Stolpersteine in Hildesheim

Ein Rundgang

Früher, als ich noch zur Schule ging und wir von der fünften bis zur siebten Klasse auf der Gutenbergschule unterrichtet wurden, bin ich immer mit der Linie drei zur Wittekindstraße gefahren und von dort die letzten hundert Meter zur Schule gelaufen. An der Ecke Wittekindstraße-Gutenbergstraße war er dann zu finden: ein Stolperstein. Er wurde während meines sechsten Schuljahres dort platziert. Ich weiß noch genau, wie das Kopfsteinpflaster bis zu seiner Einsetzung eine Zeit lang eine Lücke hatte. Bei meinen Nachforschungen erfahre ich, was auf dem Stein steht:

Friedrich Wolgast, *31.7.1901 Herdecke, am 15.9.1944 in Dortmund hingerichtet, Galvaniseur, DMU, SPD-nah; Anklage wegen „Hochverrats“; Wittekindstraße 53.

Auch wenn ich heute in Hildesheim den Bus vom Hindenburgplatz Richtung Domäne nehme, fallen mir die Stolpersteine auf, die neben dem Bushäuschen der Linie 34 in den Boden eingelassen sind. Sie gedenken deportierten Bewohnerinnen des Goethegymnasiums. Einunddreißig Namen stehen an zwei Stellen vor der Schule auf Stolpersteinen im Boden und sind ein Teil der insgesamt rund 70 000 Steine, die europaweit bereits verlegt wurden. Das Projekt wurde von dem Künstler Gunter Demnig ins Leben gerufen und nimmt seit 1992 immer größere Dimensionen an. Bis auf wenige Ausnahmen sind Stolpersteine in jeder Region Deutschlands zu finden, aus der Menschen vom NS-Regime aufgrund ihres Glaubens, ihrer politischen Ausrichtung oder ihrer Sexualität in Konzentrationslager deportiert, ermordet, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Dabei sind auch über die Grenzen von Deutschland hinaus Stolpersteine eingesetzt worden, vor allem in Österreich, den Niederlanden, Tschechien, Italien und Spanien. Der Künstler Gunter Demnig wollte damit an die Opfer der NS-Herrschaft erinnern und eine Präsenz im Alltag der Menschen erzeugen. Der Name „Stolperstein“ ist dabei nicht an das physische Stolpern angelehnt, sondern soll viel eher eine Anspielung auf das Stolpern der Gedanken und des Herzens sein, welches dem Betrachter der Steine überkommen soll.

Die Steine werden alle von Hand hergestellt. Dem Künstler war dies ein Anliegen, da es im Kontrast zu der Tötungsmaschinerie der Nazis steht, die in den Konzentrationslagern zum Einsatz kamen. Seit 2005 wird Gunter Demnig von dem Bildhauer Michael Friedrichs-Friedlaender unterstützt. Dabei werden die Texte in eine Messingplatte geschlagen, welche dann mit einer Betonplatte hintergossen wird.  Die Stolpersteine installiert Gunter Demnig zum großen Teil selbst. Begonnen hat das Projekt zum 50. Jahrestag des Deportationsbefehls Heinrich Himmlers am 16. Dezember 1992 mit der Verlegung eines Steines vor dem Kölner Rathaus. Damals hatte Gunter Demnig noch keine Genehmigung für sein Projekt. Auf dem Stein war der Erlassungsbefehl Himmlers zu lesen.

Ab 1997 verlegte Demnig nun mit behördlicher Genehmigung Stolpersteine in Deutschland und darüber hinaus. Diese wurde jedoch nicht überall gewährt: Prominentestes Beispiel ist die Stadt München, wo ihm vom Münchner Stadtrat und der hiesigen jüdischen Gemeinde die Erlaubnis zur Verlegung der Stolpersteine verweigert wurde. Dabei wurde am Projekt kritisiert, dass die Namen der deportierten Menschen auf dem Boden stünden und man sie gewissermaßen mit Füßen treten würde. Außerdem würde die Sprache der Täter übernommen werden, indem Verurteilungen wie „Hochverrat“ oder „Rassenschande“ auf den Steinen genannt werden, wobei Demnig dazu sagte, dass sie deshalb auch in Anführungszeichen geschrieben stünden.

Neben den Stolpersteinen gibt es auch ähnliche Gedenksteine zu NS-Verbrechen, die nicht von Gunter Demnig initiiert sind, zum Beispiel die „Steine der Erinnerung“ in Wien. Insgesamt gibt es in Hildesheim 101 Stolpersteine.

Diese Karte zeigt die Standorte aller bisher in Hildesheim verlegten Stolpersteine. Die Einzelschicksale von Hilda Stolte und Hermann Spier werden weiter ausgeführt.

Eine breite Darstellung erschien 2019: Das Buch „Verfolgt, ermordet – unvergessen. 101 Stolpersteine in Hildesheim“ des Hildesheimer Heimat- und Geschichtsvereins e.V., herausgegeben von Christina Prauss und Hartmut Häger bietet eine ausführliche Sammlung der Biographien der Opfer. Die in der interaktiven Karte aufgezeigten biographischen Daten der Opfer sind den Stolpersteinen selbst, dem zuvor genannten Buch sowie dem Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung von 1933 – 1945 in Deutschland entnommen. Sofern Abweichungen in den Angaben bestanden, wird darauf hingewiesen. Die biographischen Daten einiger Opfer wurden bisher nicht im Gedenkbuch des Bundesarchivs aufgenommen.

Quellen
  • Prauss, Christina und Hartmut Häger (Hrsg.): Verfolgt, ermordet – unvergessen. 101 Stolpersteine in Hildesheim. Dritte erweiterte Auflage. Hildesheim 2019.
  • Schmid, Hans-Dieter: Hildesheim in der Zeit des Nationalsozialismus. Eine Stadt zwischen Angst und Anpassung. Hildesheim 2015.
  • Gedenkbuch des Bundesarchivs für die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Deutschland (1933 – 1945)
  • Hintergrundbilder: gemeinfrei via Pixabay

Ein Beitrag von Mattis Grotehusmann und Katharina Schulenburg