"Vom Nach­hal­tig­keits­be­griff geht eine Produk­tive und Viel­ge­stal­tige Kraft aus"

 

In diesem Inter­view schil­dert Julia Valerie Zalewski ihre Sicht auf das Thema Nach­hal­tig­keit aus der Perspek­tive der Kultur­wis­sen­schaften und Kulturvermittlung.

Woran denkst du bezie­hungs­weise welches Bild hast du vor Augen, wenn du an Nach­hal­tig­keit denkst? 

Nach­hal­tig­keit ist für mich ein dehn­barer Begriff, bestehend aus ganz vielen unter­schied­li­chen Konzepten, Projekten, Stra­te­gien und Ideen. Da er bei mir persön­lich gerade sehr von der Agenda 2030 geprägt ist, ist Nach­hal­tig­keit – als Bild – für mich ein sehr bunter und posi­tiver Begriff, der sich an den Farben der SDG’s, als globaler Leit­kom­pass, orien­tiert. Ein Begriff, der viele Möglich­keiten eröffnet, der viel Bewe­gung beinhaltet, ein total span­nendes Hand­lungs- und Gestal­tungs­feld, das Zusam­men­ar­beit und Gemein­schaft voraus­setzt, aber natür­lich auch eine Dring­lich­keit und einen großen Auftrag für die Zukunft. Nach­hal­tig­keit ist für mich nichts Klares, nichts Figür­li­ches, nichts Abge­schlos­senes, da es nicht den einen rich­tigen Königsweg gibt. Der Begriff ist eher eine Kompo­si­tion aus unter­schied­li­chen Farben, Formen, Mate­ria­lien und Größen, die immer wieder neu hinter­fragt, ins Verhältnis zuein­ander gesetzt und kali­briert werden müssen – um es sehr abstrakt auszu­drü­cken. Auch wenn insbe­son­dere dring­liche Themen wie beispiels­weise der Klima­wandel, der Welt­hunger oder das Arten­sterben sehr ernste und alles andere als „bunte“ Themen sind, geht vom Nach­hal­tig­keits­be­griff für mich persön­lich grund­sätz­lich eine sehr produk­tive, konstruk­tive, viel­ge­stal­tige, lösungs­ori­en­tierte und zukunfts­wei­sende Kraft aus.

Welches Wissen und welche Fähig­keiten kannst oder konn­test du aus deinem vorhe­rigen Studium der Kunst- und Medi­en­wis­sen­schaften bei deiner Arbeit im Green Office einbringen?

An der Stelle muss ich sagen, dass mein Bache­lor­stu­dium recht wenig direkten, inhalt­li­chen Nach­hal­tig­keits­bezug hatte, was mir auch gefehlt hat. Viel­leicht eher inso­fern, als dass geis­tes­wis­sen­schaft­liche Diszi­plinen im Allge­meinen ein kriti­sches Denken fördern. Im Studium haben mich inhalt­lich zunächst insbe­son­dere Künstler*innen inspi­riert, die sich kreativ-künst­le­risch mit Fragen einer sozi­al­öko­lo­gi­schen Trans­for­ma­tion beschäf­tigen und so damals mein Inter­esse für das Thema geweckt haben. Vieles, was ich heute im Green Office einbringen kann, bedient sich vor allem an Projekt- und Prak­ti­kums­er­fah­rungen, die ich daraufhin parallel zum Bache­lor­stu­dium gemacht habe, darunter viele Kunst‑, Kultur- und Nach­bar­schafts­pro­jekte. Außerdem gab es an unserer Hoch­schule, der HBK (Hoch­schule für Bildende Künste Braun­schweig), sehr viele enga­gierte, kluge Menschen und Initia­tiven, die zu verschie­denen Themen aktiv geworden sind. Es gibt dort beispiels­weise den Studi­en­gang Trans­for­ma­tion Design, der sich diesen gestal­te­ri­schen Trans­for­ma­ti­ons­an­spruch auf die Fahne schreibt. Für mich stand letzt­end­lich die Entschei­dung, für den Master nach Hildes­heim zu gehen, im Verhältnis zu diesem Inter­esse, mich auch inhalt­lich stärker auf das Thema Nach­hal­tig­keit fokus­sieren zu wollen. Deswegen mache ich hier parallel auch das Zerti­fi­kats­stu­dium Nach­hal­tig­keit und Bildung. Mir hat von Anfang an gefallen, dass es das Angebot gibt, sich zwei­gleisig weiter­bilden zu können und so selbst Vergleiche, Bezüge und Schnitt­stellen zwischen dem eigenen Studi­en­fach und Nach­hal­tig­keits­themen herstellen zu können.

