Schred­dern in 2020

Wie wir einmal ein Festival orga­ni­siert haben – und es dann abge­sagt haben

Mund aus rosa Neon-Röhre

Das Unijahr WiSe19/20 und SoSe20 war eine turbu­lente Reise. Ich hatte gemeinsam mit Anna Sacher und Franzi  Niehaus die SCHREDDER-Leitung über­nommen für das Festival 2020. Das Leitungs­team setzt sich immer aus drei Personen zusammen, die gemein­schaft­lich aller­dings mit Fokus auf ein eigenes Depart­ment (Finanzen, Grup­pen­kom­mu­ni­ka­tion, Grafik und ÖA) in der Festi­val­lei­tung arbeiten. Also haben wir gear­beitet.
Ab September 2019 ging es bei uns vorrangig um die Planung und Orga­ni­sa­tion von vier Tagen im April 2020. Den Fokus legten wir dieses Jahr auf das Thema LUST.
Wenn wir uns schon so intensiv mit einem Thema ausein­an­der­setzen sollten, dann wollten wir auch das beste aller Themen für uns. Und LUST war dieses Thema. Es sollte groß, bunt, queer, femi­nis­tisch und laut werden. Der SCHREDDER 2020 war unser Herzens­pro­jekt, auch was das Thema angeht.

Drei Menschen sitzen an der Kasse, lächelnd
Der Schredder ist ein Thea­ter­nach­wuchs­format, das seit 2009 im Thea­ter­haus Hildes­heim statt­findet. Vier Gruppen wird die Möglich­keit gegeben, sich perfor­mativ mit einem Thema ausein­ander zu setzen. Die Gruppen bekommen ein Produk­ti­ons­budget, ein Mento­ring sowie Proben­zeit im Thea­ter­haus. Zur Halb­zeit der Proben wird es öffent­lich Test­läufe der Produk­tionen geben, in denen die Gruppen ihre Zwischen­stände präsen­tieren und in den Diskurs mit Zuschau­enden zu gehen. Vom 9.–12. April 2020 werden die Gruppen ihre fertigen Produk­tionen dann beim Festival LUST-Schredder zeigen. Abge­schlossen wird der Schredder mit den Gast­spielen aller vier Gruppen im LOT Theater Braunschweig.
Im November haben wir dann ein PITCH Wochen­ende durch­ge­führt. Beim PITCH konnten alle Gruppen, die sich beworben hatten und den groben Krite­rien der Ausschrei­bung entspra­chen, ihre Ideen vorstellen. Unter­ein­ander haben sie dann vier Gruppen gewählt, die für das Festival im April produ­zieren dürfen. Die Gruppen standen, die Proben­zeit­räume auch. Und zwischen Uni und anderen Hiwi­jobs, Prak­tika und Projekten war der SCHREDDER unsere Haupt­auf­gabe. Anna, Franzi und ich arbei­teten stun­den­lang, sahen die Welt im Farb­schema des Festi­vals. Das Thea­ter­haus wurde zum Wohn­zimmer und Arbeits­zimmer zugleich. In den Semes­ter­fe­rien vor dem Festival hatten wir gemeinsam mit den Gruppen viele Wochen das Thea­ter­haus für uns. 
Menschen am Tisch, Geschirr auf dem Tisch und eine bunte Lichterkette
Die Auswahl der Gruppen erfolgt in diesem Jahr wieder im Rahmen eines Pitch Wochen­endes, auf dem alle Bewerber*innen ihre Konzepte vorstellen. Hierbei entscheiden alle Bewerber*innen gemeinsam, welche vier Gruppen beim Schredder insze­nieren werden.  Bewerben können sich Gruppen und Einzel­per­sonen, die in ihrer Konstel­la­tion noch nicht zusammen insze­niert haben. Vor dem PITCH-Wochen­ende müsst ihr kein Konzept bei uns einreichen. 

Ihr kennt das sicher: Bei solcherlei Projekten gibt es nur noch eine Ziel­ge­rade vor Augen.
Bis zum Wochen­ende vom 09.–12. April war alles geplant. Danach gab es erstmal nichts, was konkret anstand. Das Sommer­se­mester lag, als wir in die heiße Planungs­phase ab Februar gingen, diffus als eine weit entfernte Unbe­kannte vor uns. Nichts, woran wir drei einen Gedanken verschwen­deten. Wir trafen uns also im Team, in der einen oder anderen Konstel­la­tion. Die Arbeit war intensiv und wir verbrachten viele viele Stunden mit einander. Wo mensch die besten Snacks um die Ecke bekommt, war uns relativ schnell klar. Das Konzept konkre­ti­sierte sich auch immer weiter. Während die Gruppen in ihren Proben­blö­cken steckten, kümmerten wir uns um Fragen wie:

Welcher Festi­val­d­rink wird serviert?
Welche lust­volle Süßig­keit berei­chert die Süße Tüte an der Theke?
Welchen Einzugs­musik soll der Festi­val­jingle werden?

