Schreiben über das Schreiben

(oder auch: wie zum Geier schreibt man eine Reflexion?)

Man kennt es – man sitzt in einer Lehrveranstaltung am Anfang des Semesters und alle fiebern nur darauf hin, dass die Studienleistung und der Modulabschluss angesagt werden, damit man entscheiden kann, ob man am Seminar oder der Vorlesung tatsächlich teilnehmen will – und dann: Reflexion über eine Sitzung, drei Seiten, Abgabe bis Ende des Semesters. Super, drei Seiten sind ja nicht so viel, kann man machen.

Aber Moment! Was soll das eigentlich heißen? Was ist denn bitte eine Reflexion?
Wozu schreibe ich das Ding, außer für die ECTS-Punkte?
Und vor allem: Wie zum Geier schreibe ich das?

Am Literaturinstitut schreibt man unglaublich viel über das Schreiben. Das war mir zu meinem Studienbeginn nicht einmal im Ansatz klar. Dass man viel über das Schreiben reden würde, sicher. Aber ständig darüber schreiben? Ich habe in vier Semestern insgesamt als Studienleistungen mindestens schon zwölf Reflexionen geschrieben und habe immer noch nicht wirklich den Eindruck, dass irgendwer einen klaren Plan hat, wie man so etwas eigentlich zusammenschraubt. Das wirkt noch schwerer, wenn es um ein Nebenfach geht. Deswegen findest Du hier einen kurzen guide dazu, wie man dieses seltsame Monster Reflexion bezwingt. Also: fear no more!

Was ist eigentlich eine Reflexion?

Der Duden definiert „Reflexion“ wie folgt:

1. das Zurückgeworfenwerden von Wellen, Strahlen

2. das Nachdenken; Überlegung, prüfende Betrachtung

Diese zweite Definition ist die, die für uns hier wichtig ist – das sollen wir nämlich machen, nur eben schriftlich. An der Domäne bedeutet Reflexion also zumeist ein relativ formloses schriftliches Nachdenken über eine (künstlerische) Arbeit mit Einleitung, Hauptteil und Fazit bzw. Abschluss und kann, je nachdem, ob für Studienleistung oder Modulabschluss und für welche Dozent*in die Reflexion geschrieben wird, unterschiedlich in Länge und Formatierung sein. Das beinhaltet auch, ob die Reflexion ein Deckblatt und ein Inhaltsverzeichnis braucht oder nicht.

Wozu schreibe ich eine Reflexion?

Das ist rein von der Sache der Bewertung her erst einmal ziemlich simpel: Weil es sehr schwer ist, kreative Arbeit (oder so etwas wie aktive Teilnahme an einem Seminar o.Ä.) irgendwie zu bewerten. Was man hingegen bewerten kann, ist das zumindest ansatzweise wissenschaftliche Nachdenken über die (eigene) kreative Arbeit oder über einen gedanklichen Ansatz, der in der Veranstaltung be- oder angesprochen wurde.

Dazu kann es tatsächlich im weiteren Arbeitsprozess, ob nun kreativ oder wissenschaftlich, oder für das Verständnis der (eigenen) Arbeit ungemein hilfreich sein, noch einmal intensiv darüber nachdenken zu müssen, was man da eigentlich gemacht oder gelesen hat, wie es funktioniert, wie es sich im Laufe eines Semesters (oder welcher Zeitspanne auch immer) verändert hat, was es für Gedankengänge angestoßen hat, was dazu beigetragen hat. Man denkt auf andere Art und Weise (meiner Meinung nach vor allem analytischer!) über Dinge nach, wenn man seine Gedanken danach aufschreiben und jemandem abgeben soll, was oft hilft, aus Mustern auszubrechen.

Wie schreibe ich eine Reflexion?

