sozialraumorientierung
in der kulturellen Bildung
Welche Chancen und Herausforderungen bietet eine
sozialraumorientierte Perspektive in der kulturellen Bildung?
Kulturelle Bildung zielt auf Mitgestaltung, Teilhabe und Selbstwirksamkeit mit Hilfe von künstlerischen und kulturellen Mitteln. Es werden Workshops, Veranstaltungen, Sprachkurse und vieles mehr organisiert. Doch welche Rolle spielt dabei das nähere Umfeld, die Lebensbedingungen, die Aneignung des öffentlichen Raums der beteiligten Personen? Wie verortet sich die Kulturinstitution im eigenen Stadtteil? Dies sind Fragen, welche unter anderem anhand einer sozialraumorientierten Perspektive in den Blick genommen werden. Der folgende Text thematisiert zum einen die Zusammenhänge der Sozialraumorientierung und der kulturellen Bildung. Zum anderen stellt dieser eine reflexive Auseinandersetzung mit der Thematik und dem Projekt „EUROPA ZENTRAL – Leben im Liegnitz-Quartier“ dar.
Der sozialraum
Der Sozialraum spielt sowohl in der Stadtentwicklung, der Pädagogik, der Soziologie, der Geographie als auch der Architektur eine besondere Rolle. Im theoretischen Diskurs stehen sich im Wesentlichen zwei Raumbegriffe gegenüber: der absolute und der relative Raum. Im Folgenden werden beide Begriffe erläutert. Anschließend wird der relationale Raumbegriff nach Reutlinger und Kessl (2010) vorgestellt.
der absolute Raum
Der absolute Raumbegriff wird oft als Behälterraum oder Container bezeichnet, denn er umfasst einen eingrenzbaren, messbaren, physischen und geographischen Raum. Der Raum gilt als Verortung der Körper und als Ursache und Vorbedingung für menschliche Handlungen, Verhaltensweisen und den gesamtgesellschaftlichen Prozess. Dieses Raumverständnis wird in der Stadtplanung, sowie in der Architektur vorgefunden.[80]
der relative raum
Bei der relativen Raumbetrachtung dagegen stehen die handelnden Subjekte im Fokus der Betrachtung, welche ihr Lebensumfeld, den Raum konstruieren. Dabei werden die Beziehungen der verschiedenen Körper untersucht und in Zusammenhang mit der jeweiligen betrachteten Perspektive gebracht.[81] Folglich werden sowohl die menschlichen Handlungen, Verhaltensweisen, das jeweilige Zeitgeschehen sowie die sozialen Prozesse untersucht. Der relative Sozialraum gilt als Vorbedingung und Ursache für den materiellen und absoluten Raum.
das quartier
Der Begriff Quartier bezeichnet einen sozialen Raum, der kleiner als ein administrativ abgegrenzter Stadtteil ist. Es wird aus einem stadtsoziologischen Blickwinkel heraus davon ausgegangen, dass im überschaubaren Rahmen der Wohnquartiere ungenutzte Ressourcen politischer, sozialer und ökonomischer Teilhabe und neue Chancen integrierter Politikansätze vorhanden sind.[82]
der relationale raum
Nach Auffassung von Reutlinger und Kessl sollte für den Begriff des Sozialraums der relative und absolute Raumbegriff verbunden werden. Daher sprechen sie von einem relationalen Raumverständnis. Die Autoren stellen fest, dass es nicht ausreicht, einen Raum nur auf der physisch-materiellen Ebenen, auf Grund der erhobenen Daten und der Infrastruktur, zu bewerten. Sie weisen darauf hin, dass im Vordergrund das menschliche Handeln und die sozialen Zusammenhänge im Sozialraum stehen sollen. „Das handelnde Subjekt konstituiert demnach den Sozialraum vor dem Hintergrund seiner biografischen Bewältigungsaufgaben und der Bedeutungen, welche es der physisch-materiellen, subjektiven und sozialen Welt beimisst“.[83]
die sozialraumorientierung
Sozialraumorientierung wird in der Theorie von Reutlinger und Deinet nicht nur als Methode verstanden, sondern insbesondere als Haltung und Perspektive, welche eingenommen wird. Der Fokus liegt auf den Menschen, sowie ihre Gestaltung und Aneignung der subjektbezogenen Lebenswelt.[84] Dabei gilt es eine ganzheitliche Analyse der Lebensbedingungen und Wahrnehmungen vor Ort vorzunehmen und im direkten Kontakt mit den Bewohner*innen zu sein. Im Anschluss sollen auf der Grundlage der gewonnenen Erkenntnissen Konsequenzen für die konzeptionelle Arbeit und die konkreten Projekte gezogen werden. Eine ganzheitliche Analyse bezieht sich auf ein relationales Raumverständnis. Es werden sowohl soziale und geographische Daten ausgewertet, als auch vorhandene strukturelle Bedingungen und Abhängigkeiten geprüft, sowie die individuellen Bewältigungsstrategien der Menschen in den Blick genommen.
