Inter­view
mit Prof. Dr. Matthias Rebstock

Könnten Sie sich den Studie­renden viel­leicht kurz vorstellen?

Ich bin Matthias Rebstock, Professor für szeni­sche Musik, Insti­tuts­leiter vom Institut für Musik und Musik­wis­sen­schaft und auch Studi­en­dekan des Fach­be­reichs. Szeni­sche Musik ist ein sehr breites Feld, da dieser Begriff nicht wirk­lich defi­niert ist als wissen­schaft­li­ches Gebiet, und betrifft im Grunde alle Formen, in denen die Musik in einen szeni­schen Kontext tritt oder mit Hilfe von Musik ein szeni­scher Kontext geschaffen wird. Das heißt ganz konkret jede Form von Musik­theater, aber auch Film­musik, Hörspiel, Klang­in­stal­la­tionen. Ich mache sehr viel neue und expe­ri­men­telle Musik, meis­tens an der Grenze zum Musik­theater, das ist auch das Gebiet, in dem ich selbst künst­le­risch tätig bin. Das zweite Schwer­punkt­ge­biet ist für mich hier die Musik­ver­mitt­lung. Dabei geht es mir vor allem um neue künst­le­ri­sche Formate von Konzerten. Also ein Vermitt­lungs­be­griff, der nicht so sehr aus der pädago­gi­schen Rich­tung kommt, im Sinne einer Zusatz­ver­an­stal­tung, sondern eher aus dem Konzert­er­lebnis oder aus dem Kontakt mit der Musik direkt resultiert.

In Hildes­heim wird sich die Verknüp­fung aus Theorie und Praxis stark auf die Fahne geschrieben, was bedeutet das konkret?

Wir versu­chen, um im Fach Musik zu bleiben, nicht die musi­ka­li­sche Praxis – also z.B. Instru­men­tal­un­ter­richt – zu machen UND Musik­wis­sen­schaft und beides bleibt unver­bunden neben­ein­ander stehen, sondern wir versu­chen musik­wis­sen­schaft­liche Frage­stel­lungen oder auch kultur­wis­sen­schaft­liche Frage­stel­lungen aus der eigenen künst­le­risch-prak­ti­schen Tätig­keit heraus zu entwi­ckeln. Einfach weil wir wissen, dass, sobald die Fragen uns direkt und konkret im Tun, im eigenen Handeln, im Entschei­dungs­pro­zess betreffen, diese Fragen viel drän­gender, wich­tiger werden und eine ganz andere Ausein­an­der­set­zung erfolgt. Und anders­herum ist es auch möglich, theo­re­ti­sche Modelle durch eine prak­ti­sche Übung zu über­prüfen – z.B. im Vermitt­lungs­kon­text. Hier kann man Stra­te­gien tatsäch­lich umsetzen und sehen, wo sind die Probleme, wie können diese weiter­ge­dacht werden – also wiederum in eine Refle­xion, in eine theo­re­ti­sche Ausein­an­der­set­zung zurück über­führt werden.

Konkret können dabei verschie­dene Projekte entstehen und andere Kolle­ginnen und Kollegen gehen dabei natür­lich anders damit um. Wir haben im letzten Semester ein Projekt gemacht, das wir letzt­lich „Stimm­strom“ genannt haben und haben uns da mit musi­ka­li­scher Perfor­mance beschäf­tigt. Zunächst haben wir das Thema wissen­schaft­lich betrachtet, also welche Formen es gibt, wie die geschicht­liche Entwick­lung ist, seit wann man von solch einer Form spricht, welche unter­schied­li­chen Akteure hierbei wichtig sind. Parallel dazu hatten wir zwei Übungen mit meinem Kollegen Alan Fabian aus der elek­tro­ni­schen Musik zusammen und dabei ging es von Anfang an stark um Stimme und Elek­tronik, bzw. Stimme und Medi­a­lität, die Stimme als Medium und im Medium der Elek­tronik. In diesen Übungen haben wir nach und nach eigene Vokal­per­for­mance­stücke mit Live­elek­tronik entwi­ckelt und das kombi­niert mit Klas­si­kern der musi­ka­li­schen Perfor­mance, um einen Dialog zwischen den verschie­denen Ansätzen zu haben. Diese Stücke haben wir im Römer-Paelizäus-Museum in ein Konzert­format gebracht, also versucht ein Format zu erfinden, wie diese Stücke als ein durch­ge­hender, großer, begeh­barer musi­ka­li­scher Klang­raum konzi­piert werden können. Hier kam also auch die Vermitt­lungs- und Konzep­ti­ons­ebene ins Spiel. Dieses öffent­liche Konzert haben wir schließ­lich vor rund 150–200 Zuschauer_innen aufge­führt. In diesem Projekt wurde auch für die Studie­renden sehr schön sichtbar, wie sich Theorie und Praxis gegen­seitig durch­dringen können.

