Ein möglicher Nachmittag mit uns

Mittwochnachmittag- fünf Uhr mit der Probe:Bühne Hildesheim auf der Studiobühne 1. Die Gruppe „kollektive Spielleitung“ trifft sich. Heute wollen wir an der Arbeit letzter Woche anknüpfen, in der wir in einem Versuchsaufbau experimentiert haben. Auf der Bühne standen zwei Stühle, ein Kleiderständer, ein Tisch und ein Mikrophon. Der Kleiderständer biegt sich vor lauter Kleidungsstücken und Accessoires, die die Gruppe mitgebracht hat. Von einem riesigen weißen Nachthemd über einen Schottenrock und alte Schuhe bis hin zu Uhren und Ringen gibt es eine große Auswahl. Wie können wir ausgehend von den Materialien einen szenischen Aufbau entwickeln? Was sind mögliche Inszenierungsstrategien? Die Spielleitung macht Musik an und bittet zwei Leute von uns, den Aufbau vorzunehmen. Es ist uns überlassen, wie wir die Möbel zueinander anordnen. Nach einigen Minuten kann es dann endlich losgehen. Drei Freiwillige begeben sich in das Bühnensetting. Ihre Aufgabe, auch im Unterschied zu der vergangenen Woche, sie müssen einen Zettel ziehen, der ihnen Handlungsanweisungen gibt, wie z.B. „Erkläre den Produktionsprozess des Kleidungsstückes“, „Auf welche Weise lassen sich die Kleidungsstücke alle anziehen und einsetzen? – Probiere aus“. Außerdem muss immer mindestens eine der drei Personen sprechen. Es sind genug Zettel da, wir dürfen später auch einen anderen Zettel ziehen, wenn wir wollen. Die Musik – sehr unregelmäßig… Es geht los, die Zeit läuft. Ein kratzendes Geräusch eines gelben Baumwollpullovers ertönt vom Mikro. Geschichten von alten Kommunionsschuhen werden erzählt; Charaktere, die stets eine verrückte Einsatzidee abseits von üblichen Zwecken für ihre Kleidungsstücke haben, entworfen, gemeinsam ein Lieblingsoutfit zusammengestellt. Es wird gespielt, ausprobiert, gelacht, erfunden, gescheitert und wieder versucht.

Die anderen Teilnehmenden der Probe:Bühne beobachten. Nach einer halben Stunde setzten wir uns im Kreis zusammen und tauschen uns aus. Wie haben sich die Spielenden gefühlt? Was hat für sie funktioniert und was nicht? Was haben die Beobachtenden gesehen? Welche Dinge sind ihnen aufgefallen? Zum Schluss sammeln wir nächste Schritte. Es fehlt definitiv noch eine Dramaturgie. Wir probieren verschiedene Vorschläge schon direkt aus…dann ist die Zeit aber auch schon wieder um und wir einigen uns darauf, in der nächsten Woche weitere Möglichkeiten zu probieren bzw. das Ausgetestete noch weiter zu verfeinern.

So, ähnlich oder manchmal auch ganz anders sieht seit nun schon vier Jahren mindestens ein Nachmittag in der Woche bei mir aus, denn ich bin Teil der Probe:Bühne seit wir anfangs mit vier Leuten versucht haben, uns eine eigene Struktur zu schaffen, die unseren Bedürfnissen entspricht. Heute möchte ich euch erzählen, was die Probe:Bühne eigentlich ist, was sie macht und warum sie gegründet wurde.

Was ist die Probe:Bühne?

Die Probe:Bühne ist eine studentisch organisierte Hochschulinitiative, die davon lebt, mitgestaltet zu werden.

Sie forscht an theaterpädagogischer Praxis und begibt sich auf die Suche danach, was das ist oder sein könnte.

Sie erprobt, diskutiert, reflektiert und stellt Fragen.

Grundlegende Fragen, die die Probe:Bühne sich stellt

Wie können wir Aufführungen für verschiedene Zielgruppen theaterpädagogisch vor- und nachbereiten?

