Projekt­se­mester zwischen Theorie und Praxis: Heraus­for­de­rungen, Gefahren und Chancen

von | Sep 5, 2022

Das Projekt­se­mester 2022: Theo­re­tisch, prak­tisch, gut… Weil es so schön war und um der Redak­tions-Refle­xion (hier verlinken) eine Dozie­renden-Perspek­tive zur Seite zu stellen: Hier eine Ausein­an­der­set­zung mit zwei großen Begriffen in Interview-Form.
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Foto: Marisa Sias | Pixabay

Theorie und Praxis sind Begriffe, mit denen sich sowohl im Wissen­schafts­be­trieb als auch in der Kultur­land­schaft intensiv beschäf­tigt wird. Von sozi­al­phi­lo­so­phi­schen Studien eines Jürgen Habermas über meis­ter­hafte Lyrik der Wort­akro­baten Bushido und JokA: Die Band­breite der Rezep­tion ist enorm. Auch die Philo­so­phie­do­zentin Prof. Dr. Katrin Wille und die Lite­ra­tur­do­zentin Jenifer Becker inter­es­sieren sich für den Theorie- und den Praxis­be­griff. Also haben sie zu Beginn des Projekt­se­mes­ters eine Veran­stal­tung orga­ni­siert, die den Titel trug: Projekt­se­mester — zwischen Theorie und Praxis: Heraus­for­de­rungen, Gefahren und Chancen.

Da dieses Gespräch nur für eine Stunde Zeit anbe­raumt gewesen ist, aber über so viel zu reden war, haben sich die beiden bereit erklärt, die Ausein­an­der­set­zung zu inten­si­vieren.
Sowohl Prof. Dr. Katrin Wille als auch Jenifer Becker haben dieses Projekt­se­mester ein Projekt geleitet (Prof. Dr. Katrin Wille: Clow­nerie der Lücke; Jenifer Becker zusammen mit Prof. Dr. Dagmara Kraus: Schreiben auf KI). Im folgenden Inter­view spre­chen sie über Heraus­for­de­rungen, Gefahren und Chancen im Zusam­men­spiel von Theorie und Praxis, defi­nieren für uns den Theorie- und den Praxis­be­griff und erzählen von ihren persön­li­chen Theorie- und Praxis­er­fah­rungen in diesem Semester.

Tilman: Gleich zu Beginn habt ihr eine Gesprächs­runde über das Zusam­men­spiel von Theorie und Praxis im Projekt­se­mester veran­staltet. Warum war euch das wichtig?

Katrin Ich sehe eine große Chance in der Verbin­dung von Theorie und Praxis für die Philo­so­phie. Viele Vetreter*innen des Fachs sind darauf bedacht, sich scharf von den anderen, insbe­son­dere den künst­le­ri­schen Diszi­plinen abzu­grenzen. Ich begreife die Philo­so­phie aber in Teil­aspekten auch als ästhe­ti­sche Praxis, die sich mit anderen ästhe­ti­schen Prak­tiken verbinden kann. Das Projekt­se­mester bietet die Chance, das ganz konkret und inter­dis­zi­plinär umzu­setzen. Ich sehe aber auch Gefahren…

Tilman: Welche Gefahren meinst du?

Katrin: Ich habe in den vergan­genen Jahren gemerkt, dass viele Studie­rende mit einer Theo­rie­s­kepsis aus dem Projekt­se­mester kommen. Dem möchte ich etwas entge­gen­setzen und trete dafür ein, dass im Projekt­se­mester Verbin­dungs­formen und Span­nungen zwischen Theorie und Praxis thema­ti­siert und erprobt werden.

Tilman: Diesen Gefahren wolltet ihr auch in der Veran­stal­tung etwas entgegensetzen?

Jenifer: Erstmal war uns wichtig über­haupt in den Dialog zu kommen. Ich habe die Heraus­for­de­rungen zum Beispiel viel klein­tei­liger und inner­halb des Projekt­for­mats gedacht: Wie lassen sich theo­re­ti­sche Betrach­tungen produktiv mit Praxis zusam­men­führen, ohne dass wir bei einem starren Seminar-Korsett landen? Für mich ist dabei wichtig, das nicht nur als Bedro­hung zu sehen, sondern als Heraus­for­de­rung, die wir konstruktiv meis­tern können. Also habe ich in der Vorbe­rei­tung zu meinem Projekt­se­minar viel über didak­ti­sche Konzepte nach­ge­dacht, die mir eine Verschrän­kung von Theorie und Praxis ermöglichen.

Tilman: Um eine Diskus­sion über Theorie und Praxis zu führen, fände ich es wichtig, zu erör­tern, was wir unter den genannten Begriffen verstehen: Katrin, was meint ihr, wenn am Philo­so­phie­in­stitut von Praxis gespro­chen wird?

