Inter­view mit Maike Gunsilius

In dieser Reihe erzählen unsere Dozie­renden über ihren Werde­gang, ihr künst­le­ri­sches Schaffen, die Domäne und vieles mehr.

Könnten Sie sich den Studi­en­in­ter­es­sierten viel­leicht kurz vorstellen?

Mein Name ist Maike Gunsi­lius, ich habe im letzten Semester die Professur für die Ästhetik des Kinder- und Jugend­thea­ters im Fach­be­reich 2 ange­treten. Ich habe selbst in Hildes­heim Kultur­wis­sen­schaften mit dem Schwer­punkt Theater studiert und bin nach einigen Jahren als Drama­turgin und Thea­ter­ma­cherin in Stadt- und Staats­thea­tern und freien Projekten in Forschung und Lehre gegangen. In Hildes­heim bin ich also neu und zugleich nicht neu, da ich hier bereits wunder­bare und prägende Jahre des Studiums mit groß­ar­tigen Komiliton*innen verbracht habe. 

In Hildes­heim wird sich die Verknüp­fung aus Theorie und Praxis stark auf die Fahne geschrieben, was bedeutet das (für Sie) konkret?

Die Verknüp­fung von Theorie und Praxis bedeutet für mich z.B., aus der künst­le­ri­schen Praxis heraus Frage­stel­lungen zu entwi­ckeln, die ich bezogen auf aktu­elle Diskurse theo­re­tisch unter­suche – oder umge­kehrt. Ergeb­nisse dieser theo­re­ti­schen Forschung kann ich wiederum in künst­le­ri­sche Settings über­setzen, die ich prak­tisch erproben und bezogen auf Theorie reflek­tieren kann. Theorie und Praxis wech­sel­seitig aufein­ander zu beziehen, ist für mich oft eine zykli­sche Bewe­gung, die ich als extrem fruchtbar empfinde und die unter­schied­liche beruf­liche Felder und Schnitt­stellen eröffnet.

Wie wichtig ist Ihnen die eigene künst­le­ri­sche Praxis für die Lehre?

In der Lehre versuche ich stets, theo­re­ti­sche Ansätze und Posi­tionen anhand von Beispielen künst­le­ri­scher Praxis zu konkre­ti­sieren. Oder umge­kehrt: Künst­le­ri­schen Projekte oder Skizzen durch Theo­rie­be­züge zu analy­sieren. Ich setze in der Lehre auch stark auf Koope­ra­tionen und Austausch mit Thea­ter­häu­sern, Festi­vals und einzelnen Künstler*innen.

Sind Sie außer­halb der Univer­sität selbst künst­le­risch aktiv?

Momentan möchte ich in der Univer­sität richtig ankommen. Meine eigene künst­le­ri­sche Praxis führe ich parallel dazu in Form von klei­neren Projekten, Laboren und Work­shop-Formaten weiter, die ich wenn möglich versuche für meine Forschung und für meine Lehre produktiv zu machen.

Mit welchen Projekten sind Sie aktuell künst­le­risch aktiv?

Aktuell arbeite ich beispiels­weise gemeinsam mit mehreren Künstler*innen und Forscher*innen an einer neuen Version des Perfor­mance-Spiels Playing up! am FUNDUS THEATER/Forschungstheater. Das Spiel ist für Teams aus Kindern und Erwach­senen konzi­piert. Die neue Version entwi­ckelt anhand von Beispielen der Perfor­mance Art künst­le­ri­sche Hand­lungs­an­wei­sungen zur Perfor­mance von Gender für trans­ge­nera­tio­nelle Teams.

Sind aktu­elle Themen für Ihre Projekt­ar­beit relevant?

Die künst­le­ri­sche Erfah­rung ist für Zuschau­ende und für Betei­ligte immer eine Form der Begeg­nung mit Welt und ihrer Gegen­wart. Insbe­son­dere das Theater für und mit Kindern setzt sich mit dieser Gegen­wart ausein­ander und bear­beitet aktu­elle gesell­schaft­liche Frage­stel­lungen, beispiels­weise ange­sichts der Klima­krise. In meiner Forschung und meiner künst­le­ri­schen Praxis setze ich mich aktuell mit Fragen der Macht und Macht­kritik in künst­le­ri­schen Formaten der Begeg­nung zwischen Kindern und Erwach­senen auseinander.

Was ist für Sie das Beson­dere am Studium an der Domäne aus Sicht der Dozentin?

Die Domäne ist ein wunder­schöner Ort, der momentan leider viel zu verlassen ist. Sie ist wie ein großes künst­le­ri­sches Labor im Grünen. Ihre Abge­schie­den­heit macht konzen­triertes und inten­sives Arbeiten im engen persön­li­chen Kontakt der Studie­renden und Lehrenden unter­ein­ander und mitein­ander möglich: Man trifft sich, kennt sich, entwi­ckelt gemeinsam Ideen – und setzt sie oft direkt um. Entweder vor Ort oder man geht mit den hier entwi­ckelten Ideen (zurück) ins urbane Leben.

