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„Vom Nachhaltigkeitsbegriff geht eine Produktive und vielgestaltige Kraft aus“

  • 27. Juli 2021
  • Lucienne Pilliger

„Vom Nachhaltigkeitsbegriff geht eine Produktive und Vielgestaltige Kraft aus“

 

In diesem Interview schildert Julia Valerie Zalewski ihre Sicht auf das Thema Nachhaltigkeit aus der Perspektive der Kulturwissenschaften und Kulturvermittlung.

Woran denkst du beziehungsweise welches Bild hast du vor Augen, wenn du an Nachhaltigkeit denkst?

Nachhaltigkeit ist für mich ein dehnbarer Begriff, bestehend aus ganz vielen unterschiedlichen Konzepten, Projekten, Strategien und Ideen. Da er bei mir persönlich gerade sehr von der Agenda 2030 geprägt ist, ist Nachhaltigkeit – als Bild – für mich ein sehr bunter und positiver Begriff, der sich an den Farben der SDG’s, als globaler Leitkompass, orientiert. Ein Begriff, der viele Möglichkeiten eröffnet, der viel Bewegung beinhaltet, ein total spannendes Handlungs- und Gestaltungsfeld, das Zusammenarbeit und Gemeinschaft voraussetzt, aber natürlich auch eine Dringlichkeit und einen großen Auftrag für die Zukunft. Nachhaltigkeit ist für mich nichts Klares, nichts Figürliches, nichts Abgeschlossenes, da es nicht den einen richtigen Königsweg gibt. Der Begriff ist eher eine Komposition aus unterschiedlichen Farben, Formen, Materialien und Größen, die immer wieder neu hinterfragt, ins Verhältnis zueinander gesetzt und kalibriert werden müssen – um es sehr abstrakt auszudrücken. Auch wenn insbesondere dringliche Themen wie beispielsweise der Klimawandel, der Welthunger oder das Artensterben sehr ernste und alles andere als „bunte“ Themen sind, geht vom Nachhaltigkeitsbegriff für mich persönlich grundsätzlich eine sehr produktive, konstruktive, vielgestaltige, lösungsorientierte und zukunftsweisende Kraft aus.

Welches Wissen und welche Fähigkeiten kannst oder konntest du aus deinem vorherigen Studium der Kunst- und Medienwissenschaften bei deiner Arbeit im Green Office einbringen?

An der Stelle muss ich sagen, dass mein Bachelorstudium recht wenig direkten, inhaltlichen Nachhaltigkeitsbezug hatte, was mir auch gefehlt hat. Vielleicht eher insofern, als dass geisteswissenschaftliche Disziplinen im Allgemeinen ein kritisches Denken fördern. Im Studium haben mich inhaltlich zunächst insbesondere Künstler*innen inspiriert, die sich kreativ-künstlerisch mit Fragen einer sozialökologischen Transformation beschäftigen und so damals mein Interesse für das Thema geweckt haben. Vieles, was ich heute im Green Office einbringen kann, bedient sich vor allem an Projekt- und Praktikumserfahrungen, die ich daraufhin parallel zum Bachelorstudium gemacht habe, darunter viele Kunst-, Kultur- und Nachbarschaftsprojekte. Außerdem gab es an unserer Hochschule, der HBK (Hochschule für Bildende Künste Braunschweig), sehr viele engagierte, kluge Menschen und Initiativen, die zu verschiedenen Themen aktiv geworden sind. Es gibt dort beispielsweise den Studiengang Transformation Design, der sich diesen gestalterischen Transformationsanspruch auf die Fahne schreibt. Für mich stand letztendlich die Entscheidung, für den Master nach Hildesheim zu gehen, im Verhältnis zu diesem Interesse, mich auch inhaltlich stärker auf das Thema Nachhaltigkeit fokussieren zu wollen. Deswegen mache ich hier parallel auch das Zertifikatsstudium Nachhaltigkeit und Bildung. Mir hat von Anfang an gefallen, dass es das Angebot gibt, sich zweigleisig weiterbilden zu können und so selbst Vergleiche, Bezüge und Schnittstellen zwischen dem eigenen Studienfach und Nachhaltigkeitsthemen herstellen zu können.

Wo siehst du generell Anknüpfungspunkte aus den Kunst- und Kulturwissenschaften auf das Thema Nachhaltigkeit? Das hast du gerade schon an manchen Stellen erwähnt.

Ich sehe als Kuwi beziehungsweise Kulturvermittlerin – mit einem breiten Kulturverständnis – total viele Anknüpfungspunkte, weil ich, bei der Frage, wie wir all’ diese großen Herausforderungen angehen können, der Meinung bin, dass Nachhaltigkeit auch als kultureller Auftrag zu verstehen ist. Für eine Transformation zu mehr Nachhaltigkeit bedarf es grundlegend neuer Handlungsstrategien, die auch eine Art Durchbrechung von alten Routinen, Werte- und Normsystemen verlangen. Das ist etwas, was man nicht ausschließlich mit verheerenden Zahlen, Statistiken oder abstrakten Prognosen vermitteln und fördern kann. Gerade auch dieses Stichwort Nachhaltigkeitskultur ist für mich in dem Sinne total wichtig und Dreh- und Angelpunkt für eine „nachhaltige“ Nachhaltigkeit. Es geht nicht nur um akut ökologisch verträgliches Handeln, um jetzt noch schnell die Kurve zu kriegen. Es geht darum, dass wir gemeinsam langfristig neue Wege, kulturelle Praktiken und Gesellschaftsformen finden, die für Mensch und Natur, jetzt und in Zukunft, gerecht sind und sein werden.
Als Kuwi mit einem engeren Kulturbegriff sehe ich in den Künsten außerdem die großen Potentiale und Spielräume, Experimentier- und Verhandlungsräume sowie Reallabore zu schaffen und neue Wege des Miteinanders zu (er)finden und zu imaginieren.