Wie wichtig ist Ihnen die eigene künst­le­ri­sche Praxis für die Lehre?

Für mich ist sie sehr wichtig, nicht nur für die Lehre, sondern auch für die Forschung. Zum einen gibt sie mir natür­lich einen bestimmten Erfah­rungs­hin­ter­grund, den ich einbringen kann, sowohl was Versuchs­an­ord­nungen angeht als auch das Kennen­lernen verschie­dener Menschen, die ich dadurch als Gastdozent_innen einladen kann. Umge­kehrt habe ich dadurch aber hier auch oftmals ein sehr freies Labo­ra­to­rium, um Dinge auszu­pro­bieren und manche Ideen habe ich später auch schon im profes­sio­nellen Kontext weiterentwickelt.

Sind Sie außer­halb der Univer­sität selbst künst­le­risch aktiv?

Ja, ich bin Regis­seur für Neues Musik­theater, mache also eigent­lich keine Reper­toire­opern, Reper­toire verwende ich höchs­tens auf sehr expe­ri­men­telle Weise, aber im Wesent­li­chen mache ich Urauf­füh­rungen im Bereich der Neuen Musik, des Musik­thea­ters, aber auch Stück­ent­wick­lungen eigener Stücke, die dann eher im Bereich musi­ka­li­siertes Schau­spiel, post-drama­ti­sches musi­ka­li­sches Theater ange­sie­delt sind, also auch eher an Sprech­thea­ter­bühnen oder ‑festi­vals laufen. Ich entwickle gerne Stücke mit Komponist_innen zusammen. Ich habe seit längerem eine enge Koope­ra­tion mit Elena Mendoza, einer ursprüng­lich spani­schen Kompo­nistin, die aber auch in Deutsch­land mitt­ler­weile einen guten Namen hat. Wir schreiben die Stücke von Anfang an in gemein­samer Autor­schaft – Autor­schaft ist für mich über­haupt ein wich­tiges Thema. Der Regis­seur ist klas­si­scher­weise ein inter­pre­tie­render Künstler, es gibt aber starke Strö­mungen, den Beruf eher als eine Autor­schaft zu begreifen, was mich daran auch mehr inter­es­siert. Auch wenn man mit histo­ri­schem Mate­rial umgeht, kann dies trotzdem in eine Autor­schaft führen.

Mit welchen Projekten sind Sie aktuell künst­le­risch aktiv?

Das sind bei mir immer mehrere Projekte gleich­zeitig in unter­schied­li­chen Stadien. Das eine ist sozu­sagen fast abge­schlossen, hier sind wir gerade noch dabei, Kostüme fertig zu machen. Das ist ein größeres Projekt für die Oper in Madrid – das Teatro Real – mit Elena Mendoza zusammen und ist dadurch ein riesiges Projekt, da das Opern­haus und die Bühne sehr groß sind mit über 2000 Plätzen, was für mich sehr unge­wöhn­lich ist, da ich eher in konzen­trier­teren Räumen arbeite. Dieses Stück, das man auch als neue Oper bezeichnen könnte, basiert auf Texten von Onetti, einem Schrift­steller aus Uruguay, in spani­scher Sprache. Wir haben dieses Stück in den letzten vier Jahren entwi­ckelt und haben auch hier von Anfang an mit den Interpret_innen zusam­men­ge­ar­beitet, wodurch dieser lange Entwick­lungs­zeit­raum zustande kommt. Dieses Projekt ist also fast abge­schlossen, im Früh­jahr nächsten Jahres kommt das Stück tatsäch­lich auf die Bühne.

Zudem bin ich in der heißen Entwick­lungs­phase eines Stückes, das im Juli in Barce­lona auf einem Festival Premiere haben wird und auf einer Koope­ra­tion zwischen einer Gruppe aus Barce­lona und der Neuköllner Oper in Berlin basiert, also gibt es auch hier ein gemischt­spra­chiges Ensemble. Hierbei arbeite ich mit zwei Autoren zusammen und in diesem abstrakten Stück geht es um Frei­heit, Grenzen, Entgren­zung vor dem Hinter­grund der digi­talen Welt einer­seits und ande­rer­seits aber auch vor dem Hinter­grund der neuen Grenz­kon­flikte, die wir haben – überall werden Stachel­draht­zäune hoch­ge­zogen in Europa und die Idee Europas scheint nur noch eine zu sein, die auf Abgren­zung beruht. Dieser komi­sche Kontrast im Real­raum wird immer stärker begrenzt und im virtu­ellen Raum entgrenzt und was heißt das eigent­lich für Frei­heit und Identität.