Katrin: Wir alle denken mit etwas verschie­denen Akzenten über den Begriff „Praxis“ nach. Mir ist wichtig Praxis ganz umfas­send zu verstehen und Theorie in die Praxis einzu­betten. Wir sind also immer inmitten von Praxis und Theo­re­ti­sieren stellt sich dem nicht gegen­über, sondern ist Teil davon und selbst eine Praxis, die sich aus bestimmten Anlässen entwi­ckelt – eben eine theo­re­ti­sche Praxis.

Tilman: Und welche theo­re­ti­schen Ausein­an­der­set­zungen werden am Lite­ra­tur­in­stitut um den Praxis­be­griff geführt?

Jenifer: Kreativ schreiben heißt auch immer – vor allem, wenn es um die Betrach­tung von Schreib­pro­zessen und poeto­lo­gi­schen Frage­stel­lungen geht – künst­le­risch zu forschen. Am Lite­ra­tur­in­stitut wird daher viel über den Begriff der Artistic Rese­arch disku­tiert, wobei die Dozie­renden sehr unter­schied­liche Stand­punkte einnehmen. Mich inter­es­siert beson­ders: Wie lässt sich im lite­ra­ri­schen Text auch der Schreib­pro­zess sichtbar machen?

Katrin: Artistic Rese­arch gehört meines Erach­tens an eine Kunst­hoch­schule und wir verspielen die beson­deren Möglich­keiten unseres Stand­ortes, wenn wir es dem Konzept der ästhe­ti­schen Praxis vorziehen. Für uns am Philo­so­phie­in­stitut ist das Konzept der ästhe­ti­schen Praxis viel näher an einer kriti­schen Dimen­sion des Praxisbegriffes.

Tilman: Was verstehst du unter der kriti­schen Dimen­sion des Praxisbegriffs?

Katrin: Die kriti­sche Dimen­sion des Praxis­be­griffes richtet sich gegen ein verkürztes Hand­lungs- und Subjekt­ver­ständnis. Oftmals wird prak­ti­sches Handeln so verstanden, dass Subjekte sich geeig­nete Mittel suchen, die sie möglichst effektiv einsetzen, um gewisse Ziele zu errei­chen. Wenn wir Praxis als etwas Umfas­sendes verstehen, dann benö­tigen wir Wege, um uns den Dimen­sionen der Praxis zu nähern, mit denen wir vertraut sind über die Voll­züge, die wir eingeübt haben und die wir mitein­ander teilen. Diese Voll­züge sind Orte des Wissens. Ein Wissen, das sich aber nicht von den Voll­zügen abtrennen lässt und Voll­zugs­wissen bleibt.

Jenifer: Viel­leicht sind wir dann doch die zu narziss­ti­schen Künstler*innen, die genau dieses Ich im Forschungs­be­griff drin haben möchten.

Tilman: Um den Theo­rie­be­griff nicht zu kurz kommen zu lassen: Was verstehen wir unter Theorie? Geht es hier erstmal nur um eine Denk­be­we­gung mit Erkennt­nis­ge­winn oder ist darin das Lesen von wissen­schaft­li­cher Fach­li­te­ratur impliziert?

Katrin: Ich würde zwischen mindes­tens zwei Formen von Theorie unter­scheiden. Da wäre Forschungs­li­te­ratur lesen und sich mit Konzepten, geschicht­li­chen Debatten, Methoden und Posi­tionen ausein­an­der­setzen. Davon abgrenzen würde ich ein Theo­re­ti­sieren, das immer und überall entstehen kann. Wenn ich zum Beispiel eine Erfah­rung im Alltag mache und diese mit jemanden teile, kann sich daraus eine Diskus­sion über sprach­liche Beschrei­bungen von Erfah­rungen entwi­ckeln. Manchmal erwächst daraus eine Eigen­dy­namik, die aus einfa­chen Beschrei­bungen Konzepte oder Begriffe macht und wir bemerken, dass diese Konzepte und Begriffe eine Geschichte haben und gewisse Deutungs­mög­lich­keiten transportieren.

Jenifer: Je mehr wir darüber spre­chen, desto unklarer ziehen sich für mich die Grenzen zwischen Theorie und Praxis. Das ließ sich auch im Projekt­se­mester beob­achten.
Wir hatten genug Zeit, in den indi­vi­du­ellen Text­be­spre­chungen auch lite­ra­tur­theo­re­ti­sche Fragen mitzu­denken: Was heißt schreiben mit Texten, die jemand anderes geschrieben hat. Stich­wort: Weiter­ver­wer­tung, Appro­pria­tion. Was bedeutet in diesem Zusam­men­hang eigent­lich Autor*innenschaft? Hier lösen sich Grenzen zwischen Theorie (als selbst­re­fle­xive Analyse eigener oder fremder Texte) und Text­ge­nese (als Praxis) gänz­lich auf.

Tilman: Wenn ich euch richtig folge, lässt sich also auch Theorie primär als Praxis deuten. Worin unter­scheiden sich Theorie und Praxis dann konkret?

