Bei Barrieren und Inklu­sion denkt man häufig an die von außen "sicht­baren" Behin­de­rungen. Aber was ist mit "unsicht­baren" Behin­de­rungen und ihren Barrieren? 

Schule, Univer­sität, Berufs­leben — Leis­tungs­druck und Zukunfts­ängste. Alle Studie­renden kennen es wahr­schein­lich, das Grund­ge­rüst von unserem Stress. Doch was ist, wenn mehr und mehr Gewicht auf das Gerüst einwirkt und wie viel braucht es bis, es darunter nach­gibt und zerfällt? 

Neuro­di­ver­gent — was heißt das eigentlich?

Doch vorneweg: Was heißt eigent­lich Neuro­di­ver­gent? Der Begriff Neuro­di­ver­genz beschreibt verschie­dene Gehirn- und neuro­lo­gi­sche Beson­der­heiten, die von der gesell­schaft­li­chen Norm (Neuro­ty­pisch) abwei­chen. Das heißt, Neuro­di­ver­genz bezieht sich auf Unter­schiede in der Funk­ti­ons­weise des Gehirns/der Reiz­ver­ar­bei­tung und zeigt sich unter anderem in der Wahr­neh­mung, im Denken, in der Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung oder in der sozialen Inter­ak­tion. Daneben würde man eine Gruppe die aus Menschen besteht, die Neuro­di­ver­gent und Neuro­ty­pisch (nicht-neuro­di­ver­gent) sind Neuro­di­vers nennen.

Neuro­di­ver­gentes Spek­trum, Auswahl­liste

  • ADHS
  • Autismus-Spek­trum- Störung (ASS)
  • Dyspraxie (Grob- und Fein­mo­torik, Koordination)
  • Dyslexie (Lese- und Recht­schreib­schwäche, LRS)
  • Legasthenie (Lese- und Rechtschreibstörung)
  • Dyskal­kulie (Rechen­stö­rung)
  • Agraphie/Dysgraphie (Schreib­stö­rung)
  • Dysnomie (Wort­fin­dungs­stö­rung)
  • DIS/OSDD (Disso­zia­tive Identitätsstörung)
  • NPS (Narziss­ti­sche Persönlichkeitsstörung)
  • OCD/Zwangsstörung (Obses­sive-Compul­sive Disorder)
  • Miso­phonie (Selek­tives Geräuschempfindlichkeits-Syndrom)
  • Synäs­thesie (Kopp­lung getrennter Moda­li­täten der Wahrnhmung)
  • Parkinson-Krank­heit (Morbus Parkinson, IPS)
  • Tourette-Syndrom
  • Epilepsie
  • Fetale Alko­hol­spek­trums­tö­rung (FASD)
  • Schi­zo­phrenie (schi­zo­phrene Psychose)
  • Trisomie 21, Down-Syndrom
  • (K)PTBS ((Komplexe) Post­trau­ma­ti­sche Belastungsstörung)
  • Bipo­lare (affek­tive) Störung (BAS)
  • Border­line-Persön­lich­keits­stö­rung (BPS)
  • Depression
  • Angst- oder Zwangsstörungen
  • Da es keine offi­zi­elle List gibt, habe ich diese nach bestem Wissen selbst zusammengestellt

Inter­sek­tion Behin­de­rung und…

Das Konzept von Inter­sek­tio­na­lität hat sich seit den 80er Jahren weiter­ent­wi­ckelt und bedenkt heut­zu­tage immer mehr Iden­ti­täten und Diskri­mi­nie­rungs­formen, doch Ableismus wird häufig noch nicht mit einbe­zogen. Hier erhaltet ihr einen Einblick, warum es wichtig ist. 

Inter­sek­tio­na­lität:

Die Über­schnei­dung und Wech­sel­be­zie­hung verschie­dener Diskri­mi­nie­rungs­formen. In den 1980ern prägte Kimberlé Crenshaw vor Gericht den Begriff um zu argu­men­tieren, dass im Fall DeGraf­fen­reid v. General Motors, die Diskri­mi­nie­rung von schwarzen Frauen nicht allein auf Rassismus oder Sexismus redu­ziert werden kann, sondern dass diese Frauen aufgrund ihrer einzig­ar­tigen Erfah­rungen als schwarze Frauen (Inter­sek­tion mehrerer Diskri­mi­nie­rungs­formen) diskri­mi­niert werden.

