Nachteinander Folge 3

Inventurparty im Mauerwerk

Ihr habt’s verpasst? Wir nicht. Wir gehen auf Hildesheims Partys, damit ihr es nicht müsst.

Vorgeplänkel

Und ich nehme mir vor, möglichst unparteiisch an diesen Abend heranzugehen, das nehme ich mir wirklich vor, nur fühle ich mich schon auf dem Weg zum Mauerwerk schmutziger als jemals zuvor. Zugegebenermaßen war ich in meinem gesamten Leben nur ein Mal im Mauerwerk, nämlich als mich der frische Elan meines ersten Semesters in Hildesheim noch blind von Abenteuer zu Abenteuer geweht hat. Doch nun ist dieser Elan fort, und vielmehr trage ich die Energie eines gebrochenen Privatdetektivs aus dem Jahre 1930 in mir, der im Mauerwerk mit ansehen musste, wie seine Frau erschossen wurde. Meine tote Frau ist meine Lebensfreude. Was mir vom letzten Mal im Mauerwerk noch im Gedächtnis geblieben ist, ist der Eindruck, dass sich dieser Club eine einzige Philosophie in ihre linke Gehirnhälfte geritzt hat: Ballermann, aber noch heruntergekommener, und das auf drei Quadratmetern. Außerdem hat letztes Jahr wohl ein Disput vor der Tür dafür gesorgt, dass jemand angestochen wurde, und ich weiß nicht, wie es euch damit geht, aber für mich sind das eigentlich Vibes, von denen ich mich generell fernhalten möchte.

Dennoch sollte mich all das nicht davon abbringen, dem Mauerwerk noch eine Chance zu geben, denn es ist ja bald wieder Weihnachten und irgendwer muss den ersten Schritt wagen. Es ist egal, dass diese Party im Motto „ALLES MUSS RAUS“ steht, es ist egal, dass der Eintritt acht Euro kostet, und es ist egal, dass der dazugehörige Promo-Text in der Facebook-Veranstaltung aggressiv darauf pocht, dass Volljährige zwei Minderjährige mit rein nehmen dürfen, was eher so wirkt, als wäre es Pflicht. All das ist egal, denn mein Mantra dieses Jahr lautet, dass es besser ist, Hass zu empfinden als gar nichts zu empfinden. Der Türsteher scheint demselben Mantra zu folgen. Ich bin bereit und gehe die Treppe hinunter.

Währendgeplänkel

Durch die Tür pocht „Berlin City Girl“ von Culcha Candela, und ich stehe so kurz davor, wieder umzudrehen, doch drückt mich eine Menschentraube von 200 Menschen mit komplett schwarzen Augen in den Raum mit der Tanzfläche. Der Boden ist rutschig, was gleichermaßen an verschüttetem Alkohol und an all den Körperflüssigkeiten der Bros mit umgedrehten Snapbacks liegen könnte. Von der Attitüde her scheint hier JEDER Typ ein Bro mit umgedrehter Snapback zu sein, darauf lauernd, jemandem jeden Moment das Essensgeld aus den Hosen zu schütteln und dann in einen Spind zu stopfen. Ich meine, hier der Einzige mit durchschnittlichem Testosteronspiegel zu sein, ehe der DJ aus „Berlin City Girl“, „Hildesheim City Girl“ macht und sein Mikrofon dafür nutzt, sein Hotelzimmer für Paare zur Verfügung zu stellen, die Sex haben wollen. Cool. Im Anschluss laufen die Black Eyed Peas und Macklemore, und alle feiern das komplett unironisch, während ihr Verstand beim Twerken von den viel zu hellen Scheinwerfern frittiert wird. Ich suche nach irgendeinem Sitzplatz und ziehe an die Bar, und höre, wie Leute darüber reden, überhaupt kein Problem damit zu haben, dass Max schwul sei, er jedoch in Kombi mit Tim für ihren Geschmack zu schwul sei. Das Bier ist superbillig und irgendeine Frau fragt, ob sie für mich tanzen soll, und ich lehne ab. Auf einem der Bildschirme wird wiederholt anhand zweier Strichmenschen in Blowjob-Position Werbung für die große Party am Valentinstag gemacht, Leute whooen, ich denke daran, dass ich meine Eltern öfter umarmen sollte.

Mein Blick kehrt vom Bildschirm zurück auf die Tanzfläche, wo sich plötzlich weitere 22 tanzende Teens befinden, die so erschienen sind, als hätte jemand emotionslos auf seine Bierflasche geschaut, drei Mal „22 tanzende Teens“ gesagt und dann sein Blut getrunken. Der Verdacht, dass es sich bei dem aktuellen DJ-Set um die Party-Playlist eines 13-Jährigen handelt, bestätigt sich, als dieses abscheuliche „Mama Laudaaa“ läuft und von einem Mash-Up von „What’s Up“ von 4 Non Blondes und welchem Chris Brown-Song auch immer beerbt wird. Das hier muss die Hölle sein, denn sogar Carly Rae Jepsen wird zu Tode geremixed, und sie hat das am allerwenigsten von allen verdient. Ein Typ prahlt vor einer Frau mit einer gewonnenen Prügelei. Da hinten steht eine kleine Couch, und obwohl sie direkt neben dem DJ-Pult steht, kommt es mir wie eine Fata Morgana vor. Das Einzige, was mir hier Freude bereitet, ist, dass die Tür am DJ-Pult wie eine Saloontür schwingt.

Nachgeplänkel

Während ich mir auf der Couch Notizen mache, zeigt sich einer der Security-Leute davon begeistert, dass ich mir Notizen mache, und auf merkwürdige Weise ist das alles an Bestätigung, was ich jemals gebraucht habe. Kurz denke ich, dass diese Party doch wieder aufwärtsgeht, sehe dann aber, dass jemand ein „Schwachkopf“-T-Shirt im Stile des Schwarzkopf-Logos trägt. Ich hasse Comedy. Ich frage jemanden, ob er denn Spaß habe. Er droht mir mit Schlägen und ich krame in meinem Gehirn nach irgendeinem Gedicht, mit dem ich ihm vielleicht zum Weinen bringen könnte, und er meint, es wäre nur ein Scherz gewesen. Seine Lache macht den Eindruck, als wäre das, was als Nächstes aus seinem Mund kommt, eine Spinne und „Heil Satan“. Ich wünsche mir, dass das hier alles einfach zu Ende geht, beispielsweise in Form eines Virus‘ oder Ähnlichem, und dann schmeißt die Security jemanden raus, der nicht ich ist, der ich aber sein möchte. Ich folge dem Chaos nach draußen und wäge ab, ob ich einfach zu verbittert bin, um Spaß zu haben, einige mich dann doch recht schnell darauf, dass die Party einfach scheiße war und verschwinde.

Text: Marcel Schütte.

Illustrationen: Nelli Lorenson.

Weitere Folgen:

UNIVERSITÄT HILDESHEIM

Postadresse:
Dekanat Fachbereich 2
Universitätsplatz 1
31141 Hildesheim

dekanat2@uni-hildesheim.de
Telefon 05121/883-20001

UNIVERSITÄT HILDESHEIM

Besucher_innenadresse:
Dekanat Fachbereich 2
Domänenstraße 52 (Raum 014)
31141 Hildesheim

KULTURPRAXIS REDAKTION

Redaktion
redaktion-kulturpraxis@uni-hildesheim.de

X
X