Wir sind Freund:innen. Wir studieren und arbeiten gemeinsam an der Universität Hildesheim, in den Bereichen Theater, Umwelt und Medien. Wir teilen uns Bühnen, Büros und Bibliotheken. Und: Wir kommen aus Ostdeutschland.

Ost- und Westdeutschland: Gibt es das für uns, geboren in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern, überhaupt noch? Welche Unterschiede spüren wir zu Gleichaltrigen, die im Westen aufwuchsen? Welche Rolle spielte die deutsche Teilung für unseren Ausbildungsweg? Mit welchem Blick schauen wir heute auf unsere Heimatstädte und wie hat unser Leben und Studium im Westen diesen verändert?

Bei Kartoffelsalat und „Chokis haben wir uns getroffen, um genau darüber zu sprechen. Im Vorfeld diente ein gemeinsames Screening des DEFA-Films „Winter Adé“ (1988) von Helke Misselwitz als Einstieg.

Haruna (23)

Haruna (23)

She/Her

 

Studiert Umweltsicherung.

Ist in Dresden aufgewachsen.

Ihre Mutter kommt aus Dresden und ihr Vater aus Japan.

 

Saskia (24)

Saskia (24)

She/Her

 

Studiert Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis.

Ist in Dresden aufgewachsen.

Ihre Mutter kommt aus Halle (Saale).

Paula (23)

Paula (23)

She/Her

 

Studiert Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis (Theater/Medien).

Ist in Dresden aufgewachsen.

Ihre Mutter kommt aus Dresden und ihr Vater aus Schkeuditz bei Leipzig.

 

Janina (23)

Janina (23)

She/Her

 

Studiert Inszenierung der Künste und der Medien.

Ist in Dresden aufgewachsen.

Ihre Mutter kommt aus Dresden und ihr Vater aus Pakistan.

 

Johannes (29)

Johannes (29)

He/Him

 

Arbeitet als Veranstaltungstechniker.

Ist in Magdeburg aufgewachsen.

Seine Mutter kommt aus Magdeburg und sein Vater aus Beeskow (Brandenburg).

 

Clara (26)

Clara (26)

She/Her

 

Studiert Kulturvermittlung.

Ist in Dresden aufgewachsen.

Ihre Mutter kommt aus Cloppenburg bei Oldenburg und ihr Vater aus Delmenhorst.

 

Fühlt ihr euch eigentlich ostdeutsch?

Saskia: Gute Frage.

Haruna: Auf jeden Fall. Ich würde schon sagen, dass das was mit meiner Identität zu tun hat. Wenn ich mit Leuten aus dem Studium rede und wir feststellen: „Ah, du bist auch aus dem Osten“, freut man sich voll und dann connecten wir darüber.

Janina: Ich mache das zum Beispiel erst seit wir aus Dresden weggezogen sind.

Saskia: Same. Und ich hätte auch da noch abgestritten, dass das noch ein Ding ist. Hier fällt es wieder auf an Kleinigkeiten. Teilweise auch daran, wie ich mich zu dem verhalte, was dieses ‚Bild des Ostdeutschen‘ ist. Dass, wenn ich eine generalisierte Aussage über Ostdeutschland höre, ich mich schäme für Leute, die ich nicht kenne oder das Gefühl hab, mich rechtfertigen zu müssen.

Janina: So oft wie hier an der Uni nicht mitgedacht wird, dass Studierende auch aus dem Osten kommen könnten, fühlt es sich für mich umso wichtiger an das zu sagen. Ich werde sehr viel öfter auf den sichtbaren Migrationshintergrund angesprochen. Es geht auch darum, mir selbst eine Sichtbarkeit zu verschaffen.

Johannes: Bei mir war es ein viel krasseres Thema als ich klein war. Ich weiß noch, bei uns in der Grundschule, Anfang der 90er, war “Wessi“ ein krasses Schimpfwort.

Clara: Ja, ich kann das nur bestätigen. Meine Eltern sind ja beide aus dem Westen. Wenn ich von Lehrer:innen gefragt wurde: „Wo bist du geboren?“ und ich hab gesagt: „Hannover“, hieß es: „Ach, dann bist du ja ein Wessi!“. Ich bin mit acht Wochen nach Dresden gezogen und würde auch wegen dieser Kommentare bis heute sagen, dass ich keine Dresdnerin bin.

Der Dokumentarfilm „Winter Adé“ von Helke Misselwitz ist ja imgrunde ein Porträt, vor allem der weiblichen Perspektiven der DDR. War das für euch denn ein ‚authentisches‘ Bild von der DDR, so wie eure Eltern sie vielleicht erzählt hätten?

