Inter­view mit Prof. Dr. Anne­marie Matzke

Könnten Sie sich den Studie­renden bitte kurz vorstellen?

Mein Name ist Anne­marie Matzke, am Institut für Medien, Theater und Popu­läre Kultur bin ich Profes­sorin für expe­ri­men­telle Formen des Gegen­warts­thea­ters. Meine Forschungs­schwer­punkte sind Schau­spiel­formen, Perfor­mance Art, Theorie und Geschichte der Thea­ter­probe, Raum­kon­zepte und Körper­bilder. Eine meiner Aufgaben in Hildes­heim ist die Leitung der Studi­en­gänge Szeni­sche Künste (B.A.) und Insze­nie­rung der Künste und Medien (M.A.). Neben meiner Professur bin ich Mitglied der Perfor­mance­gruppe She She Pop, insze­niere und spiele an verschie­denen Häusern im In- und Ausland.

In Hildes­heim wird auf die Verknüp­fung von Theorie und Praxis großen Wert gelegt. Was bedeutet das konkret?

Das Lehr­pro­gramm ist so ange­legt, dass wir theo­re­ti­sche Semi­nare, in denen beispiels­weise im Thea­ter­be­reich Texte gelesen und Insze­nie­rungen geschaut werden, mit einer künst­le­ri­schen Übung verknüpfen, in der künst­le­ri­sche Stra­te­gien vermit­telt und auspro­biert werden. Wenn ich beispiel­weise ein Seminar zum Bühnen­raum anbiete, histo­ri­sche Formen unter­suche, theo­re­ti­sche Raum­kon­zepte vorstelle, dann besu­chen die Studie­renden zugleich meine Übung, in der wir Raum­in­stal­la­tionen entwerfen. Fragen aus der Theorie werden in der Praxis über­prüft und die künst­le­ri­sche Praxis wird durch die Theorie reflek­tiert. Im Projekt­se­mester findet dies inner­halb einer drei­tä­gigen Veran­stal­tung statt: gerade arbeite ich mit Studie­renden an einem Projekt zum Thema Odyssee, wir unter­su­chen, wie wir Texte über Flucht ausge­hend von den Motiven des antiken Textes entwi­ckeln und wie diese dann wiederum auf der Bühne gespro­chen werden können.

Welche Rolle spielt für Sie die eigene künst­le­ri­sche Praxis für die Lehre?

Für mich ist es wichtig, durch meine künst­le­ri­schen Projekte immer wieder neue inhalt­liche Impulse für meine Forschung und Lehre zu bekommen. Ausge­hend von der eigenen Proben­ar­beit entwi­ckele ich Konzepte für meine Lehr­ver­an­stal­tungen. Durch meine Praxis kenne ich aber auch den Berufs­alltag in verschie­denen Thea­ter­be­rufen, diesen kann ich dann auch in Semi­naren und Übungen mit vermit­teln, aktu­elle Frage­stel­lungen werden in das Lehr­pro­gramm aufge­nommen. Dabei geht es teils auch um ganz prak­ti­sche Berufs­vor­be­rei­tung. Es ergeben sich Koope­ra­tionen mit verschie­denen Thea­tern, Festi­vals und anderen Kunst­in­sti­tu­tionen. Und nicht zuletzt lerne ich immer wieder span­nende Künstler_innen kennen, die wir dann für Lehr­auf­träge nach Hildes­heim einladen.

Sind Sie außer­halb der Univer­sität selbst künst­le­risch aktiv? Mit welchen Projekten sind Sie aktuell künst­le­risch aktiv?

Letztes Semester hatte ich ein Forschungs­se­mester und hatte deshalb die Möglich­keit neben einer Gast­spiel­reise nach Südame­rika auch eine Insze­nie­rung an den Münchner Kammer­spielen zu machen. Es ist eine Bear­bei­tung von Wede­kinds Früh­lings­er­wa­chen mit dem Titel 50 Grades of Shame. Die Insze­nie­rung arbeitet mit einem ganz beson­deren Video­kon­zept und fragt nach utopi­schen Körper­bil­dern. Es geht um Aufklä­rung, Sexua­lität und Scham. Neu war, dass wir als Perfor­mance Gruppe mit Schau­spie­le­rinnen und Schau­spie­lern aus dem Ensemble der Kammer­spiele gear­beitet haben. Für meine Forschung im Bereich von Schau­spiel­formen war das ein hoch­span­nende Erfah­rung, die ich jetzt auch theo­re­tisch auswerte. Die Insze­nie­rung ist noch in München zu sehen und später in Berlin, Frank­furt, Hamburg und an anderen Orten.