Bei den Test­läufen wählte das Publikum:

Lillith Rose (Ein rosa Drink mit Rosato und Beeren — Träum­chen)
Eine vegan Süßig­keit
Max Raabes Version von Ups i did it again

Wir schrieben ein Rahmen­pro­gramm aus – Und bekamen die unter­schied­lichsten Einsen­dungen: Von Foto­aus­stel­lungen über einen Chor­auf­tritt hin zu einer Porno­pre­miere. Dann erstellten wir Zeit­pläne und feilten an einer Gesamt­dra­ma­turgie für die vier Festi­val­tage. Welche Party sich wie mit den Nieder­säch­si­schen Oster­fei­er­tagen verträgt wurde mitge­dacht, ebenso wann das Publikum welches Essen wohl annehmen würde. Wir feierten Erfolge und verzet­telten uns. Entwirrten die Fülle an Programm­punkten, ToDo-Listen und Kassen­zet­teln. Ich zahlte Lehr­geld mit dem verlo­renen Bon über 9 LED Kuss­münder. Ohne Bon gibts keine Abrech­nung. Zwischen­drin berei­teten wir vier Mal das Foyer für die Test­läufe der Gruppen vor, hängten erste Deko­ele­mente und spielten die immer voller werdende Lust­play­list, in die alle Team­mit­glieder und Gruppen Lieb­lings­songs packen konnten. Klat­schen, anstoßen, umarmen, auf den alten Sofas im Foyer mit viel zu vielen Menschen sitzen und eine immer größere Vorfreude spüren. Je weniger Frei­zeit, je mehr Vorfreude auf volle, explo­die­rende, krea­tive und gemein­schaft­liche Festivaltage.

Lampe mit Schalter am Penis, Sticker vom Lustschredder im Vordergrund

Ein Gefühl, was uns durch­dringt, wenn die Freude über das pure Dasein dann die Vernunft besiegt. Wenn es einmal durch den Körper bis in die Finger­spitzen krib­belt und das Blut in den Ohren rauscht. Ein Atemzug aussetzen. Weich und warm und wohlig, aufge­kratzt und hibbelig. Lust, die mich zu dir zieht und uns gemeinsam das Leben zele­brieren lässt. Und wir können uns etwas unter Lust vorstellen, weil wir sie in all ihren Facetten spüren können. Und da sind die Bilder, die dann wieder alles so kompli­ziert machen. Medien, die uns Lust vorschreiben, die sagen, dass das jetzt was mit Geschlecht zu tun hat und was zum Lust­ge­winn getan werden sollte. Und warum ist das bitte schlimm, wenn ich jetzt keine Lust habe? Wir haben Lust auf euch. Zeigt uns, wie ihr die Lust schreddert.

Und dann kam der Cut. Corona und die schlie­ßenden Theater erreichte auch den Langen Garten 23c. Was als Berg­fest geplant war, die Hälfte ist geschafft, Ziel­ge­rade zum Festival, wurde zur Absa­ge­ver­an­stal­tung. Gerade noch so konnte auch unsere vierte Gruppe ihren Test­lauf mit Publikum und Nach­ge­spräch erfolg­reich abschließen. Der Tag danach wurde zur Krisen­sit­zung statt zum Feiertag. Eigent­lich wären die Gruppen Mitte März in ihre zweite Proben­phase gegangen. Hätten weiter­ge­ar­beitet an ihrer Perfor­mance. Hätten Feed­back aus den Nach­ge­sprä­chen einge­ar­beitet oder verworfen. Statt­dessen gingen wir alle nach Hause. Stay home – stay safe.
Keine von uns hatte die Kapa­zi­täten, ein digi­tales Festival auf die Beine zu stellen, oder die Mittel. Das war schnell klar. Die Absage des LUSTSCHREDDERS zum geplanten Zeit­punkt war also unaus­weich­lich. Der Lock­down brachte uns dazu, müde ein paar der wunder­schönen Doku­men­ta­ti­ons­fotos über die Oster­tage in unsere Werbe­ka­näle Insta­gram und Face­book zu posten. Wir schrieben, was gerade dann passiert wäre, hätte passieren können, wenn denn nicht eine Pandemie ihr Unwesen treiben würde. Wir träumten von einem kühlen Festi­val­d­rink und Premieren. Viel­leicht gabs auch einen Festi­val­d­rink bei der ein oder anderen von uns dreien, allein Zuhause. Wehmut gabs auf jeden­fall oben drauf. Resi­gna­tion kam dann, und erstaun­li­cher­weise irgend­wann:
Eine Ruhe und Entspan­nung. Viel­leicht klingt es komisch, aber nach all der wilden, vollen Zeit, nach all der Arbeit und Planung tat die Ruhe gut. Keine Termine und keine Verpflich­tungen, keine Verab­re­dungen wie vorher. 