Sozialraumorientierung bedeutet zudem, aus den eigenen Räumen herauszutreten, in den öffentlichen Raum sowie die Vernetzung und Koordination von lokalen Akteur*innen weiter zu entwickeln. Der öffentliche Raum meint beispielsweise Grünanlagen wie Parks, die Straßen, die Innenstadt – Orte der Öffentlichkeit und der Begegnungen. Diese Räume bieten ein hohes Potential der Aneignung. Unter Aneignung wird zum einen das Erschließen und Annehmen von vorstrukturierten Räumen verstanden und zum anderen das Erschaffen von neuen Räumen und der eigenen Verortungen im Raum.[85]
Darüber hinaus bietet der öffentliche Raum eine Plattform für informelles Lernen, Aktionsformen in der Stadtöffentlichkeit, um auf vorhandene Verhältnisse aufmerksam zu machen. Zudem geht es darum, Lebenswelten aktiv mitzugestalten und Bewältigungsstrategien zu erlernen und zu teilen.[86]
die ausgangssituation –
stadtteil, verein und projekt
In diesem Kapitel werde ich zur Einordnung der aktuellen Lage einen Überblick über den Stadtteil, den Verein und das Projekt geben.
das stadtteil
Gröpelingen ist ein Stadtteil des Wandels und des Ankommens mit etwa 37.500 Bewohner*innen. Bis zu den 1980er Jahren war Gröpelingen ein klassischer Arbeiterstadtteil. Die Großwerft AG Hafen war der größte Arbeitsgeber im Stadtteil und beschäftigte seit den 1960er vermehrt Gastarbeiter aus Portugal, Italien und der Türkei. Besonders die türkischen Arbeiter sind langfristig geblieben und haben ihre Familien aus der Türkei nachgeholt und leben heute in der 3. und 4. Generation in Bremen. 1983 musste die Werft allerdings schließen und zahlreiche Menschen verloren ihren Arbeitsplatz. Damit einher ging ein struktureller Wandel für den Stadtteil, welcher sich durch eine hohe Arbeitslosigkeit und Abwanderung bedingt
Heute ist der Stadtteil, aufgrund hoher Arbeitslosigkeit, prekären Beschäftigungen und Wohnsituationen, einer hohen Kriminalität und Armut, von einem schlechten Image geprägt. Ein sichtbares Problem ist zugleich die „Vermüllung“ des öffentlichen Raumes. Dem gegenüber steht ein kulturelles, vielfältiges Gröpelingen mit vielen zivilgesellschaftlichen Initiativen. Ein weiteres Merkmal ist die überdurchschnittlich junge Bevölkerung. Der Anteil von Kindern und Jugendlichen liegt bei 18 Prozent.[87]
der verein – „kultur vor Ort e.v.“
Der Verein „Kultur vor Ort e.V.“ ist seit 1998 in dem Bremer Stadtteil Gröpelingen aktiv. Mit den Jahren sind sowohl das Team, als auch die Standorte des Vereins gewachsen. Heute umfasst der Verein sechs Standorte: Das Verwaltungsgebäude mit einem Veranstaltungssaal, einem Tonstudio und Gruppenräumen, sowie das Atelierhaus „Roter Hahn“, das Quartiersbildungszentrum (QBZ), das ApfelKulturParadies, den Kunstkiosk, das Mobile Atelier und den Mosaiktreff. Neben der Geschäftsführerin sind neun Festangestellte und Honorarkräfte in dem Verein beschäftigt.[88] Darüber hinaus engagieren sich zahlreiche ehrenamtliche Mitglieder und es besteht eine enge Zusammenarbeit mit den Vernetzungspartner*innen (Schulen, Institutionen, Wirtschaftsunternehmen, der Universität, und der Bibliothek).
