Nachteinander Folge 5

Hip Hop or Nah

Ihr habt’s verpasst? Wir nicht. Wir gehen auf Hildesheims Partys, damit ihr es nicht müsst.

Vorgeplänkel

Meine Erwartungen an den Abend des 16.02. sind ziemlich hoch, zumal ich genau so Hip-Hop bin, wie ihr es seid: Auch ich höre Musik mit Schimpfwörtern, auch ich mag die Farben von Graffiti und auch mir wurde damals von cooleren Teenagern auf dem Spielplatz beigebracht, wie Eminem seinen Stinkefinger zeigt. Während ich also im Bus sitze, gehe ich zwar davon aus, heute auf ähnlich-coolere Teenager zu treffen, bin dann aber doch davon überrascht, wie einnehmend und cool die „Fuck yeah!“-Luft ist, die sie alle mit in den Bus tragen. Sie setzen sich sofort auf den einen ausklappbaren Sitz und sehen ein bisschen so aus, als würden sie mich in einer Runde Schere-Stein-Papier damit besiegen, dass sie mir ein „What are those?“ ins Ohr flüstern und mein Schuhwerk und mich vor dem Busfahrer bloßstellen. Sie tun es nicht. Auf der Fahrt bin ich davon abgelenkt, dass es in Hildesheim einen Philosophenweg gibt, und bevor ich verarbeiten kann, wie das wohl das faulste Endprodukt einer Stadtplanung aller Zeiten sein muss, spült mich die Menschenmasse aus dem Bus und näher an das Vier Linden.

Hier sind überall Baustellenschilder und sehr schnell fahrende Autos. Es sind mir jetzt schon zu viele Menschen und zu laute Musik, bloß gibt es keinen Weg zurück, denn ich bin mittlerweile auf der überladenen Eingangstreppe eingekesselt. Seitens der Security wird vergebens versucht, die Leute in U16- und Ü18-Reihen einzuteilen. Selten habe ich so viele Leute gesehen, die ich noch nie gesehen habe. Vor mir reden ein paar Bros über ein Auto, unter das wohl nur noch ein DIN A4-Papier zu passen scheint und einer dieser Bros kommt mir wiederholt so nah, dass ich glaube, dass wir jetzt verheiratet sind. Danach guckt er mich böse an und lässt mich für den Rest des Abends im Stich, ergo sind wir definitiv verheiratet. Kurz vor dem ersten vorübergehenden Einlassstopp lässt jemand seinen Kumpel einfach zurück – that’s amore. Eine fremde Pelzkapuze küsst mich französisch – that’s amore. „Es sind 9 Euro“ sagt mir der Türsteher – that’s the joke.

Währendgeplänkel

Ich bin auf der Suche nach einem Zufluchtsort und einige mich darauf, vorerst die Treppe nach unten zu nehmen. Ein Mittvierziger in Kommunionsanzug meint, dass die Garderobe voll wäre und strahlt dabei so viel Autorität aus wie ich. Vor mir in der Schlange versprechen sich 17-Jährige eine gemeinsame WhatsApp-Gruppe zu gründen. „Ich hab jetzt asiatisches Parfüm“ sagt eine von ihnen, der Rest schnuppert – so funktioniert Gemeinschaftsgefühl. Jemand scheint in meiner Hosentasche fündig werden zu wollen, also folge ich vorerst lieber der übersteuerten Musik auf dem unteren Dancefloor, die meine Kleidung zur Vibration bringt. Ich mache vielleicht zwei Menschengruppen aus, die aufgrund der überall an den Wänden angebrachten Spiegeln wie deutlich mehr als zwei Menschengruppen aussehen. Viele von ihnen halten sich in den Schatten der Theken in den Ecken des Raumes auf und scheinen ihren nächsten Move zu plotten. Ich glaube, es ist Mord. Bis auf den exzessiven Einsatz von unironischen Lufthorn-Sounds geschieht hier absolut nichts. Langsam bekomme ich das Gefühl, mir durch dieses Format hier das Konzept von Partys zu ruinieren. Vielleicht heitert mich die Toilette auf.

