VON CLARA WIESE

Seit fast einem Jahr halten Kunst und Kultur die Füße still. Auch im Tanz sind die Folgen der Corona-Pandemie deutlich spürbar. Wie geht es den verschiedenen Akteur*innen der regionalen, aber auch bundesweiten Tanzszene? Welche Rolle spielt eine derart körperliche Kunstform für unsere Gesellschaft? Und wie verändert sich Tanz, wenn Körper sich nicht mehr begegnen dürfen? 

Eine Interviewreihe aus drei Perspektiven.

IM INTERVIEW MIT

René Reith von systhemrhizoma

studierte Szenische Künste (BA) und Inszenierung der Künste und der Medien (MA) in Hildesheim. Er arbeitet als Choreograf, Performer und Tanzpädagoge an der Schnittstelle zwischen Theater, Bildender Kunst und Tanz. Er ist Gründungsmitglied von systemrhizoma.

Das kollegiale Künstler*innen-Netzwerk systhemrhizoma gestaltet gemeinsam ästhetische Prozesse, in denen sich rhizomartig immer wieder neue Ansätze und Startpunkte entwickeln, sodass die jeweiligen künstlerischen Disziplinen in einem egalitären Geflecht miteinander verbunden sind. Das Kernteam und die künstlerische Leitung bilden Alba Scharnhorst, René Reith und Selina Glockner.
Seit 2014 arbeitet das Team an dem besonderen Zusammenspiel aus Licht, Sound, Text und Tanz. Im interdisziplinären Experiment widmen sich die Künstler*innen der Hildesheimer Schule folgenden Formen und Themen: Choreografie, Selbstinszenierung, Körperkonzepte, Theater im Authentizitätsdiskurs, Genderperformances und Theater mit Ansätzen des Poststrukturalismus.

 

Welche Rolle spielt der Tanz in Zeiten einer Krise für euch?

Tanz hat für uns immer noch eine sehr große Bedeutung, wie auch vor der Krise. Vielleicht sogar eine noch größere. Durch Tanz gibt es die Möglichkeit, Menschen miteinander in Kontakt zu bringen. Sie können eine ästhetische Kommunikation erfahren, die auch sprachliche Hürden überwindet und das Thema „Nähe und Distanz“ schon immer immanent hat. Das ist etwas, was dem Tanz sehr stark zugrunde liegt.

Alle Abstandsregeln und Isolationen sind Formen, in denen wir merken, wie Körper sich in unserer Zeit neu sortieren und wie die Bewegungen, die zwischen Menschen stattfinden, andere Dimensionen bekommen. Das bedeutet im Wesentlichen, dass man vielleicht nicht von dem Tanz ausgehen kann, wie er mal war, sondern dass man sich fragen muss, was Tanz in der aktuellen Zeit überhaupt sein kann und was er bedeuten soll. Wir sind dem Tanz aber immer noch sehr, sozusagen, „treu geblieben“. Auch wenn viele konventionelle Choreographien und auch Tanzpraxen, auf die auch wir in den letzten Jahren zurückgegriffen haben, jetzt nicht mehr möglich waren, sind das immer noch zentrale Ausdrucksformen, mit denen wir gearbeitet haben.

Wie haben die Maßnahmen zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie eure Arbeit erschwert oder verändert? Welche Wege habt ihr gefunden, damit umzugehen?

Zu dieser Frage lässt sich gut unsere Inszenierung „Unlimited Traces“ heranführen, weil wir in dieser Inszenierung den Ausbruch der Pandemie verspürt haben.
Am 16. März hatten wir Probenstart und das war auch der Tag, an dem alle Theater gesagt haben, dass sie schließen, nicht mehr aufführen und dass auch nicht mehr in den Räumen geprobt werden kann. Das war ein Zeitpunkt, an dem es nicht wirklich Information über das Virus gab und man nicht wusste, welche Risiken auf einen zukommen. Ich erinnere mich daran, wie wir mit den Förderpartner*innen, die uns schon für das Projekt zugesagt hatten, erst mal einen Weg finden mussten, um damit umzugehen, weil niemand wirklich wusste, wie man verfahren sollte. Zu dieser Zeit sind wir als Team sehr stark in uns gegangen. Wir haben uns sehr früh gefragt, was es bedeuten soll, dass wir von den äußeren Arbeitsstrukturen her gesehen nicht gut arbeiten können, aber auch, dass am Ende keine künstlerische Arbeit für ein Publikum erfahrbar wird.

