Interview
mit Dr. Guido Graf

Könnten Sie sich den Studierenden bitte kurz vorstellen?

Guido Graf, geboren 1966 und das sogar in Hildesheim. Seit 2008 an der Uni Hildesheim, davor war ich lange Zeit als freier Journalist tätig, vor allem fürs Radio. Bei uns am Institut bin ich vor allem für den Kulturjournalismus zuständig, sowie für diverse Webprojekte, allen voran Litradio.

In Hildesheim wird auf die Verknüpfung von Theorie und Praxis großen Wert gelegt. Was bedeutet das konkret?

Wir betrachten Literatur nicht ehrfürchtig anbetend, zeigen, dass der Literaturbetrieb kein Geheimzirkel ist und dass auch der Journalismus von morgen sehr viel mit Handwerk zu tun hat. Wir nehmen also eine Werkstatt-Perspektive ein: Was reflektiert wird, muss immer auch praktisch erprobt werden (und umgekehrt). Wir denken nicht nur über Texte nach, sondern schreiben selbst. Wir inszenieren Lesungen, lernen wie man Interviews führt, wie man ein Ebook macht, wie lektoriert wird und wie man einen Verlag führt.

Welche Rolle spielt für Sie die eigene künstlerische Praxis? Wie wird die Lehre dadurch beeinflusst?

Hörspiele, Features, Essays oder auch nur Rezensionen, die ich schreibe, sind eigentlich immer Erprobungen. Es geht nicht darum, letzte Wahrheiten zu verkünden, sondern Perspektiven und Kontexte herzustellen und also zu erproben, ganz so wie man sich auf vielleicht noch brüchigem Eis vortastet. Dieser Erprobungszustand gilt aber nicht nur für den Gegenstand, für das Buch oder den Film, mit dem ich mich beschäftige, sondern bestimmt maßgeblich auch die Praxis der Lehre. Aktuell befasse ich mich in einem vierstündigen Seminar mit Podcasts. Dort hören wir uns gemeinsam diverse Podcasts an und diskutieren darüber, aber wir konzipieren und produzieren auch eigene neue Podcasts, die dann bei Litradio veröffentlicht werden. Es gibt in den Seminarsitzungen praktische Elemente wie Übungen zum Sprechen vorm Mikrophon oder Grundlagen der Audiobearbeitung, die für alle gleichermaßen wichtig sind. Aber die verschiedenen Podcast-Projekte der Studierenden können jeweils auch spezifische Fragestellungen hervorrufen, so dass Lehre und Seminarverlauf durch die Praxis wesentlich beeinflusst werden können.

Sind Sie außerhalb der Universität selbst künstlerisch aktiv? Mit welchen Projekten sind Sie aktuell künstlerisch aktiv?

Ich bin regelmäßig als Literaturkritiker aktiv, zuletzt vor allem im Deutschlandfunk und im WDR. Neben der Arbeit an einem längeren wissenschaftlichen Essay, der den Kontext meiner Arbeit in Hildesheim reflektiert, kuratiere und inszeniere ich Literaturvermittlungsprojekte mit Verlagen (zuletzt ein Projekt mit dem Suhrkamp Verlag) und programmiere Webapplikationen.

Sind aktuelle Themen für Ihre eigenen Projekte relevant?

Aktuell ist das, was unser Leben heute und morgen beeinflusst. Sich damit als Journalist nicht auseinanderzusetzen, wäre ein Widerspruch in sich. Andererseits wäre ein Aktualitätszwang, der erinnerungslos und blind euphorisiert nur nach vorne schaut ebenso langweilig. Deshalb sind für mich immer Crossover-Perspektiven am spannendsten, die aktuelle Themen mit historischen Tiefenbohrungen und evtl. auch mit medialen Anwendungen integrieren. Einen großen Raum nehmen in meiner Arbeit etwa die Auswirkungen und Entwicklungen der digitalen Transformation ein. Wenn man sich etwa damit beschäftigt, wie sich unsere Art zu lesen verändert, werden technologische Aspekte auch durch die Verknüpfung mit politischen oder auch ästhetischen interessant. So kann man dann lernen, die Kulturtechnik des Lesens immer auch mit ihrer medialen Inszenierung zusammen zu sehen.

Was ist für Sie das Besondere am Studium an der Domäne?

Aus Kinderzeiten ist mir zwar die Domäne immer noch auch als Standort der Muku-Eisfabrik gegenwärtig, aber heute ist das natürlich ein besonderer Campus, wie man ihn sonst nirgends findet. Wenn es irgendwie geht, sollte man statt mit dem Bus mit dem Fahrrad zur Domäne fahren, weil schon der Weg entlang der Innerste zum Besonderen dieses Ortes dazugehört. Auf dem Campus selbst gibt es dann eine vertraute Atmosphäre, in der man ständig – trotz mittlerweile über tausend Studierender im ganzen Fachbereich – bekannte Gesichter trifft. Gerade der Ort schafft auch Voraussetzungen für das Zusammenwirken von Theorie und Praxis, über Studiengangs- und Institutsgrenzen hinweg.

Wie empfinden Sie die Atmosphäre zwischen Studierenden und Dozentinnen und Dozenten?

Menschen, die neu oder von außen dazu kommen, muss die Nähe und Vertrautheit, mit der man sich hier begegnet, sicher oft ungewöhnlich vorkommen. Aber auch das ist – mit Grenzen – Bestandteil des Ineinanders von Theorie und Praxis im Fachbereich.

Fühlen Sie sich hier wohl?

Sehr.

Gibt es für Sie einen besonderen Ort an der Domäne?

Unsere Institutsbibliothek im Pächterhaus (Haus 1) und die Hühner hinter dem Hofcafé. Oder die Tatsache, dass während des derzeitig laufenden Projektsemesters (auch so eine großartige Theorie-Praxis-Verknüpfungserfindung) auch die Damenumkleide des Burgtheaters als Seminarraum genutzt wird.

Haben sie selbst schon einmal eine Eignungsprüfung absolviert?

Nein.

Haben Sie noch einen Rat für die Bewerberinnen und Bewerber?

Entspannt und vor allem neugierig sein! Wir suchen Bewerber_innen, die etwas wollen, die Lust aufs Schreiben haben, die vom Lesen nicht genug bekommen können, die gerne mit anderen zusammenarbeiten. Die Kombination von Theorie und Praxis bedeutet eben auch, dass man hier nicht studiert, um von Dozenten mundfertig zubereitete Wissensbrocken zu konsumieren, sondern um zu gestalten, mit anderen zusammen, denen man hilft (auch indem man sie z.B. kritisiert), um letztlich sich selbst zu entwickeln.

Vielen Dank.

 

Dieses Interview entstand 2016 im Rahmen eines Newsletters des Fachbereichs 2 – Kulturwissenschaften und Ästhetische Kommunikation – an der Stiftung Universität Hildesheim mit Informationen rund um die Eignungsprüfungen und die Bewerbung in den Bachelorstudiengängen.

Dr. Guido Graf
Institut für Literarisches Schreiben & Literaturwissenschaft

Forschungsschwerpunkte
◣ Literaturvermittlung
◣ Soziale Poetik
◣ Sound-Poetik
◣ Social Reading
◣ Radio
◣ Medientheorie
◣ Gegenwartslyrik
◣ Übersetzung

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