Den Studiengang Philosophie-Künste-Medien (PKM) gibt es seit 2004 an der Uni Hildesheim. Seit 2009 zählt er zum Fachbereich 2: Kulturwissenschaft und Ästhetische Kommunikation. Seit 2014 befindet sich das Institut für Philosophie im „Weißen Haus“ auf der Domäne Marienburg. Als ich 2020 angefangen habe, PKM zu studieren wurde mir gesagt, dass die Philosophie immer noch nicht ganz am Kulturcampus angekommen sei.
Dazu habe ich unterschiedliche Erfahrungen gemacht und gehört…

Hallo, ich bin eine PhiloSophie und studiere PKM. Unschwer an dem Apfel zu erkennen, den ich eigentlich immer im Rucksack habe, wenn ich zur Domäne radle. Oder an meinen knalligen Sneakers. Oder an dem Haufen Fragen, den ich mit mir herumtrage.
In meiner vierteljährlichen Kolumne stelle ich ein paar dieser Fragen zur Diskussion. Heute:
Welchen Platz hat Philosophie am Kulturcampus?
Ist der Studiengang PKM eine Bubble in der Domäne Bubble?
Wie kulturwissenschaftlich ist Philosophie?
Im Schatten des „Weißen Hauses“ liegt ein runder Platz mit Steinen ausgelegt und mit zwei geschwungenen Hecken auf dem äußeren Halbkreis zum Haus hin. Auf der anderen Seite wird der Freiluftseminarraum von einem Wall geschützt, ein Stück dahinter fließt die Innerste. Aus einer efeuberankten Gartenbude holen wir uns Klappstühle und setzen uns in den Kreis. In der Mitte ragt ein riesiger geschlossener Sonnenschirm auf. Wenn wir ihn aufspannen, breitet er sich wie ein Dach über uns und nicht einmal vom Philosophieinstitut aus sind wir noch zu sehen. Hier haben wir unsere Ruhe. Ein wenig abgeschieden vom Kulturcampus und doch nur wenige Schritte vom Hofcafé entfernt philosophieren wir über japanisches Nō-Theater, über das „Herz“ und die Bedeutungen von „ki/qi“.
Nur hier am Kulturcampus: Philosophie-Künste-Medien
PKM, diesen Studiengang gibt es nur in hier in Hildesheim. Eine einzigartige Verbindung von Philosophie und künstlerischer Praxis.
Ich studiere Literatur im Nebenfach und stelle immer wieder Überschneidungen mit Seminaren im Hauptfach fest. Dieses Semester besuche ich beispielsweise eine Literaturveranstaltung mit dem Titel „Philosophisch schreiben“, in der wir aus literarischer Perspektive auf Texte aus dem philosophischen Kanon gucken, darunter Platon, Montaigne, Hegel und Nietzsche. Umgekehrt habe ich letztens einen philosophischen Text gelesen, der auf mehrere literarische Werke Bezug genommen hat. Das kommt nicht selten vor.
Nicht wenige Denkende verwenden literarische Mittel in ihrem Schreiben. Das wohl auffallendste bei Nietzsche ist die Ironie, mit der er aus unterschiedlichen Perspektiven verschiedene Problematiken überspitzt und damit provoziert. Von einigen Kritiker*innen wurde ihm daraus der Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit gemacht. Aber ist er „nur“ ein Literat?
Das Staunen wird oft als Ursprung philosophischen Denkens bezeichnet. Es entspringt wesentlich aus ästhetischen Erfahrungen. Eine solche Erfahrung kann zum Beispiel sein, mit der Einsiedler-Maske aus Nietzsches „Fröhlicher Wissenschaft“ auf ungewohnte Art die menschliche Gesellschaft zu betrachten und gleichzeitig auf die Sichtweise des Einsiedlers zu reflektieren. Eine andere ästhetische Erfahrung könnte das Bestaunen eines Gemäldes oder einer dramatischen Performance sein, das oder die eine bestimmte Wahrnehmung auslöst, einen ungeahnten Gedanken hervorruft. Auch philosophische Ideen müssen von irgendwoher inspiriert sein.

Insofern ergänzen sich Theorie und künstlerische Praxis im PKM-Studium wunderbar. Auf der einen Seite lesen und diskutieren wir philosophische Texte, die selten frei von ästhetischen Einflüssen sind. Auf der anderen Seite beschäftigen wir uns mit kreativem Schreiben, Malen, Performen, Filmen, Musizieren und so weiter und so fort. Mitunter konkurrieren diese Seiten miteinander, insbesondere was die Zeiteinteilung der Studienleistungen angeht, aber im Grunde sind es zwei Seiten desselben Studiums.
Bildet PKM eine Bubble in der Domäne Bubble?
Trotz der engen Verschränkung von Philosophie und künstlerischer Praxis wird der Studiengang PKM im Fachbereich 2 oft als eine abgekapselte Gruppe wahrgenommen. Eine Bubble innerhalb der Domäne Bubble.
Wie entsteht dieser Eindruck? Das kann mir niemand so genau sagen, weder PKM-Studierende noch Menschen aus anderen Studiengängen. Viele loben die angenehme Atmosphäre in Philosophie-Seminaren. Die kleinen Gruppen ermöglichen besonders intensiven Austausch. Einige beschweren sich über die zeitaufwendige Textarbeit. Ich frage mich, ob die meist entspannte, ergebnisoffene Stimmung mit dem Wesen der Philosophie an sich zusammenhängt, über Dinge zu reden, ohne zu einem endgültigen Schluss kommen zu wollen. Und zugegeben: hin und wieder frage ich mich, ob philosophische Texte immer so kompliziert sein müssen.
Generell befragen wir uns im PKM-Studium häufig selbst, uns als Person, aber auch uns als Studiengang. Wir betrachten die bunt schillernden Wände unserer Bubble und beobachten, wie und wo sie sich mit anderen Blasen überschneidet. Wir prüfen, wie dick sie hier und wie dünn sie dort ist. Was schließt sie ein? Was schließt sie aus?
Blasen können sich ausweiten, schrumpfen und sogar platzen. Seit sich die Philosophie am Kulturcampus niedergelassen hat, verändert sie sich stetig. Mit den Dozierenden und Studierenden, die kommen und gehen. Mit den Strukturen, die umgeworfen und aufgebaut werden. Und angenommen alle Studiengänge bilden eine eigene flexible Bubble, dann wundert es mich nicht, wenn sie aneinanderprallen, sich gegenseitig an- und abstoßen, sich verbinden und wieder auseinanderdriften. So empfinde ich den multi- und interdisziplinären Fachbereich 2 am Kulturcampus Domäne Marienburg.