Ziel des Vereins ist es, Kunst und Kultur in den Stadtteil zu tragen, „um Grenzen aufzubrechen, Neugierde zu entwickeln, miteinander ins Gespräch zu kommen“[89].Dabei versuchen sie, mit Hilfe von niedrigschwelligen Angeboten im öffentlichen Raum, sowie enger Zusammenarbeit mit den Kitas und Schulen, eine gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe zu ermöglichen.
das projekt – „Europa Zentral –
Leben im Liegnitz-Quartier“
Das Projekt „EUROPA ZENTRAL – Leben im Liegnitz-Quartier“ legt den Fokus auf die Bewohner*innenschaft und den gemeinsamen Lebensraum im Quartier. Ziel ist es, die Bewohner*innen zu eigenverantwortlichen Strukturen zu ermutigen und Selbstorganisation zu stärken, sowie ihren Wohn- und Lebensraum mitzugestalten. Dafür wollen sie neue kulturelle Mittel erproben und stellen sich der Frage, inwiefern eine kulturelle Teilhabe ermöglicht werden kann. Unter anderem werden künstlerische Werkstätten angeboten. Dadurch sollen vorhandene Fertigkeiten, Kompetenzen und Begabungen der Bewohner*innen sichtbar gemacht werden. Die entstehenden Produkte werden auf dem einmal jährlich stattfindenden, Mikrofestival präsentiert. Zudem findet regelmäßig ein Stadtteilspaziergang statt – der Liegnitz-Walk. Hier wird gemeinsam mit Interessierten ein Blick auf die historische Geschichte und auf die Geschichten und Lebensbedingungen der Menschen vor Ort geworfen.[90]
Das Liegnitz-Quartier liegt inmitten des Stadtteils Gröpelingen. Der zentrale Treff- und Begegnungspunkt ist der Spielplatz, welcher umrahmt von Blockhäusern ist. Am Spielplatz befindet sich der Nachbarschaftstreff „Mosaik“. Hier finden
regelmäßige soziale Beratungen, Stricktreffen und Spielenachmittage statt. Des Weiteren werden die künstlerischen Werkstätten, sowie die Angebote vom Mobilen Atelier[91] im „Mosaik“ angeboten. Der Verein arbeitet im Rahmen des Projektes eng mit der Spielplatzinitiative und den Maulwürfen,[92] sowie mit weiteren Akteur*innen, welche bereits vor Projektstart den „Mosaik-Treff“ genutzt haben, zusammen.
Das Projekt ist Teil des ressortübergreifenden Bundesprogramms „UTOPOLIS – Soziokultur im Quartier.“ Die Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und das Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat, unterstützen mit dem Programm seit 2018 insgesamt 16 soziokulturelle Institutionen. Die Beteiligten setzten sich in einer vierjährigen Prozessentwicklung mit folgender Fragestellung auseinander:
Inwiefern kann Kunst und Kultur für das Zusammenleben der Gesellschaft in den Stadtteilen genutzt werden?
Sie erproben neue kreative Beteiligungsformen und wollen somit eine vielfältige Nachbarschaft erreichen. Zudem ist es das Ziel, eine aktive Mitgestaltung im eigenen Wohn- und Lebensumfeld zu bewirken. Eine Vernetzung mit dem Quartiersmanagement und Vereinen, Schulen, Kitas, der kommunalen Verwaltung und Wirtschaftsunternehmen ist zugleich ein zentraler Aspekt in der Projektarbeit.[93]
sozialraumorientierung
und kulturelle Bildung
In der hier dargestellten Tabelle beziehe ich mich auf die Kriterien der Sozialraumorientierung von Hinze. Diese wurden bereits von Kerstin Hübner und Viola Kalb in ihrem Beitrag zur Sozialraumorientierung und der kulturellen Bildung gegenübergestellt.[94] Am Beispiel des Projekts „EUROPA ZENTRAL“ beleuchte ich im Folgenden einen Zusammenhang der Kriterien. Zugleich entwickele ich anhand des Vergleichs Fragen für eine selbstreflexive Projektevaluation
Interessen der menschen //
interessenorientierung
In dem Projekt „EUROPA ZENTRAL“ orientieren sich die Projektmitarbeiter*innen stark an den Interessen der Bewohner*innen aus dem Liegnitz-Quartier. Beispielsweise sind die künstlerischen Werkstätten aufgrund von Recherchen der Interessen und direkten Anfragen der Bewohner*innen entstanden. Zudem sollen diese Angebote regelmäßig evaluiert werden und mit den aktuellen Bedürfnissen aus dem Quartier abgestimmt werden. Allerdings werden somit zunächst die Interessen derjenigen abgebildet, welche sich entweder bereits aktiv zu Wort melden oder Teilnehmende an Veranstaltungen (Beratungen, Werkstätten, Festival) sind. Fragen für die Evaluierung und Reflexion könnten sein:
Welche Interessen werden anhand der künstlerischen Werkstätten erfüllt? Wessen Interessen werden nicht erfüllt und wie kann ich diese in Erfragung bringen? Wer teilt bereits aktiv seine*ihre Interessen dem Verein mit und wer fühlt sich in dem Stadtteil noch nicht angesprochen?