Wie kommen wir gemeinsam als Gruppe ins Spielen und Inszenieren?

Wie können wir mit Material auf der Bühne weiterarbeiten?

Was macht eine gute Spielleitung aus? Wie können wir uns im Anleiten üben?

Was macht die Probe:Bühne?

Die Probe:Bühne eröffnet den Raum, das Netzwerk, indem sich Studierende eigene langfristige Strukturen schaffen können.

Die Probe:Bühne trifft sich momentan einmal wöchentlich in zwei Workshopgruppen, in denen eine intensive, vertrauensvolle Arbeit in einer stabilen Gruppe entstehen soll.

Die Probe:Bühne organisiert Ausflüge und ein jährliches Sommer:camp.

Die Probe:Bühne verhandelt jedes Semester im Kollektiv neu, welche Interessen dieses Mal im Vordergrund stehen.

Die Probe:Bühne konstituiert sich immer wieder neu durch die Forschungsfragen und die Mitgestaltung aller.

Formate der Probe:Bühne Hildesheim

Probe:Bühne

In wöchentlichen Treffen, nach welchem auch unsere Initiative benannt ist, kann theaterpädagogisches Anleiten geübt werden. In einer sicheren Umgebung können Methoden ausprobiert und reflektiert werden. Somit kann eine tiefgreifende Expertise entwickelt und geteilt werden. In vergangenen Semestern behandelten wir hier beispielsweise Themen wie Clownerie, Digital storytelling, Physical theatre oder hatten einen vierwöchigen Themenblock zum Forum Theater.

Büro:zeit

Wöchentlich nehmen wir uns eine Stunde Zeit, um uns im Plenum zu organisieren, die Kommunikation zwischen allen Mitgliedern aufrechtzuerhalten, gemeinsam Entscheidungen zu treffen und auftretende Probleme zu besprechen.

Warm:up

Einmal wöchentlich im Sommersemester findet ein gemeinsames Warm:Up statt, das uns als Probe:Bühne einen gemeinsamen Tagesstart und gleichzeitig erste Schritte des Anleitens und die Anlegung einer umfassenden, theaterpädagogischen Spielesammlung ermöglicht

Projekt:werkstatt

In der Projekt:Werkstatt ist Zeit, um theaterpädagogische Projekte zu planen, die auch außerhalb des universitären Rahmens stattfinden. Der Raum zur Meinungsbildung bezüglich kulturpolitischer und berufspraxisbezogener Themen ist geschaffen. Beispielsweise haben wir in vergangenen Semestern ein Manifest für unsere eigene theaterpädagogische Arbeit verfasst. Auch interne Organisation findet statt.

Klausur

Zwei bis dreimal im Semester wird eine zusätzliche Klausur abgehalten, um bereits während des Semesters unseren Arbeitsstand zu evaluieren, auftretende Probleme der Infrastruktur zu besprechen und/oder neue Ziele zu formulieren.

Pommes:bude

Bei unserem wöchentlichen Stammtisch können Gespräche, die sich während der Probe:Bühne gefunden haben, vertieft und der Diskurs weitergeführt werden.

Theaterpädagogischer Austausch

Der theaterpädagogische Austausch (TPA) findet planmäßig einmal jährlich statt. Innerhalb eines Wochenendes wollen wir in einen Praxisaustausch mit anderen Hochschulen und Expert*innen kommen. Hierbei wird das theaterpädagogische Netzwerk vergrößert und die Chance auf Kooperationen mit externen Partner*innen gesteigert. Bisher beteiligten sich unter anderen die Hochschulen Ottersberg, Braunschweig, Lingen, Dortmund sowie Rostock und es entstand ein vielfältiges Bild theaterpädagogischer Schwerpunkte.

Sommer:camp

Zum Ende des Sommersemesters wird in dem einwöchigen Sommer:Camp der Arbeitsstand
reflektiert, um gemeinsam einen neuen Semesterplan zu erstellen. Außerdem bietet sich hier die Zeit, sich intensiv mit einem praktischen Thema (in vergangenen Semestern z.B. Augusto Boal -Theater der Unterdrückten oder Improvisation) auseinander zu setzen. Dieses Zusammenkommen ist ein maßgeblicher Bestandteil unseres Gruppenbildungsprozesses.