Wenn du nicht in das Bild passt, laut dem z.B. jemand mit ADHS "auszu­sehen hat" — also eine männ­lich gele­sene, junge und weiße Person, die nicht still sitzen kann — wird es immer schwie­riger Diagnosen zu erhalten und auch bei seinen Mitmen­schen gerät man häufig in Erklä­rungs­zwang. Bei weib­lich gele­senen Personen und/oder BPoC werden seltener und meist erst sehr viel später Diagnosen von z.B. Autismus-Spek­trum-Störung und ADHS gestellt, sie erfahren vermehrt Gewalt im Gesund­heits­wesen und werden häufig nicht ernst genommen. Das kann sich auch noch mit fehlenden finan­zi­ellen Mitteln über­schneiden, denn Diagnosen sind häufig mit Kosten verbunden. Für den Uni-Alltag kann das bedeuten, dass du z.B. neben dem Voll­zeit­stu­dium arbeiten musst, während du Alltags­se­xismus und Rassismus ausge­setzt bist, kümmerst dich viel­leicht auch um deine Familie oder hast ander­weitig Verpflich­tungen. All diese Dinge in Über­schnei­dung mit einer Behin­de­rung und verwir­renden, kompli­zierten Hoch­schul­struk­turen können es dir schwer machen heraus­zu­finden, wo und welche Hilfe du eigent­lich erhalten kannst. Beson­ders Studie­rende, die einen Nach­teils­aus­gleich gebrau­chen könnten, wissen häufig nicht, dass es diese gibt oder wie man sie bean­tragt, ob man über­haupt Anspruch auf einen hat oder haben schlichtweg keine Zeit und Kraft sich damit auseinanderzusetzen. 

Was hat das mit der Uni zu tun?

Dass die Probleme neuro­di­ver­genter Personen struk­tu­rell bedingt sind, bestä­tigt sich bei meiner Recherche immer wieder. Das soziale Modell von Behin­de­rung beschreibt es folgen­der­maßen: die Probleme entstehen nicht aus einem selbst, sondern in Wech­sel­wir­kung mit den Barrieren, die einem von der Gesell­schaft aufer­legt werden. Doch was heißt das konkret an unserer Uni? Die Domäne, mit den Kultur­wis­sen­schaften und ähnli­chen Studi­en­gängen, ist ein Ort, der Studie­rende eigent­lich dazu ermu­tigen sollte, auch außer­halb der Lehr­ver­an­stal­tungen aktiv kreativ zu sein, Projekte zu entwi­ckeln, sich zu vernetzen und so weiter. Doch was ist, wenn dich der Uni-Alltag schon so sehr über­for­dert, dass all das nebenbei unmög­lich scheint?

Die stän­dige Reiz­über­flu­tung durch grelles Licht, Stühle die auf dem Boden kratzen, sich Stunden am Stück still sitzend konzen­trieren, schlecht lesbare Texte, soziale Ängste, hoher Leis­tungs­druck und die frag­wür­dige Anwe­sen­heits­pflicht — all das und noch viel mehr kann im Alltag eine riesen Heraus­for­de­rung darstellen. Wenn man danach nach­hause kommt, erschöpft davon möglichst nicht zu zeigen, wie unwohl man sich fühlt, woher soll man die Kraft für alles weitere nehmen? 

Struk­turen müssen sich ändern

Das wirkt viel­leicht alles wie die Probleme einzelner Studie­render, doch würden Ände­rungen daran niemandem schaden und viel­leicht den Alltag am Campus für alle ange­nehmer machen. Und bei diesem Punkt kommt man wieder an den Anfang: Als würde es nicht als Argu­ment reichen, dass man den Campus von Barrieren befreien sollte, um den Studie­renden mit Behin­de­rung zu helfen, nein natür­lich muss es allen etwas bringen! (Muss hier ein Hinweis für Sarkasmus hin?) Doch selbst dann bleibt die Frage, warum es immer noch keinen Ruhe­raum an der Domäne gibt? 

Für viele Neuro­di­ver­gente Personen ist eine univer­si­täre Ausbil­dung ohnehin keine Option, denn der Zugang ist, neben anderen Hürden, nur mit Abitur möglich. Dennoch sollte man den Neuro­di­ver­genten Personen, die es an die Univer­sität schaffen, ein Umfeld ermög­li­chen, bei dem nicht jeder Tag ein Kampf ist. Ein Kampf gegen ein System, das Menschen mit Behin­de­rung ausgrenzt, ein Kampf gegen Barrieren und das Unver­ständnis der Mitstu­die­renden, Lehr­per­sonen, etc.