Außerdem gibt es ein Projekt für 2019, bei dem wir erst ganz am Anfang der Planung sind und aktuell Autor_innen suchen. Zudem beschäf­tige ich mich mit ein paar Gast­spiel­sa­chen und klei­neren Projekten.

Sind aktu­elle Themen für Ihre Projekt­ar­beit relevant?

Ja, die meisten Stücke haben einen aktu­ellen Bezug, wobei sie nicht tages­po­li­tisch sein wollen, sondern mir geht es sehr stark um einen Refle­xi­ons­raum, der meist auch eine philo­so­phi­sche Dimen­sion hat, da ich selbst Philo­so­phie studiert habe und im Herzen ein Philo­soph bin. Diese Art zu versu­chen, die Tages­po­litik tiefer zu denken gibt es in jedem Projekt. Also zum Beispiel ausge­hend von der Flücht­lings- und Netz­the­matik, die tages­ak­tuell ist, sich die Frage nach Iden­tität zu stellen und welche Rolle die Sprache dabei spielt. Jede Form von Begriffs­bil­dung ist eine Grenz­zie­hung, dieses Spiel von Ausgren­zung und Eingren­zung steckt also im Wesen unserer Sprache. Komme ich dabei über­haupt raus? Gibt es eine andere Art das zu denken? Diese tiefer­ge­hende Ebene gibt es für mich in jedem Stück, man kann die Stücke dann natür­lich auf verschie­dene Weise rezipieren.

Was ist für Sie das Beson­dere am Studium an der Domäne aus Sicht des Dozenten?

Man kann die Situa­tion hier gut als eine Art Labor­si­tua­tion beschreiben und leben, wir Dozent_innen auch, aber die Studie­renden können das noch viel stärker. Eben auch, weil es diese Atmo­sphäre des krea­tiven Tuns hier gibt und zwar auch jenseits von dem, was man belegen muss. Das liegt natür­lich am Theorie-Praxis-Konzept. Sehr häufig gibt es Projekte, die sich privat fort­setzen. Dafür stellen wir auch gerne unsere Räum­lich­keiten zur Verfü­gung, also Probe­bühnen, Band­räume, Übe Räume usw. Wir Dozent_innen fördern dieses Enga­ge­ment auch als eigene Ausein­an­der­set­zung, die eben weiter­führt als normale Semi­nar­kon­texte. Was vor allem für das Musik­in­stitut beson­ders ist in Hildes­heim, ist, dass wir ein breites Spek­trum abde­cken an verschie­densten Musik­rich­tungen. Ich beschäf­tige mich eher mit Neuer Musik, Klang­in­stal­la­tionen, Elek­tronik, alles mit einem eher expe­ri­men­tellen Ansatz, wir haben sehr inten­sive Band­pro­jekte wiederum in verschie­denen stilis­ti­schen Rich­tungen, an denen man zum Teil auch über mehrere Jahre mitwirken kann und auch dazu natür­lich das entspre­chende wissen­schaft­liche Programm, dass man ein so umfas­sendes Spek­trum abdeckt und dass wir in unserer wissen­schaft­li­chen Praxis auch keinerlei Grenzen haben. Die alte Debatte um U und E hat in Hildes­heim schon seit Ende der 70er Jahre oder viel­leicht eigent­lich nie so recht eine Rolle gespielt, weil uns einfach die ästhe­ti­sche Erfah­rung als Phänomen inter­es­siert, die Rolle von Musik in der Gesell­schaft und für das Indi­vi­duum, warum hat Musik einen so hohen Stel­len­wert im Leben der Einzelnen, durch welche digi­talen Prak­tiken wird diese heute verän­dert, wie verän­dern sich Hörge­wohn­heiten usw. Das hat alles gar nichts mit spezi­fi­schen Musik­rich­tungen zu tun, es ist jeweils unter­schied­lich, aber es gibt über­haupt keine Wertung und das finde ich sehr schön und offen und führt auch unter den Kolleg_innen zu einem guten Austausch und span­nenden Projekten, Tagungen, an denen die Studie­renden auch wieder teil­nehmen können usw. Das ist sehr beson­ders hier.

Wie empfinden Sie die Atmo­sphäre zwischen Studie­renden und Dozent_innen?

