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Was lesen eigentlich literaturdozierende?

  • 19. Februar 2021
  • Kulturpraxis

Auf der Suche nach neuer Leseinspiration habe ich mir gedacht: Wieso nicht mal an diejenigen wenden, die sich mit dem Thema vermeintlich am besten auskennen, ja, die Auseinandersetzung mit Literatur sogar zu ihrem Beruf gemacht haben? Und ganz nebenbei die eigenen Dozierenden vielleicht ein bisschen besser kennenlernen und erfahren, was sie eigentlich privat so lesen?

Also habe ich mich mit ein paar Fragen rund um Bücher und Autor*innen an die Dozierenden des Literaturinstituts bei uns an der Uni gewendet. Und habe einige spannende Antworten erhalten.

Achtung, euer To-be-read-Stapel wird wachsen.

Ihr wollt genauer wissen, wer hinter den Antworten steckt?

Was ist dein liebstes Fiction-Buch?

Wie bist du darauf gestoßen, was hat dich daran begeistert und wem würdest du es weiterempfehlen?

Ich unterscheide gar nicht so stark zwischen Fiction und Non-Fiction, wahrscheinlich, weil ich Formate mag, die sich an den Schnittstellen zwischen Autobiografie und Fiktion aufhalten. 

Ein Lieblingsbuch oder eine Lieblingsautorin habe ich auch nicht. Gestern habe ich aber einer Freundin Joan Didions „Das Jahr magischen Denkens“ empfohlen. Ich hab es jetzt zum dritten Mal gelesen, weil ich es sprachlich so überzeugend finde. Das muss also etwas bedeuten.

Die Frage nach dem Lieblingsbuch oder dem/der Lieblingsautor*in finde ich schwierig. Zu welcher Erzählung können wir schon vorbehaltlos mit unserer ganzen Identität in Beziehung gehen?

Eine Lektüre verändert uns, transzendiert Aspekte unseres Bewusstseins, die zuvor dazu geführt haben, dass wir ein Buch begonnen haben zu lesen. Wenn ich sage, dass wir nach einer Lektüre zu jemand anderem geworden sind, ist das für mich nicht nur dahingesagt, sondern eine unmittelbare Erfahrung. Demnach erscheint mir das Festhalten an Büchern – und mein Verständnis des Wortes Lieblingsbuch beinhaltet ein Festhalten – gewissermaßen unorganisch zu sein. Das gleiche gilt für Lieblingsautorinnen und -autoren. Besser kann ich mich auf Momente beziehen, in denen etwas durch eine Lektüre bewusst geworden ist. Somit stehen bestimmte Bücher für eine Art Schlüsselmoment in meiner Entwicklung – mein eigenes Schreiben betreffend, aber auch meine Person darüber hinaus.

Hier fallen mir vor allem Bücher ein, die neben ihrer eigenen Erzählung die Bedingungen des Zustandekommens einer solchen mitreflektieren. Oft denke ich in diesem Zusammenhang an Christa Wolfs „Medea. Stimmen“. Ein Buch, das in mir ein Bewusstsein dafür geschaffen hat, dass wir uns mit unseren Erzählungen immer auch zu den bereits vorhandenen in Beziehung setzen, dass wir sie verstärken können oder bewusst umschreiben und dass wir immer auch befragen können, wie kollektive, aber auch unsere eigenen Erzählungen entstehen. Die Zuschreibung Lieblingsbuch würde ich trotzdem nicht machen.

Das eine Lieblingsbuch gibt es nicht, aber eine große Anzahl von Büchern, die mich in meinem Nachdenken, Lesen und Schreiben schon lange begleiten. Ganz wichtig für mich sind immer wieder die Erzählungen von Alice Munro, die Prosa von Friederike Mayröcker, die Essays von Susan Sontag, die Romane von Siri Hustvedt. Und bei den älteren Männern: ‚Lenz‘ von Georg Büchner, die Berliner Romane von Robert Walser, die ‚Versuche‘ von Peter Handke, Peter Kurzeck, alles von Georges Perec.

Wie kommt man zu dem, was man liest?

Das finde ich eine interessante Frage. Ich schaue mir häufig ganz klassisch die Frühjahrs- und Herbstprogramme der Verlage an, lese Kritiken, beobachte aber auch, dass mich gerade Bücher, die eher über Umwege oder Zufälle auf meinem Lesestapel landen, positiv überraschen – kürzlich war das „Die Brandstifter“ von R. O. Kwon.

