Sechs Dinge, die wir in Hildes­heim wirk­lich fürs Berufs­leben lernen

von | Jun 20, 2022

Die Frage, ob uns das Studium am Kultur­campus wirk­lich auf irgend­eine Art des Berufs­all­tags vorbe­reitet, stellen wir uns wohl alle in regel­mä­ßigen Abständen. Und die Angst vor der Antwort auf diese Frage wird mit jedem Semester, das uns unserem Studi­en­ab­schluss näher bringt, ein wenig größer: Von der „Super­span­nendes Gender-Seminar, wie cool ist mein Studium bitte!“-Euphorie bis zum resi­gnierten Abgleich der Anfor­de­rungen in inter­es­santen Stel­len­aus­schrei­bungen mit den eigenen Quali­fi­ka­tionen sind es nur wenige Semester: Habe ich über­haupt irgend­etwas in meinem Studium gelernt außer Lite­ra­tur­ver­zeich­nisse anzu­legen und den Namen „Foucault“ richtig auszu­spre­chen (nicht, dass ich heute immer wieder „Lite­ra­tur­ver­zeichnis“ googlen und fran­zö­si­sche Namen gene­rell meiden müsste…)? Und bringt mir das, was ich gelernt habe, irgend­etwas im Arbeitsalltag?
Ich habe drei Hildes­heimer Absolvent*innen genau diese Fragen gestellt. Anna, Berit und Daniele arbeiten heute alle als Regie­as­sis­tenzen am Staats­theater Braun­schweig und spre­chen darüber, was sie in Hildes­heim wirk­lich für ihre Berufs­praxis gelernt haben. Dabei beziehen sich ihre Erfah­rungen zwar auf das Studium mit Haupt­fach Theater und das anschlie­ßende Arbeiten an einem eben­sol­chen, sind aber sicher­lich nicht nur für diesen Studi­en­be­reich der Domäne gültig.
1. Diskurse, Diskurse, Diskurse

Ob Gender-Theorie oder rassis­mus­kri­ti­sche Kultur­ar­beit – in Hildes­heim lernen wir in vielen Semi­naren wenig konkrete Fakten, sondern eher, uns durch aktu­elle wissen­schaft­liche Diskurs­felder zu arbeiten. So uner­giebig das manchmal scheinen mag, weil wir selten einfache Antworten auf komplexe Frage­stel­lungen erhalten, sondern vor allem lernen, die Dinge stets kritisch zu hinter­fragen: Für das Arbeiten in modernen Kunst- und Kultur­ein­rich­tungen, in denen diese gesell­schafts­po­li­ti­schen Diskurse eine immer größere Rolle spielen werden (hoffent­lich!), ist dieser Umgang mit komplexen Themen­ge­bieten von großem Wert.

 

2. Dinge funk­tio­nieren lassen

GEMA-freie Musik orga­ni­sieren, Requi­siten mit Heiß­kleber repa­rieren, Ton- und Licht­pulte bedienen – ob in Übungen, eigenen Projekten oder im Rahmen von Festi­vals: Wer in Hildes­heim künst­le­risch arbeiten möchte, lernt die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Vor allem aber lernen wir, die Angst davor zu verlieren, uns neue Fähig­keiten anzu­eignen. Natür­lich können wir dann Dinge oft nur ein biss­chen und unsere Fertig­keiten sind nicht vergleichbar mit denen profes­sio­neller Requisiteur*innen oder Veranstaltungstechniker*innen, aber meis­tens reicht das eben auch.

Ich finde, in Hildes­heim ist es so ein Ding von einer Depro­fes­sio­na­li­sie­rung auf der einen Seite, was bedeutet, dass, wenn ich Kunst machen möchte, ich mir auch ganz viel dafür drauf­schaffen muss. Ich krieg halt niemanden gestellt, der mir das Licht fährt, sondern ich fahr dann das Licht selber oder meine Freund*innen fahren das Licht für meine Produk­tion und dann mach ich das mal für die.

— Berit

Dieser Zugriff auf Kunst – für die eigene Arbeit „Dinge einfach funk­tio­nieren zu lassen“ – ist in der Arbeits­welt egal ob in künst­le­ri­schen Posi­tionen oder in orga­ni­sa­to­ri­schen Berufen immer nützlich!

 

3. Etablierte Kultur­in­sti­tu­tionen vs. Freie Szene

Wer in Hildes­heim studiert, kommt nicht umhin, sich nicht nur mit etablierten Kunst- und Kultur­in­sti­tu­tionen ausein­an­der­zu­setzen, sondern stets auch die Freie Szene im Blick zu haben. Egal, für welchen Bereich man sich nach dem Studium als Arbeitsort (vorerst) entscheidet: Man weiß, dass es den anderen eben auch gibt und man weiß um die unter­schied­li­chen Ästhe­tiken und Arbeits­pro­zesse. Das heißt, dass die Entschei­dung für eine der beiden Rich­tungen oder für ein dazwi­schen immer auch eine bewusste Entschei­dung für diese Ästhe­tiken und Arbeits­weisen ist – und die Verbes­se­rungs­mög­lich­keiten dieser.

 

4. Mit Geld für künst­le­ri­sche Projekte umgehen

Ob bei Festi­vals oder eigenen Projekten – in Hildes­heim künst­le­risch zu arbeiten heißt auch: Selbst Finanz­an­träge schreiben, Budgets verwalten, Geld kalkulieren.

Und was ich in Hildes­heim zum Beispiel gelernt habe, ist auch mit Budget umgehen – was mir nicht so viel bringt als Regie­as­sis­tenz, da habe ich eher nicht so viel zu tun mit Budget, aber ich weiß, wie viel ich mit 800 € über­haupt stemmen kann. Das ist ein schöner Rich­tungs­wert, auch wenn das Budget kommu­ni­ziert wird oder wenn andere Abtei­lungen darüber diskutieren. 

- Daniele

Selbst wenn es sich nur um Beträge von wenigen hundert Euro handelt – die sich im Vergleich zum monat­li­chen Studie­ren­den­ein­kommen trotzdem riesig anfühlen – lernen wir, einzu­schätzen, was mit wie viel Geld erreichbar ist, wie sich Dinge kosten­güns­tiger gestalten lassen, wo wir aus finan­zi­ellen Gründen Abstriche machen müssen und meis­tens leider auch, wie viel unbe­zahlte Arbeit Kunst und Kultur bedeutet – traurig, aber trotzdem eine gute Vorbe­rei­tung auf das Berufsleben!

 

5. Inter­dis­zi­pli­näres Arbeiten

So viele verschie­dene Kunst­rich­tungen unter einem Dach, Kultur­po­litik, Kultur­ver­mitt­lung – im Berufs­alltag ist diese Band­breite eher unwahr­schein­lich. Trotzdem ermög­licht uns das Eintau­chen in die verschie­densten Arbeits­be­reiche und Themen­ge­biete, die fächer­über­grei­fenden Projekte und das inter­dis­zi­pli­näre Arbeiten einen großen Über­blick, der uns im Arbeits­alltag und in Insti­tu­tionen neue Poten­ziale und Möglich­keiten aufzeigen kann – für Koope­ra­tionen, neue Arbeits­weisen und Inspi­ra­tionen von außer­halb. Und der uns auch die Möglich­keit bietet, frei zu entscheiden, ob wir das über­haupt wollen – vertie­fend in nur einer Fach­rich­tung zu arbeiten – oder ob wir das Inter­dis­zi­pli­näre für unsere Berufs­praxis beibe­halten wollen.

 

6. Immer auch Vermitt­lung mitdenken

Nicht nur, weil es einen eigenen Master dafür gibt, kommen wir in Hildes­heim nicht darum herum: Kultur­ver­mitt­lung. Ob für das eigene künst­le­ri­sche Arbeiten, für Aufgaben im Kulturmar­ke­ting oder für die kriti­sche Betrach­tung etablierter Insti­tu­tionen: Ständig sind wir in Semi­naren, Übungen und Projekten damit konfron­tiert, über Kultur­ver­mitt­lung nachzudenken.

Ich finde, es tut enorm viel zu meiner Perspek­tive dazu, immer auch Vermitt­lung mitzu­denken. Über­haupt Vermitt­lungs­for­mate zu kennen, die sich jenseits von Einfüh­rungs­runden oder Nach­ge­spräch befinden, und darüber nach­zu­denken, was alles so möglich wäre bei bestimmten Stücken, und was sich erzählt und was sich nicht erzählt, gerade wenn es um Stücke geht, die Themen verhan­deln, mit denen nicht alle Zuschauer*innen sofort etwas anfangen können, die nicht so nied­rig­schwellig sind. 

- Anna

Für die Berufs­praxis ist das eine gute Grund­lage dafür, Kunst und Kultur nicht im luft­leeren Raum zu gestalten, sondern ihre Vermitt­lung schon bei der Konzep­tion mit zu beachten – und so im besten Fall bessere Kultur­ar­beit zu leisten.

Ein Gespräch mit
Berit

Berit

studierte von 2014 bis 2018 Szeni­sche Künste mit den Fächern Theater, Lite­ratur und Kultur­po­litik am Kultur­campus Hildes­heim und anschlie­ßend von 2018 bis 2020 Drama­turgie im Master in Leipzig. Berit arbeitet seit der Spiel­zeit 2020/21 als Regie­as­sis­tenz im JUNGEN! Staats­theater Braunschweig.

Daniele

Daniele

studierte von 2017 bis 2021 Kultur­wis­sen­schaften und ästhe­ti­sche Praxis mit Haupt­fach Theater und Neben­fach Lite­ratur am Kultur­campus Hildes­heim und arbeitet seit der Spiel­zeit 2021/22 als Regie­as­sis­tenz im Schau­spiel des Staats­thea­ters Braunschweig.

Anna

Anna

studierte von 2015 bis 2021 Kultur­wis­sen­schaften und ästhe­ti­sche Praxis mit Haupt­fach Theater und Neben­fach Lite­ratur am Kultur­campus Hildes­heim und arbeitet in der Spiel­zeit 2021/22 als Regie­as­sis­tentin im Schau­spiel des Staats­thea­ters Braunschweig.