Wo siehst du gene­rell Anknüp­fungs­punkte aus den Kunst- und Kultur­wis­sen­schaften auf das Thema Nach­hal­tig­keit? Das hast du gerade schon an manchen Stellen erwähnt.

Ich sehe als Kuwi bezie­hungs­weise Kultur­ver­mitt­lerin – mit einem breiten Kultur­ver­ständnis – total viele Anknüp­fungs­punkte, weil ich, bei der Frage, wie wir all’ diese großen Heraus­for­de­rungen angehen können, der Meinung bin, dass Nach­hal­tig­keit auch als kultu­reller Auftrag zu verstehen ist. Für eine Trans­for­ma­tion zu mehr Nach­hal­tig­keit bedarf es grund­le­gend neuer Hand­lungs­stra­te­gien, die auch eine Art Durch­bre­chung von alten Routinen, Werte- und Norm­sys­temen verlangen. Das ist etwas, was man nicht ausschließ­lich mit verhee­renden Zahlen, Statis­tiken oder abstrakten Prognosen vermit­teln und fördern kann. Gerade auch dieses Stich­wort Nach­hal­tig­keits­kultur ist für mich in dem Sinne total wichtig und Dreh- und Angel­punkt für eine „nach­hal­tige“ Nach­hal­tig­keit. Es geht nicht nur um akut ökolo­gisch verträg­li­ches Handeln, um jetzt noch schnell die Kurve zu kriegen. Es geht darum, dass wir gemeinsam lang­fristig neue Wege, kultu­relle Prak­tiken und Gesell­schafts­formen finden, die für Mensch und Natur, jetzt und in Zukunft, gerecht sind und sein werden.
Als Kuwi mit einem engeren Kultur­be­griff sehe ich in den Künsten außerdem die großen Poten­tiale und Spiel­räume, Expe­ri­men­tier- und Verhand­lungs­räume sowie Real­la­bore zu schaffen und neue Wege des Mitein­an­ders zu (er)finden und zu imaginieren.

Was heißt das für dich konkret? Also hast du da konkrete Beispiele vor Augen, was Chancen und Poten­tiale der Kultur und Kunst beim Thema Nach­hal­tig­keit angeht? 

Zum Beispiel beim Thema Klima: Das Klima und der Klima­wandel lassen sich eben nicht so einfach sinn­lich erfahren, wie das Wetter. Es ist ein wesent­lich abstrak­teres Thema, für das man unter­schied­liche Wege der Vermitt­lung finden kann und finden muss, um es darzu­stellen, um es wahr­nehmbar zu machen und um eigene Bezüge herstellen zu können. Ich kenne viele Künstler*innen, die sich sehr eindrück­lich mit diesen Themen beschäf­tigen. Oder ein anderes Beispiel für kultu­relle Prak­tiken: Wenn man sich zum Beispiel die japa­ni­sche Kultur ansieht – viel­leicht ist das auch ein biss­chen weit herge­holt, aber – aber dort gibt es eine ganz andere Essens­kultur, in der der Vorgang des Essens viel stärker gewert­schätzt wird,sodass es dort viel weniger To-Go-Food­stände gibt. Ich glaube, das sind oft kultu­relle Fragen: Wie schätzen wir unsere Ernäh­rung wert? Warum gibt es hier so viele To-Go-Kaffee­be­cher? Warum hat sich eine To-Go-Kultur etabliert? Wie können wir neue wert­schät­zende Momente schaffen?