Saskia: Das ist ein Punkt, der sich bei mir mitträgt: Dass ich so ein ganz anderes Bild davon habe als das, was im Geschichtsunterricht oder auch im gesellschaftlichem Gesamtgedächtnis vorherrscht. Weil ja mein DDR-Bild sich größtenteils aus Erzählungen meiner Eltern zusammensetzt, das in vielen Teilen auch ein schönes Bild ist, weil es einfach so deren Kindheiten erzählt.

Paula: Ja, also ich konnte auf jeden Fall anknüpfen: Genau so sahen meine Eltern aus. So ist meine Oma, auch die Stories. Strumpfhosen ist anscheinend ein riesen Thema gewesen! Ich weiß nicht, wie oft ich meiner Oma über den ganzen Kram geredet habe.

Johannes: Und dabei fand ich immer spannend: Bei der Frage „Was sind eure Wünsche für die Zukunft?“ waren alle ähnlich anspruchslos. So basic. Das kenne ich auch von meiner Familie.

Janina: Ich fand diese Frage nach den Zukunftsträumen auch ganz schön krass, weil ich dachte: Niemand von denen sagt was explizit politisches. Rausgeschnitten oder nicht, wahrscheinlich hätte man darüber auch nicht mit einem Filmteam reden wollen, weil das nicht der Raum dafür ist.

Paula: Ist ja auch von der DEFA. Aber, wenn ich meiner Mutter zuhöre oder meinem Vater…die haben das nicht in Frage gestellt. Die wussten: Das ist einfach so und wir leben jetzt damit irgendwie. Also, meine Mutter hat dann halt ihre Träume und Ziele dementsprechend angepasst.

Saskia: Meine Eltern waren tendenziell schon beschäftigt damit, aber so: Wie kann man das System verbessern? Nicht gegen das System gehend. Sie wollten nicht unbedingt die Wiedervereinigung. Sie wollten einen besseren Sozialismus, weil sie das prinzipiell schon das coolere System fanden.

Haruna: Naja, ich weiß nicht. Ich kenne so ein bisschen die Story von meiner Oma, die halt auch im Gefängnis war und danach ins Zuchthaus gekommen ist. Dir wird die ganze Zeit gesagt, du sollst an eine Sache glauben, aber selbst die Leute, die dafür einstehen müssen, dass sie sich so verhalten, verhalten sich nicht so.

Johannes: Es gab einfach viele Versprechen, die nie eingelöst wurden.

Paula: Echt so. Wo ist das Internet?

Clara: Vor allem spielt das auch eine Rolle für die jüngeren Generationen.

Paula: Die gehen dann natürlich. Was sollen die da auch?

Hat es für euch überhaupt jemals eine Rolle gespielt, ob ihr nach Ost- oder Westdeutschland für eure Ausbildung geht? 

Paula: Nee. Bei mir war es nur, weil es den Studiengang so nicht gab. Ich wäre auch nach Leipzig gegangen. Aber ich wusste halt, dass ich nicht Theaterwissenschaften in Leipzig studieren will, weil es viel wissenschaftlicher ist.

Janina: Eben. Bei uns ist es ja schon nochmal spezifisch. Theaterwissenschaft kannst du im Osten so in Leipzig, Rostock und Berlin studieren. Aber angewandte Theaterwissenschaft wiederum kannst du nur noch in Hildesheim und Gießen studieren.

Sandmännchen meets Knusperflocken: © Clara Wiese

Gibt es Sachen, von denen ihr denkt: Ich bin froh, dass meine Familie mir diese Werte mitgegeben hat und das wäre vielleicht anders gewesen, wenn sie nicht aus dem Osten käme?

Haruna: Die Frauen im Film haben oft sehr selbstbestimmt geredet und das kenne ich auf jeden Fall von meiner Mama auch. Was ich interessant fand: Ich hatte das Gefühl, dass bei den Geschichten sehr objektiv und nicht so emotional erzählt wurde.

Paula (nickt): Es war so kein Gejammer dabei. Die haben sich gar nicht in so einer Rolle ausgelassen.

Clara: Vielleicht auch, weil sie so viele Rollen gleichzeitig erfüllt haben? Also, ich hab immer gedacht: Die haben ja alles gemacht! Was ich ansonsten bei meinen Dresdner Freund:innen beobachte, deren Eltern aus dem Osten kommen, ist diese Normalität von Nacktheit. Sich völlig ohne Scham unter Freund:innen nackt zu zeigen, hab ich so selbstverständlich, außerhalb dieses Freundeskreises, nicht so oft erlebt.

Saskia: Kein Wert, aber noch so ein Faktor, den ich mitbekommen hab, ist es Dinge zu improvisieren. „Das haben wir grad nicht, dann machen wir es halt irgendwie anders.“, als eine Grundhaltung. Und ich glaube, schon dieses Bewusstsein als Frau: Ich komme auch alleine klar. Teilweise aber auch ein Selbstbewusstsein, das Schattenseiten haben kann. Das hab ich gemerkt, als ich mit meiner Oma über #MeToo gesprochen habe und sie überhaupt kein Verständnis hatte im Sinne von: „Warum haben die sich nicht gewehrt? Wenn mir was nicht passt, dann sag ich das!“ Aber es gibt halt Kontexte, da geht das nicht. Das ist ihr super schwer gefallen zu verstehen.

Könnt ihr euch vorstellen später wieder in den Osten zu gehen oder wollt ihr später zurück in den Osten gehen?

Clara: Ich glaube, Leipzig ja, Dresden nein.

Haruna: Dresden auch nicht. Obwohl…vielleicht, wenn’s schöner wird. Weniger…

Janina: Nazis.

Clara: Ja, ich glaube, wir alle verbinden die Möglichkeit nach Dresden zu gehen mit einer Erhöhung von rechtem Gedankengut um uns rum. Oder einer Auseinandersetzung irgendwie.

Haruna: Ich spür es so krass. Selbst wenn ich in der Neustadt bin, hab ich viel mehr Angst und in Dresden sowieso, dass ich jetzt irgendeinen scheiß Kommentar abbekomme. In Hildesheim hab ich das wirklich im Vergleich fast gar nicht.

Janina: Ja, es ist eine Safety Frage.

Haruna: Ich weiß, es gibt voll viele Leute, die dagegen arbeiten. Ich hab auch viele Freunde, die so sind. Aber mittlerweile denke ich auch ein bisschen mehr über meine eigene Safety nach. Ich bin halt nicht in der Position dafür.

Saskia: Ich glaube, deswegen hab ich voll das Gefühl, so eine Verpflichtung zu haben, in den Osten zu gehen. Für mich ist es tendenziell safe. Und ich bin nicht bereit, diese Orte so aufzugeben oder einfach sozusagen das zu akzeptieren, dass super viele Leute sagen müssen: „Nee, geht nicht.“.

Johannes: Also, ich hab erst hier im Westen gemerkt, dass ich ganz viele Kolleg:innen aus dem Osten hatte, weil einfach das Geld um einiges besser ist. Es gleicht sich immer mehr an, aber ich merke das heute immernoch: Gleiche Arbeitsstunden, aber ein Unterschied von achtzig Euro am Tag. Dann frag ich mich schon: Will ich perspektivisch mit Absicht irgendwo arbeiten, wo ich deutlich schlechter bezahlt werde für die gleiche Arbeit?

Paula: Klar, aber vielleicht sind die Lebenshaltungskosten niedriger, auch für Studierende.

Janina: Ja, für Studierende aus dem Westen. Die gehen dann studieren im Osten und arbeiten im Westen.

Clara: Tatsächlich. Viele aus dem Westen kamen in den letzten Jahren nach Leipzig, Jena, Dresden etc., um dort zu studieren. Die Gründe dafür sind unter anderem günstigere Mieten. Platz eins bis sieben der günstigsten Mieten sind alle ostdeutsche Städte. Die erste westdeutsche Stadt auf Platz acht ist….Trommelwirbel…

Paula: Hildesheim?

Clara: Hildesheim! Außerdem sind die Betreuungsangebote besser, die Studiengänge kleiner…so setzt sich die Liste fort. Das heißt, eigentlich ist Studieren aktuell tatsächlich im Osten attraktiver, aber wenn die Löhne dann eben nicht angeglichen werden, gehen viele zurück in den Westen.

SED meets Spreewaldgurken: © Clara Wiese

In Deutschland kommen mit Gesine Grande (Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg) und Enrico Schleiff (Goethe – Universität Uni Frankfurt am Main) gerade mal zwei Unipräsident*innen aus dem Osten. Und auch Dozierende wählen natürlich Themen, die mit ihnen persönlich zu tun haben, die sie interessieren und wo sie überhaupt auch Knowledge haben. Habt ihr das Gefühl, dass bei uns ostdeutsche Kultur oder ostdeutsche Künstler:innen zu wenig als Seminarinhalt behandelt werden? Fallen euch Beispiele ein, wo das in einer interessanten Art und Weise behandelt wurde?

Saskia: Es wird immer mal wieder behandelt. Es ist in der Regel schlimm. Ich habe zweimal den Versuch gestartet am Institut für Kulturpolitik, aber man merkt dann doch stark, dass die dozierende Person nicht ostdeutsch sozialisiert ist.

Janina: Abgesehen davon, wurde ja im Projektsemester mit großer Selbstverständlichkeit das Thema „1968“ gewählt und ein Untertitel, der klar die Annahme vorausgesetzt hat, alle hätten durch die Großelterngeneration einen Bezug zu ’68. Es gab nicht ein Projekt, wo thematisiert wurde, dass wir davon nicht ausgehen können, weil es Unterschiede gibt.

Saskia: Was ich spannend finde ist, dass teilweise eine Lücke bemerkt wird, die inzwischen vermehrt angesprochen wird und dann trotzdem nicht gefüllt wird. In einem Seminar zu Kinderbüchern, was ich bei einer Dozentin hatte, meinte sie dann, die Beispiele seien nur westdeutsch, dass das eine Lücke wäre und ihr Leid täte. Daraufhin hat eine Kommilitonin gesagt, dass es im Osten doch vermutlich eh keine wertvollen Kinderbücher gab.

Was könnten wir denn verbessern? Vielleicht auch ganz konkret hier in Hildesheim, an der Uni? Was müssten wir tun, damit die ostdeutsche Geschichte nochmal und wieder mehr ins Bewusstsein rückt? Was würdet ihr euch wünschen?

Paula: Ich glaube, über allem einfach eine Repräsentation, auch in puncto Dozierende.

Janina: Und zu checken, dass das ein gesamtdeutsches Problem ist, das nicht im Vakuum entstanden ist.

Johannes: Ich glaube, so wie wir hier sitzen, ist ja vielleicht auch der Anfang von etwas. Das kann in viele verschiedene Richtungen gehen. Zum Beispiel mit einer Statistik. Mit: „Schaut mal, über fünfzig Prozent der Studierenden kommen aus den ostdeutschen Bundesländern. Aber die Dozierenden nicht. Die Literatur nicht. Die Inhalte nicht. Warum?“

Clara: Ja, und vielleicht auch die Künste dafür nutzen. Wenn das unser Business ist…

Johannes: Ich hoffe, dass es da einen Prozess gibt, der noch offen ist. Weil er ist offensichtlich nicht abgeschlossen, aber es wird so getan. Es ist eine Willens- und eine Repräsentationsfrage, auch in Leitungspositionen von Hochschulen oder in der Politik. Wenn niemand in einer Machtposition diese Forderung vernünftig repräsentiert, kann es ja auch keinen weiteren Diskurs darüber geben.

Paula: Kraftklub hat auch viel getan. Weil die den Osten schon auch feiern.

Janina: Ich fand’s auch krass, dass sie in „Karl-Marx-Stadt“ gesungen haben, dass sie aus Sachsen kommen. Also, dass sie das explizit ausgesprochen haben.

Paula: Naja, aber auch „Karl-Marx-Stadt“ und nicht „Chemnitz“.

Clara: Das ist vielleicht auch so ein Ding von Common Knowledge. In Sachsen weiß man, was Karl-Marx-Stadt ist…

Janina: …im Westen fragen sie: „Wer ist Karl Marx?“ (alle lachen)

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CC: N-TV / REUTERS (Urheber): Kult zum 200. Geburtstag
Geldverdienen mit Karl Marx. URL: https://www.n-tv.de/mediathek/bilderserien/politik/Geldverdienen-mit-Karl-Marx-article20406219.html  (zuletzt aufgerufen am 20.09.20)

Sandmännchen meets Knusperflocken:

© Clara Wiese (CC: OPEN FOOD FACTS: Knusper Flocken, Knäckebrot Mit Vollmilchschokolade – Zetti. URL: https://de.openfoodfacts.org/produkt/4012362044208/knusper-flocken-knäckebrot-mit-vollmilchschokolade-zetti (zuletzt aufgerufen am 20.09.20); BUNDESARCHIV: Bild 183-U1109-022, Berlin, Sandmännchen. URL: https://www.pinterest.ca/pin/629589222882390242/ (zuletzt aufgerufen am 20.09.20))

SED meets Spreewaldgurken:

© Clara Wiese (CC: OPEN FOOD FACTS: Gewürzgurken – Spreewald Feldmann – 360g. URL: https://de.openfoodfacts.org/produkt/4250262708251/gewürzgurken-spreewald-feldmann (zuletzt aufgerufen am 20.09.20); MITTELSTÄDT, Rainer (Ersteller) / BUNDESARCHIV (Urheber): Bild 183-Z1007-001, Berlin, Jahrestag der DDR, Parade, Ehrentribüne. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-Z1007-001,_Berlin,_Jahrestag_der_DDR,_Parade,_Ehrentribüne.jpg (zuletzt aufgerufen am 20.09.20))