Und was nun?

In der Gruppe "Neuro­di­ver­gent Vernetzt" wurde viel über Alltags­pro­bleme an der Uni gespro­chen und darüber was sich verän­dern und verbes­sern muss. Die Idee, eine Statistik dazu zu erstellen, die in etwa abbildet, wie viele Studie­rende an unserer Univer­sität Neuro­di­ver­gent sind, stand dabei schon länger im Raum. Also haben ich mich im Rahmen dieses Beitrags an die Arbeit gemacht und eine Umfrage entwi­ckelt die von etwa 430 Studie­renden beant­wortet wurde. Bei der anony­mi­sierten Online-Befra­gung konnte ich stich­pro­ben­artig heraus­finden, wie groß der Anteil an Neuro­di­ver­genten Studie­renden ist. Da ich am Ende der Befra­gung jedoch mehr Daten hatte als erwartet, beschränke ich mich hier auf die wesentlichen. 

Ergeb­nisse

1. Iden­ti­fi­zieren Sie sich als Neuro­di­ver­gent (auch ohne Diagnose)

Der Graph zeigt, dass sich 28.38% (124 Personen) der Befragten als Neuro­di­ver­gent iden­ti­fi­zieren und 71.62% (313 Personen) nicht. 

2. Welcher Gruppe sind Sie zugehörig?

Im Feld "Andere" bzw. im freien Antwort­feld dieser Frage wurden vor allem Angaben dazu gemacht von mehreren Neuro­di­ver­genzen betroffen zu sein. Wenn man diese auf die rest­li­chen Ergeb­nisse rechnet, findet man die höchste Zuge­hö­rig­keit bei ADHS mit 46 Angaben, danach Depres­sionen mit 39 Angaben, Angst- oder Zwangs­stö­rungen mit 25 Angaben und Autismus-Spek­trum-Störung mit 16 Angaben. Dabei ist ist die Diskre­panz zur ersten Frage ziem­lich hoch, denn dort iden­ti­fi­zieren sich 28.38% als Neuro­di­ver­gent, während bei der 2. Frage 33.87% angeben einer oder mehrerer Gruppen auf dem Neuro­di­ver­genten Spek­trum zuge­hörig zu sein.

3. Wie gut fühlen Sie sich von der Univer­sität in Bezug auf Ihre Neuro­di­ver­genz unterstützt?

Insge­samt fühlen sich die Befragten eher Mittel-Schlecht von der Univer­sität unter­stützt. Immerhin gibt es 15 Befragte die sich gut unter­stützt fühlen und vier, die sich sehr gut unter­stützt fühlen. Doch die Mehr­heit liegt bei Mittel mit 33 Angaben, Schlecht mit 30 Angaben und Sehr schlecht mit 15 Angaben. 

Fazit

Wie vermutet ist der Anteil an Neuro­di­ver­genten Studie­renden höher als man viel­leicht denkt und das Gefühl von der Uni unge­nü­gend unter­stützt zu werden ist unter den Betrof­fenen verbreitet. Man kann nicht weiter erwarten, dass Betrof­fene versu­chen ein struk­tu­relles Problem auf persön­li­cher Ebene, ganz allein zu lösen. Wir brau­chen gute Lösungen, Konzepte und Verän­de­rungen, die allen Studie­renden die selben Chancen geben. Dieser Beitrag deckt zwar nur einen kleinen Teil von einem großen und kompli­zierten Thema ab, doch die Komple­xität soll nicht davon abhalten, sich mit diesem wich­tigen Thema zu befassen. 

Da die Menge an Daten die ich mit der Umfrage gesam­melt habe, sehr viel größer ausge­fallen ist als erwartet, konnte ich leider nicht alles für diesen Beitrag verwenden. ich hoffe jedoch diese in geeig­neter Form irgend­wann noch veröf­fent­li­chen zu können. 

Herz­li­chen Dank an alle, die sich die Zeit genommen haben, an der Umfrage teilzunehmen. 

Ein Beitrag von: Rebecka Rein, veröf­fent­licht am 17.04.2024

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