Das Hauptreiseziel vieler Verliebten, die Stadt der Mode und Kreation und vor allem die Stadt der kulturellen Vielfalt: Das alles und viel mehr ist Paris. Ich habe mein 5-monatiges Auslandssemester in Paris verbracht und habe sehr schnell gemerkt, dass ich überromantisierte Erwartungen an die Stadt und das Leben dort hatte. Trotzdem war es mit die prägendste Zeit in meinem Leben bisher und deshalb schreibe ich diesen Blog. Falls du darüber nachdenkst, ebenfalls ein Auslandssemester zu absolvieren oder auch falls du das Thema einfach so spannend findest, findest du im Folgenden Tipps und Tricks sowie meine ganz persönlichen Erfahrungen aus Paris.
Die Wohnsituation in Paris: traumatisierend und wunderschön zugleich
Fangen wir an mit dem Thema, welches mich und meine Mitbewohnerin unsere letzten Nerven gekostet hat: Die Wohnungssuche in Paris. Bevor du während des Lesens in eine Schockstarre verfällst, muss ich dazu sagen, dass wir uns wirklich nicht gut genug vorbereitet haben und in gewisser Weise auch selbst Schuld waren an den Umständen. Wir haben innerhalb der 5 Monate in 3 verschiedenen Wohnungen gewohnt, da wir unsere Unterkünfte notdürftiger Weise auf AirBnB gesucht haben. Wer AirBnB kennt, weiß dass die Preise nicht sehr kulant und angenehm ausfallen. So haben wir für unsere erste Wohnung im 18. Arrondissement (absolutes Ghetto, Grenze zu Saint-Denis) sage und schreibe 1800 Euro für 5 Wochen gezahlt. Dadurch, dass wir eine Woche vor Reisebeginn keine andere Option gefunden haben, waren wir auf die Wohnung angewiesen. Für das Geld war das AirBnB in einem wirklich desolaten Zustand aber ich und meine Mitbewohnerin Sara (Grüße gehen raus) haben die Umstände mit Humor genommen (es wäre trotzdem gelogen, würde ich sagen es war angenehm). Daher hier meine ersten beiden Tipps: Sucht euch KEINE Wohnung im äußersten Norden von Paris (alles rund um Porte de Clignancourt) und sucht auf anderen Portalen als AirBnB. Facebook-Gruppen, Studentenwohnheime oder leboncoin sind bessere Alternativen, bei denen man am Ende sogar nicht insolvent geht, nachdem man eine Wohnung mietet.
Unsere zweite Wohnung haben wir ebenfalls auf AirBnB gefunden, wobei diese eher einem Hotelzimmer glich und keiner Wohnung. Eine 1-Zimmer Wohnung mit einem Doppelbett im 11. Arrondissement (Metrostation „Parmentier“) für 1300 Euro im Monat. Die Lage der Wohnung war das Beste an allem, es gab überall Restaurants und Bars mit humanen Preisen, da es eine Gegend für junge Leute war. Man hat sich auf den Straßen sogar abends sicher gefühlt, weil immer was los war. Der einzige Nachteil war eben der, dass man keinen Rückzugsort hatte, da das Zimmer wortwörtlich nur aus dem Bett bestand und auch nur für eine Person vorgesehen war. Wir haben also 5 stolze Wochen lang ein Bett geteilt. Ich kann von Glück reden, dass weder Sara noch ich Menschen sind, die sich schnell streiten und kann auch mit Stolz behaupten, dass wir die Situation meisterhaft gelöst haben. Wenn wir Zeit für uns alleine brauchten, ist eine spazieren gegangen und die andere blieb in der Wohnung. As easy as that.
Eingezogen in die zweite Wohnung hatten wir direkt schon den Stress, die nächste Wohnung zu finden, da wir in der zweiten Wohnung nur 6 Wochen bleiben konnten. Ein drittes Mal wollten wir nicht den Fehler machen und unser Geld auf AirBnB aus dem Fenster rausschmeißen, also fingen wir an in Facebook-Gruppen zu suchen. Mit viel Glück habe ich einer Antwort von einer lieben Frau erhalten, die ihre Wohnung in Pantin, einem Vorort im Nordwesten von Paris vermieten wollte. Ich bin also mit meinen durchaus ausbaufähigen Französischkenntnissen zur Wohnungsbesichtigung gefahren und habe die Wohnung für die letzten zweieinhalb Monate bekommen. Der Preis war deutlich charmanter als die ersten beiden, wir haben insgesamt 900 Euro monatlich gezahlt, was primär daran lag, dass die Wohnung im Vorort und nicht im Pariser Zentrum lag. Dadurch, dass wir 3-mal die Location gewechselt haben, konnten wir Paris aus allen Perspektiven kennen lernen aber ich würde es definitiv nicht noch einmal so machen, weil es letztendlich wirklich sehr nervenaufreibend war. Lieber einfach früh genug anfangen zu planen und auf den oben genannten Portalen suchen, und man wird eine deutlich entspanntere und (für das Portemonnaie) angenehmere Wohnsituation haben.
Studium und Leben auf dem Campus
Mein Auslandssemester habe ich an der Université Paris Cité (ehemalig Diderot) absolviert. Die Uni befindet sich im 13. Arrondissement, also ganz im Südosten von Paris. Dadurch, dass ich an der Universität Hildesheim „Internationale Kommunikation und Übersetzen“ studiere, mussten meine Kurse in Paris thematisch ebenfalls übersetzungs- und sprachwissenschaftlich aufgestellt sein. Ich habe also insgesamt 5 Kurse gewählt: Français intermédiare (Französische Grammatik), Compréhension de l-anglais écrite (Leseverstehen Englisch), Expression écrite anglais (Textproduktion Englisch) , Civilisation américaine et oral (Amerikanische Geschichte) und Civilisation allemande (Deutsche Geschichte). Optimalerweise sollte man in meinem Studiengang 30 Leistungspunkte im Ausland erreichen (inklusive 5 Credits für den Erfahrungsbericht). Ich habe insgesamt 28 Leistungspunkte im Laufe des Semesters gesammelt. Der Campus der Université Paris Cité befindet sich direkt an der Seine und die Uni hat eine riesige Bibliothek, in der ich selbstverständlich sehr viele Stunden zum Lernen für Klausuren verbracht habe. Zum entspannen gibt es einen kleinen Park, in dem ich in den Pausen Musik gehört und die Sonne genossen habe.Die Uni hat außerdem ein breitgefächtertes Sportangebot für alle, die an Teamsport interessiert sind. Die Auswahl in der Caféteria ist breit gefächert und man kann auch vegetarische Gerichte auswählen. Salat und Dessert nach Wahl gibt es zu einem wirklich günstigen Preis auch dazu.
Kulturelles Angebot
Paris verfügt über ein unglaublich breit gefächertes Angebot an Kunst und Kultur, von dem ich auf jeden Fall Gebrauch gemacht habe. Die Stadt ist voll von Museen, von denen ich sehr viele besucht habe. Eins davon ist das Louvre, ein absoluter Klassiker, der voller französischer Geschichte steckt. Für das Louvre muss man sich aber sehr (sehr sehr) viel Zeit nehmen, da es mit 35.000 Kunstobjekten auf einer Fläche von 60.600 Quadratmetern doch ein wenig größer ist, als das Sprengelmuseum in Hannover. Mir wurde mal erzählt, dass man in etwa 3 Monate benötigen würde, um alle 35.000 Kunstwerke zu betrachten, auch wenn man jedem nur einige Sekunden Aufmerksamkeit schenkt. Zwei überschaubarere, aber nicht weniger erwähnenswerte Museen sind das Musée d‘Orsay und das Musée Rodin. Das Besondere am Musée d‘Orsay ist, dass es sich beim Museumsgebäude um einen alten Bahnhof handelt: Der Gare d‘Orsay. Museen und Ausstellungen sind für EU-Bürger unter 26 Jahren in 90% der Fälle umsonst, sodass man auch mit etwas geringerem Budget den kulturellen Zauber der Stadt erfahren kann. An jeder Ecke gibt es Kunstausstellungen, die man besuchen kann, ohne Eintritt zu zahlen. Mein persönliches Highlight war das Künstlerhaus 59 Rivoli – eine ganz besondere Galerie, die vor lauter Kreativität und Farbe nur so strahlt. Das Künstlerhaus hat verschiedene Stockwerken und besteht aus 30 authentischen Ateliers, in denen 15 Künstler an ihren Kunstwerken arbeiten. Man kann den Künstlern live bei der Arbeit zuschauen und sogar einige Werke für faire Preise kaufen.
Essen und Trinken
In Paris findet man an jeder Ecke schicke und außergewöhnliche Restaurants, alternative Bars und schöne Cafés. Gerade weil dieses Überangebot besteht, muss man wissen, wo man hingeht. Zunächst rate ich dir, nicht in Restaurants in der Nähe von Sehenswürdigkeiten zu gehen, da diese immer überteuert und qualitativ meist schlecht sind. In der Restaurantkette „Bouillon“ kann man typisch-französische Gerichte zu überaus fairen Preisen bekommen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist sehr gut und die Gerichte schmecken wirklich gut. Ein weiterer Favorit von mir ist das italienische Restaurant „Pizzeria Popolare“ im 2. Arrondissement, in dem man unglaublich leckere Pizza in sehr schöner Atmosphäre genießen kann. Bei „Omusubi Gonbei“ im 1. Arrondissement bekommt man für nur 2,50€ leckere japanische Snacks zum Mitnehmen. Wer auf Ramen, Sushi und Bubbletea steht, ist im 1. Arrondissement generell gut aufgehoben. Ein absoluter Tipp meinerseits ist die „Too good to go“ App, bei der man unverkaufte, überschüssige Lebensmittel zu unglaublich günstigen Preisen kaufen kann. Man meldet sich per App beim Restaurant oder beim Supermarkt für ein Angebot an und kann dieses dann selbst beim Laden abholen.
Meine persönlichen Empfindungen (Up‘s and Down‘s)
Auch in Paris ist das Leben nicht immer schön und einfach, auch wenn man das gerne glauben würde. Ich kann jetzt fast ein Jahr nach meiner Rückkehr sagen, dass die Zeit in Paris mich emotional am meisten bisher geprägt hat. Ich habe so viele positive sowie negative Eindrücke in der Stadt gesammelt, die stark zu meiner persönlichen Weiterentwicklung beigetragen haben. Der erste Punkt über den ich sprechen möchte ist die Einsamkeit. Jetzt fragst du dich vielleicht, wieso ich mich gerade in einer Stadt mit 100 tausenden Student*innen einsam gefühlt habe. So schön ein Leben im Ausland auch ist, ist es anfangs sehr hart ohne seine Familie und Freunde den Alltag zu bewältigen. Dadurch, dass ich ein unglaublich familienbezogener Mensch bin, war es nochmal extra hart. In der Uni habe ich schnell Anschluss gefunden, Menschen mit denen ich während der Kurse Tränen gelacht habe und Abends von Bar zu Bar gezogen bin. Trotzdem hat mir eine Bezugsperson gefehlt. Schließlich habe ich mir Bumble heruntergeladen, eine App von der ich mich in Deutschland immer ferngehalten habe. Wie das Schicksal es wollte habe ich eine Freundin fürs Leben gefunden. Michelle hatte zur selben Zeit wie ich ihr Auslandssemester in Paris gemacht, aber an einer anderen Uni. Schon beim ersten Treffen haben wir schnell gemerkt, dass es matcht. Bei Happy Hour Cocktails haben wir uns kennen gelernt und irgendwann war es dann soweit, dass wir beinahe jeden Tag miteinander verbracht haben. Sie war eine enorme emotionale Stütze für mich, wenn es mir nicht gut ging. Obwohl uns 6 Stunden innerhalb Deutschlands voneinander trennen, haben wir nach wie vor guten Kontakt und planen die nächste gemeinsame Tour zusammen.
