.”

“Auf den enormen Zuwachs an digitalen Tanzproduktionen […] in der Corona-Zeit wollen wir mit dem Förderprogramm TANZ DIGITAL reagieren.”

Das Hilfsprogramm DIS-TANZEN ist Teil von „Neustart Kultur“, eine Initiative der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Alle Informationen hierzu unter:
https://www.dis-tanzen.de/home

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© Bild & Textauszug Vorstellung Michael Freundt: https://dachverband-tanz.danceinfo.de/index.php?id=109