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talk to me, for real

  • 23. Juli 2021
  • Kulturpraxis

In dem zweiten Teil des soft guide über Kommunikation für Profs* und Studis* sammle ich weitere Gedanken und Strategien für offenes Quatschen, Streiten und safe connections.

Mit einander sprechen, diskutieren und zuhören – Kommunikation ist der Träger aller guten Ideen, Gedanken und Konflikte.
An einem Ort wie der Universität, wo so viele soziale Spannungen aufeinander treffen, müssen wir uns immer wieder fragen, was die basics of communication sind.

Debatierkultur und Diskussionen sind die Fundierung unserer Forschung und definiert die Grenzen und Möglichkeiten unseres Austausch. Ich habe mir überlegt wie diese im Uni- und Seminarkontext aussehen können. In dem ersten Teil meiner Beitragsreihe TALK CONSCIOUS TO ME habe ich drei Bausteine für gute Kommunikation aufgestellt: Gewaltfreie Kommunikation, Safe(r) spaces und Fehlerfreundlichkeit.

In diesem Teil spreche ich über philosophische Gedanken zur Kommunikation und wie wir diese bewusst in unseren Alltagsgebrauch integrieren können. Denn wenn wir aus einer Situation heraustreten und schauen was die fundamentalen Aspekte unseres Austauschs sind, können wir verschiedene Positionen reflektieren und aufarbeiten.

Metakommunikation

„Sprechen über Sprechen, über Sprechen…“
Klingt erstmal flach. Vor jedes Konzept „Meta“ zu setzen macht es nicht gleich krasser. Bei diesem Beispiel macht es aber Sinn:
„Metakommunikation ist die Kommunikation über die Kommunikation. Bei der Metakommunikation wird darüber geredet, wie geredet wird.“

Durch Metakommunikation können wir unserem Gegenüber erklären, inwiefern nicht nur der Inhalt, sondern auch die Art und Weise wie gesprochen wird, vermitteln.

“We’re all islands shouting lies to each other across seas of misunderstanding.” 
― Rudyard Kipling, The Light That Failed

Wenn wir unterbrochen oder ignoriert werden, beeinflusst das das gesamte Gespräch und setzt den falschen Ton. Dabei ist es relevanter, wie mit uns gesprochen wird – Was sind die Machtdynamiken, Wiederholungen, Sprecharten? Also Meta werden: Sprich dein Gegenüber auf die Kommunikationsart an.
Vielleicht erkennst du bestimmte Gesprächsmuster, die sich in Seminaren oder Personen in deinem Umfeld entwickeln und kannst du durch Metakommunikation mehr Awareness für Diskussionen und Streitkultur bringen.

Grammatik, die Mutter aller Sprache

„Grammar is politics“ Donna Haraway

Noam Chomsky, Linguist und Theoretiker, der vor allem in den 60er Jahren bekannt war für seine Kritik an der amerikanischen Politik, führte den Begriff der Universalgrammatik ein. Dieser besagt, dass alle Sprachen einer Grammatik unterliegen, die sich auf menschlich angeborene Prinzipien bezieht.

Nach Chomsky unterliegt Sprache und Grammatik also Konzepten, die sich kulturell und genetisch in uns verankern und transportieren Botschaften. Diese Theorie lädt ein, Sprache nicht nur öknomoisch, sondern universell zu verordnen und als Bindeglied einer menschlichen Kultur zu betrachten.

Ein Sprung zu Wittgensteins‘ Sprachspiel

Wittengensteins philosophische Untersuchungen zu Sprache führen den Begriff des Sprachspiels ein:
Grob gesagt, beschreibt das Sprachspiel eine Aussage, die in einer bestimmten Verwendungssituation auftritt. Der praktische Kontext einer Äußerung bestimmt die Zeitlichkeit, Zeichenhaftigkeit, Symbolik und Grammatik jener.
Beispielsweise Slang, Witze, Sarkasmus, Sprachsymbiosen, Zugehörigkeitssprache können als Sprachspiele bezeichnet werden.

Wenn wir uns in unseren Äußerungen auf Codierungen einigen, beeinflussen wir das Verständnis von Sprache und wie wir miteinander kommunizieren. Sprachspiele können unterbewusst ablaufen, aber auch durch bewusste Äußerungen kann ich meinem Gegenüber begegnen. Es gibt genauso missverstandene Sprachspiele, wie gelungene Verstrickungen.

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ – Wittgenstein
Was bedeuten die Theorien von Chomsky und Wittgenstein in der
Praxis und in unseren Seminar-settings?

