Der Male Gaze, oder: Picassos Blicke

Er begleitet uns durch den Alltag. Wir bekommen ihn aufge­setzt, während vor uns ein neuer Werbe­spot auf der Kino­lein­wand läuft, und er folgt uns auch oft noch in den Film danach.

Wir finden ihn auch in Büchern, deren Auszüge wir im Studium lesen, oder treffen ihn in der Kunst­aus­stel­lung. Uner­müd­lich prägt er noch immer unsere tägliche Wahrnehmung.

Der männ­liche Blick, der Male Gaze, lässt sich nicht aus unserer Alltags­kultur ausklammern.

Was ist der Male Gaze?

Der Begriff Male Gaze findet seinen Ursprung in der Film­theorie der 1970er Jahre. „Gaze“ als allei­niger Begriff beschreibt wie Zuschauer*innen an visu­ellen Medien betei­ligt sind und wie sie visu­elle Reprä­sen­ta­tionen wahr­nehmen, in diesem Sinne also beispiels­weise im Kino, in der Werbung oder beim Fernsehen.

Der Male Gaze hingegen steht für einen männ­li­chen, sexua­li­sie­renden Blick, oder auch "eine männ­liche Lust am Schauen", bei der dann beispiels­weise im Film die weib­li­chen Prot­ago­nis­tinnen stark objek­ti­viert werden, und oft scheinbar primär für ästhe­ti­sche Zwecke eine Rolle spielen. Durch eine solche Objek­ti­fi­zie­rung ergibt sich dann auch der Effekt, dass wir als Zuschauer*innen diesen Blick mehr oder weniger "über­nehmen", also auch in die Rolle von Objektbetrachter*innen schlüpfen.

Obwohl der Begriff "Male Gaze" erst in den 1970er Jahren einge­führt wurde, geht dieses Phänomen aber natür­lich schon viele Jahr­hun­derte zurück. John Berger, der euro­päi­sche Aktkunst studierte, fand heraus, dass das weib­liche Modell oft direkt im Blick­feld des Betrach­ters oder indi­rekt über einen Spiegel steht, und somit die betrach­tende Person die Perspek­tive des Künst­lers einnimmt.

Laut Berger versi­chern jene Gemälde Männern ihre sexu­elle Macht und verwei­gern gleich­zeitig weib­liche Sexua­lität ausser­halb des männ­li­chen Konstruktes. Somit unter­mauern diese Gemälde für Berger die Ungleich­heit der Geschlech­ter­be­zie­hung und eine Sexua­li­sie­rung des Frau­en­bildes. Beob­ach­tungen wie die von Berger bleiben auch heute noch zentral.

 

Ein Künstler, durch den sich sehr deut­lich aufzeigt, wie stark die Perspek­tive der Male Gaze in unserem (oder viel­leicht auch: im euro­zen­tri­schen) Kunst­ver­ständnis einge­mei­ßelt ist, ist Pablo Picasso. Über seinen durch­drin­genden Blick gibt es zahl­reiche Anek­doten und Beschreibungen.

 

Berühmt sind die Worte, die er auf der Straße an die damals sieb­zehn­jäh­rige Marie Therese rich­tete, die später seine Geliebte und sein Modell wurde: "Sie haben ein inter­es­santes Gesicht. Ich würde Sie gerne malen. Ich spüre, dass wir Groß­ar­tiges zusammen voll­bringen können." Selbst in der popu­lären Musik finden Picassos Blicke ihren Eingang. 1972 nahm die Band "The Modern Lovers" den Song "Pablo Picasso" auf:

 

„Remember the story of Pablo Picasso
He could walk down your street
And girls could not resist his stare“

 

Unver­kennbar ist der meist tragisch endende Einfluss, den Picassos destruk­tiver Charakter auf die Frauen hatte, mit denen er Bezie­hungen führte. Die Einflüsse, die diese Bezie­hungen auf seine Kunst hatten, sind ebenso offen­sicht­lich. Eine Viel­zahl der popu­lärsten Kunst­werke Picassos sind Darstel­lungen seiner soge­nannten „Musen". In ihrem Essay „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“ schreibt die Schrift­stel­lerin Siri Hust­vedt: „Für Picasso ist eine Frau zu lieben eine Meta­pher für Malen."