„Bubble“ wird hier als Verschmelzung und Erweiterung der Begriffe „Soziale Blase“ und „Informationsblase“ verstanden. Auf dem Kulturcampus herrschen gewisse soziale Strukturen, die außerhalb nicht unbedingt geteilt werden. Wir pflegen einen gewissen Umgang untereinander und haben Themen, die außerhalb des Unikontextes nicht so präsent sind oder nicht in der gleichen Art.
In gewisser Weise fungiert die Domäne als Schutzraum, in dem wir unsere intellektuellen Persönlichkeiten beinah ungestört ausbilden können. Das kann zu einer problematischen Entfernung von der Alltagsrealität führen, jedenfalls passiert mir das manchmal. Nichtsdestotrotz hat die wortwörtliche Abgeschiedenheit der Domäne einige Vorteile und da ich bereits an zahlreichen Diskussionen über die Bubble-Form dieses Lernraumes teilgenommen habe, denke ich, dass wir uns ihr ausreichend bewusst sind. Und die Wände sind durchlässig, wir halten Türen für Störungen offen, um sogleich über sie ins Gespräch zu kommen. Spätestens im Projektsemester, Praktikum oder bei einer der zahlreichen Kulturveranstaltungen in und um Hildesheim werden lebenspraktische Kompetenzen gefordert.
Philosophie zwischen Kultur und Wissenschaft
Philosophie hat also einen Bezug zur Kultur. Wie sieht es mit der Wissenschaft aus? Ist Philosophie eine Kultur-/Wissenschaft? Da scheiden sich die Geister. Vermutlich ist die Uneinigkeit der Lehrenden über die Frage, wie wissenschaftlich Philosophie ist, ein weiterer Grund für die Unsicherheit, ob sie an den Kulturcampus gehört.
Manche betrachten die Philosophie als etwas Eigenständiges, als etwas, das nicht wissenschaftlich ist und auch nicht sein muss, um einen Wert zu haben. Und dadurch etwas, das keine als „wissenschaftlich“ bezeichneten Voraussetzungen erfüllen muss. Andere halten dagegen, dass die Wissenschaftlichkeit von Philosophie betont werden muss, damit sie als studierbar gelten kann und entsprechend finanziell unterstützt wird. Häufig wird auch das Argument angebracht, dass Philosophie gewissermaßen der Ursprung aller Wissenschaften sei, die erst mit der Neuzeit in verschiedene Disziplinen zersplitterten.
Muss ich mich notwendig entscheiden: Ist Philosophie eine Wissenschaft oder ist sie keine? Oder gibt es einen Zwischenweg? In jedem Fall stelle ich fest, dass Philosophie eine starke Verbindung zur Wissenschaft hat, ob sie nun eine ist oder nicht. Im PKM-Studium behandeln wir oft wissenschaftliche Erkenntnisse und beurteilen wissenschaftliche Methoden. Und wenn es um die großen Fragen geht, beginnt die Wissenschaft zu philosophieren.
Vielleicht brauchen wir ein wenig Distanz zur Kultur-/Wissenschaft, um nicht ganz mit ihr zu verschwimmen und weiter über sie reflektieren zu können. Aber der Sonderstatus durch zu großen Abstand bringt eine Entfremdung mit sich, die den fruchtbaren Austausch zwischen Kultur, Wissenschaft und Philosophie abbricht. Deshalb bin ich froh, dass im PKM-Studium Wert daraufgelegt wird, mit anderen Fachrichtungen in Kontakt zu treten.
Schlussworte, die nicht abschließend sind
Ich empfinde PKM als Teil der Domäne, ein Teil mit Grenzen, die jedoch dehnbar und durchlässig sind. Die Philosophie kommt am Kulturcampus an. Sie ist nicht angekommen, sie wird auch nie ankommen, sie bewegt sich immer wieder hin und weg und weg von und hin zur Kulturwissenschaft. Sie versteht sich mit anderen Studiengängen wie eine Freundin, die so oft zu Besuch ist, dass sie glatt im gleichen Haus wohnen könnte. Was haltet ihr von diesem Bild? Schreibt gerne eure Perspektiven in die Kommentare!
Welche Gedanken habt ihr zu meinen Fragen? Welche Fragen schleppt ihr mit euch herum? Was wünscht ihr euch für den nächsten Teil meiner Kolumne?
Ein Beitrag von: Sophie Schuth, veröffentlicht am 03.08.2023