In dem zweiten Teil des soft guide über Kommu­ni­ka­tion für Profs* und Studis* sammle ich weitere Gedanken und Stra­te­gien für offenes Quat­schen, Streiten und safe connections.

Mit einander spre­chen, disku­tieren und zuhören — Kommu­ni­ka­tion ist der Träger aller guten Ideen, Gedanken und Konflikte.
An einem Ort wie der Univer­sität, wo so viele soziale Span­nungen aufein­ander treffen, müssen wir uns immer wieder fragen, was die basics of commu­ni­ca­tion sind.

Deba­tier­kultur und Diskus­sionen sind die Fundie­rung unserer Forschung und defi­niert die Grenzen und Möglich­keiten unseres Austausch. Ich habe mir über­legt wie diese im Uni- und Semi­nar­kon­text aussehen können. In dem ersten Teil meiner Beitrags­reihe TALK CONSCIOUS TO ME habe ich drei Bausteine für gute Kommu­ni­ka­tion aufge­stellt: Gewalt­freie Kommu­ni­ka­tion, Safe® spaces und Fehlerfreundlichkeit.

In diesem Teil spreche ich über philo­so­phi­sche Gedanken zur Kommu­ni­ka­tion und wie wir diese bewusst in unseren Alltags­ge­brauch inte­grieren können. Denn wenn wir aus einer Situa­tion heraus­treten und schauen was die funda­men­talen Aspekte unseres Austauschs sind, können wir verschie­dene Posi­tionen reflek­tieren und aufarbeiten.

Meta­kom­mu­ni­ka­tion

„Spre­chen über Spre­chen, über Spre­chen…“
Klingt erstmal flach. Vor jedes Konzept „Meta“ zu setzen macht es nicht gleich krasser. Bei diesem Beispiel macht es aber Sinn:
„Meta­kom­mu­ni­ka­tion ist die Kommu­ni­ka­tion über die Kommu­ni­ka­tion. Bei der Meta­kom­mu­ni­ka­tion wird darüber geredet, wie geredet wird.“

Durch Meta­kom­mu­ni­ka­tion können wir unserem Gegen­über erklären, inwie­fern nicht nur der Inhalt, sondern auch die Art und Weise wie gespro­chen wird, vermitteln.

“We're all islands shou­ting lies to each other across seas of misun­derstan­ding.” 
― Rudyard Kipling, The Light That Failed

Wenn wir unter­bro­chen oder igno­riert werden, beein­flusst das das gesamte Gespräch und setzt den falschen Ton. Dabei ist es rele­vanter, wie mit uns gespro­chen wird – Was sind die Macht­dy­na­miken, Wieder­ho­lungen, Sprech­arten? Also Meta werden: Sprich dein Gegen­über auf die Kommu­ni­ka­ti­onsart an.
Viel­leicht erkennst du bestimmte Gesprächs­muster, die sich in Semi­naren oder Personen in deinem Umfeld entwi­ckeln und kannst du durch Meta­kom­mu­ni­ka­tion mehr Awareness für Diskus­sionen und Streit­kultur bringen.

Gram­matik, die Mutter aller Sprache

„Grammar is poli­tics“ Donna Haraway

Noam Chomsky, Linguist und Theo­re­tiker, der vor allem in den 60er Jahren bekannt war für seine Kritik an der ameri­ka­ni­schen Politik, führte den Begriff der Univer­sal­gram­matik ein. Dieser besagt, dass alle Spra­chen einer Gram­matik unter­liegen, die sich auf mensch­lich ange­bo­rene Prin­zi­pien bezieht.

Nach Chomsky unter­liegt Sprache und Gram­matik also Konzepten, die sich kultu­rell und gene­tisch in uns veran­kern und trans­por­tieren Botschaften. Diese Theorie lädt ein, Sprache nicht nur ökno­mo­isch, sondern univer­sell zu verordnen und als Binde­glied einer mensch­li­chen Kultur zu betrachten.

Ein Sprung zu Witt­gen­steins‘ Sprachspiel

Witten­gen­steins philo­so­phi­sche Unter­su­chungen zu Sprache führen den Begriff des Sprach­spiels ein:
Grob gesagt, beschreibt das Sprach­spiel eine Aussage, die in einer bestimmten Verwen­dungs­si­tua­tion auftritt. Der prak­ti­sche Kontext einer Äuße­rung bestimmt die Zeit­lich­keit, Zeichen­haf­tig­keit, Symbolik und Gram­matik jener.
Beispiels­weise Slang, Witze, Sarkasmus, Sprach­sym­biosen, Zuge­hö­rig­keits­sprache können als Sprach­spiele bezeichnet werden.

Wenn wir uns in unseren Äuße­rungen auf Codie­rungen einigen, beein­flussen wir das Verständnis von Sprache und wie wir mitein­ander kommu­ni­zieren. Sprach­spiele können unter­be­wusst ablaufen, aber auch durch bewusste Äuße­rungen kann ich meinem Gegen­über begegnen. Es gibt genauso miss­ver­stan­dene Sprach­spiele, wie gelun­gene Verstrickungen.

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ — Wittgenstein
Was bedeuten die Theo­rien von Chomsky und Witt­gen­stein in der
Praxis und in unseren Seminar-settings?