Wie empfinden Sie die Atmo­sphäre zwischen Studie­renden und Dozent*innen?

Mein erstes Semester hier habe ich online verbracht. Vieles hat erstaun­lich gut funk­tio­niert, doch ich freue ich mich wirk­lich sehr auf den Moment, wenn wieder mehr direkte Begeg­nungen möglich sind! Die Atmo­sphäre zwischen Studie­renden und Dozie­renden ist nach meinem Eindruck stark geprägt von einem geteilten Inter­esse an kultur­wis­sen­schaft­li­cher und künst­le­ri­scher Ausein­an­der­set­zung. Die viel­ge­stal­tigen beruf­li­chen Felder des Kultur­be­triebes, für die dieses Studium quali­fi­ziert, erkennen in den letzten Jahren zuneh­mend, dass sie sich verän­dern und erneuern müssen. Fragen der Diver­sität und Macht­kritik spielen hier aktuell eine große Rolle – künst­le­risch, struk­tu­rell, poli­tisch. Studie­rende und Lehrende in Hildes­heim sind sehr daran inter­es­siert, diese Fragen und mögli­chen Entwürfe bereits in der Hoch­schul­aus­bil­dung theo­re­tisch und prak­tisch zu bear­beiten. Eine Mammut­auf­gabe, die mit ernst­haftem Inter­esse, der Bereit­schaft zu lernen und zu verlernen gemeinsam voran­ge­trieben wird.

Haben Sie selbst einmal eine Eignungs­prü­fung machen müssen?

Ja, vor vielen Jahren an der Univer­sität Hildes­heim! Als ich mit dem Bus die Mari­en­burger Höhe zur Univer­sität entlang­fuhr, fragte ich mich, ob ich diese Prüfung so kurz nach der Schule mit meiner begrenzten Seh- und Praxis­er­fah­rung bestehen würde. Ich wusste nur, dass ich diesen inter­dis­zi­plinär ange­legten Studi­en­gang mit seinem dezi­dierten Theorie-Praxis­bezug unbe­dingt studieren wollte! Weil Theater für mich das Medium war, das – insbe­son­dere in Verbin­dung mit anderen künst­le­ri­schen Diszi­plinen – alle Mittel bietet, große und kleine Fragen zu stellen um sich mit der Welt ausein­an­der­zu­setzen, sie neu zu erzählen, in sie zu inter­ve­nieren… mit dem Kopf und mit dem Körper, sitzend und in Bewe­gung, auf der Bühne und auf dem Bahn­hofs­vor­platz. Der Bus hielt, ich stieg aus und lernte eine sehr offene und inter­es­sierte Prüfungs­kom­mis­sion kennen.

Haben Sie noch einen Rat für die Bewerber*innen für die Eignungsprüfung?

Fragen Sie sich ehrlich, was sie von diesem Studium wollen und warum der Hildes­heimer Ansatz Ihnen genau das rich­tige Studi­en­profil dafür bietet. Was inter­es­siert Sie an kultur­wis­sen­schaft­li­cher Theorie, was an künst­le­ri­scher Praxis, was an ihrer Verschrän­kung? An welchen Beispielen können Sie das beschrieben? Prüfungs­si­tua­tionen sind aufre­gend und natür­lich  sollten Sie die dafür vorge­ge­benen Anfor­de­rungen best­mög­lich erfüllt. Vor allem jedoch könne Sie sie – wie in der Kunst – gestalten. 

Prof. Dr. Maike Gunsi­lius I Profes­sorin für die Ästhetik des Kinder- und Jugendtheaters

Maike Gunsi­lius ist Kultur­wis­sen­schaft­lerin, Drama­turgin und Perfor­mance­ma­cherin. Studiert hat sie Kultur­wis­sen­schaften und Ästhe­ti­sche Praxis an der Stif­tung Univer­sität Hildes­heim und Theatre am Dartington College of Arts, England. Von 2015–2017 hat sie als Stipen­diatin des Gradu­ier­ten­kol­legs „Performing Citi­zenship“ zu „Drama­tur­gien post­mi­gran­ti­scher Perfor­mance, Citi­zenship in kultu­reller Bildung und künst­le­ri­scher Forschung“ promo­viert. Von 2019–2020 war sie wissen­schaft­liche Mitar­bei­terin im Forschungs­pro­jekt „Parti­ci­pa­tory Art-based Research“.

Seit 2003 hat sie als Drama­turgin und Perfor­mance­ma­cherin an Thea­tern u. a. in Basel, Frank­furt, Hamburg sowie in freien Perfor­mance­pro­jekten und in Schulen gear­beitet. Seit 2010 hat sie Drama­turgie und expe­ri­men­telle Thea­ter­formen u.a. an der HfMT Hamburg der Univer­sität Hamburg sowie der Fach­hoch­schule Dort­mund gelehrt. Arbeits­schwer­punkte sind expe­ri­men­telles Kinder- und Jugend­theater, Theater und Perfor­mance als Forschung sowie rela­tio­nale Drama­tur­gien des Kinder- und Jugendtheaters.