Was heißt das für dich konkret? Also hast du da konkrete Beispiele vor Augen, was Chancen und Potentiale der Kultur und Kunst beim Thema Nachhaltigkeit angeht?

Zum Beispiel beim Thema Klima: Das Klima und der Klimawandel lassen sich eben nicht so einfach sinnlich erfahren, wie das Wetter. Es ist ein wesentlich abstrakteres Thema, für das man unterschiedliche Wege der Vermittlung finden kann und finden muss, um es darzustellen, um es wahrnehmbar zu machen und um eigene Bezüge herstellen zu können. Ich kenne viele Künstler*innen, die sich sehr eindrücklich mit diesen Themen beschäftigen. Oder ein anderes Beispiel für kulturelle Praktiken: Wenn man sich zum Beispiel die japanische Kultur ansieht – vielleicht ist das auch ein bisschen weit hergeholt, aber – aber dort gibt es eine ganz andere Essenskultur, in der der Vorgang des Essens viel stärker gewertschätzt wird,sodass es dort viel weniger To-Go-Foodstände gibt. Ich glaube, das sind oft kulturelle Fragen: Wie schätzen wir unsere Ernährung wert? Warum gibt es hier so viele To-Go-Kaffeebecher? Warum hat sich eine To-Go-Kultur etabliert? Wie können wir neue wertschätzende Momente schaffen?

Da gibt es ganz viele interessante, konkrete Beispiele aus Kunst und Kultur, die sich mit solchen Fragen beschäftigen und versuchen, mit künstlerischen Interventionen nachhaltiges Verhalten zu fördern: Zum Thema Kaffeebecher gab es an der FU Berlin beispielsweise mal ein Tassenprojekt zur Förderung einer genussvollen und müllfreien Kaffeekultur von der Nachhaltigkeitsinitiative SUSTAIN IT. Das war ein Nachhaltigkeitsprojekt, bei dem einerseits aus den To-Go-Bechern, die in einem bestimmten Zeitraum innerhalb des Unibertriebs in den Mülleimern gelandet sind, eine verrückte Skulptur gebaut wurde, um die sonst unsichtbare Menge wahrnehmbar zu machen. Andererseits wurde in der Mensa ein Fotoshooting-Setting gebaut, in dem man einen Kaffee in der Tasse bekommen hat, diesen in einem gemütlichen Sessel genießen und sich fotografieren lassen konnte.

Einerseits gibt es Chancen und Potentiale, was das Thema Nachhaltigkeit angeht im Bereich der Kulturvermittlung. Wo siehst du wiederum Herausforderungen?

Herausforderungen gibt es zunächst dann, wenn man Kulturelle Bildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung als Bildungskonzepte vergleicht. Kulturelle Bildung hat das Prinzip inne, normungebunden oder zielungebunden zu sein. Wenn man versucht, Kulturelle Bildung mit Bildung für nachhaltige Entwicklung zu kombinieren oder Schnittstellenangebote zu entwickeln, ist das zunächst ein konzeptioneller Clash, der für mich aber nicht in einem Widerspruch zueinanderstehen muss. Ganz im Gegenteil, ich finde, dass sich beide Bildungskonzepte total gut miteinander vereinen lassen und ergänzen, sofern man diesen Zielanspruch bei dem einen, den es bei dem anderen nicht gibt, klar kommuniziert und differenziert. Inwiefern Sinnlichkeit generell eine legitime Vermittlungsstrategie sein kann, muss außerdem eine Frage sein, die stets mitreflektiert werden sollte.

Was könnten die Kulturwissenschaften aus deiner Perspektive zum Thema Nachhaltigkeit beitragen? Wo siehst du Verbesserungsbedarf oder was wäre für dich die Zukunftsperspektive?

Es wäre spannend, mehr Schnittstellen einzugehen oder wenn man generell anfangen würde, transdisziplinärer an den Thematiken zu arbeiten. In den Kulturwissenschaften beziehungsweise der Kulturlandschaft passiert schon Einiges: Die kulturpolitische Gesellschaft hat kürzlich ein neues Projekt beworben, bei dem es darum geht, Digitalisierung als neuen Treiber für eine Kultur der Nachhaltigkeit zu untersuchen; Kubi Online ist voller Artikel, die sich mit Nachhaltigkeitsthemen beschäftigen. Es passiert viel, aber – in meiner Wahrnehmung zumindest – immer noch sehr insoliert in den einzelnen disziplinären Nischen. Es hat großes Potential, wenn diese Nischen stärker in den Austausch gehen. Total spannend und wichtig finde ich nach wie vor, die breiten Möglichkeiten von Kunst- und Kultur, imaginativ über Möglichkeitsräume, Zukunftsszenarien und gemeinsame Wertevorstellungen zu verhandeln – eine gemeinsame Nachhaltigkeitskultur zu entwickeln. An dieser können und sollten die Kulturwissenschaften, mit Blick auf die Dringlichkeit des Themas, mitwirken und so ihren Beitrag leisten.

Ein Beitrag von Lucienne Pilliger

Lucienne Pilliger

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