Ein besonders einschneidendes Ereignis war die Nachricht, dass meine geliebte Katze gestorben ist. 18 Jahre hat sie mich durchs Leben begleitet. Ich erinner mich ganz genau an die Situation, als ich die Nachricht auf Whatsapp gelesen habe. Es war der 5. November, ein regnerischer Samstagabend und ich war ein paar Erledigungen machen im Einkaufszentrum Les Halles. Ich hatte im Einkaufszentrum keinen Empfang und habe deshalb logischerweise keine Nachrichten empfangen. Als ich durch die Tür raus bin in Richtung zur Bahnstation Châtelet traf es mich wie ein Schlag. Die Nachrichten, die ich vorher nicht empfangen hatte kamen nun an. „Du musst jetzt stark sein Jule…“. Ich bin in Tränen ausgebrochen und wusste nicht wohin mit mir. Inmitten hunderter Menschen habe ich mich so einsam wie noch nie gefühlt. Ich habe mich auf eine nasse Treppe gesetzt und geweint. Seelischen Beistand habe ich mir dann bei meiner besten Freundin geholt, die mich versucht hat am Telefon zu beruhigen.
Für jemanden, der nie ein Haustier hatte, mag die Geschichte überspitzt und dramatisch wirken, aber alle, die ebenfalls Haustiere haben, werden meinen Schmerz nachvollziehen können. Ich habe mich verheult in die überfüllte Metro gesetzt und fuhr in die Wohnung (Zu dem Zeitpunkt wohnten wir in der zweiten Wohnung). Sara machte mir die Tür auf und als ich gerade dachte, ich habe mich gefangen, brach ich vor ihr zusammen. Alles was ich mir in dem Moment gewünscht habe, ist Zuhause bei meiner Familie zu sein und gemeinsam trauern zu können. Ich war emotional am Ende und hatte die Gedanken, das Auslandssemester abzubrechen. Am nächsten Morgen ging es mir so schlecht, dass ich mir eine deutsche Kirchengemeinschaft herausgesucht habe und zum Gottesdienst um 10 Uhr gegangen bin. Ich habe mein Gesicht unter einer FFP2-Maske und einer Cap versteckt, da ich unglaublich verheult aussah und fuhr zur Kirche in einer Seitenstraße beim Moulin Rouge. Beim Abendmahl kullerten mir die Tränen nur so runter. Ich schloss meine Katze in mein Gebet ein und ließ den Schmerz zu.
Paris hat mir aber auch unzählige Glücksgefühle gegeben. Ich habe in der Stadt das Gefühl von Freiheit und Unbeschwertheit gespürt, so wie ich es in Hannover noch nie getan habe. In Paris schaut niemand auf den anderen und jeder kümmert sich um seine eigenen Angelegenheiten. Kulturell kann ich keine Stadt nennen, die so viel zu bieten hat wie Paris. Ich habe unzählige Museen besucht, habe Kunst und ihre Künstler gesehen und die Stadt zu Fuß kennen gelernt. Mit „zu Fuß“ meine ich um die 30.000 Schritte am Tag. Ich habe es geliebt, die unscheinbaren Seitenstraßen zu erkunden, denn Paris ist so viel mehr als nur der Eifelturm oder der Arc de Triomphe. Ich hoffe, mein Blog hat dir einige Einblicke ins reale Pariser Leben geben können und dich vielleicht sogar dazu ermutigt, auch ein Auslandssemester in Paris zu machen.
Ein Beitrag von: Jule Lorek, veröffentlicht am 21.03.2024
3 Kommentare
Dieser Blog-Eintrag hat mein Herz erwärmt<3 vielen Dank Jule für deine ehrlichen Worte und diesen tollen Einblick!
Ein fesselnder Bericht, der reich an wichtigen Informationen, wie auch einem großartigen Humor ist. Diese investierten Leseminuten haben sich voll und ganz gelohnt.
Dein Beitrag ist unglaublich authentisch und schön. Es ist bewundernswert, wie ehrlich du über deine Erfahrungen in Paris schreibst, sowohl die Höhen als auch die Tiefen. Deine Offenheit macht den Lesern deutlich, dass das Leben im Ausland nicht immer nur glamourös ist, sondern auch mit Herausforderungen und emotionalen Momenten einhergeht. Danke, dass du so offen über deine persönlichen Erfahrungen sprichst und anderen Mut machst, ihren eigenen Weg zu gehen. Es ist inspirierend zu sehen, wie du trotz der Schwierigkeiten positive Erlebnisse in Paris hattest und die Stadt in all ihren Facetten genossen hast. <3