 

In Picassos Malerei lässt sich in einer kaum vergleich­baren Art und Weise beob­achten, wie seine zahl­rei­chen Liebes­be­zie­hungen ihn zum Aufgreifen verschie­denster Stil­rich­tungen inspi­rierten. Nicht selten wird davon gespro­chen, dass Picasso durch diese Verwen­dung unter­schied­lichster Stile eine völlig neue künst­le­ri­sche Darstel­lung der Frau erfunden hat.

 

Als ein einfluss­rei­ches Kunst­werk kann hier "Les Demoi­selles d'Avignon" ange­führt werden. Das 1907 fertig­ge­stellte Gemälde gilt heute mit seinen eckigen, spitzen Formen und mono­chromen Farben als ein Pionier­stück der kubis­ti­schen Kunst. Es stellt fünf weib­liche Prosti­tu­ierte in einem Bordell dar. An Skizzen des Künst­lers ist heute erkennbar, dass seine dama­lige Lieb­ha­berin Fernande Olivier ihn zu einer Figur in dem Gemälde inspirierte.

 

Das Bild wurde von Picassos Wunsch inspi­riert, Henri Matisses Platz als Maler im Zentrum der modernen Kunst einzu­nehmen, und um diesem Ziel nach­zu­kommen, wollte er mit dem Werk sehr bewusst Kontro­versen aufgreifen. In der Tat sorgte das Gemälde bei seiner Enthül­lung für große Aufruhr. Durch die eckige Darstel­lung der weib­li­chen Körper unter­schied es sich voll­kommen von der damals gängigen Darstel­lung femi­niner Formen in der modernen Kunst. Auch die direkten Blicke der Abge­bil­deten führten zu kriti­schen Reaktionen.

 

Aus heutiger Sicht wirft das Gemälde Kontro­versen anderer Art auf. Kriti­siert wird heute vor allem, dass das Werk sinn­bild­lich für die Miso­gynie des Künst­lers stehen soll. So wird aus dem Auslassen einer männ­li­chen Figur im Bilde gelesen, dass sich die fünf abge­bil­deten Frauen statt­dessen den Betrachter*innen anbieten, die zu ihren "Kund*innen" werden. Somit werden die Frauen als Objekte darge­stellt, die durch ein männ­li­ches, sexua­li­sie­rendes Auge betrachtet werden. Die groben Formen und die Verkan­ti­gung ihrer Körper unter­streicht diese erzeugte "Ding­haf­tig­keit" nur noch mehr. Folgt man dieser Leseart, so hat Picasso mit "Les Demoi­selles d'Avignon" zwar in Hinblick auf Form-und Farb­ge­bung in der Tat eine "neue" künst­le­ri­sche Darstel­lung der Frau gefunden, den Blick des objek­ti­fi­zie­renden männ­li­chen Beob­ach­ters schüt­telt er aber nicht ab.

 

Eine foto­gra­fi­sche Neuin­ter­pre­ta­tion des Werkes auf dem Blog "Deprived Maga­zine" will einen perspek­ti­schen Wechsel ermög­li­chen: „I want to close the gap between the years of female depic­tions as sexua­lized subjects and depict a modern rendi­tion of one of the most iconic pain­tings created by the male gaze. This time, Les Demoi­selles d’Avignon will be depicted by modern day women, captured by the female eye to reclaim body and identity.“ *

 

Schon allein das Beispiel des Gemäldes "Les demoi­selles d'Avignon", das heute als der Inbe­griff des Kubismus gilt und somit prägend für den Kunst­kanon des 20. Jahr­hun­derts ist, zeigt den starken Einfluss des Male Gaze bei der Beob­ach­tung von Kunst.

 

Doch natür­lich gibt es auch noch zahl­reiche andere, weitaus subti­lere Veran­schau­li­chungen, durch die diese Wirk­mäch­tig­keit verdeut­licht werden kann. Es zeigt sich: wer einmal beginnt, den eigenen Alltag auf den Male Gaze zu untersuchen…

 

 

 

 

Quellen: