Ihr habt’s verpasst? Wir nicht. Wir gehen auf Hildesheims Partys, damit ihr es nicht müsst.
Vorgeplänkel
Zum fünften Mal in Folge hüllen sich die Bewohner Hildesheims in ihren feinsten Zwirn, um in der Kulturfabrik zu Elektroswing das Tanzbein zu schwingen. Der Dresscode verlangt eine Garderobe im Zwanziger Jahre Stil, also den alten Zwanzigern, als alle so rumgerannt sind wie der große Gatsby. Bereits eine Stunde vor Partybeginn hat man die Möglichkeit, den Lindyhop zu lernen, aber das habe ich komplett vergessen oder nicht mitbekommen oder sowas in der Art. Stattdessen durchstöbere ich lieber fremde Kleiderschränke nach dem passenden Outift. Letztendlich entscheide ich mich für ein Arbeiterhemd und Schiebermütze. Das ist dann wohl in etwa so elegant wie einer der Schläger aus Peaky Blinders, der dir schief zugrinst und dabei merkst du, dass ihm mehrere Zähne in der Visage fehlen.
Währendgeplänkel
Eine Schlange gibt’s nicht vor dem Eintritt, wir lassen uns vom Türsteher abklopfen, dann können wir im Keller der Kufa verschwinden. Erstaunlich, die Leute haben sich alle an den Dresscode gehalten: überall weiße Hemden, Hosenträger, schwarze Fliegen und Diademe. Unter manch einem Hosenbein blitzt bei genauerer Betrachtung zwar ein Sneaker auf, aber ansonsten stimmt das Gesamtbild. Da fühle ich mich ja fast ein bisschen underdressed. Einige Leute scheinen den Tanzkurs mitgemacht zu haben und sie wirbeln elegant an uns vorbei. Ich gehe an die Bar und kaufe mir ein Bier. Jetzt fallen mir erst die Gestalten auf, die am Rand der Halle auf den Vorsprüngen sitzen. Mit ihren Anzügen und Abenkleidern und den im Schatten liegenden Gesichtern haben sie etwas von einer geheimen Vereinigung, die hierher gekommen ist, um die Leute beim Tanzen zu beobachten. Irgendwie stellt sich aber nicht so die richtige Partystimmung bei mir ein. Das passiert mir in letzter Zeit oft in Hildesheim, dass ich denke, dass ich das alles so in der Art irgendwie schon viel zu oft erlebt habe. Kufa, die Jam Sessions im Thav, das war alles cool und neu, als man als Erstsemester abends euphorisch durch die Stadt gestreift ist. Mittlerweile fühlt es sich so an, als ob man alles schon gesehen, alles schon erlebt hat. Das muss der Hildesheim-Blues sein, von dem sie alle reden. Nach dem zwanzigsten Elektro-Swing-Song mit Stakkato-Piano und Blechbläsern haben wir jedenfalls genug von den Zwanzigern und beschließen, den Abend in einer Kneipe ausklingen zu lassen.
Nachgeplänkel
Wir entscheiden uns für die am kürzesten entfernte Kneipe, die man ansteuern kann, wenn man aus der Kufa kommt. Studierende trifft man hier meistens nicht an, stattdessen hängen die unterschiedlichsten Leute über der Theke oder den einarmigen Banditen in der Ecke. Ich schaue zu, wie die Feigen und Melonen über den Bildschirm rasen und sich dann immer wieder in vollkommen willkürlichen Reihen anordnen. An den Wänden hängt eine wilde Zusammenstellung aus Bildern und Dekorationen: an der Wand zum Klo beobachtet Marilyn Monroe, wie zwei leicht bekleidete Damen auf dem Plakat neben ihr intim werden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Topfpflanzen im Fenster aus Plastik sind. Das Licht ist schummrig, im Hintergrund kann man hören, wie sich die Dartpfeile ins Filz bohren. Es riecht nach Zigarettenqualm, kaltem Schweiß und Verzweiflung. Irgendwann schwankt eine hackedichte Frau hinter den Tresen und wechselt eigenhändig die Songauswahl. Ein Blick auf die Uhr, Drei ist es schon. Als wir dann auch noch aufgefordert werden, zu den Böhsen Onkelz zu tanzen, wird es höchste Zeit zu gehen. Auf dem Rückweg begegnen wir anderen Partygängern, die sich auf den Heimweg machen und für einen kurzen Augenblick habe ich echt das Gefühl, in der Zeit zurück zu reisen. Vielleicht ist es aber auch einfach nur höchste Zeit, schlafen zu gehn.
Text: Connor Endt.