eigeninitiative und selbsthilfe //
Selbstwirksamkeit und Partizipation
„Partizipativ bedeutet die Chance aktiver Teilhabe und idealerweise Mitgestaltung, Mitbestimmung dessen, was gerade geschieht oder was werden soll. Abhängig ist Partizipation als ein demokratieanaloges Kriterium […] von Ressourcen, Situationen und zeiträumlichen Gestaltungschancen“[95].
Die Partizipation der Bewohner*innen des Quartiers ist ein zentrales Ziel des Projektes. In Einzelfällen gelingt die Einbindung von Ehrenamtlichen bereits, beispielsweise während des Auf- und Abbaus des Mikrofestivals, dem Einbinden in das Nachbarschaftspicknick und dem Liegnitz-Walk. Gegenwärtig ist jedoch eine aktive Mitgestaltung, das Einbringen von Ideen, sowie das selbstständige organisieren eines großen Nachbarschaftsfestivals, schwer umsetzbar. Als Grund dafür sehe ich unter anderem fehlende Ressourcen sowie die Setzung anderer Prioritäten im Stadtteil. Das Beteiligen und Mitgestalten ist vor allem möglich, wenn die Grundbedürfnisse (abgesicherte finanzielle Lage, menschenwürdige Wohnverhältnisse, Gesundheit, etc.) abgedeckt sind.
Welches Ziel verfolgt das Projekt langfristig mit der Partizipation? Inwiefern wollen die Bewohner*innen selbst im Quartier tätig sein? Wie agieren sie bereits in der Nachbarschaft? Wie nehmen die Bewohner*innen das Projekt wahr? Sehen sie hier Chancen der Mitgestaltung? Wer nimmt an den Werkstätten teil?
ressourcen der Menschen //
Stärkenorientierung
In der oben genannten Definition von Maike Schuster zur Partizipation heißt es, dass Partizipation immer abhängig von Ressourcen sei. In der Sozialen Arbeit wird daher in der Sozialraumorientierung der Fokus auf die Ressourcen im Stadtteil gesetzt. Damit können sowohl individuelle Ressourcen wie Zeit, Geld, Kontakte, Wissen, Sprache etc. gemeint sein, aber auch strukturelle Ressourcen der Institutionen. Strukturelle Ressourcen sind unter anderem eine ökonomische Sicherheit, technisches Equipment, gut ausgebildetes Personal und Weiterbildungen. Zudem ist ein weites Netzwerk zwischen den Akteur*innen relevant, da Ressourcen selten gleichermaßen verfügbar sind. Eine strategische Ressourcenteilung der Akteur*innen könnte zu einem nachhaltigen und solidarischen Arbeiten beitragen. Beispielsweise arbeitet der Verein Kultur vor Ort e.V. mit dem Amt für Soziales zusammen. Dadurch hat der Verein direkte Ansprechpartner*innen für Anfragen und Probleme aus dem Stadtteil, für diese sie selbst nicht ausgebildet sind.
