Nachteinander Folge 2

Holy Nights

Ihr habt’s verpasst? Wir nicht. Wir gehen auf Hildesheims Partys, damit ihr es nicht müsst.

Vorgeplänkel

Am ersten Weihnachtsfeiertag in die Kufa zu gehen schreit nach einer cleveren Einleitung, in der ich irgendein Weihnachtsfest persifliere, aber wir sind hier nicht bei „Fest und Flauschig“, und während ich Ideen in mein Notizbuch scribble, werde ich mehr und mehr von meiner Anti-Haltung abgelenkt, weil ich hier nämlich schon seit einer DREIVIERTELSTUNDE anstehe. Anti-Haltung weil:

1. Mein Bier ist leer.

2. Ich kam nicht auf die Idee, mir an der Tanke gleich zwei zu holen.

3. Es ist arschkalt (3.1 Ein zweites Bier würde mich wärmen).

Wenn ich aber die ganzen minderjährigen Gesichter anschaue, die bangen, denn sie führen ja ein Rennen gegen die Zeit, so von wegen „Scheiße man, schon halb zwölf! Sollen wir einfach nach vorne zu afkhfanja gehen?“, da wünschte ich, sie würden es einfach sein lassen. Irgendwo habe ich ja auch Mitleid. Meinetwegen, geht nach vorne, ist abgesegnet. Auf meine Güte folgt der Lohn, ein Mädel will ihre Vorverkaufskarte los werden und zum ersten Mal denke ich mir „Gott sei Dank bin ich allein“, denn alle anderen stehen in Pärchen bis Grüppchen und machen den alle-für-einen-und-einer-für-alle, es ist grässlich. Ihr Boyfriend hat sogar Wechselgeld dabei und ich kann mich am Pöbel vorbei drängen, das ist er also, der gesellschaftliche Aufstieg, fast lane.

Währendgeplänkel

Und dann warte ich drinnen im Garderobenpulk darauf, meinen Mantel loszuwerden, und habe zum ersten Mal die Möglichkeit, mir mal das Publikum anzuschauen, doch kann ich vom Äußeren auf nichts schließen. Durch ein Paar Wortfetzen wie „SCHÖN WIEDER HIER ZU SEIN“ und „MALTE ZIEHT NOCH NACH, DER HAT SEINEN ZUG VERPASST“, die in etwa so geschmeidig über den Bass aus dem Buffo laufen, wie Bambis tote Mutter es über den gefrorenen See tun würde, schließe ich auf größtenteils (wiedergekehrte) Eingeborene und die umgebende Dorfjugend. Noch sind alle (vor allem ich, das eine Bier hat sich durch das lange Anstehen von selbst angebaut) zu nüchtern, als dass ich mich irgendwo einklinken könnte und ich beschließe, in meinen safe space, den Raucherbereich, zu gehen, um es dort mit billigen „Hast du ein Feuer für mich?“ zu versuchen. Aus irgendeinem Grund funktioniert das immer noch.

Dass möglichst unauffällig meine Kippen zu rauchen nicht sonderlich Aufmerksamkeit erregt, hätte ich mir zwar denken können, empört bin ich trotzdem. Die einzige Seele, die sich zu mir setzt, ist ausgerechnet irgendein Abiturient, weswegen ich mich automatisch sofort viel zu alt fühle, außerdem will er gerne mal später „etwas zum Gemeinwohl beisteuern“ mit seinem Beruf, und während ich an meinem Astra nippe, denke ich mir, dass wir das doch alle mal wollten, Sweetheart. Ich muss hier weg. In diesem Satz verstecken sich ein bis zwei Lügen, findest du sie?: „Ich muss nur kurz auf Klo, ich komme gleich wieder.“ Er hat sie zu meinem Glück jedenfalls nicht gefunden.

Dass aufs Lügen eine Belohnung meines Weges kommt, hätte ich nicht erwartet. Das Mädel, von dem einen Typen, der den einen kennt, ja genau DIE, die kommt mir entgegen und bietet mir sofort einen Joint an. Karma is a beach. Die Snapback neben ihr stellt sich als XY vor, ja, hi XY, lasst mal wieder tanzen. Ich habe ihren Namen wieder vergessen, aber der ist beim Tanzen ja auch egal. Holla, eine Unterbrechung namens Linda quatscht mit ihr-wisst-schon-wem auf dem Floor und Linda ist völlig drüber und sehr sympathisch. Wir rauchen zu viel und sie errät auf Anhieb mein Mondzeichen, das beeindruckt mich, und ich gehe in meiner Eso-Rolle auf. Linda schult mich, erzählt mir vom keltischen Baumhoroskop und diagnostiziert mich als Haselbaum. Und meinen Geburtston (die Erde, nicht die Klänge) gibt sie mir auch mit. Linda sieht, wie ich eifrig mitschreibe, und möchte ein Bild von mir gemalt bekommen, in dem sie mir diktiert, was ich zeichnen soll, und das mache ich dann auch.

Nachgeplänkel

Es ist ein Biber der Goa-Musik auflegt, während ein Krokodil dazu breakdancet und „Whoa!“ ruft, und Linda liebt es. Sie lädt mich aufrichtig zu einer Afterhour in irgendeinem Haus ein, die Zeichnung hat mir aber mehr Energie abverlangt, als ich mir eingestehen mag. Vielleicht waren es auch die Joints, mein Tank ist jedenfalls leer. Ich schenke ihr das Stück Papier mit der Zeichnung und verabschiede mich von ihr, als würden wir uns nächste Woche wiedersehen, nur bin ich mir sicher, dass wir uns wahrscheinlich erst nächstes Weihnachten in Hildesheim wiedersehen, und finde das wunderschön. Ich mache mich auf den Weg, versuche meine Notizen jetzt schon zu entziffern, und versuche zu verstehen, wie ich Weihnachten in der Kufa in Hildesheim verbringen konnte, ohne es letztendlich zu hassen. Linda muss ein Engel sein.

Text: Nelli Lorenson & Marcel Schütte.

Illustrationen: Nelli Lorenson.

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