Da es in den meisten Fällen um eine spezifische Arbeit oder einen Arbeitsprozess geht, ist es ein guter Anfang, einfach erst einmal alles aufzuschreiben, was einem dazu einfällt; z.B. wie lange man daran gearbeitet hat, was sich im Arbeitsprozess verändert hat, was eingefügt oder weggenommen wurde, inwieweit das Seminar, gelesene Texte, die Kommiliton*innen, die Dozierenden die Arbeit und/oder den Prozess beeinflusst haben, was einem dabei anderweitig geholfen hat (Recherchematerialien etc.). Danach ist es ratsam, diese Dinge so zu sortieren, dass es für die genaue Aufgabenstellung Sinn ergibt, z.B. wenn die Reflexion spezifisch zum Arbeitsprozess in einer Textwerkstatt geschrieben werden soll, nach zeitlicher Chronologie: die Ergebnisse der Werkstatt, die eigenen Erkenntnisse daraus, der Überarbeitungsprozess in verschiedenen Stufen, und zum Abschluss der (vorerst) finale Text. Wenn es nicht um eine eigene kreative Arbeit geht, sondern um einen gelesenen Text oder ein besprochenes Thema, bietet sich ein ähnliches Vorgehen an, nur eben zur gedanklichen Arbeit: an welche Aspekte erinnert der gelesene Text, welche Fragen wirft er auf, wo würde man gerne weiter forschen etc. – das hängt natürlich stark davon ab, worum es in der Reflexion gehen soll. Diese Sortierung kann, falls man das möchte und falls die Länge der Reflexion das anbietet, schon als eine Vorstufe einer Gliederung funktionieren.

Wenn man erste sortierte Notizen für den Hauptteil der Reflexion hat, kann man Notizen (oder, wenn man mutig und/oder etwas fauler ist, auch schon ganze Sätze) für Einleitung und Abschluss schreiben. In die Einleitung sollten ganz klassisch die Veranstaltung, dozierende Person, Aufgabenstellung und Thema der Reflexion auftauchen. Gegebenenfalls gehört dort auch der Zusammenhang des Semesters hinein, z.B. wenn die Arbeit, die reflektiert wird, im Rahmen des Projektsemesters entsteht. Weiter ist es sinnvoll, die Intention der Reflexion für einen selbst festzulegen bzw. anzukündigen (die kann sich im tatsächlichen Ausschreiben ja auch noch oft genug ändern, falls man einen Gedanken entdeckt, dem man lieber folgen möchte). Der Abschluss sollte noch einmal ein Absatz sein, in dem Ergebnisse und Erkenntnisse der Reflexion (und eventuell des Semesters) zusammengefasst werden.

Jetzt haben wir also eine Einleitung in Stichpunkten, einen Mittelteil (eventuell sogar schon gegliedert) und ein Ende in Stichpunkten. Als nächstes widmen wir uns wieder dem Mittelteil, dem tatsächlichen Nachdenken. Je nachdem wie gründlich die erste Runde war, hat man jetzt eine Ansammlung von Gedanken, die man verfolgen und ausbauen kann. Jetzt bietet sich Gelegenheit, herauszustreichen, was nicht mehr ganz zum Rest oder zum Thema passt. Die übrigen Gedanken können jetzt weiter bearbeitet werden, Gedanken und Recherche hinzugefügt, ausformuliert, weiter verfolgt – je nachdem, wie Du bei so etwas am besten vorankommst. Dieser Schritt wird so lange wiederholt, bis man einen kohärenten Text vor sich hat. Wenn Du am Schluss den Eindruck hast, dass Dir das Hirn so vom Schreibprozess frittiert wurde, dass Du wirklich nicht mehr beurteilen kannst, ob das, was Du geschrieben hast, überhaupt noch Sinn ergibt, ist es empfehlenswert, ein unschuldiges Familienmitglied oder eine Freund*in darum zu bitten, das Ganze noch einmal auf unverständliche Gedankensprünge zu prüfen – hierfür eignen sich besonders gut Leute, die überhaupt nichts mit dem Thema der Reflexion am Hut haben, die merken nämlich auf jeden Fall, wenn ein Sprung zu groß ist.

Wenn alles ausformuliert ist, die Rechtschreibung, Form und Formatierung überprüft und ergänzt wurde (und jede genervte Klammer-Stelle, an der man nicht weiter kam, entfernt ist), dann herzlichen Glückwunsch: Du hast erfolgreich eine Reflexion geschrieben!

Text und Bilder von Elisabeth Lehmann

X
X