Als Ressource gilt demnach in dem Quartier nicht nur die vorhandene Zeit der Bewohner*innen sich zu engagieren, sondern zugleich die eigenen Sprachkenntnisse. In einem mehrsprachigen Quartier, wie das am Liegnitzplatz, sollte eine mehrsprachige Ansprache auf dem Blog, den Flyern und vor Ort gewährleistet sein. An dieser Stelle lässt sich meiner Meinung nach ein gravierender Unterschied zur Sozialraumorientierung der Sozialen Arbeit erkennen. In der Sozialen Arbeit ist das Ziel, die Beteiligten dabei zu unterstützen eine Eigeninitiative und Selbsthilfe zu entwickeln, um somit weitere Bewältigungsstrategien zu erlernen. In der kulturellen Bildung geht es darum, vorhandene Stärken und Fähigkeiten zu erkennen und diese zeigen zu können, sowie sich selbst
auszudrücken. Dadurch erfahren die Teilnehmenden eine Selbstwirksamkeit. Am Beispiel des Projekts „EUROPA ZENTRAL“ sehe ich aktuell allerdings zum einen weder die Ressourcen, um langfristig, nachhaltige, eigenverantwortliche Strukturen im Kulturbereich zu etablieren, noch, den Ursachen der strukturellen Benachteiligung (Armut, Diskriminierung, prekäre Beschäftigung etc.) wirksam entgegenzutreten. Viel eher sehe ich die Möglichkeiten, in dem Projekt, durch das Partizipieren das persönliche Netzwerk zu erweitern, sich gegenseitig in der Nachbarschaft mit Problemlagen zu unterstützen sowie gemeinsam Feste zu feiern und neue Fähigkeiten zu erlernen. Fragen zur Reflexion könnten sein:
Welche Ressourcen sind im Liegnitzquartier vorhanden? Wie können diese genutzt werden? Welche (strukturellen) Abhängigkeiten bestehen? Wollen wir diese auflösen? Können wir diese auflösen und wenn ja mit welchen Mitteln?
zielgruppenübergreifende
sichtweise // Diversität
Zielgruppenübergreifende Arbeit bedeutet in der Sozialen Arbeit nicht mehr von dem Einzelfall auszugehen, sondern das Umfeld der Bewohner*innen in den Fokus zu setzen. Demnach sollen alle Menschen angesprochen werden, die in dem definierten Sozialraum/ dem Quartier leben. Dabei spielt die Herkunft, die Klasse, die Behinderung etc. zunächst keine Rolle.
In der kulturellen Bildung bedeutet der Begriff Diversität ebenfalls, alle Menschen miteinzubinden. Dennoch liegt beispielsweise in der Zielgruppenbeschreibung des Förderprogramms „UTOPOLIS – Soziokultur im Quartier“ der Fokus auf „Bewohner*innen, die zuvor wenig Berührungspunkte mit Kunst und Kultur hatten“.[96] Jedoch ist an dieser Stelle nicht definiert, von welchem Kultur- und Kunstverständnis ausgegangen wird.
Von welchem Kultur- und Kunstverständnis gehen wir aus? Wer kommt tatsächlich zu den Veranstaltungen (künstlerischen Werkstätten)? Was sind mögliche Barrieren und wie können wir diese auflösen? Wie laden wir die Bewohner*innen zu dem Projekt ein?
fazit – chancen
und herausforderungen
Zum Schluss folgt eine Zusammenfassung der abgeleiteten Chancen und Herausforderungen, welche eine sozialraumorientierte Perspektive, für die kulturelle Bildung ermöglicht.
Zunächst ist meiner Meinung nach eine theoretische und konzeptionelle Auseinandersetzung mit dem Sozialraumbegriff in der kulturellen Bildung relevant. Dabei steht nicht im Fokus, ob die Einrichtung selbst sozialräumlich arbeitet oder ein Akteur im Sozialraum ist. Die Auseinandersetzung mit der Thematik ermöglicht auf der einen Seite eine Verortung im Sozialraum und kann auf der anderen Seite zu einer sozialraumorientierten Perspektive oder Haltung führen. Im folgendem beziehe ich mich vor allem auf den Verein „Kultur Vor Ort. e.V.“. Der Verein agiert mit dem Projekt im Sozialraum – das Liegnitz-Quartier. Das Projektziel ist es, den Stadtteil zu stärken, Selbstorganisation zu fördern, sowie zu einer Selbstwirksamkeit und Mitgestaltung der Bewohner*innen beizutragen. Eine sozialräumliche Perspektive sollte demnach die Grundvoraussetzung sein. Ein wichtiger Faktor für eine sozialräumliche Haltung ist für mich vor allem eine umfassende Selbstreflexion, um sich mit der eigenen Haltung und Motivation auseinander zu setzen.
Welche Rolle nehme ich als Kulturvermittlerin ein? Wie bin ich sozialisiert? Was motiviert mich? Wie interpretiere ich das Verhalten und die Aussagen anderer Menschen?