Über unsere Sprach­weise, Gram­matik und Sprach­spiel­freude kann unser Gegen­über viel über uns in Erkenntnis bringen. Dabei spielen die eigenen Erfah­rungen und Lebens­räume, unsere Lust und Laune auch mit rein.
Aber wenn wir uns nicht nur über das Gesagte, sondern über eine Art über­lie­genden Code verstän­digen, schaffen wir ein Poten­tial unsere Sprache poli­tisch anzu­er­kennen und zu verwenden.

Wenn wir in unserer wissen­schaft­li­chen Praxis einen Sprach­ge­brauch finden, der diskri­mi­nie­rungs­frei und sensibel ist, können wir diesen auch nach außen tragen. Oft ist die Uni eine Bubble und was hier bespro­chen wird, trifft außer­halb viel­leicht nicht auf dieselbe Reso­nanz. Wenn wir aber dem „Außen“ signa­li­sieren, dass wir Verständnis für unter­schied­liche Formen der Kommu­ni­ka­tion haben, werden vor allem Diskus­sionen produktiver.

Wenn’s nicht funkt

Das kann auch passieren und ist auch völlig in Ordnung.
Wenn du versuchst Miss­ver­ständ­nisse aufzu­klären und dich auf andere Posi­tionen einlässt, wiederum von der anderen Seite keine Kompro­misse kommen, distan­ziere dich.

Damit schließt sich der Kreis wieder zur Meta­kom­mu­ni­ka­tion: Übers Spre­chen spre­chen.
It hits different.

Trig­ger­war­nungen

In diversen Medien, die wir an der Uni verwenden, Veran­stal­tungen und auf Social Media tauchen Trig­ger­war­nungen auf.
Aber wer entscheidet eigent­lich, ob content „trig­gert“ oder nicht? Und ob das ein Trigger ist, der viele Personen betrifft?

[Trigger = Schlüs­sel­reize, die für eine tiefer liegende Lebens­rea­lität, Erfah­rung und Ereig­nissE stehen]

Wenn ich in meiner Arbeit mit sensi­blen Inhalten umgehe, forme ich das Mate­rial so, dass es zugäng­lich ist für möglichst viele Perso­nen­gruppen. Ich kommu­ni­ziere pro-aktiv, womit sich mein Inhalt beschäf­tigt und dass ich dies multi­me­dial darstelle.

AbER dAS MaCht dOCH diE KuNST kAPutt
Nicht wirk­lich. Sprache ist im Wandel und geht mit gesell­schaft­li­chen Umschwin­gungen, Fokuss­punkten und neuen Reali­täten mit. Meis­tens sind es auch nicht betrof­fene Personen die sich GEGEN Trig­ger­war­nungen ausspre­chen und betrof­fene Personen haben nicht die Energie in Diskus­sionen einzu­steigen, wobei es um das eigene Trauma geht.
Als Kompliz*innen können wir uns aus eigener Perspek­tive und stell­ver­tre­tend für Trig­ger­war­nungen einsetzen.

Es geht dabei nicht darum, alles zu labeln und zu kate­go­ri­sieren, sondern ein Zeichen zu setzen, dass wir soli­da­risch aufein­ander zugehen. Und es gibt uns Agency. Agency, uns bewusst zu entscheiden, ob wir uns auf bestimmte Diskus­sionen über­haupt einlassen, Texte lesen oder Filme anschauen.

Als künst­le­ri­sche und wissen­schaft­liche Praxis können wir uns das Bewusst­sein aneignen, uns für Trig­ger­war­nungen auszu­spre­chen, sie selbst verwenden und nach­träg­lich anhängen. Es geht nicht darum, wie groß oder klein eine betrof­fene Gruppe ist, es geht um Macht­ab­gabe und einen gerechten Austausch.
Und eben um die Kommu­ni­ka­tion selbst und den Kern einer Diskus­sion. Um fair und verständ­lich mitein­ander zu kommu­ni­zieren, können wir Sprach­ge­brauch, Rituale und Zusam­men­künfte program­mieren, so dass die Betei­li­gung für alle möglich ist.

Was wollen wir?

Barrie­re­freie Kommunikation

Indem wir unsere Kommunikation

ZUGÄNGLICH
EINFACH VERSTÄNDLICH
SPIELERISCH
KOMPROMISSBEREIT
DISKRIMINIERUNGSFREI

gestalten, schaffen wir Raum für unsere Stimmen und andere.

Sender-Empfänger Modelle, Philo­so­phie und Meta-ever­ything bei Seite gelegt – Gesprächs­kul­turen fangen bei uns an und dem Bewusst­sein für die Perspek­tiven und Mecha­nismen, die uns tagtäg­lich umgeben. Es handelt sich dabei um unter­be­wusste Prozesse und tief verwur­zelte soziale Einord­nungen, Codie­rungen und Vorstel­lungen. Also keine Angst vor dem Streit­ge­spräch, der Sprech­stunde und der Themenbesprechung.

Sprache ist empowernd, Sprache ist Macht und es fängt bei uns an.
Talk conscious to me and whisper in my ear, that revo­lu­tion starts with words.