Sind aktu­elle Themen für Ihre eigenen Projekte relevant?

Momentan arbeiten wir an einem Konzept für ein Chor­pro­jekt über Eigentum. Dies ist meiner Ansicht nach ein äußerst aktu­elles, poli­ti­sches Thema, da in unserer Gesell­schaft die Vertei­lung von Eigentum immer weiter auseinanderdriftet.

Was ist für Sie das Beson­dere am Studium an der Domäne?

Für mich ist es ein großer Luxus, dass ich direkt vom Semi­nar­raum im ersten Stock auf die Bühne im Erdge­schoss gehen kann. Alle Insti­tute des Fach­be­reichs sind hier versam­melt, das ermög­licht einen direkten, auch infor­mellen Austausch mit den Kolle­ginnen und Kollegen und Studierenden.

Wie empfinden Sie die Atmo­sphäre zwischen Studie­renden und Dozent_innen?

Durch die künst­le­ri­sche Praxis, aber auch die Situa­tion an der Domäne gibt es einen sehr direkten Kontakt mit den Studie­renden. Ich kenne die meisten von der Bühne, aus Semi­naren, aber auch anderen, von den Studie­renden selbst orga­ni­sierten Veran­stal­tungen. Dies schafft eine sehr fami­liäre Atmosphäre.

Fühlen Sie sich hier wohl?

Momentan kann ich mir keinen schö­neren Ort zum Unter­richten vorstellen.

Gibt es für Sie einen beson­deren Ort an der Domäne?

Auf der Terrasse des Hofcafés bei Sonnen­un­ter­gang. Oder im Burg­theater, wenn alle vier großen Türen geöffnet sind.

Haben Sie selbst schon einmal eine Eignungs­prü­fung absolviert?

Ich komme aus Braun­schweig und habe direkt nach meinem Abitur die Eignungs­prü­fung hier in Hildes­heim absol­viert. Obwohl ich genommen wurde, hatte ich dann das Gefühl, dass ich noch mehr von der Welt sehen muss, bin für ein Jahr nach Paris gegangen und habe dann die Eignungs­prü­fung für Ange­wandte Thea­ter­wis­sen­schaft in Gießen gemacht.

Haben Sie noch einen Rat für die Bewerber_innen?

Sich nicht verrückt machen. Neben der Erar­bei­tung der künst­le­ri­schen Arbeit, die präsen­tiert wird, auch darüber nach­denken, wie man sein eigenes künst­le­ri­sches Vorgehen beschreiben kann. Welche Schritte haben statt­ge­funden, warum habe ich was gemacht? Wir suchen Leute, die sich auf allen Ebenen für die Kunst inter­es­sieren, deshalb ist es auch nicht schlecht mal ins Theater zu gehen.

Vielen Dank.

 

Dieses Inter­view entstand 2016 im Rahmen eines News­let­ters des Fach­be­reichs 2 – Kultur­wis­sen­schaften und Ästhe­ti­sche Kommu­ni­ka­tion – an der Stif­tung Univer­sität Hildes­heim mit Infor­ma­tionen rund um die Eignungs­prü­fungen und die Bewer­bung in den Bachelorstudiengängen.

Prof. Dr. Anne­marie Matzke
Institut für Medien, Theater und Popu­läre Kultur, Abtei­lung Theater

Forschungs­schwer­punkte
◣ Geschichte und Theorie der Theaterprobe
◣ Schauspieltheorien
◣ Thea­trale Raumkonzepte
◣ Improvisation
◣ Tanz- und Bewegungskonzepte

Außerdem Seit 1994 ist Anne­marie Matzke Mitglied der Gruppe She She Pop.