Das kann ich nicht so richtig verglei­chen, weil ich hier in Hildes­heim meine erste Professur bekommen habe, davor hatte ich Lehr­auf­träge, wobei eh alles ein biss­chen anders ist und da war ich auch noch jung, da war es eh entspannt. Für mich ist es hier – wenn ich an meine Studi­en­zeit zurück­denke – unnach­voll­ziehbar locker (lacht). Ich bin mit den meisten, zumin­dest mit denen ich prak­tisch zusam­men­ar­beite, per Du und es gibt eine gute Arbeits­ebene. Das heißt natür­lich nicht, dass alles kumpel­haft ist, es ist schon klar, dass ich auch benoten muss und nicht alles soft ist, aber es gibt eine sehr persön­liche, mensch­liche Ebene, im Sinne von, dass man sich auch gut kennen­lernt, gerade durch die Projekt­ar­beit. Im Ideal­fall gelingt es dabei auch in der prak­ti­schen Arbeit, den univer­si­tären Kontext zu vergessen, das ist dann für mich, wie wenn ich mit einem anderen Ensemble arbeite, auch der Anspruch ist so. Da ist es dann einfach das Ziel, eine möglichst gute Produk­tion zu machen und der Rest an Insti­tu­tion ist dann gar nicht so rele­vant. Klar, später bei Abschluss­prü­fungen ist es etwas Anderes. Wenn wir zum Beispiel Instru­men­tal­prü­fungen abzu­nehmen haben, das ist oft auf eine Art gar nicht so ange­nehm, weil alles hier auf Noten zurück­ge­führt wird, die Indi­vi­duen total redu­zieren auf sechs Stufen und das war’s. Alles andere, was wir sonst hier im Fach­be­reich pflegen an persön­li­chem Austausch und persön­li­cher Beglei­tung in der Profil­bil­dung – das ist eigent­lich unser Haupt­ziel, dass wir das leisten können – wird dadurch konter­ka­riert. Das ist eben das System, in dem wir doch auch sind.

Das heißt, Sie fühlen sich hier wohl?

Ja, ich fühle mich hier wohl. Natür­lich gibt es auch Sachen, die ich mir anders vorstellen könnte, aber was die Lehre angeht, die Atmo­sphäre hier, die Kolleg_innen, auch die Art der Studie­renden, die wir haben, fühle ich mich sehr wohl.

Gibt es für Sie einen beson­deren Ort an der Domäne?

Also ich mag das Hofcafé gern, ich mag den Park hinten sehr gern, der ist auch, glaube ich, noch nicht hinrei­chend genutzt. Ich wollte dort eigent­lich einen dauer­haften Klang­kunst­park initi­ieren, das ist noch ein unvoll­endetes Projekt. Der Park hat eine ganz beson­dere Stim­mung. Und ich mag auch gerne den Weg ins Nichts hinten­raus an der Innerste entlang und über­haupt den Weg hierher als Arbeitsweg. Es ist total isoliert, es ist wirk­lich ein biss­chen wie eine Summer School, das heißt, das Hinkommen ist zum Teil wirk­lich schwierig und auch im Winter nervig, aber das Hier­sein ist sehr schön.

Haben Sie selbst eine Eignungs­prü­fung machen müssen?

Ja, habe ich. Ich habe selbst Musik studiert an der Hoch­schule in Berlin und von daher natür­lich eine etwas schwie­ri­gere Eignungs­prü­fung bestanden, ich habe auch andere nicht bestanden, also kenne ich das Gefühl auch ganz gut, wenn’s nicht reicht. Wobei wir im Grunde Basis­fä­hig­keiten prüfen, die man hier einfach braucht, aber es ist nicht wie an den Musik­hoch­schulen, wo die Konkur­renz extrem ist.

Haben Sie noch einen Rat für die Bewerber_innen für die Eignungsprüfung?

Sich nicht verrückt machen, und im Bereich Musik ein biss­chen üben was die Gehör­bil­dung angeht, also Inter­valle und Akkorde hören, Dur und Moll unter­scheiden können, Rhyth­mus­diktat machen. Das ist etwas, was man sehr gut üben kann und dann kann eigent­lich auch nichts schief­gehen. Ansonsten die Eignungs­prü­fung nicht über­schätzen, das klappt im Normal­fall, wenn man selbst das Gefühl hat sicher zu sein auf seinem Instru­ment oder mit der Stimme.

Vielen Dank.

 

Dieses Inter­view entstand 2016 im Rahmen eines News­let­ters des Fach­be­reichs 2 – Kultur­wis­sen­schaften und Ästhe­ti­sche Kommu­ni­ka­tion – an der Stif­tung Univer­sität Hildes­heim mit Infor­ma­tionen rund um die Eignungs­prü­fungen und die Bewer­bung in den Bachelorstudiengängen.

Prof. Dr. Matthias Rebstock
Institut für Musik und Musikwissenschaft

Forschungs­schwer­punkte
◣ Neue Musik nach 1945
◣ Musik­theater im 20. und 21. Jahrhundert
◣ Analyse inter­me­dialer Kunstformen
◣ Ästhetik und Zeichentheorie