Aus dieser Ruhe entstand ein Plan. Im Mai und Juni fand das Leitungs­team wieder zusammen. Hätte und könnte schoben wir beiseite, denn: Der SCHREDDER sollte nach­ge­holt werden. Im Oktober. Keine leichte Aufgabe für das ganze Team des Thea­ter­hauses. Schließ­lich ist eine Jahres­dispo schon aufge­stellt und Gruppen sind im Haus einge­mietet. Doch es klappte.
Weil wir gegen das Aufwärmen von alten Ideen waren, und weil wir auf unsere eigenen Kapa­zi­täten schauen mussten, wird der SCHREDDER 2020 nun eine Premie­ren­reihe. Es wird kein Rahmen­pro­gramm geben können. Es wird strenge Hygie­ne­re­geln geben, an die sich Publikum wie Spieler*innen zu halten haben. Und dennoch wird es schön. Das Wich­tigste ist uns als Leitungs­team aktuell, dass die vier Gruppen spielen können und ihre fertige Perfor­mance vor Publikum präsen­tiert wird. Das ist der Kern vom SCHREDDER: dass Nachwuchstheatermacher*innen ihre Ideen in einem geschützen Rahmen und mit einem Mento­ring formu­lieren und ausbauen können. Und auch wenn wir kein ganzes fertiges Festival für alle Hildes­heimer Studie­renden anbieten können, legen wir unsere Energie jetzt in die Betreuung der Gruppen. Damit 2020 doch noch fertig geschred­dert werden kann.

 

Die LUSTSCHREDDER Gruppen 2020

i bet you look good in molten

  i bet you look good in molton
Irgendwo zwischen Plastik-Porno, Bien­chen und Blüm­chen, Work­out­ses­sion und der schönsten Sache des Lebens finden sich in der Popkultur immer wieder ähnliche Vorstel­lungen davon, was perfekter Sex sein soll. Mit i bet you look good in molton versu­chen elen­a­pa­trowna, Ideal­bilder erlebbar zu machen und den besten Sex der Welt auf die Bühne zu bringen. Ist es am Ende alles eine Frage der Technik?
Von und mit: Luca Scelsi Ina Diallo Robert Ziesenis

Lust und Begehren in Heimen (AT)

 
Alle kennen die Geschichte von den Jungens in Heimen, die sich einander einen runter holen. Raw. Geil. Niemand weiß, dass b. sexuell miss­braucht wurde. Würde b. auspa­cken, könnten pädago­gi­sche Insti­tu­tionen einpa­cken. Noch bin ich zu klein für großes Theater, denkt er. Als er dann doch den Schritt auf die Bühne wagt, stol­pert er erst einmal über seine Clown­schuhe. Das amüsiert die Leute, die Show beginnt!
Von und mit: Thomas Schmale Kathinka Schroeder 

von bier­chen und blümchen

Vier Frauen und ihre Lust auf, an etwas, jemandem, nichts. Über die Klippe springen oder das Geröll meiden? Lust ist etwas Irra­tio­nales. Ja und nein. Oder wann wird Lust zur Sucht? Auf jeden Fall werden wir was lesen. Auf einer Bühne. Von luziden Lastern, Lust­mol­chen und von leidenden Lungen. Unver­blümt in einem Strauß von Worten. Frisch, duftend, verblüht, vergam­melt aber so ist das. Nicht unbe­dingt schön, aber ehrlich.
Von und mit: Priska Dolling Nele Rennert Judith Rother Paula Warkotsch

ICH UMARME DICH SOLANGE BIS DU DICH ENTSPANNST (AT)

4%gesellig Ankün­di­gungs­text
Wenn du schon da bist, dann machst du immer was kaputt. Die Frage ist nur was. Eine Perfor­mance gewidmet der Zerstö­rungs­lust und der Suche nach ihrem eman­zi­pa­tiven Moment. 4%gesellig und ihr szen­o­gra­fi­scher Verarbeitungsraum
von und mit: Martyna Baginski, Martha Klein­h­empel, Lisa Kreis & Natasha Tarko SOUND Corne­lius Hart­mann LICHT&FEEDBACKMASCHINE Simon Vorgrimmler
 

Ein Beitrag von Leo Lunkenheimer