Aus:flug

Wir fliegen aus von unserem gewohnten Kosmos und schauen, was es da draußen noch so alles gibt. Ob das Festival für junges Publikum “Augenblick mal” in Berlin, das theater junge generation in Dresden,  das LOT und TPZ in Braunschweig oder das TFN direkt vor der Haustür… wir besuchen Vorstellungen, tauschen uns darüber untereinander, mit Beteiligten und Zielgruppen oder mit Expert*innen aus. Wir nehmen an Vermittlungsangeboten teil und konzipieren selber welche.

Projekte

Bei Projekten die im außeruniversitären Rahmen stattfinden, können Mitglieder der Probe:Bühne auf deren Infrastruktur zurückgreifen und beispielsweise Workshops vorher in einem geschützten Rahmen ausprobieren.

Warum gibt es die Probe:Bühne?

Der Beruf ‘Theaterpädagog*in’ ist in Deutschland nicht geschützt, wodurch es nicht nur viele verschiedene Methoden und Strömungen gibt, sondern auch variierende Qualitätsstandards in der Ausbildung und Praxis. Viele der Gründungsmitglieder der Probe:Bühne haben schon vor ihrem Studium eigene, sehr unterschiedliche Erfahrungen als Anleiter*innen oder Teilnehmer*innen gemacht und verschiedene Arbeitsweisen kennengelernt. Um davon zu profitieren und um auszuprobieren, was gute und innovative theaterpädagogische Arbeit sein kann, haben wir uns 2016 zusammengeschlossen, um neben den und ergänzend zu universitären Veranstaltungen Methoden auszutauschen, von unseren Arbeitserfahrungen zu profitieren und verschiedene Arbeitsweisen praktisch auszuprobieren. Dadurch lernen wir nicht nur Neues kennen, sondern üben uns auch im Anleiten, sprechen über Gruppenprozesse und lernen mit Krisensituationen konstruktiv umzugehen.

Was hat die Probe:Bühne Hildesheim schon gemacht und was ist geplant?

2016

Entstehung eines wöchentlichen Treffens aus der Wiederaufnahme des schon vorher einmal existierenden Theaterpädagogischen Austausches (TPA).

Teilnahme am TPA in Ottersberg im Wintersemester.

2017

Ausrichtung eines TPAs hier in Hildesheim

Aus:flug zum Kinder- und Jugendtheaterfestival “Augenblick-Mal” in Berlin

Sommer:camp an der Domäne Marienburg

Öffnung für neue Mitglieder zum Wintersemester und Gründung einer zweiten Gruppe mit gleicher Struktur

 

2018

Fusion beider Gruppen zum Sommersemester

Anerkennung als Hochschulinitiative

TPA in Braunschweig

Sommer:camp an der Domäne Marienburg

2019

Februar: Aus:flug zur Kindertheaterwoche am TFN in Hildesheim

März: Aus:flug ins LOT in Braunschweig und anschließender Workshop am TPZ

April: Aus:flug zum “Augenblick Mal” in Berlin

Juli: TPA in Rostock

Sommer:camp an der Domäne Marienburg

2020

bisher geplant:

Aus:flug zur Kindertheaterwoche Hildesheim

Aus:flug zum TJG in Dresden

Sommer:camp an der Domäne Marienburg

Teilnahme am TPA in Lingen

Kontakt

Du hast Fragen an uns oder möchtest gerne Teil der Initiative werden? Dann schreib uns doch eine E-Mail an probebuehne@asta-hildesheim.de

Text und Bilder abgesehen von geringfügigen Änderungen aus der Dokumentation der Initiative.
An dieser Stelle vor allem vielen Dank an Daphna Horrowitz als langzeitige Dokumentationsbeauftragte.
Gestaltung des Eintrags von Katharina Selbach

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