Dies kann bedeuten, aus gewohnten Mustern auszubrechen und Praktiken der kulturellen Bildung zu hinterfragen und neu zu denken. Eine wichtige Grundlage ist für mich zudem ein gutes Kommunikationstraining, andere ausreden zu lassen und möglichst bewertungsfrei zuzuhören. Gerade in Stadtteilen wie Gröpelingen, die von individuellen und strukturellen Diskriminierungsformen, wie Rassismus, betroffen sind, ist es wichtig, sich mit rassismus-kritischer Kulturarbeit auseinanderzusetzen. Dafür eigenen sich zum Beispiel regelmäßige Teamsitzungen und Weiterbildungen. Zudem ist die sozialraumorientierte Perspektive für die kulturelle Bildung relevant, da in diesem Konzept ganzheitlich gedacht wird. In der kulturellen Bildung spielen nicht nur Soziales und Kulturelles eine wichtige Rolle, sondern auch die geographisch-räumlichen Aspekte. Es werden Handlungsmöglichkeiten zur Aneignung, Gestaltung und Hinterfragen des Raumes aufgezeigt.
In der kulturellen Bildung sollte es meiner Ansicht nach darum gehen, Menschen Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, sowie diese gemeinsam mit ihnen zu entwickeln. Darüber hinaus gilt es Experimentierfelder zu öffnen und nötige Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Die sozialraumorientierte Perspektive ist eine Chance, um Selbstbildungsprozessen und Beteiligung im Stadtteil anzuregen. Darüber hinaus bietet sich die Möglichkeit, öffentlichkeitswirksam und interaktiv im Sozialraum zu agieren. Somit könnte mit kulturellen und künstlerischen Mitteln gemeinsam mit den Bewohner*innen auf vorhandene Problemlagen aufmerksam gemacht werden, um dadurch die Lebensverhältnisse vor Ort entscheidend zu verändern. ◀
Von Annika Grabsch
Literatur zum Nachschlagen
Sozialraum
→ https://www.sozialraum.de/
→ Deinet, Ulrich (2009): Methodenbuch Sozialraum. Wiesbaden:
VS Verlag für Sozialwissenschaften/ GWV Fachverlag GmbH.
Raumaneignung
→ Leontjew, Alexei. N.: Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit.
Köln: Pahl-Rugenstein, 1982
→ Deinet, Ulrich (2012): “Raumaneignung von Jugendlichen, öffentliche Räume und die sozialräumliche Orientierung von Kindern und Jugendlichen”. In: Schröterle-von Brand, Hildegard; Coelen, Thomas; Zeising, Andreas; Ziesche, Angela (Hrsg.): Raum für Bildung, Ästhetik und Architektur von Lern- und Lebensorten. Bielefeld: transcript, S. 43-52.
→ Löw, Martina (2001): Raumsoziologie. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Rassismus-Kritik
→ Sow, Noah (2009): Deutschland Schwarz Weiß:
der alltägliche Rassismus. München: Goldmann.
→ Ogette, Tupoka (2017): exit RACISM: rassismuskritisch denken lernen.
Münster: Unrast.
[80] Reutlinger (2001): “Vom Sozialraum als Ding zu den subjektiven Raumdeutungen”. In: sozialraum.de.
[81] Kessl; Reutlinger (2010): Sozialraum.Eine Einführung. Wiesbaden: VS Verlag, S.23-24.
[82] Reutlinger 2001
[83] Reutlinger 2001
[84] Siehe auch Lebensweltorientierung nach: Tiersch (1992)
[85] Vgl. Sturzenhecker (2015): “Sozialräumliche Aneignung als ästhetische Selbstbildung”. In: Kulturelle Bildung Online.
[86] Vgl. Hübner; Kelb (2015): “Kulturelle Bildung und Sozialraumorientierung: Kontexte, Entwicklungen und Herausforderungen”. In: Kulturelle Bildung Online.
[87] Stadt Bremen (2020): “Gröpelingen”. In: bremen.de.
[88] Stand August 2019
[89] Kultur vor Ort e.V.. (2020): Über uns. In: kultur-vor-ort.com.
[90] Vgl. ebd.
[91] Das Mobile Atelier ist darüber hinaus im gesamten Stadtteil, Gröpelingen,
aktiv.
[92] Die Bremer Maulwürfe sind mit der Jugendhilfe und Soziale Arbeit
GmbH ein Träger, der scherpunktmäßig Spielplätze sauber hält.
[93] Utopolis (2020): “Temporäres Kulturlokal mit Wohnzimmer,
offener Bühne und Kleinkino”. In: utopolis.online.
[94] Hübner; Kelb 2015
[95] Schuster 2014
[96] Utopolis 2020
Ein Beitrag von Julia Andreyeva und Julia Valerie Zalewski