Ein Zwillingspaar begleitet mich seit meiner Jugend: die „Alice“-Bücher von Lewis Carroll. Wir sind unzertrennlich wie Tweedledum und Tweedledee, auch wenn wir uns nicht immer grün sind, denn die beiden sind schon schräg und gehören mit ihren gedanklichen Pirouetten im Wunderland der Logik eigentlich nicht in die Hände von Kindern.

Was ist dein liebstes Non-Fiction-Buch? Wie bist du darauf gestoßen, was hat dich daran begeistert und wem würdest du es weiterempfehlen?

Ken Wilber: Eros Kosmos Logos

Darauf gestoßen bin ich durch meine Auseinandersetzung mit der Weisheitslehre des Advaita Vedanta. Ken Wilber ist ein Autor, dem es gelingt, die westlichen Philosophien mit den östlichen Weisheitslehren in einer Weise zu verbinden, die in der Lage ist, deren vermeintliche Widersprüchlichkeiten zusammenzuführen. Er verbindet die verschiedenen Erklärungsmodelle von Wirklichkeit – aus den Literaturwissenschaften, der Philosophie, Theologie, Psychologie, der Physik und Biologie – und zeigt, wie ihre Modelle gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Durch die Verbindungen, die er herstellt, schafft er einen holistischen und integralen Ansatz, der das zu beschreiben in der Lage ist, was wir Kosmos nennen. Für mich ein groß angelegter Entwurf ohnegleichen. Empfehlen würde ich das Buch jemandem, der das, was wir Wirklichkeit nennen, tiefer durchdringen und gleichzeitig eine neue Perspektive auf bekannte Diskurse einnehmen möchte. Es braucht aber Durchhaltevermögen und Konzentrationsfähigkeit und sicher auch Freude, sich auf sein Modell und Denken einzulassen und es in allen Details nachzuvollziehen. In jedem Fall ein Buch, das mich nachhaltig geprägt hat und in meinen Augen unserem Denken neue Perspektiven verleihen kann.

Wenn ich zwei weitere nennen darf, sind es:

Friedrich von Borries: Weltentwerfen. Eine politische Designtheorie und Florian Pfeffer: To Do: Die neue Rolle der Gestaltung in einer veränderten Welt

Aus der Perspektive des Designs beleuchtet von Borries den Einfluss von Gestaltung auf die Bedingungen, unter denen wir leben, immer im Spannungsfeld von Entwerfen und Unterwerfen, und deutet auf die Verantwortung hin, die wir innehaben, sobald wir Welt entwerfen. Er öffnet Kategorien, die so auch auf das Erzählen zu übertragen sind. Die Lektüre hat mich angeregt, die Erzählung als Entwurf zu denken, welcher die Bedingungen, unter denen wir leben, erst mit hervorbringt, und über die Verantwortung nachzudenken, die wir als Autorinnen und Autoren haben, wenn wir von diesem Verständnis ausgehen. Sehr inspirierend und wertvoll.

Das Buch von Florian Pfeffer hat mich in einer ähnlichen Weise zum Nachdenken gebracht. Beschrieben werden Gestaltungsansätze, die stark mit Fiktion und Narrativen arbeiten und auf diese Weise Realität gestalten und Bewusstseinsräume schaffen. Es hat mich unglaublich inspiriert, wie es mir häufig mit der Auseinandersetzung mit der eigenen Disziplin über die Bande einer anderen Disziplin geht. Seither begleitet mich die Frage: Was macht der Autor, wenn das Design die Fiktion entdeckt? Wenn Design mittels Fiktion in der Lage ist, Wirklichkeit verantwortungsbewusst mitzugestalten, genügt es uns dann, sie ausschließlich abzubilden und damit festzuhalten, zum Nachdenken anzuregen oder zu unterhalten? Oder haben wir als Autorinnen und Autoren auch den Anspruch, stärker gestaltend in Wirklichkeit einzugreifen, und wie möchten wir das tun?

Wer sich für diese Fragen interessiert, wird möglicherweise Gefallen an diesen beiden Büchern finden.

Non-Fiction betreffend fällt es mir leichter Bücher zu finden, die ihre Relevanz für mich über längere Zeiträume behalten.

Im Moment gerade die soziologischen Arbeiten von Andreas Reckwitz. Die würde ich allen empfehlen, die sich mit gesellschaftlichen Transformationen, Klassenfragen und dem kulturellen Kapitalismus beschäftigen wollen.

Momentan „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari. So ein Bestseller, dem man sich aus eben diesem Grund erst verweigert, bevor die Neugierde siegt. Ich bin ein Freund der historischen Perspektive: Wo hat angefangen, was wir heute sind? Um dies zu erkunden, kann man ein Zeitfenster von fünfzig, hundert oder fünfhundert Jahren aufmachen – oder von 70.000 Jahren Menschheitsgeschichte wie Harari. Und man sieht die Welt in anderen Proportionen.

Wer ist dein/e Lieblingsautor*in? Warum?

Hierauf muss ich ähnlich antworten wie auf die erste Frage.

Um mich auf „Lieblingsautor*in“ zu einigen, müsste die Autorin oder der Autor etwas verkörpern, das eine Qualität anspricht, die mich kontinuierlich bewegt. Am Ende werden doch oft ähnliche genannt, weil es zum guten Ton gehört, Charles Bukowski zu mögen oder Leif Randt. Na ja, vielleicht könnte ich Jerome D. Salinger nennen. Aber auch das ist eine Momentaufnahme, weil ich gerade wieder einmal den „Fänger im Roggen“ lese. Es gibt viele Autor*innen, deren Texte zu unterschiedlichen Zeiten für mich wichtig waren.

Siehe oben! Im Moment außerdem Olga Tokarczuk, die mit ihren wilden und klugen Texten die Gegenwart umstülpt.

Lieblingsautoren hatte ich früher, das waren die, von denen ich alle Bücher lesen wollte: Thomas Bernhard, Ralf Rothmann. Heute habe ich immerhin ein Lieblingsprojekt, die autobiografische „Ortsumgehung“ meines Altersgenossen Andreas Maier, beginnend mit „Das Zimmer“ (2010) und mit dem bald erscheinenden Band 8 wohl noch längst nicht abgeschlossen. Maier erkundet sein Leben bis in die Tiefenstrukturen, und als sein Leser erkunde ich dadurch parallel mein eigenes Leben.

Was ist ein Werk, an dem Literaturstudierende in Hildesheim deiner Meinung nach nicht vorbeikommen? Etwas, was du vielleicht regelmäßig oder gern in eigenen Veranstaltungen mit Studierenden behandelst?

Es ist möglich, an allem vorbeizukommen, und manchmal ist es besser, sich selbst alle Referenzen zu entziehen, als zu stark auf Bezugspunkte zu bauen. Insbesondere wenn ich an das Entwickeln einer eigenen Schreibpraxis und Ästhetik denke. Ich übertreibe ein wenig, doch oft überlege ich, wie es wäre, wenn uns alle Referenzen abhandenkämen. Wie würden wir dann auf die Welt sehen? Kämen wir dann auf eine neue Weise mit uns selbst in Kontakt? Würde sich ein intimes Verhältnis zu uns selbst entwickeln, aus dem auch eine neue Klarheit hervorginge, was wir mit unserem eigenen Schreiben teilen wollen? Oder brauchen wir den Umweg über die Referenz des anderen?

Vielleicht ist es der folgende Kompromiss: Dass es irgendwann einmal diesen Punkt geben muss, an dem man die Bezüge fallen lässt, bevor man sie zu einem späteren Zeitpunkt erneut aufgreift. 

Und dann die Frage: Wie treten wir dann mit den Werken anderer in Kontakt, wenn wir vielleicht durch den vorherigen Verlust von Bezugspunkten mehr mit dem verbunden sind, was wir selbst als Qualitäten verkörpern und in die Welt bringen wollen?

Ich glaube, dass Leseinteressen und Lesemotivationen individuell sind und finde das auch gut so – eine Muss-Empfehlung für einen Titel auszusprechen scheint mir deshalb gar nicht zielführend. Was aber meiner Meinung nach unumgänglich für ein Literaturstudium und auch für das eigene Schreiben ist, ist der Blick in die Gegenwartsliteratur: Welche Debüts werden publiziert? Worüber wird gesprochen, geschrieben?

Roland Barthes, Die Vorbereitung des Romans.

Da gibt es einen Neuzugang: „Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis großer Literatur“ von Michael Maar. Wie ist Literatur gebaut? Wann ist sie sehr gut gebaut und wieso? Maar geht diesen Fragen anhand des Stils zahlreicher, in der Regel klassischer Autorinnen und Autoren nach. Man bekommt sofort Lust, die von ihm gelobten Texte (wieder) zu lesen. Und alle Schreibenden werden sich künftig noch mehr Mühe geben mit dem Flow eines Satzes und dem perfekt sitzenden Adjektiv.

Welches Werk hast du noch nicht in einer Lehrveranstaltung behandelt, aber würdest es gern?

Ein Semester darüber zu sprechen, wie es Didion schafft, über Sentimentalitäten zu schreiben, ohne sentimental zu werden, könnte eine gute Seminar-Idee sein. Das würde auch die Frage zur Lehrveranstaltung beantworten, und welche Bücher Literaturstudierende lesen sollten. Mein Fazit also: Lest mehr Didion.