Katrin: Praxis ist für mich der primäre Begriff und Theorie einer, der darin eine bestimmte Funk­tion erfüllt. Auch Theorie ist eine Praxis, aber eine bestimmte Praxis. Deswegen halte ich es in jedem Fall für sinn­voll an den beiden Begriffen fest­zu­halten. Dabei haben aber sowohl Theorie als auch Praxis eine trans­for­ma­tive Kraft. Theorie und Praxis stehen in einem Rück­kopp­lungs­ver­hältnis. Sich diesem zu nähern, ist eine zentrale Aufgabe von ästhe­ti­scher Praxis, wie ich sie verstehe.

Tilman: Ihr habt nun einige Chancen und Gefahren von Theorie und Praxis genannt. Was davon konntet ihr konkret in euren Projekten zu beob­achten? Wie war das bei deinem Projekt »Schreiben auf KI«, Jenifer?

Jenifer: Wir hatten zu Beginn ein starres Konstrukt mit klar aufge­teilten Theorie- und Praxis­blö­cken, das im Laufe des Semes­ters aber aufge­bro­chen und dyna­mi­scher wurde. Am Anfang haben wir mit theo­re­ti­scher Über­for­de­rung gear­beitet und den Studie­renden eine Menge Text­ma­te­rial zur Lektüre gegeben. Dann haben wir ziel­ge­richtet Schreib­übungen und das Auspro­bieren von Programmen ange­leitet, um ab der Hälfte des Semes­ters mit den Text­werk­stätten anzu­fangen. In den Text­werk­stätten hat sich das Nach­denken über den Schreib­pro­zess mit KI-gestützten Verfahren als der inter­es­san­teste Punkt im Arbeits­pro­zess heraus­ge­stellt Das sehe ich auch als einen Teil der Verschrän­kung von Theorie und Praxis: Im Kunst­werk selbst darüber nach­zu­denken, was im Kunst­werk eigent­lich gemacht wurde.

Tilman: Wie sah das bei Clow­nerie der Lücke aus?

Katrin: Bei uns war der Mitt­woch als Theo­rietag und der Donnerstag als Praxistag ange­setzt. Am Freitag war Zeit für Text­re­cher­chen, um sich Perfor­mances anzu­schauen oder Expe­ri­mente in der Stadt durch­zu­führen. Ich habe Über­le­gungen für alle drei Bereiche einge­bracht, war aber offen für Vorschläge von Studie­renden. Die Inter­essen und Erfah­rungen der Studie­renden haben uns dann ganz andere Wege eröffnet, die ich gar nicht im Sinn hatte.

Tilman: Inwie­fern?

Katrin: Einige Studie­rende haben zu Beginn so intensiv zum Thema recher­chiert, dass zwei theo­re­ti­sche Ansätze ins Spiel gekommen sind, die uns die ganze Zeit begleitet haben und unge­heuer produktiv geworden sind. Im Verlauf des Semes­ters haben wir uns von unserer Drei-Tage-Struktur verab­schiedet und eine Werk­statt­woche gemacht. Auch hier waren die theo­re­ti­schen Über­le­gungen enorm wichtig. Aus meinem letzten Projekt­se­minar zum akade­mi­schen Körper ist ein Magazin mit dem Namen honoris causa entstanden, das wurde von einigen Studie­renden auch nach dem Projekt weiter­ge­führt. In der Werk­statt­woche haben wir für weitere Ausgaben der honoris causa mit dem dies­jäh­rigen Projekt­se­minar Songs und Texte beigesteuert, die voll von Bezügen und der Weiter­ar­beit unserer theo­re­ti­schen Diskus­sionen sind.

Jenifer: Wie schön, dass du nochmal die produk­tive Kraft der Werk­statt­for­mate benannt hast! Auch bei uns waren es die Werk­stätten, in denen unglaub­lich gut gemeinsam gedacht und gear­beitet wurde. Auch um die Verzah­nung zwischen theo­re­ti­schem Nach­denken und der Praxis Kunst-Machen deut­li­cher hervor­zu­heben, sollten wir Werk­statt­for­mate noch viel größer machen.

apl. Prof. Dr. Katrin Wille

Geboren 1971 in Göttingen, hat Philo­so­phie, Geschichte, Ev. Theo­logie, Volks­wirt­schafts­lehre in Münster und München studiert, Promo­tion München, Habi­li­ta­tion Jena, arbeitet als außer­plan­mä­ßige Profes­sorin für Philo­so­phie am Institut für Philo­so­phie in Hildes­heim. Ihre Forschungs­schwer­punkte liegen in der femi­nis­ti­schen Philo­so­phie und der kriti­schen Ausein­an­der­set­zung mit den Prak­tiken des Unter­schei­dens, Negie­rens und Kriti­sie­rens in der Philo­so­phie wie in der Arbeit an der Verhält­nis­be­stim­mung zwischen Begriff und Erfahrung.

Dr. des. Jenifer Becker

Geboren 1988 in Braun­fels, hat Jour­na­listik und Lite­ra­ri­sches Schreiben studiert, arbeitet als wissen­schaft­liche Mitar­bei­terin an der Univer­sität Hildes­heim, schreibt an Romanen und anderen Projekten

Ein Beitrag von Tilman Rasmus Busch, veröf­fent­licht am 5. September 2022