Daraufhin haben wir dann „Unlimited Traces“ inszeniert: Eine Performance, die sich im Bereich des partizipativen Tanzes befindet, wo wir unserem Publikum ein Tanzpaket geschickt haben, mit dem sie sich selbst eine Choreographie erschließen konnten, die über kartografische Anordnungen funktioniert hat. Über eine Selbstinszenierung in einem Video, das sie uns zurückgeschickt haben, haben wir dann eine Kompilation angefertigt, in der sich die unterschiedlich Videos aufeinander bezogen haben. Das wurde dann mit einer Online-Premiere gefeiert. Damit haben wir eine Inszenierung geschaffen, die zu diesem Zeitpunkt eine der ersten digitalen Performances war, die eben auch über ein Streaming hinaus agieren. Die Arbeit wird bis heute sehr oft besprochen und wurde auf dem steirischen herbst als positives Beispiel angeführt, wie man in solchen Situationen – wie auch jetzt wieder im aktuellen Lockdown – inszenieren und dabei Interaktion und Partizipation erzeugen kann. Wir waren sehr überrascht und glücklich, dass das am Ende auch so ein gewisses Inspirationsmoment hatte, für die Leute und auch für die Politik. Dass schnell begriffen wurde: Man kann was Gutes machen und sollte den Künstler*innen vertrauen.
Konkret kann man auch sagen, dass choreographisch über diesen kartografischen Ansatz neue Wege gegangen wurden. Es wurde mit einer hohen Intermedialität gearbeitet. Auch das Genre des Videotanzes oder des Tanzfilms wurde neu betrachtet. Wir sind sehr froh über die Arbeit und bekommen immer noch Anfragen, ob wir das nicht in weiteren Kontexten noch mal machen würden.

TanzKrise_(un)limited traces

kartografische Choreographie aus “(un)limited traces” (Quelle: Website systhemrhizoma)

Wer hat euch unterstützt und wer nicht?
Welche Hilfen kamen von Stadt, Land oder Bund?

Im Wesentlichen hatten wir Unterstützung von unseren Förderpartner*innen, die weiterhin Vertrauen in uns hatten und sich auf neue Wege eingelassen haben, auch wenn das erst mal zu einiger Kommunikationsarbeit geführt hat.
Das war ja aber nicht nur unsere Arbeitsrealität, sondern die vieler Künstlerinnen und Künstler. Wir haben sehr früh ein Statement darüber abgegeben, dass wir der Auffassung sind, dass man sich jetzt solidarisch zeigen muss. Dass man begreifen muss, dass Kunst und Kultur ein Teil dieser Gesellschaft sind und ein extrem wichtiges Element für ein demokratisches Miteinander. Und dass ästhetische Kommunikation zwischen dem Publikum und den Künstler*innen super wichtig ist, um gerade auch in schwierigen Zeiten Reflexionsebenen und Austauschmöglichkeiten zu haben und um einen Kanal zu bieten, in dem man sich wiederfinden, mit Dingen identifizieren oder auch den Diskurs darüber erst anregen kann. Uns war klar, dass eine künstlerische Arbeit nicht einfach auf Eis gelegt werden kann oder dass sie gar von der Bildfläche verschwindet.
Man muss auch dazu sagen, dass wir als Team das Privileg haben, dass keine Person von uns zur Risikogruppe gehört, wir uns nicht aktiv um jemanden in der Pflege kümmern müssen, und dass wir deswegen überhaupt unserer Arbeit erst mal nachgehen konnten. Das war die Grundvoraussetzung, die wir jetzt im Nachhinein noch mal reflektieren können. Für viele Kunst- und Tanzschaffende war das überhaupt nicht möglich.
Wir haben auch viel Solidarität erfahren: Von unserem Publikum, das uns zur Seite stand mit Aufführungsformaten, die sie so vielleicht noch nicht kannten, und die auch stark Werbung gemacht haben für digitale Performances. Außerdem haben wir selbst gemerkt, dass wir helfen müssen, und konnten den Theatern, in denen wir eigentlich gespielt hätten, eine kleine Soli-Miete zahlen von dem Projekt. Das war wichtig, weil diese Häuser ja auf Gruppen angewiesen sind, die dort proben, aufführen und dann dort auch Mieten zahlen.