Über unsere Sprachweise, Grammatik und Sprachspielfreude kann unser Gegenüber viel über uns in Erkenntnis bringen. Dabei spielen die eigenen Erfahrungen und Lebensräume, unsere Lust und Laune auch mit rein.
Aber wenn wir uns nicht nur über das Gesagte, sondern über eine Art überliegenden Code verständigen, schaffen wir ein Potential unsere Sprache politisch anzuerkennen und zu verwenden.

Wenn wir in unserer wissenschaftlichen Praxis einen Sprachgebrauch finden, der diskriminierungsfrei und sensibel ist, können wir diesen auch nach außen tragen. Oft ist die Uni eine Bubble und was hier besprochen wird, trifft außerhalb vielleicht nicht auf dieselbe Resonanz. Wenn wir aber dem „Außen“ signalisieren, dass wir Verständnis für unterschiedliche Formen der Kommunikation haben, werden vor allem Diskussionen produktiver.

Wenn’s nicht funkt

Das kann auch passieren und ist auch völlig in Ordnung.
Wenn du versuchst Missverständnisse aufzuklären und dich auf andere Positionen einlässt, wiederum von der anderen Seite keine Kompromisse kommen, distanziere dich.

Damit schließt sich der Kreis wieder zur Metakommunikation: Übers Sprechen sprechen.
It hits different.

Triggerwarnungen

In diversen Medien, die wir an der Uni verwenden, Veranstaltungen und auf Social Media tauchen Triggerwarnungen auf.
Aber wer entscheidet eigentlich, ob content „triggert“ oder nicht? Und ob das ein Trigger ist, der viele Personen betrifft?

[Trigger = Schlüsselreize, die für eine tiefer liegende Lebensrealität, Erfahrung und EreignissE stehen]

Wenn ich in meiner Arbeit mit sensiblen Inhalten umgehe, forme ich das Material so, dass es zugänglich ist für möglichst viele Personengruppen. Ich kommuniziere pro-aktiv, womit sich mein Inhalt beschäftigt und dass ich dies multimedial darstelle.

AbER dAS MaCht dOCH diE KuNST kAPutt
Nicht wirklich. Sprache ist im Wandel und geht mit gesellschaftlichen Umschwingungen, Fokusspunkten und neuen Realitäten mit. Meistens sind es auch nicht betroffene Personen die sich GEGEN Triggerwarnungen aussprechen und betroffene Personen haben nicht die Energie in Diskussionen einzusteigen, wobei es um das eigene Trauma geht.
Als Kompliz*innen können wir uns aus eigener Perspektive und stellvertretend für Triggerwarnungen einsetzen.

Es geht dabei nicht darum, alles zu labeln und zu kategorisieren, sondern ein Zeichen zu setzen, dass wir solidarisch aufeinander zugehen. Und es gibt uns Agency. Agency, uns bewusst zu entscheiden, ob wir uns auf bestimmte Diskussionen überhaupt einlassen, Texte lesen oder Filme anschauen.

Als künstlerische und wissenschaftliche Praxis können wir uns das Bewusstsein aneignen, uns für Triggerwarnungen auszusprechen, sie selbst verwenden und nachträglich anhängen. Es geht nicht darum, wie groß oder klein eine betroffene Gruppe ist, es geht um Machtabgabe und einen gerechten Austausch.
Und eben um die Kommunikation selbst und den Kern einer Diskussion. Um fair und verständlich miteinander zu kommunizieren, können wir Sprachgebrauch, Rituale und Zusammenkünfte programmieren, so dass die Beteiligung für alle möglich ist.

Was wollen wir?

Barrierefreie Kommunikation

Indem wir unsere Kommunikation

ZUGÄNGLICH
EINFACH VERSTÄNDLICH
SPIELERISCH
KOMPROMISSBEREIT
DISKRIMINIERUNGSFREI

gestalten, schaffen wir Raum für unsere Stimmen und andere.

Sender-Empfänger Modelle, Philosophie und Meta-everything bei Seite gelegt – Gesprächskulturen fangen bei uns an und dem Bewusstsein für die Perspektiven und Mechanismen, die uns tagtäglich umgeben. Es handelt sich dabei um unterbewusste Prozesse und tief verwurzelte soziale Einordnungen, Codierungen und Vorstellungen. Also keine Angst vor dem Streitgespräch, der Sprechstunde und der Themenbesprechung.

Sprache ist empowernd, Sprache ist Macht und es fängt bei uns an.
Talk conscious to me and whisper in my ear, that revolution starts with words.
Kulturpraxis

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