Sie tut es nicht. Selbstverständlich riecht es unangenehm und aus irgendeinem Grund befindet sich Matsch auf den Fliesen, obwohl es draußen komplett trocken ist. „Lutsch‘ doch meinen Schwanz!“ wird in der Kadenz einer Beleidigung durch das Stockwerk gebrüllt. Man bekommt den Eindruck, als gäbe es in diesem Raum schon seit 30 Jahren keine Seife mehr, und ich habe Recht. Der Großteil versucht nicht ein mal, sich die Hände zu waschen, dafür hat aber der Papierspender einen Bewegungssensor und blitzt, und das ist schon ziemlich cool. Oben auf dem riesigen Hauptfloor blitzt es nicht. Das Licht ist wirklich sehr blau, der DJ setzt seine eigenen immer lauter werdenden Ad-libs wie „BRRRRR BRRRRR oh yeah!“ oder „Da ist eine Hose! AAAAH!“. Inmitten von schätzungsweise 10.000 Menschen finde ich lediglich Trost darin, dass die Diskokugel sehr rund und ästhetisch aussieht und darin, dass die Notausgänge leicht auffindbar sind. Ich lasse mich an den Rand zu den vermutlich älteren Leuten treiben, die sich ihr Alter in der Dunkelheit nur an ihren Two-Steps anmerken lassen. Sie verbringen sehr viel Zeit mit Facebook-Livestreams. Plötzlich wird das Licht rot und alles scheint wieder möglich an diesem Abend, zudem packt jemand wie auf Stichwort einen Fidget Spinner aus. What.

Gegenüber von mir scheinen ein paar richtige Dudes einen gekühlten Eimer mit einer einzigen Vodkaflasche zu haben. Ich freue mich für sie und wünsche mir, dass sie nicht auf der nassen Fläche vor ihnen ausrutschen, als der DJ a) sagt, dass eine Person scheiße aussieht und b) einer anderen Person sagt, dass sie sich ausziehen soll. Ich fühle mich gebrochen. Es ist nicht so, dass ich den Menschen hier keinen Spaß gönne, nur verstehe ich ihn nicht. Das alles fühlt sich hier mehr wie eine Veranstaltung an auf die man als minderjähriger Teen geht, um sich zu beweisen, dass man mit den richtigen Leuten älter als 15 wirken kann. Ist das der Punkt? Trifft das nicht irgendwie auf alle Partys zu? Ich kann zu Deutschrap-Songs wie „Kokaina“ oder „Million Dollar Smile“ nicht denken. Wieder unten verbringe ich ein paar Minuten damit, die blau-gelb-gestreifte Tapete schön zu finden. An der Wand hängt ein einsames Plakat, das für ein Klavierkonzert wirbt. Laut Toilettengossip werden Leute rausgeschmissen, es qualmt zu „I like to move it“. Ich will in den Backstage-Bereich. Man kann nur sporadisch hineinblicken, jedoch sieht er friedlich und leise und unterbesetzt aus. Leute scheinen einfach nur mit einer Selbstverständlichkeit hinein zu gehen – es ist eine Selbstverständlichkeit, die ich nicht aufbringen kann. Nichts versteht sich hier von selbst. Diese Party gleicht mir einem Mosquito, der Lebensfreude extrahiert und leere Kadaver zurück lässt. Selbst der Cameoauftritt des Rosenverkäufers heitert mich nicht auf, dabei sollte es eigentlich das größte Comeback seit Kim Possible sein. Ich werde hier nie wieder raus kommen.

Nachgeplänkel

An der Garderobe befinden sich alle Menschengruppen an exakt den Stellen, an denen sie schon vor einer Stunde gewesen sind. Es wird sehr aggressiv gelächelt. Ich verstehe nicht so recht, wieso, bis ich blitzartig von einem Moment of (Ego)Zen(trik) getroffen werde: Partys wie diese brauchen mich. Ich bin die andere Seite des Spektrums. Die Seite, zu der man rüberguckt, wenn man auf einer Party gelangweilt ist und dann denkt „Okay, SO wenig Spaß habe ich nun auch wieder nicht“, ehe man von dieser Interaktion revitalisiert wird und wieder so in der Spaß-Halfpipe des Lebens kickflippt, als gäbe es eine Spaß-Halfpipe des Lebens in der man kickflippen kann. Hip Hop. Auch ich beginne damit aggressiv zu lächeln, gehe im Zuge meines Abgangs regelrecht in meiner Support-Rolle auf, indem ich eine fremde Jacke aufhebe und absichtlich Taschentücher auf der Toilette liegen lasse, da der Papierspender kaputt gemacht wurde. Jemand tritt mir auf den Fuß, wir beide entschuldigen uns aufrichtigst, machen unnötig viel Platz für die Security, die mit Walkie-Talkies durch das Gebäude gleitet. Ich nicke meinem Mitstreiter anerkennend zu, überreiche ihm das Zepter und ziehe in die Nacht durch ein Schlachtfeld voller Scherben und zurück gelassener Mischen. Ich bin ein Party-Defibrillator, und das ist in Ordnung.

Text: Marcel Schütte.

Illustrationen: Nelli Lorenson.

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