Die Hilfsprogramme von Stadt, Land und Bund, die dann immer mehr kamen, waren für uns teilweise nicht erreichbar. Einige Programme haben sehr stark die dauernden Kosten von Selbstständigen thematisiert, die bei einem freien Tanzensemble sehr gering sind. Wir mieten keinen dauerhaften Raum an, das könnten wir uns nicht leisten. Wir haben auch keine anderen Kosten von Wartung oder Dingen, die in Verschleiß gehen könnten.
Im Wesentlichen arbeiten wir mit unseren Körpern und für diese Körper wurde in den Hilfsprogrammen anfangs nicht gesorgt. Das ging, glaube ich, vielen Künstler*innen so – unabhängig davon, in welcher Sparte sie arbeiten.
Dann kamen Programme, wie zum Beispiel vom Fonds Darstellende Künste oder die Dis-Tanz-Projekte, die über den Dachverband Tanz ausgeschüttet wurden. Diese haben sich sehr dieser Problematik gewidmet und in meinen Augen interessante Vorhaben mit in die Wege geleitet. Man hat aber auch gemerkt, dass die Rhythmen und Zeitlichkeiten, in denen sie ausgeschüttet wurden, überfordernd waren. Wir haben erst mal versucht, unsere Inszenierungen und die Förderung, die wir dafür bekommen haben, zu „sichern“ und dafür auch Inszenierungsformen zu finden, in denen wir arbeiten können. Uns war wichtig, dass die künstlerische Arbeit eben auch ein Publikum erreicht, dementsprechend wollten wir uns darauf konzentrieren. Viele dieser Programme sind ja auch zum Beispiel auf Recherchevorhaben oder auf Digitalisierungsprozesse ausgerichtet, was sehr gut ist und notwendig jetzt gerade in der aktuellen Zeit, auch mit einem Blick in die Zukunft. Aber man darf nichtsdestotrotz nicht vergessen, dass dieser Kontakt zum Publikum ein zentraler Aspekt ist, auch von unserem politischen System. Kunst und Kultur ist eben nicht nur Unterhaltung. Es kann Unterhaltung sein, aber eben auch viel mehr. Wichtig ist, glaube ich, dass man sich vor Augen führt, dass ästhetische Kommunikation ein wesentliches Element unserer Demokratie ist: Dass wir künstlerisch reflektieren, was passiert, und eben auch eine Krisensituation nicht bedeutet, dass man die Kunst auf Eis legt oder sie pausieren lässt, sondern dass man sich sehr klar bewusst macht, dass gerade jetzt Kunst gebraucht wird, um auch einen Ausdruck zu finden für die unterschiedlichen Konflikte, Reibungen und emotionalen Verwicklungen, die in so einer Krise entstehen. Das ist etwas, was in meinen Augen manchmal nicht so richtig thematisiert wird, und ich wünsche mir dazu viel mehr Profil und klare Haltung, auch von den Programmen.
Und auch, dass die Künstler*innen genauso behandelt werden: Nicht als die Personen, die noch mit durchgefüttert werden müssen, sondern als Menschen, die einen Beitrag leisten, damit es überhaupt weitergehen kann, die zum Ausdruck bringen, was gerade verzweifelt versucht wird zu artikulieren. Das ist etwas, was ich viel wichtiger finde, dass wir dieses Selbstverständnis in der ganzen Gesellschaft dafür finden.

Mit welchem Blick schaut ihr in die Zukunft?
Was steht an? 

Ganz zeitnah sind wir mitten in unserem Probenprozess für „Die Schneekönigin“, ein queeres, getanztes Weihnachts-, beziehungsweise Wintermärchen. Dafür dürfen wir jetzt im November proben, mussten aber auch einen unserer Premierentermine verschieben auf den 9. Dezember, im Theaterhaus Hildesheim. Wir freuen uns natürlich, wenn wir – darauf hoffen wir – dem Publikum dann wieder live gegenüber stehen können und für das Publikum tanzen dürfen. Diese Inszenierung ist sehr stark darauf ausgelegt, ein aktiv, live vor Ort wahrnehmendes Publikum zu haben und Bewegungen wieder im Raum zu spüren, beziehungsweise sie mit allen Dimensionen der Bewegungen wahrzunehmen. Das ist etwas, was wieder sehr motivierend und schön ist, nach einem Zeitraum, wo man online Tanzworkshops gegeben oder ein digitales Tanzprojekt gemacht hat.

Und mit dem Blick in die Zukunft kann man natürlich auch noch weiter schauen und sagen, was ich anfangs schon beschrieben habe: Wir müssen schauen, wie sich der Tanz weiterentwickelt hat durch diese extrem starke Prägung, die unsere Körper alle erfahren haben: Über die fehlenden Berührungen, die fehlenden Abstände, die kleineren Räume, in denen wir uns jetzt für einen längeren Zeitraum bewegen und bewegt haben. Was das letzten Endes mit unserer Gesellschaft macht, mit unserer Generation macht, der das jetzt so widerfahren ist. Und wie wir uns darüber im Tanz neuen Wirkungsmechanismen und Praxen zuwenden müssen. Ich glaube, das wird eine große Aufgabe sein, der sich systemrhizoma auch widmen wird. Das Jahresprogramm für nächstes Jahr ist schon in Planung und es soll auf jeden Fall auch inhaltlich eine Reflexion dazu geben. Wir hoffen einfach, dass über die Bedeutung von Kunst und Kultur in unserer Gesellschaft einige Köpfe zu denken anfangen und feststellen, welche besondere Relevanz diese haben für eine gut funktionierende, demokratische Gesellschaft. Das ist etwas, was wir hoffen und wofür wir auch weiter arbeiten werden. 

© Header: Clara Wiese (CC: https://www.freepik.com/photos/woman’>Woman photo created by master1305; https://www.niusdiario.es/sociedad/sanidad/coronavirus-covid-19-por-que-se-llama-asi_18_2905095073.html)

 © Textauszug Vorstellung René Reith: https://www.systemrhizoma.com/systemrhizoma

 © Bild- und Videomaterial zu “(un)limited traces”: https://www.systemrhizoma.com/un-limited-traces