Ich würde wahrscheinlich unkonventioneller werden und tatsächlich etwas wählen, das ich weniger aufgrund der Ästhetik oder der Machart mitbringe, sondern weil ich glaube, dass es uns mit uns selbst in Kontakt bringen kann. Das ist etwas, was mich ungemein umtreibt: dass ich den Eindruck habe, viele Texte, die ich in den Werkstätten, nicht nur am Literaturinstitut, lese, gehen nicht aus einem ganz eigenen Standpunkt und Blick auf die Welt hervor und haben letztlich auch keine eigene Ästhetik. Sich wiederfinden in unzähligen Bezügen, das ist sicher auch Ausdruck der Existenz im 21. Jahrhundert und die Ästhetik, die sich hierdurch ausgebildet hat, hat ja einen besonderen Reiz. Und trotzdem beschäftigt mich diese Beobachtung wiederkehrend.

Meist ist es aber doch so, dass ich Referenzen mitbringe, die mir zu den Projekten der Studierenden einfallen.

Da ich vor allem Werkstattformate unterrichte, sind es neben handwerklich orientierten Texten solche, die vielleicht unausgeschöpfte Potenziale aufzeigen oder einfach von der Machart interessant sind. Auch hier ist es ein offener Prozess, der sich an dem orientiert, was von den Autorinnen und Autoren, die an der Werkstatt teilnehmen, eingebracht wird, so dass es mir schwerfällt, ein spezifisches Werk hervorzuheben. 

Es ist aber häufig so, dass ich gerade etwas lese und das in irgendeiner Form teile. Zuletzt habe ich in einem Seminar „Das Palais muss brennen“ von Mercedes Spannagel und die Stücke von Katja Brunner mitgebracht, weil mich die „Wildheit“ dieser Texte unglaublich anspricht.

Volksmärchen. Eine Literaturform, die gerade weil sie unweigerlich mit dem mündlichen Erzählen zusammenhängt, auch Grundfragen des Schreibens und Erzählens überhaupt stellt: Welche Geschichten erzählen wir uns? Und welche überdauern? Auch interessant an Volksmärchen finde ich, dass mir, obwohl ein breites Zielgruppenmarketing in der (Kinder-)Literatur Norm ist, bei keinen Werken sonst so verlässlich die Frage begegnet: Kann man das Kindern überhaupt erzählen?

Bernadette Evaristo, Girl Woman Other.

„The Hill We Climb“ von Amanda Gorman. Klare, pointierte Sätze, schwebend im weiten Raum zwischen Sprache und Musik, die gedanklich mal eben zu den Urgründen und Ursünden der Zivilisation führen.

Was ist das letzte Buch, das du gelesen hast? Und wie war’s? Oder: Woran schreibst du selbst vielleicht gerade?

Für Workshops im Rahmen einer Magazinentwicklung zum Thema E.T. im Designstudiengang der Hochschule Dessau habe ich zuletzt sämtliche Science-Fiction-Bücher quergelesen, viel Trash, wie ich fand. Ein Buch, auf das ich dabei gestoßen bin und das ich nun in Gänze lese, ist: „Dave“ von Raphaela Edelbauer. Von Science-Fiction lässt sich hier womöglich bereits nicht mehr reden. Die Themenwahl finde ich sehr relevant.

Ich selbst habe eben erst mit einem neuen Roman begonnen, dessen Thema ich noch ein wenig für mich behalten muss. Das bedeutet, dass ich nun erst einmal wieder etwas weniger lesen werde, denn dieses temporäre Weghalten von Bezügen ist für meine eigene Praxis auf jeden Fall relevant.

Ich habe kürzlich begonnen in dem Gedichtband „Cherubinischer Staub“ von Christian Lehnert zu lesen. Prinzipiell lese ich gerade verstärkt auch gerne mal kurze Formen: Lyrik und Miniaturen.

Gerade lese ich GRM Brainfuck von Sibylle Berg. Ein Buch, das vor Wut glüht.

Woran ich selbst schreibe? Nach Corona vielleicht wieder…

„Die Bienen und das Unsichtbare“ von Clemens J. Setz. Ein Buch über Plansprachen, also erfundene Systeme von Weltsprache (die wohl bekannteste: Esperanto), ihre Protagonisten, ihre Möglichkeiten, ihre Grenzen, ihr Scheitern. Setz ist immer anregend, weil er ein bisschen verschroben und zugleich immer so klar im Kopf ist.

Ihr wollt genauer wissen, wer hinter den Antworten steckt?

Ein Beitrag von Caroline Streithorst

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