Das Flair von Strassenmusik

 RENTNERCLUB – Allgäu

HANNES WIND – Augsburg

JAKI – Hildesheim

MISS RAIN – Hildesheim, Hannover, Berlin

Straßenmusik kennt keine Saison – selbst wenn die Saison Corona heißt. Seit jeher ist Live-Musik eine ständige Begleiterin der menschlichen Kultur. Sie ist die unmittelbarste Musik, verbindet uns stärker als LP, EP, MP oder CD, transkribiert Emotionen aus unserem Unbewussten direkt in den Körper, unterhält uns, indem sie uns einen Spiegel vorhält – auch wenn dieser möglicherweise in ein Zauberland führt. Doch wie beeinflusst das aktuelle Zeitgeschehen eine so resistente Ausdrucksform wie die Straßenmusik? Verleiht es ihr zusätzlich an Bedeutung? Schreckt es ab?

Dies sind die Erfahrungen von Straßenmusiker*innen.

Straßenmusik kennt keine Saison – selbst wenn die Saison Corona heißt. Seit jeher ist Live-Musik eine ständige Begleiterin der menschlichen Kultur. Sie ist die unmittelbarste Musik, verbindet uns stärker als LP, EP, MP oder CD, transkribiert Emotionen aus unserem Unbewussten direkt in den Körper, unterhält uns, indem sie uns einen Spiegel vorhält – auch wenn dieser möglicherweise in ein Zauberland führt. Doch wie beeinflusst das aktuelle Zeitgeschehen eine so resistente Ausdrucksform wie die Straßenmusik? Verleiht es ihr zusätzlich an Bedeutung? Schreckt es ab?

Dies sind die Erfahrungen von Straßenmusiker*innen.

ein Interview mit dem "Rentnerclub"

 

Wir sind eine Gruppe mit schwankender Anzahl an jungen Cellist*innen, die sich immer wieder in teils größeren Abständen zum Musizieren zusammenfindet.

 

WAS REIZT EUCH AN STRASSENMUSIK?

Das spontane Geschehen innerhalb der Gruppe in Verbindung mit dem unvorhersehbaren, offenen Reaktionen des Publikums erschaffen eine unvergleichliche Stimmung. Diese Stimmung zu erschaffen und Freude am Spielen zu haben, ist für uns maßgeblich.

 

HABT IHR EIN MUSIKALISCHES VORBILD?

Die Cellistin “Jaqueline du Pré”.

 

WAS WAR EUER SCHÖNSTES ERLEBNIS MIT DER STRASSENMUSIK?

Die gute Stimmung. Jedesmal!

 

P.S.: Der Name “Renterclub” ist scherzhaft gemeint (wir sind alle unter 35); er bezieht sich augenzwinkernd darauf, dass wir uns manchmal am Cello fühlen, als hätten wir einen gerne ausgeübten Beruf lange ruhen lassen.

ein Interview mit Hannes Wind

 

WIE BIST DU ZUR STRASSENMUSIK GEKOMMEN?

Mehr oder weniger ungeplant.
Zwar wollte ich schon immer Musik vor Leuten machen, dachte aber nie, dass ich mich das irgendwann auch wirklich traue… Einmal hatte ich dann spontan meine Gitarre und einen Kumpel, der mir mentale Unterstützung gab dabei, als ich mich von der unbezahlten Parkbank immer weiter in die lukrative Fußgängerzone getraut habe.

 

WAS TREIBT DICH AN AUF DER STRASSE ZU MUSIZIEREN?

Geld. Nein… obwohl?
Straßenmusik ist ein super Ventil, um die Laune aufzubessern. Man wird gesehen und für die „Arbeit“ mit Applaus und einem Lächeln belohnt. Klingt sehr “minderwertkomplexig”, als wäre man ohne das ein Niemand… Stimmt natürlich so nicht, aber gesehen zu werden gefällt doch allen. Außerdem bekommen die Banausen auf der Straße dann mal richtige Musik zu hören. 😀 Ich mache mir ja auch Gedanken, wie man tolle Lieder (auch aus anderen Genres) optimal mit Gitarre und Gesang umsetzen kann. Das Kundtun der eigenen Gedanken quasi. Und dafür manchmal einen mega guten Stundenlohn zu bekommen (highscore bis jetzt: ca. 90 Euro in 1,5 Stunden) ist auch nicht schlecht als Student.

 

HAST DU EIN MUSIKALISCHES VORBILD?

Da gab es viele.
Und von allen hab ich mir immer was herausgenommen. Angefangen hat alles mit Green Day. Später, als ich das Singen für mich entdeckt hatte, eiferte ich Ed Sheeran nach (der selbst übrigens auch mit Green Day angefangen hat). Mittlerweile gibt es keine wirklichen Vorbilder mehr… eher finde ich irgendetwas toll und klau mir ein bisschen was davon. Aber das machen alle so.

 

WAS WAR DEIN SCHÖNSTES ERLEBNIS MIT DER STRASSENMUSIK?

Als ein ganzer Junggesellinnenabschied bei mir Halt machte. Plötzlich fingen die ca. 15 Frauen an Walzer zu tanzen, während ich Ed Sheerans unglaublich schmalziges “Perfect” spielte. Das war super lustig.

ein Interview mit "Jaki"

 

WAS REIZT DICH AN STRASSENMUSIK?

Hauptsächlich das spielen vor Menschen. Vorher habe ich nur alleine in meinem Zimmer vor mich hin getrommelt, sprich nur geprobt, aber sobald man vor Menschen spielt, hat man das Gefühl zu präsentieren. Etwas das für kreativen Ausdruck sicher sehr wichtig ist. Hätte ein befreundeter Gitarist mich nicht ermutigt, ihn zu begleiten, hätte ich diese Verlagerung an die Öffentlichkeit vielleicht nicht unternommen – und es bereut. Während der coronabedingten Kurzarbeit bin ich nämlich nach ein paar Stunden (überwiegend) Manu Chao immer mit genügend Geld für einen weiteren Tag nach Hause gegangen. Ein angenehmer Weg, aus ein paar Stunden einen Tag zu machen.

 

WAS WAR DEIN SCHÖNSTES ERLEBNIS MIT DER STRASSENMUSIK?

Einmal hat ein kleines Mädchen zu uns getanzt, das war schon echt sweet. Jedes Mal, wenn ein Lied vorbei war, ist sie ein paar Schritte weiter in Richtung ihrer wartenden Mutter getapst und sobald ein neues Lied losging, ist sie wieder umgedreht, um zu tanzen. Das Ganze für bestimmt fünfzehn Minuten. So hat sich sonst niemand auf die Musik eingelassen.

ein Interview mit - "Miss Rain"

 

 

WELCHE STADT BELEBST DU MIT STRASSENMUSIK?

Ich spiele zusammen mit meinem Freund, Danilo. Wir spielen in Hildesheim, aber auch mal in Hannover oder Berlin.

WIE LANGE SPIELT IHR SCHON AUF DER STRASSE?

Wir haben angefangen, da haben wir noch in Madrid gelebt, wo wir uns kennengelernt haben. Danilo hatte mit einem anderen Freund zusammen gespielt und ich fand das ganz cool und hab dann entschlossen, das auch mit ihm zu machen. Das war vor ungefähr einem Jahr. Und seit ungefähr sechs Monaten sind wir hier in Hildesheim.

 

WAS REIZT EUCH AN STRASSENMUSIK? WAS IST EURE MOTIVATION?

Ich finde es ist ein guter Übungsspielraum. Man kann hingehen, wann man möchte; solange da sein, wie man möchte; man ist halt einfach frei, verdient nebenbei etwas Geld und und es macht Spaß. Es gibt zwar in Hildesheim einen Merkzettel für Straßenmusiker*innen – wie dass man nach einer halben Stunde den Platz wechseln muss, nicht amplifiziert spielt und keinem kommerziellen Zweck nachgeht -, aber solange man sich daran hält, sagt die Polizei auch nichts, wenn sie vorbeifährt.

Straßenmusik gegen Corona-Blues

Während des Corona-Shutdowns waren die Straßen in den Fußgängerzonen, Parks und öffentlichen Plätzen leer. Nun füllen sich die Gassen wieder mit Leben: Ist es wieder Zeit für urbane Kleinkunst?

RENTNERCLUB: Ja, unbedingt! Sie trägt ja wesentlichen Anteil an der Lebendigkeit einer Innenstadt!

MISS RAIN: Ja. Wir haben nie aufgehört zu spielen, haben immer weitergemacht und werden auch immer weitermachen.

JAKI: Es ist immer Zeit für Kunst! Vor dem Lockdown, weil uns eine kulturelle Dürre bevorstand; während, weil die Leute auf kaltem Entzug waren; und jetzt, weil der soziale Alltag sich wieder etwas entschärft hat und die Leute die Gelegenheit ergreifen sollten, ihren über Corona erwirtschafteten Defizit auszugleichen, bevor die Auflagen das nächste Mal über den Schleifstein gehen.

Wegen der Corona-Gefahr spielen sich Musikauftritte vermehrt online ab. Sind Wohnzimmerkonzerte deiner Meinung nach eine gute Alternative um Kultur von zu Hause aus zu erfahren?

RENTNERCLUB: Sie sind eine Alternative; es kann aber natürlich nicht die gleiche Art der Interaktion zwischen Spielenden und Publikum entstehen wie auf der Straße.

JAKI: Einmal habe ich mit zwei Freunden per Stream musiziert, aber das ganze ‘keine Publikumsreaktion, nur zwei starrende Kameras’ war nicht so mein Fall. Es ist besser als nichts, aber die Erfahrung ist sicher nicht dieselbe, wie wenn Kultur unmittelbar erlebt wird. Erst die Unmittelbarkeit macht doch ein Erleben möglich – wobei das formatabhängig ist.

MISS RAIN: Ja, besser als nichts. Wir haben das auch gemacht. Danilo hat mehrere Online-Konzerte gegeben. Ich hatte eines mit ihm zusammen und hab auch in seinen ab und zu mitgesungen. Da kamen auch viele positive Rückmeldungen wie ‘Ja, voll cool, dass ihr das gemacht habt. Ich sitz den ganzen Tag eh nur alleine zu Hause und langweile mich.’

Gibt es verstärkte Regeln oder Auflagen, an die du dich halten musst?

 

JAKI: Speziell für Straßenkünstler*innen weiß ich das gar nicht. Irgendeinen demotivierenden Mischmasch aus Corona- und Straßenmusiker*innenauflagen gab oder gibt es sicherlich. Der Gitarrist und ich haben etwas Zwischenraum gelassen, damit hatte es sich für uns. Irritierender fand ich es, am helllichten Tag eine menschenleere Fußgängerzone zu bespielen, was leider hin und wieder der Fall war. Es sind aber allgemein nicht viele Passant*innen stehengeblieben, nicht mal die, die gespendet haben. Die dankbarsten Zuhörer*innen waren zottelige Freaks und Kleinkinder. Zwei Mal hatten wir es auch, dass andere Musiker*innen sich zu uns setzten, ihre Instrumente auspackten und einstiegen. Wahrscheinlich verbindet die gemeinsame Publikumsflaute Hildesheims Musiker*innen.

HANNES WIND: Ich glaube nicht. Ich habe um mehrere Ecken mal einen bekannten Polizisten gefragt und der meinte, dass das anscheinend klar gehe… Also nicht unklarer als vor Corona. Deutschland ist ja so schon mega das Meckerland was Straßenmusik angeht… Nur Unplugged und maximal eine halbe Stunde an einem Ort innerhalb einer 100 Meter Straße. Das sind die Bedingungen in Augsburg. Und das ist eine Stadt, die das alles noch „locker“ sieht.

Hatte die Distanz Auswirkung auf das Publikum?

 

MISS RAIN: Es waren schon weniger Menschen auf der Straße und wir haben am Anfang probiert den Sicherheitsabstand einzuhalten, aber die Leute sind trotzdem nah an uns vorbei gelaufen. Stehenbleiben war auch kein Problem – sie können ja etwas weiter weg stehen -, aber es sind weniger Leute auf uns zugekommen und haben uns angesprochen. Vorher kamen manchmal Leute vorbei und meinten ‘Könnt ihr bei uns in der Bar spielen’ oder so was. Während Corona gab es das nicht mehr. Obwohl die Leute auch echt richtig nett waren. Einmal zum Beispiel, ist ein Typ vorbeigefahren, der ist selber Sänger an der Oper oder dem Theater von Hildesheim und der meinte: ‘Oh mein Gott, dass ihr Straßenmusiker, das jetzt noch macht’ und hat uns einen Zwanzig Euro Schein gegeben und ist dann ganz besorgt wieder gegangen. Es waren schon echt viele auch ziemlich besorgt um uns.

RENTNERCLUB: Wir platzieren uns zum Spielen in einer halbkreisförmigen Reihe; der Klang zentriert sich also vor uns in der Mitte, wo das Publikum einen ausreichenden Sicherheitsabstand zu uns einhalten kann.

Hast du dir ein Konzert via Live-Stream angehört?

 

HANNES WIND: Nein. Aber ich schaue mir oft Aufzeichnungen von Konzerten an, die noch aus der “Vor-Corona-Zeit” stammen.

So ziemlich alle Bands, die ich höre (also so “Rock/Metalcore/etc. -Geschichten”) machen keine Online-Auftritte. Da muss einfach die Menschenmenge dabei sein, sonst ist das nichts.

ein Beitrag von Jakob Kappert und Christine Gretz

Fotos: pixabay

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