Da gibt es ganz viele inter­es­sante, konkrete Beispiele aus Kunst und Kultur, die sich mit solchen Fragen beschäf­tigen und versu­chen, mit künst­le­ri­schen Inter­ven­tionen nach­hal­tiges Verhalten zu fördern: Zum Thema Kaffee­be­cher gab es an der FU Berlin beispiels­weise mal ein Tassen­pro­jekt zur Förde­rung einer genuss­vollen und müll­freien Kaffee­kultur von der Nach­hal­tig­keits­in­itia­tive SUSTAIN IT. Das war ein Nach­hal­tig­keits­pro­jekt, bei dem einer­seits aus den To-Go-Bechern, die in einem bestimmten Zeit­raum inner­halb des Uniber­triebs in den Müll­ei­mern gelandet sind, eine verrückte Skulptur gebaut wurde, um die sonst unsicht­bare Menge wahr­nehmbar zu machen. Ande­rer­seits wurde in der Mensa ein Foto­shoo­ting-Setting gebaut, in dem man einen Kaffee in der Tasse bekommen hat, diesen in einem gemüt­li­chen Sessel genießen und sich foto­gra­fieren lassen konnte.

Einer­seits gibt es Chancen und Poten­tiale, was das Thema Nach­hal­tig­keit angeht im Bereich der Kultur­ver­mitt­lung. Wo siehst du wiederum Herausforderungen?

Heraus­for­de­rungen gibt es zunächst dann, wenn man Kultu­relle Bildung und Bildung für nach­hal­tige Entwick­lung als Bildungs­kon­zepte vergleicht. Kultu­relle Bildung hat das Prinzip inne, norm­un­ge­bunden oder ziel­un­ge­bunden zu sein. Wenn man versucht, Kultu­relle Bildung mit Bildung für nach­hal­tige Entwick­lung zu kombi­nieren oder Schnitt­stel­len­an­ge­bote zu entwi­ckeln, ist das zunächst ein konzep­tio­neller Clash, der für mich aber nicht in einem Wider­spruch zuein­an­der­stehen muss. Ganz im Gegen­teil, ich finde, dass sich beide Bildungs­kon­zepte total gut mitein­ander vereinen lassen und ergänzen, sofern man diesen Ziel­an­spruch bei dem einen, den es bei dem anderen nicht gibt, klar kommu­ni­ziert und diffe­ren­ziert. Inwie­fern Sinn­lich­keit gene­rell eine legi­time Vermitt­lungs­stra­tegie sein kann, muss außerdem eine Frage sein, die stets mitre­flek­tiert werden sollte.

Was könnten die Kultur­wis­sen­schaften aus deiner Perspek­tive zum Thema Nach­hal­tig­keit beitragen? Wo siehst du Verbes­se­rungs­be­darf oder was wäre für dich die Zukunftsperspektive? 

Es wäre span­nend, mehr Schnitt­stellen einzu­gehen oder wenn man gene­rell anfangen würde, trans­dis­zi­pli­närer an den Thema­tiken zu arbeiten. In den Kultur­wis­sen­schaften bezie­hungs­weise der Kultur­land­schaft passiert schon Einiges: Die kultur­po­li­ti­sche Gesell­schaft hat kürz­lich ein neues Projekt beworben, bei dem es darum geht, Digi­ta­li­sie­rung als neuen Treiber für eine Kultur der Nach­hal­tig­keit zu unter­su­chen; Kubi Online ist voller Artikel, die sich mit Nach­hal­tig­keits­themen beschäf­tigen. Es passiert viel, aber – in meiner Wahr­neh­mung zumin­dest – immer noch sehr inso­liert in den einzelnen diszi­pli­nären Nischen. Es hat großes Poten­tial, wenn diese Nischen stärker in den Austausch gehen. Total span­nend und wichtig finde ich nach wie vor, die breiten Möglich­keiten von Kunst- und Kultur, imagi­nativ über Möglich­keits­räume, Zukunfts­sze­na­rien und gemein­same Werte­vor­stel­lungen zu verhan­deln – eine gemein­same Nach­hal­tig­keits­kultur zu entwi­ckeln. An dieser können und sollten die Kultur­wis­sen­schaften, mit Blick auf die Dring­lich­keit des Themas, mitwirken und so ihren Beitrag leisten.

Ein Beitrag von Luci­enne Pilliger